Feuer brannte in seinen Augen, sein Gesicht war totenblaß geworden,
die Züge in Haß verzerrt, daß Michael unwillkürlich zurückwich. War es
nicht ein Wahnsinniger, der da vor ihm stand? Grauen schüttelte ihn und
er vermochte keine Antwort zu finden. Aber diese erwartete Benjamin
garnicht, spöttisch sah er in das verstörte Gesicht des Anderen und
verließ dann rasch das Zimmer, und wenige Augenblicke später knarrte
das eiserne Gitter, Benjamin hatte das Haus verlassen.
»Er geht zu seiner Gemeinde, auch hier das Band zerrissen, nun
stehe ich bald ganz allein,« dachte der Zurückbleibende mit tiefer
Bitterkeit. Dann nahm er noch einmal den Brief zur Hand, der ihn heute
aufgerüttelt hatte aus dem schweren Traum der letzten Zeit.
»Mein lieber Sohn,« begann er, »die Tage werden zu Wochen und deren
sind schon viele vergangen und vergebens sehen meine alten Augen nach
meinen heimkehrenden Söhnen aus. Oh Michael, ich will nicht in Dich
dringen, nur bitten will ich, komm' zurück, laßt ab die Hände von Eurem
Werk, kehrt zurück in den stillen Frieden unseres Dorfes! Ihr bringt
Unruhe in die Herzen Deiner Heimatgenossen, laßt sie in ihrem Glauben,
er ist so gut wie der unsere. Sieh', mein Sohn, unser Bekenntnis sagt:
>Wir sollen in Liebe und Frieden mit einander leben, wir sollen auch
nicht den Frieden unserer Mitmenschen stören< und thut man dies nicht,
wenn man die Herzen in Zweifel bringt? Ich fühle aus Deinen kurzen
Briefen heraus, daß eine Last auf Deiner Seele liegt, kehr' zurück,
vielleicht finde ich mit Gottes Hilfe wieder die Kraft, sie Dir zu
erleichtern wie einst. Tabeas Augen sehen so fragend auf das weite
Meer, komm, Michael, und löse die Frage!«
Michael ließ den Brief sinken.
»Löse die Frage, oh, wenn ich es noch könnte, aber Du hast recht, Du
treuer, alter Warner, ich werde heimkehren zu dem stillen Sanddorf und
meine Schuld beichten, oh, Tabea, werde ich Verzeihung finden?«
An dem Tag blieb Michael daheim, er eilte nicht rastlos an den Ufern
des Sees entlang, spähte nicht mit heißen Augen hinaus, als draußen
ein Wagen rollte, er packte seine Sachen und ordnete alles zu seiner
Abreise, die am nächsten Tag stattfinden sollte, er suchte jeden Winkel
des kleinen Hauses auf, um Abschied zu nehmen für immer und ging
endlich zur Ruh, mit dem festen Vorsatz, mit der sicheren Hoffnung,
wieder sein altes Leben zu beginnen.
In der heißen, schwülen Sommernacht aber floh der Schlaf seine
Augen, seine kaum zur Ruh' gekommenen Gedanken verwirrten sich, ein
verführerisches Bild lockte ihn, er sah blonde, weiche Haare, hörte ein
helles, melodisches Lachen und fiebernd vor Sehnsucht streckte er die
Arme aus: »Jusia, Jusia!« schrie der Mann in die stille Nacht hinein,
seine Pulse hämmerten, seine Stirn glühte, vergessen war der Brief
Vater Abrahams, vergessen war die Frage in Tabeas Augen.
Am nächsten Tage reiste Michael nicht ab, »Morgen!« beschwichtigte er
die leise mahnende Stimme seines Gewissens, »ich darf kein Feigling
sein, ich muß es Jusia erklären, warum ich gehe,« und so blieb er,
wieder rastlos umherirrend, aber vergebens, nirgends erblickte er die
Geliebte.
* * * * *
In Schloß Lochowo wurde beinahe das Unterste nach oben gekehrt, es
herrschte ein heidenmäßiger Wirrwarr, so hatte Herr von Leninski
gesagt, als seine Gattin zu Mittag sein geliebtes Rauchzimmer mit
Beschlag belegte. »Ich muß hier einige Anordnungen treffen, Marcel,
Du mußt Dir heute schon einen anderen Platz suchen,« hatte sie mit
lieblichstem Lächeln gesagt, er hatte ihr galant die Hand geküßt und
war seufzend von dannen gegangen.
Sein Rauchzimmer, sein Tuskulum, in das er sich manch liebes Mal vor
Frau Halinkas Liebenswürdigkeiten und vor den Gedanken an fällige
Zinsen geflüchtet hatte, um hier, bei einer Havanna und einem
Gläschen Ungarwein die Sorgen des Lebens zu vergessen, auch das wurde
hineingezogen in den gewaltigen Umsturz. Wie Ahasverus zog er nun
umher, in dem weiten Schlosse ein stilles Plätzchen zum ungestörten
Nachdenken zu finden. Stille Plätzchen gab es genug, kühle, lauschige
Zimmer, die eben nur kühl und lauschig waren und sonst auch nicht das
geringste Möbelstück aufwiesen, das einem müden Körper zum Ruheplatz
dienen konnte.
Gerade als er seufzend in den Park wandern wollte, um in einer
Hängematte die ersehnte Ruhe zu finden, traf er Maria und diese wußte
Rat, in dem linken Seitenflügel befand sich ein Zimmer, in dem ein
altes Ledersopha, ein Tisch und ein mächtiger Flickkorb ein gemütliches
Trio bildeten; hier saß Maria manche Stunde, um Risse und Löcher
kunstvoll zusammen zu nähen und hier fand Herr Marcel die Ruhe, an
dem aufregenden Tag des Balles. Als ihn Maria verließ, lag er auf dem
Sopha und blies behaglich blaue Rauchwolken in die Luft und hielt
Selbstgespräch: »Wenn der Kerl, der Doktor auch eine arme Frau, hm,
eine sehr arme Frau bekommt, einen Schatz erhält er doch an ihr, ich
denke beinahe, mein größtes Wertstück.«
Endlich war alles so weit, ein Teil der Gäste war bereits eingetroffen
und hatte sich, die Toiletten zu ordnen, in die Fremdenzimmer
zurückgezogen. Frau Halinka rauschte in silbergrauer Seide durch die
Säle und nickte wohlgefällig zu den Anordnungen, die Maria getroffen
hatte, sie rückte hier eine Vase zurecht und schob da einen etwas
verschossenen Sessel mehr in den Schatten und warf im Vorbeigehen
huldvolle Blicke ihrem eigenen Spiegelbild zu.
»Es ist nicht so leicht, so ein Fest zu arrangieren,« wandte sie sich
an Jusia, die neben ihr herschritt, »aber ich habe in meiner Jugend in
Paris gute Studien gemacht, so glänzend wie die dortigen Feste waren,
ist es ja in unseren einfachen Landverhältnissen nicht herzustellen,
ich denke aber doch, ich lege mir Ehre ein.«
»Gewiß,« pflichtete Jusia bei, »ich muß gestehen, gnädigste Frau,
ich bin entzückt von den Arrangements, bewunderungswert, wie alles,
was Sie thun,« im Stillen dachte die Sprecherin: »wäre die künftige
Doktorsehefrau nicht gewesen, ich hätte die Verwirrung sehen mögen!«
Jusia Potocka sah bildschön aus in ihrem weißen Gewand mit einer
mattgelben Rose im Haar, um den schlanken Hals lag eine schmale,
goldene Kette mit einem kleinen Medaillon aus Brillanten, das letzte
Schmuckstück aus dem einst so reichen Schatz der Potockis, oft genug
war es in Gefahr gewesen, den Weg seiner Genossen zu gehen, aber immer
schützte es die alte Prophezeiung, daß seiner Trägerin Glück beschieden
sei.
Kasia stand vor dem Spiegel und zupfte unaufhörlich an sich herum, sie
sah reizend aus und war auch augenscheinlich sehr befriedigt von ihrer
eigenen kleinen Person.
Wagen rollten vor, neue Gäste kamen und bald belebte eine bunte,
lachende, plaudernde Menge die Räume, Graf Kasimir Sucholski kam auch,
Jusia Potocka sah kaum auf bei der Vorstellung, stolz und kühl neigte
sie das Haupt; der reiche Erbe schien sehr wenig Eindruck auf sie zu
machen, desto lebhafter begrüßte ihn Kasia von Leninska, er verwickelte
sie bald in ein lustiges Wortgefecht und Frau Halinka, die mit scharfen
Augen diese Scene beobachtet hatte, nickte befriedigt; aber seltsam,
mehr und mehr widmete der Graf Jusia seine Aufmerksamkeit, er folgte
ihr bald wie ein Schatten, da sagte sich Frau Halinka ärgerlich: »Man
muß nie zu lange Besuch haben, Jusias Anwesenheit ist heute recht
überflüssig,« sie vergaß nur den kleinen Umstand, daß das Fest dem
lieben Gast zu Ehren gegeben wurde.
Die Musik lockte und schmeichelte, dann wieder klang sie wild und
feurig, wie der Sturm, der über den See braust; die tanzenden Paare
wirbelten durcheinander, heiße, prickelnde Lebenslust durchglühte sie,
die Augen strahlten, die Lippen lachten, die Blumen in den hohen Vasen
dufteten betäubend und durch die offenen Fenster strömte warme, weiche
Sommerluft herein.
Draußen neben der Veranda, die nach dem Park zuführte, stand ein Mann
und starrte mit brennenden Blicken durch ein Fenster nach dem Saal. Er
sah in dem Gewirr der Tanzenden nur eine, jedesmal, wenn sie an dem
Fenster vorbeikam, durchzuckte es den Mann, als müsse er hineinstürzen
und sie an sich reißend rufen: »Sie ist mein, mein Lieb, mein Leben,
mein Glück!«
Den Tag über war Michael umhergeirrt, bis er zuletzt die erleuchteten
Fenster gewahrend, sich in den Park geschlichen hatte, er wollte sie
nur noch einmal sehen, noch einmal mit ihr sprechen, die geliebte
Stimme hören und dann für immer fortgehen, Vater Abrahams Ruf folgen.
Er sah sie in ihrem weißen Kleid, schön wie die Fee im Märchen, er
sah, wie ihr Tänzer sich zu ihr niederbeugte, sie lachte, er meinte,
das weiche, girrende Lachen herauszuhören aus dem Rauschen der Musik.
Seine Hände umklammerten das wilde Rosengesträuch, daß sich die Dornen
in sein Fleisch gruben, er achtete nicht darauf, rasende Eifersucht
erfüllte ihn, hätte er sie jetzt doch küssen können, küssen bis zur
Sinnlosigkeit. Niederschlagen hätte er den Mann neben ihr mögen, er
haßte es, dieses blasierte, kalkweiße Gesicht, mit den Spuren eines
durchtollten Lebens in den Zügen, und sie lachte diesen Menschen an,
ihre Augen sahen gerade so berückend zu diesem empor, wie damals zu ihm
unter den Trauereschen am See.
Michael Wisniewski barg sein Gesicht in die Hände und stöhnte auf in
heißer Qual, dann fuhr er wieder empor, wo war sie jetzt, mit wem
tanzte sie?
Vergebens strengte er seine Blicke an, er sah sie nicht mehr, er
preßte den Kopf an die Scheiben, er fürchtete nicht, daß man ihn im
Saal gewahren könne, es war ihm vollständig gleichgiltig, nur sehen
mußte er die Geliebte. Neben ihm rauschte plötzlich ein Kleid, ein
helles, girrendes Lachen schlug an sein Ohr, träumte er denn, war das
nicht ihre Stimme, die er hörte? Dann sprach auch eine Männerstimme in
eigentümlich schleppendem Ton, der Lauscher schrak zusammen, er drehte
sich hastig um, da auf der Veranda, an die Brüstung gelehnt, stand
Jusia Potocka und plauderte mit ihrem Tänzer.
In diesem Augenblick vergaß Michael alles, die gesellschaftliche
Kluft, die sie trennte, seine guten Vorsätze, die stille Frage in
Tabeas Augen, alles, er sah nur das Weib vor sich, das er liebte mit
verzehrender, alle Schranken durchbrechender Glut.
Er trat einen Schritt vorwärts und hob seine Arme zu der Steinbrüstung
empor. »Jusia, Jusia!« rief er flehend in gedämpftem Ton.
Wie von einer Natter gebissen, schnellte diese empor, ihr perlendes
Lachen brach ab, mit angstvoll geöffneten Augen stierte sie auf den
Mann.
»Mein Gott, Herr Graf, kommen Sie schnell, das ist ja der halbverrückte
Mensch,« stammelte sie, hastig des Grafen Hand ergreifend und ihn mit
fortziehend. »Ein entsetzlicher Mensch, der wohl religiösen Wahnsinn
hat, mich verfolgt er förmlich, bitte, bitte, schützen Sie mich!«
Michael hörte alles, er hörte ihre vor Angst bebende Stimme, dann
wieder die näselnde ihres Begleiters.
»Mit der Reitpeitsche züchtigen müßte man den Kerl für seine
Frechheit!«
Dann ein leises, eindringliches Flüstern, ein kurzes Auflachen Jusias,
durch das noch die verhaltene Angst klang, und die Stimmen verloren
sich in dem Rauschen der Musik, die Veranda war leer. --
Noch immer stand Michael und sah wie im Traum auf die Stelle, wo
er soeben ihre lichte Gestalt gesehen, nur langsam erfaßte er das
Geschehene; er, verspottet und ausgelacht, sein Götzenbild zertrümmert
zu seinen Füßen, ein dumpfer Laut kam über seine Lippen, wie ein
Verfolgter eilte er davon, durch den Park über die Felder, ihm gleich,
wohin, nur fort, fort, hinaus in die schweigende Nacht. --
Rastlos irrte er umher, er achtete nicht auf den Weg, manchmal stieß
er an einen Stein oder stolperte über einen Grabenrand, dann raffte er
sich wieder empor und eilte weiter, das Rauschen der Musik verhallte
in der Ferne, dann wieder kam es näher, er merkte es nicht, in seinen
Ohren gellten nur immer ihre verächtlichen Worte. Zuletzt überkam
ihn eine tiefe körperliche Ermattung und mit dieser kehrten ihm die
Gedanken zurück, er blieb stehen und sah um sich, wo er sich befand.
Er mußte in einem großen Kreis um Schloß Lochowo herumgegangen sein,
die Landstraße, vom Mondlicht erhellt, lag vor ihm, am Ende das Dorf,
dessen Kirchturm dunkel in die Nacht hineinragte, zur Seite schimmerten
die erleuchteten Fenster von Lochowo. Dort, etwas abseits, stand auch
noch das alte Muttergottesbild, und bei seinem Anblick kam ein großes
Sehnen in sein Herz, er schritt darauf zu und nahm unwillkürlich den
Hut ab. Die Säule stand noch, wie einst, ein wenig schief, ein paar
Kränze hingen daran und bewegten sich leise im Winde, er sah auch
noch das große, gelbliche Wachsherz hängen, vielleicht auch war es
ein neues, das irgend ein Mädchen in der Not des eigenen Herzens
gestiftet hatte. Er meinte, jeden Zug des Bildes zu erkennen, die
Madonna mit dem gleichmäßigen, freundlichen Lächeln in dem blauen
Mantel, den Jesusknaben mit dem goldenen Heiligenschein, und, wie einst
der Jüngling, kniete jetzt der Mann nieder und umschlang das alte,
hölzerne Bild, als müsse ihm der Trost kommen, und weinte. Thränen voll
Zorn, Haß und Bitterkeit, voll Reue über sein eigenes Fehlen und voll
namenloser Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies seines unschuldigen
Kinderherzens.
Wie lange war es her, daß er nicht mehr geweint hatte, und nun rann
die salzige Flut unaufhörlich aus seinen Augen, als müsse sie alles
Leid, alle Bitterkeit hinwegschwemmen. Er betete auch, er stammelte
unzusammenhängende Worte, er war in dieser Stunde kein Mennonit, kein
Katholik, er redete zu dem Vater der Welt, er sprach zu ihm wie ein
irrender Sohn, der, müde heimgekehrt, den Kopf an des Vaters Brust
birgt. Langsam kam eine erlösende Ruhe über ihn, Klarheit in sein
verwirrtes Fühlen und Denken; die Dissonanz seines Inneren löste sich
in dieser sternenklaren Nacht zu einem wehmütigen Schmerz, ein stilles
Sehnen kam über ihn: nach dem Frieden in Vater Abrahams Hause, nach
Tabeas reinen Kinderaugen, dort allein war seine Heimat.
Endlich erhob er sich. »Nun werde ich nicht wieder wankend, noch heute
Nacht trete ich den Heimweg an,« klang es in ihm, noch einmal schlang
er die Arme um das hölzerne Bild und legte den Kopf daran, er nahm den
letzten Abschied von der alten Heimat, in der niemand ihn liebte, die
ihm nun völlig zur Fremde werden sollte.
Mit festem Schritt trat er dann den Weg an, der ihn durch das Dorf zu
seinem Hause führte, dort wollte er noch Benjamin verständigen und dann
zur nächsten Bahnstation wandern.
Je näher er dem Dorfe kam, je greller schlugen die Töne der Tanzmusik
an sein Ohr, sie kamen aber von zwei Seiten, und mit leisem Schrecken
gewahrte er beim Näherkommen, daß vor dem Krug, trotz der späten
Nachtstunde, noch getanzt wurde; zwei Männer vollführten dazu auf einem
Dudelsack und einer verstimmten Geige ein grelles Getöse.
Schon zuckte sein Fuß, schon wollte er umkehren, aber nein, dachte
er, mögen sie mich schmähen, nun ficht es mich nicht mehr an, und er
schritt so gelassen an den Leuten vorüber, als hätten sie ihn nie mit
höhnenden Worten gescholten.
»Seht den Ketzer, wo schleicht der in der Nacht herum,« rief eine
heisere, trunkene Stimme, aus dem Knäuel der Tanzenden löste sich die
Gestalt eines Mannes und schritt auf Michael zu. »Kommst mir gerade
recht,« brüllte er den ruhig Stehenbleibenden an, »habe ein Hühnchen
mit Dir zu rupfen, =psia crew=, kennst mich wohl nicht, bist wohl zu
vornehm geworden, he?«
»Ich kenne Dich wohl, Woicech,« sagte Michael gelassen zu dem einstigen
Spielkameraden, »was willst Du von mir?«
»Wo die Valevka ist, sollst Du mir sagen?«
»Ich kenne keine Valevka, was ist mit ihr?«
»Fort ist sie seit drei Tagen, das Aufgebot wollten wir bestellen, nun
ist sie fort, Du hast ihr geholfen, gesteh' es nur, sie ist immer zu
Euren Betereien, zu Eurem Ketzerspuk im Walde gerannt, gieb sie raus,
Schurke, oder wehe Dir!«
Michael erinnerte sich dunkel an ein blasses, verschüchtertes Mädchen,
das Benjamin mit Valevka angeredet, er hatte sie kaum beachtet.
»Ich weiß es nicht, wo sie ist, willst Du sonst noch etwas? Sonst gieb
den Weg frei!«
Einen Augenblick imponierte dem Burschen die Festigkeit sichtlich, er
trat zurück, seine angeborene Unterwürfigkeit, die vor dem Herrn sich
beugt, kam hervor; da rief eine keifende, höhnende Stimme aus der Menge:
»Seht doch den Woicech, wie ihm der Mut alle wird, seht doch, und wie
er erst geprahlt hat!«
Ein heiserer Schrei rang sich über die Lippen des Trunkenen, mit
schwankendem Gang, mit starrem Blick kam er wieder näher an Michael
heran, der Branntweinduft schlug diesem entgegen und die Erinnerung
erfaßte ihn, er sah die wüste Scene vor sich, in der Nacht, da sein
Pflegevater starb, ein Schauer überrieselte ihn und er streckte
unwillkürlich die Hand aus, den Betrunkenen abzuwehren.
Die anderen Burschen, auch einige Weiber, waren näher herangetreten, um
zu sehen, wie der Woicech mit dem Ketzer umspringen würde; als Michael
den Betrunkenen abwehren wollte, ging ein Schrei der Entrüstung durch
ihre Reihen.
»Woicech, er will Dich schlagen, lass' es Dir nicht gefallen,« brüllten
sie.
»Mich schlagen, mich, der Ketzer,« mit einem Wutschrei raffte sich der
Bursche auf, blitzschnell hatte er sein Messer gezogen und stieß im
blinden Zorn um sich.
Michael sah plötzlich das blitzende Messer vor sich, er fühlte einen
Stoß und taumelte, seine Hände griffen nach der Brust, warm rieselte es
an seinen Fingern nieder; ein Schwindel ergriff ihn, er sah alles vor
sich in einem blutroten Nebel zerfließen, wie aus weiter, weiter Ferne
hörte er Musik, mit einem dumpfen Ächzen brach er zusammen.
Sekundenlang standen die Leute wie erstarrt vor dem Geschehenen, bis
eine Frau aufschrie: »Heilige Jungfrau, der Woicech hat ihn erstochen,
holt den Pan Kommissar!«
Da kam Leben in die Menge, gellende Rufe der Frauen mischten sich mit
dem Fluchen der Männer, jäh verstummte die Musik, Wolf Salomon stürzte
händeringend hervor und rief: »Erstochen hat er ihn, oh der verfluchte
Mörder, ich armer Mann, was wird der Pan Kommissar sagen, er schließt
mir den Krug, ich bin ruiniert!«
Alles schrie aufgeregt durcheinander, alle Heiligen wurden angerufen,
den Woicech, der mit blödem Lachen davon taumelte, trafen einige
Püffe, die Weiber zeterten nach dem Pan Propst, die Männer nach dem
Pan Kommissar; eine Frau lief schließlich, den Propst zu holen, einige
andere folgten ihr, immerfort jammernd, als müßten sie der stillen
Straße das Unheil verkünden.
Der Stellmacher beriet erst mit dem vollständig fassungslosen Salomon,
ehe er sich gemächlich auf den Weg nach dem Schloß begab, vielleicht
war der Pan Kommissar dort oder ein Wagen wurde nach ihm ausgesandt.
Keine Hand aber rührte sich, dem Todwunden zu helfen, er war ja nicht
mehr einer der Ihrigen und »alles so lassen«, hatte doch der Pan
Kommissar ausdrücklich gesagt, als der Frantizack Wakowiak sich erhängt
hatte, »alles so lassen, nichts anrühren, bis das Gericht kommt«, so
standen sie und blickten mit blöder Neugier auf den Mann nieder, dem
langsam der rote Lebensstrom aus der Brust quoll.
Auf einmal verstummte die lebhafte Rede, ein verhaltenes Flüstern
ging durch die Reihen und alle sahen gespannt auf die Dorfstraße, die
entlang ein kleiner Trupp kam, der Propst in sichtlicher Hast voran,
gefolgt von einigen weinenden Frauen.
Der Propst! Die Leute neigen sich demütig, als der Geistliche in
ihren Kreis trat, der Krugwirt fing lauter an zu zetern und die trüb
brennende Öllampe, die er herbei geholt hatte, schwankte bedenklich
in seiner Hand. Das flackernde Licht fiel gerade auf das totenbleiche
Gesicht des Geistlichen, scheu wichen die Menschen zurück, vor dem
Sterbenden, der da auf dem Rasen lag, war ihr Reden nicht verstummt,
aber vor dem Priester mit den gleichsam versteinten Zügen wurden sie
stille.
Kein Laut, kein Schrei kam über des alten Mannes Lippen, da er nun in
dem schwankenden Licht der Lampe, im Strahl des Mondes, den stillen
blassen Mann erblickte, der in einer Lache roten Blutes lag. Er riß
nur mit zitternden Fingern ein Tuch aus der Tasche und preßte es auf
die Stelle, wo unaufhörlich das Blut hervorsickerte, dann umschlang er
behutsam den Kopf des Verwundeten.
»Helft tragen,« sagte er rauh, »zu mir!«
Die Leute, die erst nicht die Hand gerührt, griffen nun rasch zu und
trugen ihn die kurze Strecke bis nach der Protein.
Wenige Minuten später lag Michael auf dem Sopha im Studierzimmer,
die Träger waren gegangen, einer war zum Arzt gefahren, die alte,
unaufhörlich lamentierende Haushälterin hatte Propst Ryback
hinausgeschickt, nun war er allein mit dem Sterbenden. Er hatte so gut
er es vermochte, einen Verband um die Wunde gelegt, um das Blut zu
stillen, denn ehe der Arzt kam, konnten Stunden vergehen; nun saß er
regungslos, unverwandt auf das blasse Gesicht starrend.
»Nur nicht sterben, nicht sterben, oh Gott, laß ihn nicht sterben,«
schrie es in seinem Inneren.
Draußen auf der Straße verstummte allgemach das Schreien, die
schlürfenden Schritte seiner Haushälterin waren verhallt, nur manchmal
bellte ein Hund auf, sonst unterbrach kein Laut die tiefe Stille umher.
Allein Vater und Sohn, mit beiden Händen umklammerte der Alte die
wachsbleiche, schlaffe Hand des Jungen.
»Michael, stirb nicht, wach auf, höre mich doch, stirb nicht, mein
Sohn, ach, stirb nicht, hörst Du mich, ach, stirb nicht!« In namenloser
Angst flüsterte er es, keinen Blick von dem weißen Gesicht wendend, oh
Gott, er atmete noch, noch war Leben in ihm.
»Oh Du barmherziger Gott, laß ihn nicht sterben, Michael stirb nicht
so, sieh mich noch einmal an, noch einmal!«
Draußen rollte ein Wagen, der Propst fuhr auf, der Arzt, vielleicht
kommt er schon, er rettet ihn noch, aber das Rollen verliert sich in
der Ferne, wohl einer der Gäste vom Schloß, der vom Ball heimfährt.
Wieder eine vergebene Hoffnung, die Minuten verrinnen, sie werden zu
Stunden, immer noch liegt Michael still und unbeweglich da, nur der
leise, kaum merkbare Atem zeigt, daß noch Leben in ihm ist; immer
angstvoller klingt das Flehen des Propstes. »Wach' auf, oh nur noch
einmal, oh Michael vergieb!«
Vor den Augen des alten Mannes zieht sein ganzes Leben vorbei, sein
Fehlen und sein Sühnen; aber hat er denn gesühnt? Nein, tausendmal
nein, schreit es in ihm, ich habe nicht gesühnt, neue Schuld zu der
alten gehäuft, den Sohn verleugnet, ihn hinausgetrieben, seinen Frieden
gestört, seinen Glauben an die Menschheit erschüttert. Selbstgerecht
bin ich gewesen, stolz auf mein Priestertum, oh und welch schlechter
Priester!
»Die Liebe läßt sich nicht verleugnen, sie bleibt Siegerin,« er denkt
an die Worte Marias, ja, er hat die Liebe leugnen wollen, sie aus
seinen Herzen reißen. Thörichtes Unterfangen! In dieser Stunde fühlt er
es, die Liebe läßt sich nicht leugnen und nun ihm die Einsicht kommt,
ist es zu spät.
»Wach' auf, wach' auf,« fleht er von neuem, »nur einmal noch sage Vater
zu mir! Oh Du allmächtiger Erbarmer da droben, laß ihn mir, nimm ihn
nicht jetzt, wo ich sühnen möchte, nur kurze Zeit noch laß ihn mir, nur
einen Tag, oh, nur eine Stunde, großer Gott, sei barmherzig!«
Glitt nicht ein Zucken über die Züge des Sterbenden, der Alte beugte
sich spähend über ihn, täuschte ihn nur das Flackern des Lichtes,
nein, wirklich der Atem ging rascher, die Lieder hoben sich ein wenig,
tastend glitten die Hände über die Decke hin.
»Michael, wach' auf!«
Es war, als hätte der Schrei die fliehende Seele zurückgehalten,
langsam öffnete Michael die Augen, mit leerem, fremdem Blick ruhten
sie auf dem Geistlichen, der seine Hände krampfhaft umklammerte, mit
versagender Stimme flüsterte: »Mein Sohn, vergieb, ach, vergieb!«
»Vater, lieber, lieber Vater,« wie ein Hauch nur klangen die Worte, ein
leises, friedliches Lächeln verklärte das Gesicht des Todwunden, »ach,
nun ist alles gut -- mir ist so wohl -- Tabea -- Vater -- ich --« die
Augen schlossen sich wieder, immer leiser wurde der Atem -- ein kurzes
Röcheln -- ein Ruck ging durch die Gestalt -- die Hand, die der Alte in
der seinen hielt, wurde eiskalt. --
»Michael, mein Sohn,« mit einem Aufschrei brach der Vater neben dem
Toten zusammen, er preßte seine runzelige Wange an die eiskalte des
Sohnes, er umklammerte krampfhaft dessen Finger, er küßte die kalten
Lippen und weinte. --