Und nun fragte er, mit einer Drohung in der Stimme: »Ist das wahr?«

Ich redete wieder rasch. Ja, natürlich war es wahr, und mein Freund Weber

war im Laden gewesen, ich hatte ihn nur begleitet. Das Geld hatte

hauptsächlich ihm, dem Weber, gehört, von mir war nur wenig dabei.

»Nimm deine Mütze,« sagte mein Vater, »wir wollen miteinander zum Konditor

Haager gehen. Er wird ja wissen, ob es wahr ist.«

Ich versuchte zu lächeln. Nun ging mir die Kälte bis in Herz und Magen. Ich

ging voran und nahm im Korridor meine blaue Mütze. Der Vater öffnete die

Glastür, auch er hatte seinen Hut genommen.

»Noch einen Augenblick!« sagte ich, »ich muß noch schnell hinausgehen.«

Er nickte. Ich ging auf den Abtritt, schloß zu, war allein, war noch einen

Augenblick gesichert. O, wenn ich jetzt gestorben wäre!

Ich blieb eine Minute, blieb zwei. Es half nichts. Man starb nicht. Es galt

standzuhalten. Ich schloß auf und kam. Wir gingen die Treppe hinunter.

Als wir eben durchs Haustor gingen, fiel mir etwas Gutes ein, und ich sagte

schnell: »Aber heut ist ja Sonntag, da hat der Haager gar nicht offen.«

Das war eine Hoffnung, zwei Sekunden lang. Mein Vater sagte gelassen: »Dann

gehen wir zu ihm in die Wohnung. Komm.«

Wir gingen. Ich schob meine Mütze gerade, steckte eine Hand in die Tasche

und versuchte neben ihm daher zu gehen, als sei nichts Besonderes los.

Obwohl ich wußte, daß alle Leute mir ansahen, ich sei ein abgeführter

Verbrecher, versuchte ich doch mit tausend Künsten, es zu verheimlichen.

Ich bemühte mich, einfach und harmlos zu atmen; es brauchte niemand zu

sehen, wie es mir die Brust zusammenzog. Ich war bestrebt, ein argloses

Gesicht zu machen, Selbstverständlichkeit und Sicherheit zu heucheln. Ich

zog einen Strumpf hoch, ohne daß er es nötig hatte, und lächelte, während

ich wußte, daß dies Lächeln furchtbar dumm und künstlich aussehe. In mir

innen, in Kehle und Eingeweiden, saß der Teufel und würgte mich.

Wir kamen am Gasthaus vorüber, beim Hufschmied, beim Lohnkutscher, bei der

Eisenbahnbrücke. Dort drüben hatte ich gestern abend mit Weber gekämpft.

Tat nicht der Riß beim Auge noch weh? Mein Gott! Mein Gott!

Willenlos ging ich weiter, unter Krämpfen um meine Haltung bemüht. An der

Adlerscheuer vorbei, die Bahnhofstraße hinaus. Wie war diese Straße gestern

noch gut und harmlos gewesen! Nicht denken! Weiter! Weiter!

Wir waren ganz nahe bei Haagers Haus. Ich hatte in diesen paar Minuten

einige hundertmal die Szene voraus erlebt, die mich dort erwartete. Nun

waren wir da. Nun kam es.

Aber es war mir unmöglich, das auszuhalten. Ich blieb stehen.

»Nun? Was ist?« fragte mein Vater.

»Ich gehe nicht hinein,« sagte ich leise.

Er sah zu mir herab. Er hatte es ja gewußt, von Anfang an. Warum hatte ich

ihm das alles vorgespielt und mir so viel Mühe gegeben? Es hatte ja keinen

Sinn.

»Hast du die Feigen nicht bei Haager gekauft?« fragte er.

Ich schüttelte den Kopf.

»Ach so,« sagte er mit scheinbarer Ruhe. »Dann können wir ja wieder nach

Hause gehen.«

Er benahm sich anständig, er schonte mich auf der Straße, vor den Leuten.

Es waren viele Leute unterwegs, jeden Augenblick wurde mein Vater gegrüßt.

Welches Theater! Welche dumme, unsinnige Qual! Ich konnte ihm für diese

Schonung nicht dankbar sein.

Er wußte ja alles! Und er ließ mich tanzen, ließ mich meine nutzlosen

Kapriolen vollführen, wie man eine gefangene Maus in der Drahtfalle tanzen

läßt, ehe man sie ersäuft. Ach, hätte er mir gleich zu Anfang, ohne mich

überhaupt zu fragen und zu verhören, mit dem Stock über den Kopf gehauen,

das wäre mir im Grunde lieber gewesen als diese Ruhe und Gerechtigkeit, mit

der er mich in meinem dummen Lügengespinst einkreiste und langsam

erstickte. Überhaupt, vielleicht war es besser, einen groben Vater zu

haben, als so einen feinen und gerechten. Wenn ein Vater, so wie es in

Geschichten und Traktätchen vorkam, im Zorn oder in der Betrunkenheit seine

Kinder furchtbar prügelte, so war er eben im Unrecht, und wenn die Prügel

auch weh taten, so konnte man doch innerlich die Achseln zucken und ihn

verachten. Bei meinem Vater ging das nicht, er war zu fein, zu einwandfrei,

er war nie im Unrecht! Ihm gegenüber wurde man immer klein und elend.

Mit zusammengebissenen Zähnen ging ich vor ihm her ins Haus und wieder in

mein Zimmer. Er war noch immer ruhig und kühl, vielmehr er stellte sich so,

denn in Wahrheit war er, wie ich deutlich spürte, sehr böse. Nun begann er

in seiner gewohnten Art zu sprechen.

»Ich möchte nur wissen, wozu diese Komödie dienen soll? Kannst du mir das

nicht sagen? Ich wußte ja gleich, daß deine ganze hübsche Geschichte

erlogen war. Also wozu die Faxen? Du hältst mich doch nicht im Ernst für so

dumm, daß ich sie dir glauben würde?«

Ich biß weiter auf meine Zähne und schluckte. Wenn er doch aufhören wollte!

Als ob ich selber gewußt hätte, warum ich ihm diese Geschichte vorlog! Als

ob ich selber gewußt hätte, warum ich nicht mein Verbrechen gestehen und um

Verzeihung bitten konnte! Als ob ich selber auch nur gewußt hätte, warum

ich diese unseligen Feigen stahl! Hatte ich das denn _gewollt_, hatte ich

es denn mit Überlegung und Wissen und aus Gründen getan?! Tat es mir denn

nicht leid? Litt ich denn nicht mehr darunter als er?

Er wartete und machte ein nervöses Gesicht voll mühsamer Geduld. Einen

Augenblick lang war mir selbst die Lage vollkommen klar, im Unbewußten,

doch hätte ich es nicht wie heut mit Worten sagen können. Es war so: Ich

hatte gestohlen, weil ich trostbedürftig in Vaters Zimmer gekommen war und

es zu meiner Enttäuschung leer gefunden hatte. Ich hatte nicht stehlen

wollen. Ich hatte, als der Vater nicht da war, nur spionieren wollen, mich

unter seinen Sachen umsehen, seine Geheimnisse belauschen, etwas über ihn

erfahren. So war es. Dann lagen Feigen da, und ich stahl. Und sofort

bereute ich, und den ganzen Tag gestern hatte ich Qual und Verzweiflung

gelitten, hatte zu sterben gewünscht, hatte mich verurteilt, hatte neue,

gute Vorsätze gefaßt. Heut aber -- ja, heut war es nun anders. Ich hatte

diese Reue und all das nun ausgekostet, ich war jetzt nüchterner, und ich

spürte unerklärliche, aber riesenstarke Widerstände gegen den Vater und

gegen alles, was er von mir erwartete und verlangte.

Hätte ich ihm das sagen können, so hätte er mich verstanden. Aber auch

Kinder, so sehr sie den Großen an Klugheit überlegen sind, stehen einsam

und ratlos vor dem Schicksal.

Steif vor Trotz und verbissenem Weh schwieg ich weiter, ließ ihn klugreden

und sah mit Leid und seltsamer Schadenfreude zu, wie alles schief ging und

schlimm und schlimmer wurde, wie er litt und enttäuscht war, wie er

vergeblich an alles Bessere in mir appellierte.

Als er fragte: »Also hast du die Feigen gestohlen?«, konnte ich nur nicken.

Mehr als ein schwaches Nicken brachte ich auch nicht über mich, als er

wissen wollte, ob es mir leid tue. -- Wie konnte er, der große, kluge Mann,

so unsinnig fragen! Als ob es mir etwa nicht leid getan hätte! Als ob er

nicht hätte sehen können, wie mir das Ganze weh tat und das Herz umdrehte!

Als ob es mir möglich gewesen wäre, mich etwa gar noch meiner Tat und der

elenden Feigen zu freuen!

Vielleicht zum erstenmal in meinem kindlichen Leben empfand ich fast bis

zur Schwelle der Einsicht und des Bewußtwerdens, wie namenlos zwei

verwandte, gegeneinander wohlgesinnte Menschen sich mißverstehen und quälen

und martern können, und wie dann alles Reden, alles Klugseinwollen, alle

Vernunft bloß noch Gift hinzugießt, bloß neue Qualen, neue Stiche, neue

Irrtümer schafft. Wie war das möglich? Aber es _war_ möglich, es geschah.

Es war unsinnig, es war toll, es war zum Lachen und zum Verzweifeln -- aber

es war so.

Genug nun von dieser Geschichte! Es endete damit, daß ich über den

Sonntagnachmittag in der Dachkammer eingesperrt wurde. Einen Teil ihrer

Schrecken verlor die harte Strafe durch Umstände, welche freilich mein

Geheimnis waren. In der dunkeln, unbenutzten Bodenkammer stand nämlich tief

verstaubt eine Kiste, halb voll mit alten Büchern, von denen einige

keineswegs für Kinder bestimmt waren. Das Licht zum Lesen gewann ich durch

das Beiseiteschieben eines Dachziegels.

Am Abend dieses traurigen Sonntags gelang es meinem Vater, kurz vor

Schlafengehen mich noch zu einem kurzen Gespräch zu bringen, das uns

versöhnte. Als ich im Bette lag, hatte ich die Gewißheit, daß er mir ganz

und vollkommen verziehen habe -- vollkommener als ich ihm.

Klingsors letzter Sommer · 第 2 / 23 题