Manchmal handeln wir, gehen aus und ein, tun dies und das, und es ist alles
leicht, unbeschwert und gleichsam unverbindlich, es könnte scheinbar alles
auch anders sein. Und manchmal, zu anderen Stunden, könnte nichts anders
sein, ist nichts unverbindlich und leicht, und jeder Atemzug, den wir tun,
ist von Gewalten bestimmt und schwer von Schicksal.
Die Taten unseres Lebens, die wir die guten nennen und von denen zu
erzählen uns leicht fällt, sind fast alle von jener ersten, »leichten« Art,
und wir vergessen sie leicht. Andere Taten, von denen zu sprechen uns Mühe
macht, vergessen wir nie mehr, sie sind gewissermaßen mehr unser als
andere, und ihre Schatten fallen lang über alle Tage unseres Lebens.
Unser Vaterhaus, das groß und hell an einer hellen Straße lag, betrat man
durch ein hohes Tor, und sogleich war man von Kühle, Dämmerung und steinern
feuchter Luft umfangen. Eine hohe, düstere Halle nahm einen schweigsam auf,
der Boden von roten Sandsteinfliesen führte leicht ansteigend gegen die
Treppe, deren Beginn zuhinterst tief im Halbdunkel lag. Viele tausend Male
bin ich durch dies hohe Tor eingegangen, und niemals hatte ich acht auf Tor
und Flur, Fliesen und Treppe; dennoch war es immer ein Übergang in eine
andere Welt, in »unsere« Welt. Die Halle roch nach Stein, sie war finster
und hoch, hinten führte die Treppe aus der dunklen Kühle empor und zu Licht
und hellem Behagen. Immer aber war erst die Halle und die ernste Dämmerung
da: etwas von Vater, etwas von Würde und Macht, etwas von Strafe und
schlechtem Gewissen. Tausendmal ging man lachend hindurch. Manchmal aber
trat man herein und war sogleich erdrückt und zerkleinert, hatte Angst,
suchte rasch die befreiende Treppe.
Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach
Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht
etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der
eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen.
Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre
vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und
stoßen überall auf Widerstände.
Ähnlich war es an jenem Tage. Von früh an bedrückte mich -- wer weiß woher?
vielleicht aus Träumen der Nacht -- ein Gefühl wie schlechtes Gewissen,
obwohl ich nichts Besonderes begangen hatte. Meines Vaters Gesicht hatte am
Morgen einen leidenden und vorwurfsvollen Ausdruck gehabt, die
Frühstücksmilch war lau und fad gewesen. In der Schule war ich zwar nicht
in Nöte geraten, aber es hatte alles wieder einmal trostlos, tot und
entmutigend geschmeckt und hatte sich vereinigt zu jenem mir schon
bekannten Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung, das uns sagt, daß die Zeit
endlos sei, daß wir ewig und ewig klein und machtlos und im Zwang dieser
blöden, stinkenden Schule bleiben werden, Jahre und Jahre, und daß dies
ganze Leben sinnlos und widerwärtig sei.
Auch über meinen derzeitigen Freund hatte ich mich heute geärgert. Ich
hatte seit kurzem eine Freundschaft mit Oskar Weber, dem Sohn eines
Lokomotivführers, ohne recht zu wissen, was mich zu ihm zog. Er hatte
neulich damit geprahlt, daß sein Vater sieben Mark im Tag verdiene, und ich
hatte aufs Geratewohl erwidert, der meine verdiene vierzehn. Daß er sich
dadurch hatte imponieren lassen, ohne Einwände zu machen, war der Anfang
der Sache gewesen. Einige Tage später hatte ich mit Weber einen Bund
gegründet, indem wir eine gemeinsame Sparkasse anlegten, aus welcher später
eine Pistole gekauft werden sollte. Die Pistole lag im Schaufenster eines
Eisenhändlers, eine massive Waffe mit zwei bläulichen Stahlrohren. Und
Weber hatte mir vorgerechnet, daß man nur eine Weile richtig zu sparen
brauche, dann könne man sie kaufen. Geld gebe es ja immer, er bekomme sehr
oft einen Zehner für Ausgänge, oder sonst ein Trinkgeld, und manchmal finde
man Geld auf der Gasse, oder Sachen mit Geldeswert, wie Hufeisen,
Bleistücke und anderes, was man gut verkaufen könne. Einen Zehner hatte er
auch sofort für unsere Kasse hergegeben, und der hatte mich überzeugt und
mir unseren ganzen Plan als möglich und hoffnungsvoll erscheinen lassen.
Indem ich an jenem Mittag unsere Hausflur betrat und mir in der kellerig
kühlen Luft dunkle Mahnungen an tausend unbequeme und hassenswerte Dinge
und Weltordnungen entgegenwehten, waren meine Gedanken mit Oskar Weber
beschäftigt. Ich fühlte, daß ich ihn nicht liebte, obwohl sein gutmütiges
Gesicht, das mich an eine Waschfrau erinnerte, mir sympathisch war. Was
mich zu ihm hinzog, war nicht seine Person, sondern etwas anderes, ich
könnte sagen sein Stand -- es war etwas, das er mit fast allen Buben von
seiner Art und Herkunft teilte: eine gewisse freche Lebenskunst, ein dickes
Fell gegen Gefahr und Demütigung, eine Vertrautheit mit den kleinen
praktischen Angelegenheiten des Lebens, mit Geld, mit Kaufläden und
Werkstätten, Waren und Preisen, mit Küche und Wäsche und dergleichen.
Solche Knaben wie Weber, denen die Schläge in der Schule nicht weh zu tun
schienen und die mit Knechten, Fuhrleuten und Fabrikmädchen verwandt und
befreundet waren, die standen anders und gesicherter in der Welt, als ich;
sie waren gleichsam erwachsener, sie wußten, wieviel ihr Vater im Tag
verdiene, und wußten ohne Zweifel auch sonst noch vieles, worin ich
unerfahren war. Sie lachten über Ausdrücke und Witze, die ich nicht
verstand. Sie konnten überhaupt auf eine Weise lachen, die mir versagt war,
auf eine dreckige und rohe, aber unleugbar erwachsene und beinah
»männliche« Weise. Es half nichts, daß man klüger war als sie und in der
Schule viel mehr wußte. Es half nichts, daß man besser als sie gekleidet,
gekämmt und gewaschen war. Im Gegenteil, eben diese Unterschiede kamen
ihnen zugute. In die »Welt«, wie sie mir in Dämmerschein und
Abenteuerschein vorschwebte, schienen mir solche Knaben wie Weber ganz ohne
Schwierigkeiten eingehen zu können, während _mir_ die »Welt« so sehr
verschlossen war und jedes ihrer Tore durch unendliches Älterwerden,
Schulesitzen, durch Prüfungen und Erzogenwerden mühsam erobert werden
mußte. Natürlich fanden solche Knaben auch Hufeisen, Geld und Stücke Blei
auf der Straße, bekamen Lohn für Besorgungen, kriegten in Läden allerlei
geschenkt und gediehen auf jede Weise.
Ich fühlte dunkel, daß meine Freundschaft zu Weber und seiner Sparkasse
nichts war als wilde Sehnsucht nach jener »Welt«. An Weber war nichts für
mich liebenswert, als sein großes Geheimnis, kraft dessen er den
Erwachsenen näher stand als ich, in einer schleierlosen, nackteren,
robusteren Welt lebte, als ich mit meinen Träumen und Wünschen. Und ich
fühlte voraus, daß er mich enttäuschen würde, daß es mir nicht gelingen
werde, ihm sein Geheimnis und den magischen Schlüssel zum Leben zu
entreißen.
Eben hatte er mich verlassen, und ich wußte, er ging nun nach Hause, breit
und behäbig, pfeifend und vergnügt, von keiner Sehnsucht, von keinen
Ahnungen verdüstert. Wenn er die Dienstmägde und Fabrikler antraf und ihr
rätselhaftes, vielleicht wunderbares, vielleicht verbrecherisches Leben
führen sah, so war es ihm kein Rätsel und ungeheures Geheimnis, keine
Gefahr, nichts Wildes und Spannendes, sondern selbstverständlich, bekannt
und heimatlich wie der Ente das Wasser. So war es. Und ich hingegen, ich
würde immer nebendraußen stehen, allein und unsicher, voll von Ahnungen,
aber ohne Gewißheit.
Überhaupt, das Leben schmeckte an jenem Tage wieder einmal hoffnungslos
fade, der Tag hatte etwas von einem Montag an sich, obwohl er ein Samstag
war, er roch nach Montag, dreimal so lang und dreimal so öde als die
anderen Tage. Verdammt und widerwärtig war dies Leben, verlogen und
ekelhaft war es. Die Erwachsenen taten, als sei die Welt vollkommen und als
seien sie selber Halbgötter, wir Knaben aber nichts als Auswurf und
Abschaum. Diese Lehrer --! Man fühlte Streben und Ehrgeiz in sich, man nahm
redliche und leidenschaftliche Anläufe zum Guten, sei es nun zum Lernen der
griechischen Unregelmäßigen oder zum Reinhalten seiner Kleider, zum
Gehorsam gegen die Eltern oder zum schweigenden, heldenhaften Ertragen
aller Schmerzen und Demütigungen -- ja, immer und immer wieder erhob man
sich, glühend und fromm, um sich Gott zu widmen und den idealen, reinen,
edlen Pfad zur Höhe zu gehen, Tugend zu üben, Böses stillschweigend zu
dulden, anderen zu helfen -- ach, und immer und immer wieder blieb es ein
Anlauf, ein Versuch und kurzer Flatterflug! Immer wieder passierte schon
nach Tagen, o schon nach Stunden etwas, was nicht hätte sein dürfen, etwas
Elendes, Betrübendes und Beschämendes. Immer wieder fiel man mitten aus den
trotzigsten und adligsten Entschlüssen und Gelöbnissen plötzlich
unentrinnbar in Sünde und Lumperei, in Alltag und Gewöhnlichkeiten zurück!
Warum war es so, daß man die Schönheit und Richtigkeit guter Vorsätze so
wohl und tief erkannte und im Herzen fühlte, wenn doch beständig und
immerzu das ganze Leben (die Erwachsenen einbegriffen) nach Gewöhnlichkeit
stank und überall darauf eingerichtet war, das Schäbige und Gemeine
triumphieren zu lassen? Wie konnte es sein, daß man morgens im Bett auf den
Knien oder nachts vor angezündeten Kerzen sich mit heiligem Schwur dem
Guten und Lichten verbündete, Gott anrief und jedem Laster für immer Fehde
ansagte -- und daß man dann, vielleicht bloß ein paar Stunden später, an
diesem selben heiligen Schwur und Vorsatz den elendesten Verrat üben
konnte, sei es auch nur durch das Einstimmen in ein verführerisches
Gelächter, durch das Gehör, das man einem dummen Schulbubenwitze lieh?
Warum war das so? Ging es andern anders? Waren die Helden, die Römer und
Griechen, die Ritter, die ersten Christen -- waren diese alle andere
Menschen gewesen als ich, besser, vollkommener, ohne schlechte Triebe,
ausgestattet mit irgendeinem Organ, das mir fehlte, das sie hinderte, immer
wieder aus dem Himmel in den Alltag, aus dem Erhabenen ins Unzulängliche
und Elende zurückzufallen? War die Erbsünde jenen Helden und Heiligen
unbekannt? War das Heilige und Edle nur Wenigen, Seltenen, Auserwählten
möglich? Aber warum war mir, wenn ich nun also kein Auserwählter war,
dennoch dieser Trieb nach dem Schönen und Adligen eingeboren, diese wilde,
schluchzende Sehnsucht nach Reinheit, Güte, Tugend? War das nicht zum Hohn?
Gab es das in Gottes Welt, daß ein Mensch, ein Knabe, gleichzeitig alle
hohen und alle bösen Triebe in sich hatte und leiden und verzweifeln mußte,
nur so als eine unglückliche und komische Figur, zum Vergnügen des
zuschauenden Gottes? Gab es das? Und war dann nicht -- ja war dann nicht
die ganze Welt ein Teufelsspott, gerade wert, sie anzuspucken?! War dann
nicht Gott ein Scheusal, ein Wahnsinniger, ein dummer, widerlicher
Hanswurst? -- Ach, und während ich mit einem Beigeschmack von
Empörerwollust diese Gedanken dachte, strafte mich schon mein banges Herz
durch Zittern für die Blasphemie!
Wie deutlich sehe ich, nach dreißig Jahren, jenes Treppenhaus wieder vor
mir, mit den hohen, blinden Fenstern, die gegen die nahe Nachbarmauer
gingen und so wenig Licht gaben, mit den weißgescheuerten, tannenen Treppen
und Zwischenböden und dem glatten, harthölzernen Geländer, das durch meine
tausend sausenden Abfahrten poliert war! So fern mir die Kindheit steht,
und so unbegreiflich und märchenhaft sie mir im ganzen erscheint, so ist
mir doch alles genau erinnerlich, was schon damals, mitten im Glück, in mir
an Leid und Zwiespalt vorhanden war. Alle diese Gefühle waren damals im
Herzen des Kindes schon dieselben, wie sie es immer blieben: Zweifel am
eigenen Wert, Schwanken zwischen Selbstüberschätzung und Mutlosigkeit,
zwischen weltverachtender Idealität und gewöhnlicher Sinneslust -- und wie
damals, so sah ich auch hundertmal später noch in diesen Zügen meines
Wesens bald verächtliche Krankheit, bald Auszeichnung, habe zu Zeiten den
Glauben, daß mich Gott auf diesem qualvollen Wege zu besonderer
Vereinsamung und Vertiefung führen wolle, und finde zu andern Zeiten wieder
in alledem nichts als die Zeichen einer schäbigen Charakterschwäche, einer
Neurose, wie Tausende sie mühsam durchs Leben schleppen.
Wenn ich alle die Gefühle und ihren qualvollen Widerstreit auf ein
Grundgefühl zurückführen und mit einem einzigen Namen bezeichnen sollte, so
wüßte ich kein anderes Wort als: Angst. Angst war es, Angst und
Unsicherheit, was ich in allen jenen Stunden des gestörten Kinderglücks
empfand: Angst vor Strafe, Angst vor dem eigenen Gewissen, Angst vor
Regungen meiner Seele, die ich als verboten und verbrecherisch empfand.
Auch in jener Stunde, von der ich erzähle, kam dies Angstgefühl wieder über
mich, als ich in dem heller und heller werdenden Treppenhause mich der
Glastür näherte. Es begann mit einer Beklemmung im Unterleib, die bis zum
Halse emporstieg und dort zum Würgen oder zu Übelkeit wurde. Zugleich damit
empfand ich in diesen Momenten stets, und so auch jetzt, eine peinliche
Geniertheit, ein Mißtrauen gegen jeden Beobachter, einen Drang zu
Alleinsein und Sichverstecken.
Mit diesem üblen und verfluchten Gefühl, einem wahren Verbrechergefühl, kam
ich in den Korridor und in das Wohnzimmer. Ich spürte: es ist heut der
Teufel los, es wird etwas passieren. Ich spürte es, wie der Barometer einen
veränderten Luftdruck spürt, mit rettungsloser Passivität. Ach, nun war es
wieder da, dies Unsägliche! Der Dämon schlich durchs Haus, Erbsünde nagte
am Herzen, riesig und unsichtbar stand hinter jeder Wand ein Geist, ein
Vater und Richter.
Noch wußte ich nichts, noch war alles bloß Ahnung, Vorgefühl, nagendes
Unbehagen. In solchen Lagen war es oft das beste, wenn man krank wurde,
sich erbrach und ins Bett legte. Dann ging es manchmal ohne Schaden
vorüber, die Mutter oder Schwester kam, man bekam Tee und spürte sich von
liebender Sorge umgeben, und man konnte weinen oder schlafen, um nachher
gesund und froh in einer völlig verwandelten, erlösten und hellen Welt zu
erwachen.
Meine Mutter war nicht im Wohnzimmer, und in der Küche war nur die Magd.
Ich beschloß, zum Vater hinauf zu gehen, zu dessen Studierzimmer eine
schmale Treppe hinaufführte. Wenn ich auch Furcht vor ihm hatte, zuweilen
war es doch gut, sich an ihn zu wenden, dem man so viel abzubitten hatte.
Bei der Mutter war es einfacher und leichter, Trost zu finden; beim Vater
aber war der Trost wertvoller, er bedeutete einen Frieden mit dem
richtenden Gewissen, eine Versöhnung und ein neues Bündnis mit den guten
Mächten. Nach schlimmen Auftritten, Untersuchungen, Geständnissen und
Strafen war ich oft aus des Vaters Zimmer gut und rein hervorgegangen,
bestraft und ermahnt zwar, aber voll neuer Vorsätze, durch die
Bundesgenossenschaft des Mächtigen gestärkt gegen das feindliche Böse. Ich
beschloß, den Vater aufzusuchen und ihm zu sagen, daß mir übel sei.
Und so stieg ich die kleine Treppe hinauf, die zum Studierzimmer führte.
Diese kleine Treppe mit ihrem eigenen Tapetengeruch und dem trockenen Klang
der hohlen, leichten Holzstufen war noch unendlich viel mehr als die
Hausflur ein bedeutsamer Weg und ein Schicksalstor; über diese Stufen
hatten viele wichtige Gänge mich geführt, Angst und Gewissensqual hatte ich
hundertmal dort hinaufgeschleppt, Trotz und wilden Zorn, und nicht selten
hatte ich Erlösung und neue Sicherheit zurückgebracht. Unten in unsrer
Wohnung waren Mutter und Kind zu Hause, dort wehte harmlose Luft; hier oben
wohnten Macht und Geist, hier waren Gericht und Tempel und das »Reich des
Vaters«.
Etwas beklommen wie immer drückte ich die altmodische Klinke nieder und
öffnete die Tür halb. Der väterliche Studierzimmergeruch floß mir
wohlbekannt entgegen: Bücher- und Tintenduft verdünnt durch blaue Luft aus
halboffnen Fenstern, weiße, reine Vorhänge, ein verlorner Faden von
Kölnisch-Wasser-Duft, und auf dem Schreibtisch ein Apfel. -- Aber die Stube
war leer.
Mit einer Empfindung halb von Enttäuschung und halb von Aufatmen trat ich
ein. Ich dämpfte meinen Schritt und trat nur mit den Zehen auf, so wie wir
hier oben manchmal gehen mußten, wenn der Vater schlief oder Kopfweh hatte.
Und kaum war dies leise Gehen mir bewußt geworden, so bekam ich Herzklopfen
und spürte verstärkt den angstvollen Druck im Unterleib und in der Kehle
wieder. Ich ging schleichend und angstvoll weiter, einen Schritt und wieder
einen Schritt, und schon war ich nicht mehr ein harmloser Besucher und
Bittsteller, sondern ein Eindringling. Mehrmals schon hatte ich heimlich in
des Vaters Abwesenheit mich in seine beiden Zimmer geschlichen, hatte sein
geheimes Reich belauscht und erforscht und hatte zweimal auch etwas daraus
entwendet.
Die Erinnerung daran war alsbald da und erfüllte mich, und ich wußte
sofort: jetzt war das Unglück da, jetzt passierte etwas, jetzt tat ich
Verbotenes und Böses. Kein Gedanke an Flucht! Vielmehr, ich dachte wohl
daran, dachte sehnlich und inbrünstig daran, davonzulaufen, die Treppe
hinab und in mein Stübchen oder in den Garten -- aber ich wußte, ich werde
das doch nicht tun, nicht tun können. Innig wünschte ich, mein Vater möchte
sich im Nebenzimmer rühren und hereintreten und den ganzen grauenvollen
Bann durchbrechen, der mich dämonisch zog und fesselte. O käme er doch!
Käme er doch, scheltend meinetwegen, aber käme er nur, eh es zu spät ist!
Ich hustete, um meine Anwesenheit zu melden, und als keine Antwort kam,
rief ich leise: »Papa!« Es blieb alles still, an den Wänden schwiegen die
vielen Bücher, ein Fensterflügel bewegte sich im Winde und warf einen
hastigen Sonnenspiegel über den Boden. Niemand erlöste mich, und in mir
selber war keine Freiheit, anders zu tun, als der Dämon wollte.
Verbrechergefühl zog mir den Magen zusammen und machte mir die
Fingerspitzen kalt, mein Herz flatterte angstvoll. Noch wußte ich
keineswegs, was ich tun würde. Ich wußte nur, es würde etwas Schlechtes
sein.
Nun war ich beim Schreibtisch, nahm ein Buch in die Hand und las einen
englischen Titel, den ich nicht verstand. Englisch haßte ich -- das sprach
der Vater stets mit der Mutter, wenn wir es nicht verstehen sollten und
auch wenn sie Streit hatten. In einer Schale lagen allerlei kleine Sachen,
Zahnstocher, Stahlfedern, Stecknadeln. Ich nahm zwei von den Stahlfedern
und steckte sie in die Tasche, Gott weiß wozu, ich brauchte sie nicht und
hatte keinen Mangel an Federn. Ich tat es nur, um dem Zwang zu folgen, der
mich fast erstickt hätte, dem Zwang, Böses zu tun, mir selbst zu schaden,
mich mit Schuld zu beladen. Ich blätterte in meines Vaters Papieren, sah
einen angefangenen Brief liegen, ich las die Worte: »es geht uns und den
Kindern, Gott sei Dank, recht gut,« und die lateinischen Buchstaben seiner
Handschrift sahen mich an wie Augen.
Dann ging ich leise und schleichend in das Schlafzimmer hinüber. Da stand
Vaters eisernes Feldbett, seine braunen Hausschuhe darunter, ein
Taschentuch lag auf dem Nachttisch. Ich atmete die väterliche Luft in dem
kühlen, hellen Zimmer ein, und das Bild des Vaters stieg deutlich vor mir
auf, Ehrfurcht und Auflehnung stritten in meinem beladenen Herzen. Für
Augenblicke haßte ich ihn und erinnerte mich seiner mit Bosheit und
Schadenfreude, wie er zuweilen an Kopfwehtagen still und flach in seinem
niederen Feldbett lag, sehr lang und gestreckt, ein nasses Tuch über der
Stirn, manchmal seufzend. Ich ahnte wohl, daß auch er, der Gewaltige, kein
leichtes Leben habe, daß auch ihm, dem Ehrwürdigen, Zweifel an sich selbst
und Bangigkeit nicht unbekannt waren. Schon war mein seltsamer Haß
verflogen, Mitleid und Rührung folgten ihm. Aber inzwischen hatte ich eine
Schieblade der Kommode herausgezogen. Da lag Wäsche geschichtet und eine
Flasche Kölnisches Wasser, das er liebte; ich wollte daran riechen, aber
die Flasche war noch ungeöffnet und fest verstöpselt, ich legte sie wieder
zurück. Daneben fand ich eine kleine runde Dose mit Mundpastillen, die nach
Lakrizen schmeckten, von denen steckte ich einige in den Mund. Eine gewisse
Enttäuschung und Ernüchterung kam über mich, und zugleich war ich doch
froh, nicht mehr gefunden und genommen zu haben.
Schon im Ablassen und Verzichten zog ich noch spielend an einer andern
Lade, mit etwas erleichtertem Gefühl und mit dem Vorsatz, nachher die zwei
gestohlenen Stahlfedern drüben wieder an ihren Ort zu legen. Vielleicht
waren Rückkehr und Reue möglich, Wiedergutmachung und Erlösung. Vielleicht
war Gottes Hand über mir stärker als alle Versuchung . . .
Da sah ich mit schnellem Blick noch eilig in den Spalt der kaum
aufgezogenen Lade. Ach, wären Strümpfe oder Hemden oder alte Zeitungen
darin gewesen! Aber da war nun die Versuchung, und sekundenschnell kehrte
der kaum gelockerte Krampf und Angstbann wieder, meine Hände zitterten, und
mein Herz schlug rasend. Ich sah in einer aus Bast geflochtenen, indischen
oder sonst exotischen Schale etwas liegen, etwas Überraschendes,
Verlockendes, einen ganzen Kranz von weiß bezuckerten, getrockneten Feigen!
Ich nahm ihn in die Hand, er war wundervoll schwer. Dann zog ich zwei, drei
Feigen heraus, steckte eine in den Mund, einige in die Tasche. Nun waren
alle Angst und alles Abenteuer doch nicht umsonst gewesen. Keine Erlösung,
keinen Trost konnte ich mehr von hier fortnehmen, so wollte ich wenigstens
nicht leer ausgehen. Ich zog noch drei, vier Feigen von dem Ring, der davon
kaum leichter wurde, und noch einige, und als meine Taschen gefüllt und von
dem Kranz wohl mehr als die Hälfte verschwunden war, ordnete ich die
übriggebliebenen Feigen auf dem etwas klebrigen Ring lockerer an, so daß
weniger zu fehlen schienen. Dann stieß ich, in plötzlichem hellem
Schrecken, die Lade heftig zu und rannte davon, durch beide Zimmer, die
kleine Stiege hinab und in mein Stübchen, wo ich stehen blieb und mich auf
meinen kleinen Stehpult stützte, in den Knien wankend und nach Atem
ringend.
Bald darauf tönte unsre Tischglocke. Mit leerem Kopf und ganz von
Ernüchterung und Ekel erfüllt, stopfte ich die Feigen in mein Bücherbrett,
verbarg sie hinter Büchern und ging zu Tische. Vor der Eßzimmertür merkte
ich, daß meine Hände klebten. Ich wusch sie in der Küche. Im Eßzimmer fand
ich alle schon am Tische warten. Ich sagte schnell Gutentag, der Vater
sprach das Tischgebet, und ich beugte mich über meine Suppe. Ich hatte
keinen Hunger, jeder Schluck machte mir Mühe. Und neben mir saßen meine
Schwestern, die Eltern gegenüber, alle hell und munter und in Ehren, nur
ich Verbrecher elend dazwischen, allein und unwürdig, mich fürchtend vor
jedem freundlichen Blick, den Geschmack der Feigen noch im Munde. Hatte ich
oben die Schlafzimmertür auch zugemacht? Und die Schublade?
Nun war das Elend da. Ich hätte mir die Hand abhauen lassen, wenn dafür
meine Feigen wieder oben in der Kommode gelegen hätten. Ich beschloß, sie
fortzuwerfen, sie mit in die Schule zu nehmen und zu verschenken. Nur daß
sie wegkämen, daß ich sie nie wieder sehen müßte!
»Du siehst heut' schlecht aus,« sagte mein Vater über den Tisch weg. Ich
sah auf meinen Teller und fühlte seine Blicke auf meinem Gesicht. Nun würde
er es merken. Er merkte ja alles, immer. Warum quälte er mich vorher noch?
Mochte er mich lieber gleich abführen und meinetwegen totschlagen.
»Fehlt dir etwas?« hörte ich seine Stimme wieder. Ich log, ich sagte, ich
habe Kopfweh.
»Du mußt dich nach Tisch ein wenig hinlegen,« sagte er. »Wieviel Stunden
habt ihr heut nachmittag?«
»Bloß Turnen.«
»Nun, turnen wird dir nicht schaden. Aber iß auch, zwinge dich ein bißchen!
Es wird schon vergehen.«
Ich schielte hinüber. Die Mutter sagte nichts, aber ich wußte, daß sie mich
anschaue. Ich aß meine Suppe hinunter, kämpfte mit Fleisch und Gemüse,
schenkte mir zweimal Wasser ein. Es geschah nichts weiter. Man ließ mich in
Ruhe. Als zum Schluß mein Vater das Dankgebet sprach: »Herr, wir danken
dir, denn du bist freundlich, und deine Güte währet ewiglich,« da trennte
wieder ein ätzender Schnitt mich von den hellen, heiligen, vertrauensvollen
Worten und von allen, die am Tische saßen; mein Händefalten war Lüge, und
meine andächtige Haltung war Lästerung.
Als ich aufstand, strich mir die Mutter übers Haar und ließ ihre Hand einen
Augenblick auf meiner Stirn liegen, ob sie heiß sei. Wie bitter war das
alles!
In meinem Stübchen stand ich dann vor dem Bücherbrett. Der Morgen hatte
nicht gelogen, alle Anzeichen hatten recht gehabt. Es war ein Unglückstag
geworden, der schlimmste, den ich je erlebt hatte. Schlimmeres konnte kein
Mensch ertragen. Wenn noch Schlimmeres über einen kam, dann mußte man sich
das Leben nehmen. Man müßte Gift haben, das war das beste, oder sich
hängen. Es war überhaupt besser, tot zu sein, als zu leben. Es war ja alles
so falsch und häßlich. Ich stand und sann und griff zerstreut nach den
verborgenen Feigen und aß davon, eine und mehrere, ohne es recht zu wissen.
Unsre Sparkasse fiel mir in die Augen, sie stand im Bord unter den Büchern.
Es war eine Zigarrenkiste, die ich fest zugenagelt hatte; in den Deckel
hatte ich mit dem Taschenmesser einen ungefügen Schlitz für die Geldstücke
geschnitten. Er war schlecht und roh geschnitten, der Schlitz, Holzsplitter
standen heraus. Auch das konnte ich nicht richtig. Ich hatte Kameraden, die
konnten so etwas mühsam und geduldig und tadellos machen, daß es aussah wie
vom Schreiner gehobelt. Ich aber pfuschte immer nur, hatte es eilig und
machte nichts sauber fertig. So war es mit meinen Holzarbeiten, so mit
meiner Handschrift und meinen Zeichnungen, so war es mit meiner
Schmetterlingssammlung und mit allem. Es war nichts mit mir. Und nun stand
ich da und hatte wieder gestohlen, schlimmer als je. Auch die Stahlfedern
hatte ich noch in der Tasche. Wozu? Warum hatte ich sie genommen -- nehmen
_müssen_? Warum mußte man, was man gar nicht wollte?
In der Zigarrenkiste klapperte ein einziges Geldstück, der Zehner von Oskar
Weber. Seither war nichts dazu gekommen. Auch diese Sparkassengeschichte
war so eine meiner Unternehmungen! Alles taugte nichts, alles mißriet und
blieb im Anfang stecken, was ich begann! Mochte der Teufel diese unsinnige
Sparkasse holen! Ich mochte nichts mehr von ihr wissen.
Diese Zeit zwischen Mittagessen und Schulbeginn war an solchen Tagen wie
heute immer mißlich und schwer herumzubringen. An guten Tagen, an
friedlichen, vernünftigen, liebenswerten Tagen war es eine schöne und
erwünschte Stunde; ich las dann entweder in meinem Zimmer an einem
Indianerbuche oder lief sofort nach Tische wieder auf den Schulplatz, wo
ich immer einige unternehmungslustige Kameraden traf, und dann spielten
wir, schrien und rannten und erhitzten uns, bis der Glockenschlag uns in
die völlig vergessene »Wirklichkeit« zurückrief. Aber an Tagen wie heute --
mit wem wollte man da spielen und wie die Teufel in der Brust betäuben? Ich
sah es kommen -- noch nicht heute, aber ein nächstes Mal, vielleicht bald.
Da würde mein Schicksal vollends zum Ausbruch kommen. Es fehlte ja nur noch
eine Kleinigkeit, eine winzige Kleinigkeit mehr an Angst und Leid und
Ratlosigkeit, dann lief es über, dann mußte es ein Ende mit Schrecken
nehmen. Eines Tages, an gerade so einem Tag wie heute, würde ich vollends
im Bösen untersinken, ich würde in Trotz und Wut und wegen der sinnlosen
Unerträglichkeit dieses Lebens etwas Gräßliches und Entscheidendes tun,
etwas Gräßliches, aber Befreiendes, das der Angst und Quälerei ein Ende
machte, für immer. Ungewiß war, was es sein würde; aber Phantasien und
vorläufige Zwangsvorstellungen davon waren mir schon mehrmals verwirrend
durch den Kopf gegangen, Vorstellungen von Verbrechen, mit denen ich an der
Welt Rache nehmen und zugleich mich selbst preisgeben und vernichten würde.
Manchmal war es mir so, als würde ich unser Haus anzünden: ungeheure
Flammen schlugen mit Flügeln durch die Nacht, Häuser und Gassen wurden vom
Brand ergriffen, die ganze Stadt loderte riesig gegen den schwarzen Himmel.
Oder zu andern Zeiten war das Verbrechen meiner Träume eine Rache an meinem
Vater, ein Mord und grausiger Totschlag. Ich aber würde mich dann benehmen
wie jener Verbrecher, jener einzige, richtige Verbrecher, den ich einmal
hatte durch die Gassen unsrer Stadt führen sehen. Es war ein Einbrecher,
den man gefangen hatte und in das Amtsgericht führte, mit Handschellen
gefesselt, einen steifen Melonenhut schief auf dem Kopf, vor ihm und hinter
ihm ein Landjäger. Dieser Mann, der durch die Straßen und durch einen
riesigen Volksauflauf von Neugierigen getrieben wurde, an tausend Flüchen,
boshaften Witzen und herausgeschrienen bösen Wünschen vorbei, dieser Mann
hatte in nichts jenen armen, scheuen Teufeln geglichen, die man zuweilen
vom Polizeidiener über die Straße begleitet sah und welche meistens bloß
arme Handwerksburschen waren, die gebettelt hatten. Nein, dieser war kein
Handwerksbursche und sah nicht windig, scheu und weinerlich aus, oder
flüchtete in ein verlegen-dummes Grinsen, wie ich es auch schon gesehen
hatte -- dieser war ein echter Verbrecher und trug den etwas zerbeulten Hut
kühn auf einem trotzigen und ungebeugten Schädel, er war bleich und
lächelte still verachtungsvoll, und das Volk, das ihn beschimpfte und
anspie, wurde neben ihm zu Pack und Pöbel. Ich hatte damals selbst
mitgeschrien: »Man hat ihn, der gehört gehängt!«; aber dann sah ich seinen
aufrechten, stolzen Gang, wie er die gefesselten Hände vor sich her trug,
und wie er auf dem zähen, bösen Kopf den Melonenhut kühn wie eine
phantastische Krone trug -- und wie er lächelte! und da schwieg ich. So wie
dieser Verbrecher aber würde auch ich lächeln und den Kopf steif halten,
wenn man mich ins Gericht und auf das Schafott führte, und wenn die vielen
Leute um mich her drängten und hohnvoll aufschrien -- ich würde nicht ja
und nicht nein sagen, einfach schweigen und verachten.
Und wenn ich hingerichtet und tot war und im Himmel vor den ewigen Richter
kam, dann wollte ich mich keineswegs beugen und unterwerfen. O nein, und
wenn alle Engelscharen ihn umstanden und alle Heiligkeit und Würde aus ihm
strahlte! Mochte er mich verdammen, mochte er mich in Pech sieden lassen!
Ich wollte mich nicht entschuldigen, mich nicht demütigen, ihn nicht um
Verzeihung bitten, nichts bereuen! Wenn er mich fragte: »Hast du das und
das getan?« so würde ich rufen: »Jawohl habe ich's getan, und noch mehr,
und es war recht, daß ich's getan habe, und wenn ich kann, werde ich es
wieder und wieder tun. Ich habe totgeschlagen, ich habe Häuser angezündet,
weil es mir Spaß machte, und weil ich dich verhöhnen und ärgern wollte. Ja,
denn ich hasse dich, ich spucke dir vor die Füße, Gott. Du hast mich
gequält und geschunden, du hast Gesetze gegeben, die niemand halten kann,
du hast die Erwachsenen angestiftet, uns Jungen das Leben zu versauen.«
Wenn es mir glückte, mir dies vollkommen deutlich vorzustellen und fest
daran zu glauben, daß es mir gelingen würde, genau so zu tun und zu reden,
dann war mir für Augenblicke finster wohl. Sofort aber kehrten die Zweifel
wieder. Würde ich nicht schwach werden, würde mich einschüchtern lassen,
würde doch nachgeben? Oder, wenn ich auch alles tat, wie es mein trotziger
Wille war -- würde nicht Gott einen Ausweg finden, eine Überlegenheit,
einen Schwindel, so wie es den Erwachsenen und Mächtigen ja immer gelang,
am Ende noch mit einem Trumpf zu kommen, einen schließlich doch noch zu
beschämen, einen nicht für voll zu nehmen, einen unter der verfluchten
Maske des Wohlwollens zu demütigen? Ach, natürlich würde es so enden.
Hin und her gingen meine Phantasien, ließen bald mich, bald Gott gewinnen,
hoben mich zum unbeugsamen Verbrecher und zogen mich wieder zum Kind und
Schwächling herab.
Ich stand am Fenster und schaute auf den kleinen Hinterhof des
Nachbarhauses hinunter, wo Gerüststangen an der Mauer lehnten und in einem
kleinen winzigen Garten ein paar Gemüsebeete grünten. Plötzlich hörte ich
durch die Nachmittagsstille Glockenschläge hallen, fest und nüchtern in
meine Visionen hinein, einen klaren, strengen Stundenschlag, und noch
einen. Es war zwei Uhr, und ich schreckte aus den Traumängsten in die der
Wirklichkeit zurück. Nun begann unsre Turnstunde, und wenn ich auch auf
Zauberflügeln fort und in die Turnhalle gestürzt wäre, ich wäre doch schon
zu spät gekommen. Wieder Pech! Das gab übermorgen Aufruf, Schimpfworte und
Strafe. Lieber ging ich gar nicht mehr hin, es war doch nichts mehr
gutzumachen. Vielleicht mit einer sehr guten, sehr feinen und glaubhaften
Entschuldigung -- aber es wäre mir in diesem Augenblick keine eingefallen,
so glänzend mich auch unsre Lehrer zum Lügen erzogen hatten; ich war jetzt
nicht imstande, zu lügen, zu erfinden, zu konstruieren. Besser war es,
vollends ganz aus der Stunde wegzubleiben. Was lag daran, ob jetzt zum
großen Unglück noch ein kleines kam!
Aber der Stundenschlag hatte mich geweckt und meine Phantasiespiele
gelähmt. Ich war plötzlich sehr schwach, überwirklich sah mein Zimmer mich
an, Pult, Bilder, Bett, Bücherschaft, alles geladen mit strenger
Wirklichkeit, alles Zurufe aus der Welt, in der man leben mußte, und die
mir heut wieder einmal so feindlich und gefährlich geworden war. Wie denn?
Hatte ich nicht die Turnstunde versäumt? Und hatte ich nicht gestohlen,
jämmerlich gestohlen, und hatte die verdammten Feigen im Bücherbrett
liegen, soweit sie nicht schon aufgegessen waren? Was ging mich jetzt der
Verbrecher, der liebe Gott und das Jüngste Gericht an! Das würde alles dann
schon kommen, zu seiner Zeit -- aber jetzt, jetzt im Augenblick war es weit
weg und war dummes Zeug, nichts weiter. Ich hatte gestohlen, und jeden
Augenblick konnte das Verbrechen entdeckt werden. Vielleicht war es schon
so weit, vielleicht hatte mein Vater droben schon jene Schieblade gezogen
und stand vor meiner Schandtat, beleidigt und erzürnt, und überlegte sich,
auf welche Art mir der Prozeß zu machen sei. Ach, er war möglicherweise
schon unterwegs zu mir, und wenn ich nicht sofort entfloh, hatte ich in der
nächsten Minute schon sein ernstes Gesicht mit der Brille vor mir. Denn er
wußte natürlich sofort, daß ich der Dieb war. Es gab keine Verbrecher in
unserm Hause außer mir, meine Schwestern taten nie so etwas, Gott weiß
warum. Aber wozu brauchte mein Vater da in seiner Kommode solche
Feigenkränze verborgen zu haben?
Ich hatte mein Stübchen schon verlassen und mich durch die hintere Haustür
und den Garten davongemacht. Die Gärten und Wiesen lagen in heller Sonne,
Zitronenfalter flogen über den Weg. Alles sah jetzt schlimm und drohend
aus, viel schlimmer als heut morgen. O, ich kannte das schon, und doch
meinte ich es nie so qualvoll gespürt zu haben: wie da alles in seiner
Selbstverständlichkeit und mit seiner guten Gewissensruhe mich ansah, Stadt
und Kirchturm, Wiesen und Weg, Grasblüten und Schmetterlinge, und wie alles
Hübsche und Fröhliche, was man sonst mit Freuden sah, nun fremd und
verzaubert war! Ich kannte das, ich wußte, wie es schmeckt, wenn man in
Gewissensangst durch die gewohnte Gegend läuft! Jetzt konnte der seltenste
Schmetterling über die Wiese fliegen und sich vor meinen Füßen hinsetzen --
es war nichts, es freute nicht, reizte nicht, tröstete nicht. Jetzt konnte
der herrlichste Kirschbaum mir seinen vollsten Ast herbieten -- es hatte
keinen Wert, es war kein Glück dabei. Jetzt gab es nichts als fliehen, vor
dem Vater, vor der Strafe, vor mir selber, vor meinem Gewissen, fliehen und
rastlos sein, bis dennoch unerbittlich und unentrinnbar alles kam, was
kommen mußte.
Ich lief und war rastlos, ich lief bergan und hoch bis zum Walde, und vom
Eichenberg nach der Hofmühle hinab, über den Steg und jenseits wieder
bergauf und durch Wälder hinan. Hier hatten wir unser letztes Indianerlager
gehabt. Hier hatte letztes Jahr, als der Vater auf Reisen war, unsre Mutter
mit uns Kindern Ostern gefeiert und im Wald und Moos die Eier für uns
versteckt. Hier hatte ich einst mit meinen Vettern in den Ferien eine Burg
gebaut, sie stand noch halb. Überall Reste von einstmals, überall Spiegel,
aus denen mir ein andrer entgegensah, als der ich heute war! War ich das
alles gewesen? So lustig, so zufrieden, so dankbar, so kameradschaftlich,
so zärtlich mit der Mutter, so ohne Angst, so unbegreiflich glücklich? War
das ich gewesen? Und wie hatte ich so werden können, wie ich jetzt war, so
anders, so ganz anders, so böse, so voll Angst, so zerstört? Alles war noch
wie immer, Wald und Fluß, Farnkräuter und Blumen, Burg und Ameisenhaufen,
und doch alles wie vergiftet und verwüstet. Gab es denn gar keinen Weg
zurück, dorthin, wo das Glück und die Unschuld war? Konnte es nie mehr
werden, wie es gewesen war? Würde ich jemals wieder so lachen, so mit den
Schwestern spielen, so nach Ostereiern suchen?
Ich lief und lief, den Schweiß auf der Stirn, und hinter mir lief meine
Schuld und lief groß und ungeheuer der Schatten meines Vaters als Verfolger
mit.
An mir vorbei liefen Alleen, sanken Waldränder hinab. Auf einer Höhe machte
ich halt, abseits vom Weg, ins Gras geworfen, mit Herzklopfen, das vom
Bergaufwärtsrennen kommen konnte, das vielleicht bald besser wurde. Unten
sah ich Stadt und Fluß, sah die Turnhalle, wo jetzt die Stunde zu Ende war
und die Buben auseinanderliefen, sah das lange Dach meines Vaterhauses.
Dort war meines Vaters Schlafzimmer und die Schublade, in der die Feigen
fehlten. Dort war mein kleines Zimmer. Dort würde, wenn ich zurückkam, das
Gericht mich treffen. -- Aber wenn ich nicht zurückkam?
Ich wußte, daß ich zurückkommen werde. Man kam immer zurück, jedesmal. Es
endete immer so. Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika
fliehen oder nach Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half
einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentaten und einander hülfen! Sie
waren viele, es gab mehr Kinder als Eltern. Aber nicht alle Kinder waren
Diebe und Verbrecher. Wenige waren so wie ich. Vielleicht war ich der
einzige. Aber nein, ich wußte, es kamen öfters solche Sachen vor wie meine
-- ein Onkel von mir hatte als Kind auch gestohlen und viel Sachen
angestellt, das hatte ich irgendwann einmal erlauscht, heimlich aus einem
Gespräch der Eltern, heimlich, wie man alles Wissenswerte erlauschen mußte.
Doch das alles half mir nicht, und wenn jener Onkel selber da wäre, er
würde mir auch nicht helfen! Er war jetzt längst groß und erwachsen, er war
Pastor, und er würde zu den Erwachsenen halten und mich im Stich lassen. So
waren sie alle. Gegen uns Kinder waren sie alle irgendwie falsch und
verlogen, spielten eine Rolle, gaben sich anders, als sie waren. Die Mutter
vielleicht nicht, oder weniger.
Ja, wenn ich nun nicht mehr heimkehren würde? Es könnte ja etwas passieren,
ich konnte den Hals brechen oder ertrinken oder unter die Eisenbahn kommen.
Dann sah alles anders aus. Dann brachte man mich nach Hause, und alles war
still und erschrocken und weinte, und ich tat allen leid, und von den
Feigen und allem war nicht mehr die Rede.
Ich wußte sehr gut, daß man sich selber das Leben nehmen konnte. Ich dachte
auch, daß ich das wohl einmal tun würde, später, wenn es einmal ganz
schlimm kam. Gut wäre es gewesen, krank zu werden, aber nicht bloß so mit
Husten, sondern richtig todkrank, so wie damals, als ich Scharlachfieber
hatte.
Inzwischen war die Turnstunde längst vorüber, und auch die Zeit war
vorüber, wo man mich zu Hause zum Kaffee erwartete. Vielleicht riefen und
suchten sie jetzt nach mir, in meinem Zimmer, im Garten und Hof, auf dem
Estrich. Wenn aber der Vater meinen Diebstahl schon entdeckt hatte, dann
wurde nicht gesucht, dann wußte er Bescheid.
Es war mir nicht möglich, länger liegenzubleiben. Das Schicksal vergaß mich
nicht, es war hinter mir her. Ich nahm das Laufen wieder auf. Ich kam an
einer Bank in den Anlagen vorüber, an der hing wieder eine Erinnerung,
wieder eine, die einst schön und lieb gewesen war und jetzt wie Feuer
brannte. Mein Vater hatte mir ein Taschenmesser geschenkt, wir waren
zusammen spazierengegangen, froh und in gutem Frieden, und er hatte sich
auf diese Bank gesetzt, während ich im Gebüsch mir eine lange Haselrute
schneiden wollte. Und da brach ich im Eifer das neue Messer ab, die Klinge
dicht am Heft, und kam entsetzt zurück, wollte es erst verheimlichen, wurde
aber gleich danach gefragt. Ich war sehr unglücklich, wegen dem Messer und
weil ich Scheltworte erwartete. Aber da hatte mein Vater nur gelächelt, mir
leicht die Schulter berührt und gesagt: »Wie schade, du armer Kerl!« Wie
hatte ich ihn da geliebt, wieviel ihm innerlich abgebeten! Und jetzt, wenn
ich an das damalige Gesicht meines Vaters dachte, an seine Stimme, an sein
Mitleid -- was war ich für ein Ungeheuer, daß ich diesen Vater so oft
betrübt, belogen und heut bestohlen hatte!
Als ich wieder in die Stadt kam, bei der oberen Brücke und weit von unserm
Hause, hatte die Dämmerung schon begonnen. Aus einem Kaufladen, hinter
dessen Glastür schon Licht brannte, kam ein Knabe gelaufen, der blieb
plötzlich stehen und rief mich mit Namen an. Es war Oskar Weber. Niemand
konnte mir ungelegener kommen. Immerhin erfuhr ich von ihm, daß der Lehrer
mein Fehlen in der Turnstunde nicht bemerkt habe. Aber wo ich denn gewesen
sei?
»Ach nirgends,« sagte ich, »ich war nicht recht wohl.«
Ich war schweigsam und zurückweisend, und nach einer Weile, die ich
empörend lang fand, merkte er, daß er mir lästig sei. Jetzt wurde er böse.
»Laß mich in Ruh',« sagte ich kalt, »ich kann allein heimgehen.«
»So?« rief er jetzt. »Ich kann gradeso gut allein gehen wie du, dummer
Fratz! Ich bin nicht dein Pudel, daß du's weißt. Aber vorher möchte ich
doch wissen, wie das jetzt eigentlich mit unserer Sparkasse ist! Ich habe
einen Zehner hineingetan und du nichts.«
»Deinen Zehner kannst du wiederhaben, heut noch, wenn du Angst um ihn hast.
Wenn ich dich nur nimmer sehen muß. Als ob ich von dir etwas annehmen
würde!«
»Du hast ihn neulich gern genommen,« meinte er höhnisch, aber nicht, ohne
einen Türspalt zur Versöhnung offen zu lassen.
Aber ich war heiß und böse geworden, alle in mir angehäufte Angst und
Ratlosigkeit brach in hellen Zorn aus. Weber hatte mir nichts zu sagen!
Gegen ihn war ich im Recht, gegen ihn hatte ich ein gutes Gewissen. Und ich
brauchte jemand, gegen den ich mich fühlen, gegen den ich stolz und im
Recht sein konnte. Alles Ungeordnete und Finstere in mir strömte wild in
diesen Ausweg. Ich tat, was ich sonst so sorgfältig vermied, ich kehrte den
Herrensohn heraus, ich deutete an, daß es für mich keine Entbehrung sei,
auf die Freundschaft mit einem Gassenbuben zu verzichten. Ich sagte ihm,
daß für ihn jetzt das Beerenessen in unserm Garten und das Spielen mit
meinen Spielsachen ein Ende habe. Ich fühlte mich aufglühen und aufleben:
ich hatte einen Feind, einen Gegner, einen, der schuld war, den man packen
konnte. Alle Lebenstriebe sammelten sich in diese erlösende, willkommene,
befreiende Wut, in die grimmige Freude am Feind, der diesmal nicht in mir
selbst wohnte, der mir gegenüberstand, mich mit erschreckten, dann mit
bösen Augen anglotzte, dessen Stimme ich hörte, dessen Vorwürfe ich
verachten, dessen Schimpfworte ich übertrumpfen konnte.
Im anschwellenden Wortwechsel, dicht nebeneinander, trieben wir die
dunkelnde Gasse hinab; da und dort sah man uns aus einer Haustüre nach. Und
alles, was ich gegen mich selber an Wut und Verachtung empfand, kehrte sich
gegen den unseligen Weber. Als er damit zu drohen begann, er werde mich dem
Turnlehrer anzeigen, war es Wollust für mich: er setzte sich ins Unrecht,
er wurde gemein, er stärkte mich.
Als wir in der Nähe der Metzgergasse handgemein wurden, blieben gleich ein
paar Leute stehen und sahen unserm Handel zu. Wir hieben einander in den
Bauch und ins Gesicht und traten mit den Schuhen gegeneinander. Nun hatte
ich für Augenblicke alles vergessen, ich war im Recht, war kein Verbrecher,
Kampfrausch beglückte mich, und wenn Weber auch stärker war als ich, so war
ich flinker, klüger, rascher, feuriger. Wir wurden heiß und schlugen uns
wütend. Als er mir mit einem verzweifelten Griff den Hemdkragen aufriß,
fühlte ich mit Inbrunst den Strom kalter Luft über meine glühende Haut
laufen.
Und im Hauen, Reißen und Treten, Ringen und Würgen hörten wir nicht auf,
uns weiter mit Worten anzufeinden, zu beleidigen und zu vernichten, mit
Worten, die immer glühender, immer törichter und böser, immer dichterischer
und phantastischer wurden. Und auch darin war ich ihm über, war böser,
dichterischer, erfinderischer. Sagte er Hund, so sagte ich Sauhund. Rief er
Schuft, so schrie ich Satan. Wir bluteten beide, ohne etwas zu fühlen, und
dabei häuften unsre Worte böse Zauber und Wünsche, wir empfahlen einander
dem Galgen, wünschten uns Messer, um sie einander in die Rippen zu jagen
und darin umzudrehen, wir beschimpften einer des andern Namen, Herkunft und
Vater.
Es war das erste und einzige Mal, daß ich einen solchen Kampf im vollen
Kriegsrausch bis zu Ende ausfocht, mit allen Hieben, allen Grausamkeiten,
allen Beschimpfungen. Zugesehen hatte ich oft und mit grausender Lust diese
vulgären, urtümlichen Flüche und Schandworte angehört; nun schrie ich sie
selber heraus, als sei ich ihrer von klein auf gewohnt und in ihrem
Gebrauch geübt. Tränen liefen mir aus den Augen und Blut über den Mund. Die
Welt aber war herrlich, sie hatte einen Sinn, es war gut zu leben, gut zu
hauen, gut zu bluten und bluten zu machen.
Niemals vermochte ich in der Erinnerung das Ende dieses Kampfes wieder zu
finden. Irgendeinmal war es aus, irgendeinmal stand ich allein in der
stillen Dunkelheit, erkannte Straßenecken und Häuser, war nahe bei unserm
Hause. Langsam floh der Rausch, langsam hörte das Flügelbrausen und Donnern
auf, und Wirklichkeit drang stückweise vor meine Sinne, zuerst nur vor die
Augen. Da der Brunnen. Die Brücke. Blut an meiner Hand, zerrissene Kleider,
herabgerutschte Strümpfe, ein Schmerz im Knie, einer im Auge, keine Mütze
mehr da -- alles kam nach und nach, wurde Wirklichkeit und sprach zu mir.
Plötzlich war ich tief ermüdet, fühlte meine Knie und Arme zittern, tastete
nach einer Hauswand.
Und da war unser Haus. Gott sei Dank! Ich wußte nichts auf der Welt mehr,
als daß dort Zuflucht war, Friede, Licht, Geborgenheit. Aufatmend schob ich
das hohe Tor zurück.
Da mit dem Duft von Stein und feuchter Kühle überströmte mich plötzlich
Erinnerung, hundertfach. O Gott! O lieber Gott! Es roch nach Strenge, nach
Gesetz, nach Verantwortung, nach Vater und Gott. Ich hatte gestohlen. Ich
war kein verwundeter Held, der vom Kampfe heimkehrte. Ich war kein armes
Kind, das nach Hause findet und von der Mutter in Wärme und Mitleid
gebettet wird. Ich war Dieb, ich war Verbrecher. Da droben war nicht
Zuflucht, Bett und Schlaf für mich, nicht Essen und Pflege, nicht Trost und
Vergessen. Auf mich wartete Schuld und Gericht.
Damals in der finstern abendlichen Flur und im Treppenhaus, dessen viele
Stufen ich unter Mühen erklomm, atmete ich, wie ich glaube, zum erstenmal
in meinem Leben für Augenblicke den kalten Äther, die Einsamkeit, das
Schicksal. Ich sah keinen Ausweg, ich hatte keine Pläne, auch keine Angst,
nichts als das kalte, rauhe Gefühl: »Es muß sein.« Am Geländer zog ich mich
die Treppe hinauf. Vor der Glastür fühlte ich Lust, noch einen Augenblick
mich auf die Treppe zu setzen, aufzuatmen, Ruhe zu haben. Ich tat es nicht,
es hatte keinen Zweck. Ich mußte hinein. Beim Öffnen der Tür fiel mir ein,
wie spät es wohl sei?
Ich trat ins Eßzimmer. Da saßen sie um den Tisch und hatten eben gegessen,
ein Teller mit Äpfeln stand noch da. Es war gegen acht Uhr. Nie war ich
ohne Erlaubnis so spät heimgekommen, nie hatte ich beim Abendessen gefehlt.
»Gott sei Dank, da bist du!« rief meine Mutter lebhaft. Ich sah, sie war in
Sorge um mich gewesen. Sie lief auf mich zu und blieb erschrocken stehen,
als sie mein Gesicht und die beschmutzten und zerrissenen Kleider sah. Ich
sagte nichts und blickte niemand an, doch spürte ich deutlich, daß Vater
und Mutter sich mit Blicken meinetwegen verständigten. Mein Vater schwieg
und beherrschte sich; ich fühlte, wie zornig er war. Die Mutter nahm sich
meiner an, Gesicht und Hände wurden mir gewaschen, Pflaster aufgeklebt,
dann bekam ich zu essen. Mitleid und Sorgfalt umgab mich, ich saß still und
tief beschämt, fühlte die Wärme und genoß sie mit schlechtem Gewissen. Dann
ward ich zu Bett geschickt. Dem Vater gab ich die Hand, ohne ihn anzusehen.
Als ich schon im Bette lag, kam die Mutter noch zu mir. Sie nahm meine
Kleider vom Stuhl und legte mir andere hin, denn morgen war Sonntag. Dann
fing sie behutsam zu fragen an, und ich mußte von meiner Rauferei erzählen.
Sie fand es zwar schlimm, schalt aber nicht und schien ein wenig
verwundert, daß ich dieser Sache wegen so sehr gedrückt und scheu war. Dann
ging sie.
Und nun, dachte ich, war sie überzeugt, daß alles gut sei. Ich hatte Händel
ausgefochten und war blutig gehauen worden, aber das würde morgen vergessen
sein. Von dem andern, dem Eigentlichen, wußte sie nichts. Sie war betrübt
gewesen, aber unbefangen und zärtlich. Auch der Vater wußte also vermutlich
noch nichts.
Und nun überkam mich ein furchtbares Gefühl von Enttäuschung. Ich merkte
jetzt, daß ich seit dem Augenblick, wo ich unser Haus betreten hatte, ganz
und gar von einem einzigen, sehnlichen, verzehrenden Wunsch erfüllt gewesen
war. Ich hatte nichts anderes gedacht, gewünscht, ersehnt, als daß das
Gewitter nun ausbrechen möge, daß das Gericht über mich ergehe, daß das
Furchtbare zur Wirklichkeit werde und die entsetzliche Angst davor aufhöre.
Ich war auf alles gefaßt, zu allem bereit gewesen. Mochte ich schwer
gestraft, geschlagen und eingesperrt werden! Mochte er mich hungern lassen!
Mochte er mich verfluchen und verstoßen! Wenn nur die Angst und Spannung
ein Ende nahm!
Statt dessen lag ich nun da, hatte noch Liebe und Pflege genossen, war
freundlich geschont und für meine Unarten nicht zur Rechenschaft gezogen
worden und konnte nun aufs neue warten und bangen. Sie hatten mir die
zerrissenen Kleider, das lange Fortbleiben, das versäumte Abendessen
vergeben, weil ich ein wenig müde war und blutete und ihnen leid tat, vor
allem aber, weil sie das andere nicht ahnten, weil sie nur von meinen
Unarten, nichts von meinem Verbrechen wußten. Es würde mir doppelt
schlimmgehen, wenn es nun ans Licht kam! Vielleicht schickte man mich, wie
man früher einmal gedroht hatte, in eine solche Besserungsanstalt, wo man
altes, hartes Brot essen und während der ganzen Freizeit Holz sägen und
Stiefel putzen mußte, wo es Schlafsäle mit Aufsehern geben sollte, die
einen mit dem Stock schlugen und morgens um vier Uhr mit kaltem Wasser
weckten. Oder man übergab mich der Polizei?
Jedenfalls aber, es komme wie es möge, lag wieder eine Wartezeit vor mir.
Noch länger mußte ich die Angst ertragen, noch länger mit meinem Geheimnis
herumgehen, vor jedem Blick und Schritt im Hause zittern und niemand ins
Gesicht sehen können.
Oder war es am Ende möglich, daß mein Diebstahl gar nicht bemerkt wurde?
Daß alles blieb, wie es war? Daß ich mir alle diese Angst und Pein
vergebens gemacht hatte? -- O, wenn das geschehen sollte, wenn dies
Unausdenkliche, Wundervolle möglich war, dann wollte ich ein ganz neues
Leben beginnen, dann wollte ich Gott danken und mich dadurch würdig zeigen,
daß ich Stunde für Stunde ganz rein und fleckenlos lebte! Was ich schon
früher versucht hatte und was mir mißglückt war, jetzt würde es gelingen,
jetzt war mein Vorsatz und Wille stark genug, jetzt nach diesem Elend,
dieser Hölle voll Qual! Mein ganzes Wesen bemächtigte sich dieses
Wunschgedankens und sog sich inbrünstig daran fest. Trost regnete vom
Himmel, Zukunft tat sich blau und sonnig auf. In diesen Phantasien schlief
ich endlich ein und schlief unbeschwert die ganze, gute Nacht hindurch.
Am Morgen war Sonntag, und noch im Bett empfand ich, wie den Geschmack
einer Frucht, das eigentümliche, sonderbar gemischte, im ganzen aber so
köstliche Sonntagsgefühl, wie ich es seit meiner Schulzeit kannte. Der
Sonntagmorgen war eine gute Sache: Ausschlafen, keine Schule, Aussicht auf
ein gutes Mittagessen, kein Geruch nach Lehrer und Tinte, eine Menge freie
Zeit. Dies war die Hauptsache. Schwächer nur klangen andere, fremdere,
fadere Töne hinein: Kirchgang oder Sonntagsschule, Familienspaziergang,
Sorge um die schönen Kleider. Damit wurde der reine, gute, köstliche
Geschmack und Duft ein wenig verfälscht und zersetzt -- so wie wenn zwei
gleichzeitig gegessene Speisen, etwa ein Pudding und der Saft dazu, nicht
ganz zusammenpaßten, oder wie zuweilen Bonbons oder Backwerk, die man in
kleinen Läden geschenkt bekam, einen fatalen leisen Beigeschmack von Käse
oder von Erdöl hatten. Man aß sie, und sie waren gut, aber es war nichts
Volles und Strahlendes, man mußte ein Auge dabei zudrücken. Nun, so ähnlich
war meistens der Sonntag, namentlich wenn ich in die Kirche oder
Sonntagsschule gehen mußte, was zum Glück nicht immer der Fall war. Der
freie Tag bekam dadurch einen Beigeschmack von Pflicht und von Langeweile.
Und bei den Spaziergängen mit der ganzen Familie, wenn sie auch oft schön
sein konnten, passierte gewöhnlich irgend etwas, es gab Streit mit den
Schwestern, man ging zu rasch oder zu langsam, man brachte Harz an die
Kleider; irgendein Haken war meistens dabei.
Nun, das mochte kommen. Mir war wohl. Seit gestern war eine Masse Zeit
vergangen. Vergessen hatte ich meine Schandtat nicht, sie fiel mir schon am
Morgen wieder ein, aber es war nun so lange her, die Schrecken waren
ferngerückt und unwirklich geworden. Ich hatte gestern meine Schuld gebüßt,
wenn auch nur durch Gewissensqualen, ich hatte einen bösen, jammervollen
Tag durchlitten. Nun war ich wieder zu Vertrauen und Harmlosigkeit geneigt
und machte mir wenig Gedanken mehr. Ganz war es ja noch nicht abgetan, es
klang noch ein wenig Drohung und Peinlichkeit nach, so wie in den schönen
Sonntag jene kleinen Pflichten und Kümmernisse mit hineinklangen.
Beim Frühstück waren wir alle vergnügt. Es wurde mir die Wahl zwischen
Kirche und Sonntagsschule gelassen. Ich zog, wie immer, die Kirche vor.
Dort wurde man wenigstens in Ruhe gelassen und konnte seine Gedanken laufen
lassen; auch war der hohe, feierliche Raum mit den bunten Fenstern oft
schön und ehrwürdig, und wenn man mit eingekniffenen Augen durch das lange
dämmernde Schiff gegen die Orgel sah, dann gab es manchmal wundervolle
Bilder; die aus dem Finstern ragenden Orgelpfeifen erschienen oft wie eine
strahlende Stadt mit hundert Türmen. Auch war es mir oft geglückt, wenn die
Kirche nicht voll war, die ganze Stunde ungestört in einem Geschichtenbuch
zu lesen.
Heut nahm ich keines mit und dachte auch nicht daran, mich um den Kirchgang
zu drücken, wie ich es auch schon getan hatte. So viel klang von gestern
abend noch in mir nach, daß ich gute und redliche Vorsätze hatte und
gesonnen war, mich mit Gott, Eltern und Welt freundlich und gefügig zu
vertragen. Auch mein Zorn gegen Oskar Weber war ganz und gar verflogen.
Wenn er gekommen wäre, ich hätte ihn aufs beste aufgenommen.
Der Gottesdienst begann, ich sang die Choralverse mit, es war das Lied
»Hirte deiner Schafe«, das wir auch in der Schule auswendig gelernt hatten.
Es fiel mir dabei wieder einmal auf, wie ein Liedervers beim Singen, und
gar bei dem schleppend langsamen Gesang in der Kirche, ein ganz anderes
Gesicht hatte als beim Lesen oder Hersagen. Beim Lesen war so ein Vers ein
Ganzes, hatte einen Sinn, bestand aus Sätzen. Beim Singen bestand er nur
noch aus Worten, Sätze kamen nicht zustande, Sinn war keiner da, aber dafür
gewannen die Worte, die einzelnen, gesungenen, langhin gedehnten Worte ein
sonderbar starkes, unabhängiges Leben, ja, oft waren es nur einzelne
Silben, etwas an sich ganz Sinnloses, die im Gesang selbständig wurden und
Gestalt annahmen. In dem Vers »Hirte deiner Schafe, der von keinem Schlafe
etwas wissen mag« war zum Beispiel heute beim Kirchengesang gar kein
Zusammenhang und Sinn, man dachte auch weder an einen Hirten noch an
Schafe, man dachte durchaus gar nichts. Aber das war keineswegs langweilig.
Einzelne Worte, namentlich das »Schla--a--fe«, wurden so seltsam voll und
schön, man wiegte sich ganz darin, und auch das »mag« tönte geheimnisvoll
und schwer, erinnerte an »Magen« und an dunkle, gefühlsreiche, halbbekannte
Dinge, die man in sich innen im Leibe hat. Dazu die Orgel!
Und dann kam der Stadtpfarrer und die Predigt, die stets so unbegreiflich
lang war, und das seltsame Zuhören, wobei man oft lange Zeit nur den Ton
der redenden Stimme glockenhaft schweben hörte, dann wieder einzelne Worte
scharf und deutlich samt ihrem Sinn vernahm und ihnen zu folgen bemüht war,
solange es ging. Wenn ich nur im Chor hätte sitzen dürfen, statt unter all
den Männern auf der Empore. Im Chor, wo ich bei Kirchenkonzerten schon
gesessen war, da saß man tief in schweren, isolierten Stühlen, deren jeder
ein kleines festes Gebäude war, und über sich hatte man ein sonderbar
reizvolles, vielfältiges, netzartiges Gewölbe, und hoch an der Wand war die
Bergpredigt in sanften Farben gemalt, und das blaue und rote Gewand des
Heilands auf dem blaßblauen Himmel war so zart und beglückend anzusehen.
Manchmal knackte das Kirchengestühl, gegen das ich eine tiefe Abneigung
hegte, weil es mit einer gelben, öden Lackfarbe gestrichen war, an der man
immer ein wenig kleben blieb. Manchmal summte eine Fliege auf und gegen
eines der Fenster, in deren Spitzbogen blaurote Blumen und grüne Sterne
gemalt waren. Und unversehens war die Predigt zu Ende, und ich streckte
mich vor, um den Pfarrer in seinen engen, dunklen Treppenschlauch
verschwinden zu sehen. Man sang wieder, aufatmend und sehr laut, und man
stand auf und strömte hinaus; ich warf den mitgebrachten Fünfer in die
Opferbüchse, deren blecherner Klang so schlecht in die Feierlichkeit paßte,
und ließ mich vom Menschenstrom mit ins Portal ziehen und ins Freie
treiben.
Jetzt kam die schönste Zeit des Sonntags, die zwei Stunden zwischen Kirche
und Mittagessen. Da hatte man seine Pflicht getan, man war im langen Sitzen
auf Bewegung, auf Spiele oder Gänge begierig geworden, oder auf ein Buch,
und war völlig frei bis zum Mittag, wo es meistens etwas Gutes gab.
Zufrieden schlenderte ich nach Hause, angefüllt mit freundlichen Gedanken
und Gesinnungen. Die Welt war in Ordnung, es ließ sich in ihr leben.
Friedfertig trabte ich durch Flur und Treppe hinauf.
In meinem Stübchen schien Sonne. Ich sah nach meinen Raupenkästen, die ich
gestern vernachlässigt hatte, fand ein paar neue Puppen, gab den Pflanzen
frisches Wasser.
Da ging die Tür.
Ich achtete nicht gleich darauf. Nach einer Minute wurde die Stille mir
sonderbar; ich drehte mich um. Da stand mein Vater. Er war blaß und sah
gequält aus. Der Gruß blieb mir im Halse stecken. Ich sah: er wußte! Er war
da. Das Gericht begann. Nichts war gut geworden, nichts abgebüßt, nichts
vergessen! Die Sonne wurde bleich, und der Sonntagmorgen sank welk dahin.
Aus allen Himmeln gerissen starrte ich dem Vater entgegen. Ich haßte ihn,
warum war er nicht gestern gekommen? Jetzt war ich auf nichts vorbereitet,
hatte nichts bereit, nicht einmal Reue und Schuldgefühl. -- Und wozu
brauchte er oben in seiner Kommode Feigen zu haben?
Er ging zu meinem Bücherschrank, griff hinter die Bücher und zog einige
Feigen hervor. Es waren wenige mehr da. Dazu sah er mich an, mit stummer,
peinlicher Frage. Ich konnte nichts sagen. Leid und Trotz würgten mich.
»Was ist denn?« brachte ich dann heraus.
»Woher hast du diese Feigen?« fragte er, mit einer beherrschten, leisen
Stimme, die mir bitter verhaßt war.
Ich begann sofort zu reden. Zu lügen. Ich erzählte, daß ich die Feigen bei
einem Konditor gekauft hätte, es sei ein ganzer Kranz gewesen. Woher das
Geld dazu kam? Das Geld kam aus einer Sparkasse, die ich gemeinsam mit
einem Freunde hatte. Da hatten wir beide alles kleine Geld hineingetan, das
wir je und je bekamen. Übrigens -- hier war die Kasse. Ich holte die
Schachtel mit dem Schlitz hervor. Jetzt war bloß noch ein Zehner darin,
eben weil wir gestern die Feigen gekauft hatten.
Mein Vater hörte zu, mit einem stillen, beherrschten Gesicht, dem ich
nichts glaubte.
»Wieviel haben denn die Feigen gekostet?« fragte er mit der zu leisen
Stimme.
»Eine Mark und sechzig.«
»Und wo hast du sie gekauft?«
»Beim Konditor.«
»Bei welchem?«
»Bei Haager.«
Es gab eine Pause. Ich hielt die Geldschachtel noch in frierenden Fingern.
Alles an mir war kalt und fror.