»Soll der Propst mit Maria sprechen, Mama? Ich fürchte auch, er wird

keinen Einfluß haben, Maria ist furchtbar eigensinnig, auf meine

Vorstellungen hat sie mir nur erwidert, ich verstände nicht, was

Liebe ist, allerdings! diese Liebe verstehe ich nicht,« sagte Kasia,

hochmütig das hübsche Köpfchen hebend.

»Gott sei es geklagt, Marias Eigensinn macht mich krank, sage, mein

Liebling, wie nimmt Gräfin Jusia die Sache auf, ich vermied bisher ein

Gespräch mit ihr darüber, ist sie nicht empört, wie es all' unsere

Freunde sein würden?«

»Empört, oh nein,« etwas zögernd kam die Antwort von Kasias Lippen;

»Mama, ich muß es Dir sagen, ich bin eigentlich etwas indigniert über

die Art, wie Jusia den Fall auffaßt, denke nur, sie findet es gar

nicht schlimm, einen Bürgerlichen zu heiraten; sie sagt so ungefähr:

>das Geld wiegt den Adel auf<, ich glaube beinahe, sie würde einen

Bürgerlichen heiraten, wenn er nur reich wäre!«

»Ja, mein Kind, das ist etwas anderes, leider, leider sind die Zeiten

vorüber, wo der Adel die einzige Macht war, heute teilt er sich mit der

Macht des Geldes, aber dieser Dr. Werner ist ja nicht einmal reich, ja,

könnte er Maria ein standesgemäßes Leben bieten, ach, für das Glück

meines Kindes wollte ich mich demütigen, ich bin ja so selbstlos, lebe

nur für Euch, bringe mich selbst zum Opfer, ach!«

»Mama, ich glaube, Propst Ryback ist gekommen,« unterbrach Kasia

die Redende, froh, daß sie das Gespräch beenden konnte, denn sie

wußte, wenn die Mama einmal begann, von sich und ihrer Aufopferung zu

sprechen, kam sie so bald nicht zu Ende.

»Der Propst, ach, es ist mir wirklich ein Trost,« und rasch ergriff

Frau Halinka das Gebetbuch und sah erst auf, als Propst Ryback vor ihr

stand.

»Oh, mein teurer Freund, gut, daß Sie kommen, mir armen Frau Trost zu

bringen,« rief sie, des Geistlichen Hand erfassend, und nun folgte die

ganze Leidensgeschichte, unaufhaltsam floß der Strom ihrer Rede dahin

und schweigend hörte der Propst ihr zu.

»Darf ich Maria sprechen, gnädige Frau?« sagte er statt jeder Antwort.

»Gewiß, oh gewiß, das ist es ja, was ich wünsche, auf Sie, ihren alten

Lehrer und Beichtvater, wird mein irregeleitetes Kind vielleicht eher

hören, wie auf die Stimme der sorgenden Mutter, ich werde sie rufen

lassen.«

»Bitte, nein!« Der Propst zog Frau Halinkas Hand von der Klingel fort.

»Ich werde zu ihr gehen, es ist besser, ich spreche allein zu ihr, ich

komme nachher und erstatte Ihnen Bericht, bis dahin Gott befohlen, ich

werde Maria schon finden.«

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer, eine Erwiderung Frau Halinkas

gar nicht abwartend.

»Unerhört eigentlich, diese Art, einfach meinen Wunsch unbeachtet zu

lassen, der gute Propst scheint seine Stellung etwas zu vergessen, aber

daran ist wieder Marcel schuld, der versteht auch nicht im Geringsten,

seine Würde als Patronatsherr zu betonen, ich muß ihm wirklich einige

Vorstellungen darüber machen.« --

Propst Ryback brauchte nicht lange nach seinem Beichtkind zu suchen,

in ihrem Zimmer fand er sie, unthätig am Fenster sitzend und mit

versonnenen Augen in die Ferne schauend.

Langsam stieg ihr ein feines Rot in die Wangen, als sie den Geistlichen

erblickte.

»Gelobt sei Jesus Christus,« sagte er, ihr segnend die Hand auf das

dunkle Haar legend.

»In Ewigkeit, Amen,« erwidert sie, ihm ehrerbietig die Hand küssend.

»Du wirst ahnen, warum ich komme, Maria?« frug er.

Er nannte sie, die er getauft und in die Lehre der heiligen Kirche

eingeführt hatte, noch Maria und Du, auf ihren besonderen Wunsch war es

so geblieben.

»Ja, Hochwürden, ich weiß es, ich weiß auch, daß Sie im Auftrag

meiner Mutter kommen, aber ich will es Ihnen gleich sagen, daß Sie

vergebens kommen. Sie, Hochwürden, wissen ja, wie ich gerungen habe

gegen diese Liebe, wie ich still mein Leid getragen habe, aber nun

ist mein Glück gekommen und ich will es halten. Sagen Sie nichts von

Religionsunterschied, von Standesvorurteil,« fuhr sie beinahe heftig

fort, so daß der Priester erstaunt auf sie sah. War das die stille

ergebene Maria, die da sprach mit glühenden Wangen und strahlenden

Augen? »Mein Gott weiß es, wie ich gekämpft habe gegen diese Liebe,

nicht einmal, hundertmal habe ich es mir gesagt, Du darfst Dich dem

Gefühl nicht hingeben, darfst diese thörichte Hoffnung nicht hegen, er

hat Dich längst vergessen, aber immer wieder übertönte die Sehnsucht

alles, und als er vor wenig Tagen vor mir stand, da wußte ich es, diese

Liebe kann nicht sterben, sie ist ein Teil meines Selbst, sie ist mein

Leben! Meine Mutter und Schwester widerstreben mir, sie sehen nur den

bürgerlichen Mann, nicht sein großes, gütiges Herz, sie schelten mich,

verdammen mich und heißen meine Liebe ein Unrecht. Sie haben es mich

gelehrt, die heilige Schrift sagt es uns, daß die Liebe von Gott kommt,

kann sie da ein Unrecht sein? Nein, Hochwürden, nein, meine Liebe

ist keine Sünde, was zwischen uns steht, ist Menschenwort, Gott, der

über uns Allen ist, an den wir glauben, wie wir uns auch nennen, ob

Katholiken, ob Protestanten, ist ein Gott der Liebe, der nicht zürnt,

wenn wir die Liebe im Herzen tragen. Was hilft es dagegen zu kämpfen,

leugnen läßt sich die Liebe nicht, sie bleibt doch Siegerin. Meinem

Glauben werde ich treu bleiben, wie er dem seinen, meinem Glauben,

aber auch meiner Liebe, denn ich liebe ihn mit der Liebe, die alles

trägt, alles duldet, mag Sorge und Leid unser Los sein, mag eine Welt

sich zwischen uns stellen, er ist mein Glück und meine Liebe ist

unwandelbar!«

Maria schwieg, feines Rot lag auf ihren Wangen, die Augen strahlten und

ein Ausdruck von Begeisterung verklärte ihr Gesicht förmlich.

Unverwandt sah der Propst auf das Mädchen, er wollte sprechen in Frau

Halinkas Namen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, aus dem Nebel

der Vergangenheit löste sich ein Bild, er sah vor sich ein schlichtes

Mädchen aus dem Volk, die ihm alles gegeben hatte, ihre Liebe, ihre

Ehre, und er sagte ihr, er müsse scheiden von ihr, um der Welt, um

seines Gelöbnisses Willen, da hatte sie demütig gesagt: »Ich will aus

Deinem Leben gehen, aber meine Liebe kann erst mit mir sterben, sie

ist unwandelbar.« Vor wenig Stunden hatte der Sohn jenes Weibes ihm

zugerufen: »Die Liebe läßt sich nicht leugnen,« hatte er recht?

Totenstille herrschte im Zimmer, Propst Ryback hatte die Hand über

die Augen gelegt, er war beinahe zusammen gesunken auf seinem Stuhl

und Maria stand und sah mit strahlenden Augen, mit lächelnden Lippen

hinüber nach dem leuchtenden See, er verwandelte sich vor ihren Blicken

in einen breiten Fluß, sie sah prächtige Kuppeln, schimmernde Häuser

sich in ihm spiegeln, sie saß im Schiff mit ihm, dem Geliebten, Hand in

Hand.

Eine dicke Fliege flog summend im Zimmer umher, sie stieß mit dem Kopf

an die Fensterscheiben, sie wollte hinaus in den Sonnenschein, in die

Freiheit.

Schwerfällig erhob sich endlich der Geistliche, auf seinem sonst so

strengen Gesicht lag ein milder, wehmütiger Zug, den Maria noch nie

an ihm gesehen hatte, er ergriff die Hand des Mädchens und hielt sie

einige Minuten fest in der seinen, forschend in Marias Gesicht sehend,

dann sagte er ruhig:

»Ich will nicht erst versuchen, Dich umzustimmen, meine Tochter, ich

sehe, es wäre vergebens, möchtest Du nie den Schritt bereuen und nie

Deinem Glauben und Dir selbst untreu werden, die heilige Jungfrau

schütze Dich.« Er machte das Zeichen des Kreuzes über ihrem Haupt

und verließ dann das Zimmer; er ging auch nicht mehr zu Frau Halinka

hinein, er schritt hastig durch das Dorf, seinem Hause zu.

In seinem Studierzimmer, in das durch die dichtbewachsenen Fenster ein

gedämpftes, grünliches Licht fiel, saß er dann und sann. In seinen

Ohren klangen die Worte nach, die Maria zu ihm gesprochen hatte, das

Wort von der Liebe, die sich nicht verleugnen läßt, war es nicht

Wahrheit, hatte er nicht selbst gegen die Gefühle gerungen, die er als

Priester nicht hegen durfte? Er sah noch immer das bleiche Weib vor

sich, tot am Boden liegend, er hörte noch das verzweifelte Schluchzen

des Knaben; dann fühlte er die weiche Kinderhand in der seinen, sah die

großen Kinderaugen fragend in inniger Liebe auf sich gerichtet.

Der einsame Mann stöhnte auf. Fort, fort mit diesen Bildern, alles lag

weit hinter ihm, hart wollte er gegen sich sein, wie er es gegen den

Abtrünnigen gewesen war, keine Brücke gab es zwischen ihnen.

Was war nur mit ihm, war er denn schon so alt und schwach, daß die

Worte eines Mädchens an seinen Grundsätzen zu rütteln vermochten?

»Nein,« sagte er vor sich hin, »ich will nicht schwach werden, oh Herr,

gieb mir die Kraft dazu, reiße dies thörichte Gefühl aus meinem Herzen,

daß kein anderer Gedanke darinnen lebe, als der, Dir und unserer

heiligen Kirche zu dienen!«

Dann verließ der Geistliche das Zimmer und ging durch den Garten

bis zur Kirche und betrat diese, sie war leer, in einer Ecke lag

zusammengewundenes Grün und Blumen, grellbunte Astern, zartfarbene

Balsaminen und starkduftender Lavendel, vermischt mit Birkenlaub und

Rosmarin, bestimmt, zu dem morgenden Marientag die Kirche zu schmücken.

Der Propst blieb stehen und sah auf die Blumen nieder. Auch eine Maria

war jene gewesen, deren blasses, trauriges Antlitz ihm nicht aus den

Sinnen kommen wollte. Eine Maria, eine arme, müde, gequälte Dulderin!

Er wandte hastig den Blick von den Blumen und schritt zum Altar, dort

kniete er nieder und rang mit sich in stummem Gebet, bis ihn das

Öffnen der Kirchthür aufschreckte. Dicht am Eingang kniete ein junges

Weib, heiße Zähren rollten ihr über die Wangen; als sie den Priester

erblickte, fuhr sie erschrocken zusammen.

»Bist Du es, Valevka? schweres Leid scheint Dich zu bedrücken, bete zu

der heiligen Jungfrau, damit Dir Trost werde!« Er machte das Zeichen

des Kreuzes über ihrem Haupt und schritt dann weiter, das Mädchen

richtete sich auf und streckte die Hände nach ihm aus, als wolle sie

ihn halten, er wandte sich noch einmal um und sie sah in sein strenges

Gesicht, das unbeweglicher denn je war. »Willst Du noch etwas, Valevka?«

Stumm bewegte diese verneinend das Haupt und sank in ihre Stellung

zurück, Propst Ryback verließ die Kirche, ihm nach klang ein leises,

wehes Schluchzen.

* * * * *

Die weiten Säle von Schloß Lochowo hallten wider von Kasias lustigem

Lachen und Singen, vergessen war der Ärger und die Empörung der letzten

Tage, eitel Sonnenschein lag auf ihrem Gesicht, sie trällerte und

zwitscherte wie ein Vogel, war ausnahmsweise liebenswürdig gegen die

Dienstboten und fand sogar für Maria ein freundliches Wort. Auch Frau

Halinka hatte sich von ihrem Leidenslager erhoben, hatte mit wehmütigem

Blick die Trösterinnen ihrer sorgenvollen Stunden, Modenzeitung,

Gebetbuch und Konfektschachtel, =ad acta= gelegt und hatte es für gut

befunden, Herrn Marcel eine huldreiche Miene zu zeigen. All diese

welterschütternden Veränderungen hatte der Hausherr mit der einfachen

Frage veranlaßt, wann das geplante Sommerfest stattfinden sollte und ob

die Damen Wünsche dazu hätten, er führe nach der Kreisstadt und sollte

es ihm ein Vergnügen sein, alle Kommissionen zu erledigen. Frau Halinka

fand danach das erste freundliche Lächeln seit langem für ihren Gatten;

Kasia jubelte laut auf und umarmte stürmisch ihren einzig geliebten

Herzenspapa, auch Gräfin Jusia wurde sichtlich lebhafter, als sie es

seit einigen Tagen gewesen und Maria -- sie ging still hinaus und

dachte: »Armer, lieber, schwacher Vater, wie schwer mußt Du ringen um

den Frieden im Haus.«

Der Kommissionszettel wurde lang, sehr lang und das Gesicht Herrn von

Leninskis nicht kürzer; der Seufzer, mit dem er seinen Wagen zu der

bewußten Fahrt bestieg, war auch lang, er endete eigentlich erst, als

er in der Kreisstadt angelangt, das Haus von Samuel Schmuhl verlassen

hatte und seine Brieftasche eine Anzahl blauer Scheine aufwies. Den

Gedanken, wie verschwindend wenig ihm noch von dem letzten Ernteertrag

blieb, spülte er bei Roman Przybilski mit einem Schoppen Ungarwein

hinweg.

* * * * *

»Sag doch, Jusia, findest Du wirklich, daß dieses matte Rosa

vorteilhaft für mich ist, sag' es doch bitte aufrichtig, Mama ist ja

entzückt davon, ich möchte aber doch Dein Urteil hören?«

»Reizend, Hülle wie Kern,« bestätigte Jusia mit zerstreutem Blick,

Kasias zierliches Persönchen musternd, das wie eine Bachstelze hin und

her wippte.

»Ach Jusia, weißt Du, ich wünschte, dieses Fest bedeutete eine Wandlung

in meinem Leben, aber dazu ist wohl keine Aussicht.«

»Ach so, eine Wandlung mit Trauring und Namensänderung, Hochzeitsreise

nach Paris u. s. w., ich verstehe.«

»Nein, Jusia, Du bist unheimlich klug,« lachte Kasia halb verlegen,

»aber Recht hast Du und ein Unrecht ist dieser Wunsch ja nicht, ach,

wenn doch ein furchtbar reicher, furchtbar schöner, --«

»Furchtbar vornehmer Mann käme und klein Kasia mit sich nähme,«

unterbrach Jusia sie lachend. »O Du einfältiges, anspruchsvolles Kind,

reich, schön, vornehm und alles in erhöhtem Maßstabe, nein, da bin

ich doch bescheidener, ich begnüge mich mit furchtbarem Reichtum und

nehme sogar furchtbare Dummheit in den Kauf, die ist angenehmer wie

Schönheit, denn schöne Männer sind noch eitler wie schöne Frauen und

beide Teile eitel, verträgt sich nicht gut zusammen.«

»Nein, Jusia, höre auf; Du bist gräßlich, wenn Du so anfängst, sage mir

lieber, welche Blumen ich nehmen soll, ich will hübsch sein; Jemand

ist doch da, für den es sich vielleicht lohnte, Du weißt, daß Graf

Sucholski zugesagt hat, schön ist er ja nicht, eher häßlich und alt,

aber reich und vornehm, Mama sagt, das wären genügende Vorteile.«

Kasia tritt vor den Spiegel und hält eine noch nicht voll erblühte

Theerose an ihr braunes Haar, sie sieht nicht den halb spöttischen,

halb ärgerlichen Blick der Freundin.

»Eine Konkurrentin also und mir scheint, keine zu unterschätzende,«

murmelt diese, dann tritt sie hinter die am Spiegel stehende und

vergleicht sorgsam die beiden Gesichter und sagt ruhig: »Die weiße

Rose steht Dir nicht, nimm lieber ein etwas kräftigeres Rosa, aber

nun muß ich einmal nach meiner eigenen Toilette sehen, =addio=,

Kleine, verliebe Dich nicht in Dein eigenes Spiegelbild! Aber was ich

noch fragen wollte, wird Marias Verlobter zugegen sein und wird das

Brautpaar vorgestellt werden?«

»Um Himmelswillen, Jusia, was denkst Du, das ist doch einfach

unmöglich, es wäre geradezu ein Skandal, nein, diese Überraschung

können wir unseren Gästen nicht bereiten, zumal die Sucholskis denken

in dieser Beziehung so streng. Mir vergeht gleich alle Freude, wenn

von der unseligen Sache gesprochen wird, ich hoffe immer noch, Maria

besinnt sich, aber nun hat sie ja noch einen Bundesgenossen, ich finde

es unbegreiflich von Propst Ryback, für Maria zu sprechen, noch der

Mama zuzureden, in diese romantische Heirat zu willigen, ich würde

lachen, wenn ich mich nicht so ärgern müßte.«

»Rege Dich nur nicht auf, mein Herz,« sagte Jusia, »ich wollte es nur

wissen,« und während sie den Korridor nach ihrem Zimmer entlang geht,

denkt sie: »Ein interessanter Gesprächsstoff, um die Unterhaltung mit

Graf Kasimir zu beginnen.«

Lange steht sie dann vor ihrem Spiegel und prüft nachdenklich ihre

Erscheinung, ein weißes Seidenkleid umschließt in tadellosem Sitz ihre

schlanke Gestalt, es ist ein schönes Bild, das ihr entgegenstrahlt,

aber vor ihrem geistigen Auge taucht ein anderes daneben auf, das einen

häßlichen Schatten wirft. Sie starrt in den Spiegel und eine feine

Falte gräbt sich in ihre weiße Stirn.

»Es ist zum wahnsinnig werden,« murmelt sie, »immer dieselben

thörichten Gedanken, immer das häßliche Bild, fort, fort damit, ich

will nicht mehr an die Stunde im Kahn erinnert sein, ich will nicht!

Oh, wenn Tante Amélie dies erführe oder die Leninskis, Prinz Sergei

und all die Anderen, Gräfin Jusia Potocka, die Stolze, die Kalte, läßt

sich von einem etwas verfeinerten Bauernburschen küssen, nur weil

er zufällig zur rechten Zeit kommt, die Langweile einer Stunde zu

verscheuchen! Pfui, wie häßlich, Jusia, woran dachtest Du, als Du in

des blonden Propheten Armen lagst? Es wird Zeit, daß ich fortkomme, die

Einsamkeit ruft diese verrückten Gedanken hervor; ja, fort, fort, dann

werden auch diese Bilder schwinden, ich hasse mich selbst, hörst Du es,

Jusia Potocka, ich hasse Dich, könnte Dich erwürgen vor Wut über Deine

unglaubliche Thorheit; wenn doch der Mensch wer weiß wo wäre und mir

nicht gerade bei jeder Gelegenheit begegnete, ich glaube, es geschieht

noch mit Absicht! Wie er mich anschmachtet, es ist zum lachen, eine

richtige Fastnachtskomödie, ich glaube gar, er denkt, es giebt nun eine

fröhliche Hochzeit, ich ziehe als Prophetenfrau mit in sein Häuschen

hinter den Malven, bete, koche Suppe etc. und bin hochbeglückt. Ha, ha!

Ja, lache nur, dumme, einfältige Jusia, oder weine lieber über Deine

Thorheit,« sie stampfte mit dem Fuße auf und ballte die weißen Hände

gegen den Spiegel: »Pfui, wie häßlich, wie kindisch, wie lächerlich

hast Du Dich benommen, oh, wäre ich nur erst fort, weit fort von

hier!« --

Gräfin Jusia hatte Recht, Michael suchte mit Absicht jede Begegnung

herbei, er streifte in der Nähe von Schloß Lochowo umher, er spähte

über die Mauer des Parkes, harrte stundenlang an der kleinen Bucht am

See, saß träumend unter den hängenden Eschen, immer in der stillen

Hoffnung, Du wirst sie sehen, sie wird Dich anlächeln, wie auf jener

einsamen Fahrt.

Wohl begegnete er ihr, aber nie allein, entweder schritt sie mit Kasia

von Leninska in munterem Geplauder einher oder sie fuhr an ihm vorüber,

aber nie traf ihn ihr Blick, ihre Augen schweiften über ihn hinweg,

als hätte es nie einen Augenblick gegeben, in dem sie in seinen Armen

geruht. Mit hochmütiger Kälte erwiderte sie seinen Gruß, sie sah nicht

das stumme Flehen, das heiße Werben in seinen Blicken. In dem Manne

aber loderte der Brand, den sie entfacht hatte, hell auf. Er kämpfte

einen verzweifelten Kampf mit seinem Stolz, seiner Leidenschaft und der

mahnenden Stimme seines Gewisses.

Unruhevoll irrte er umher, er hörte kaum darauf, wenn Benjamin ihm

frohlockend von dem Anwachsen seiner Gemeinde sprach, ja, er empfand

plötzlich ein förmliches Grauen vor dessen Fanatismus, seine Lehre, die

einsamen Gottesdienste im Walde, erschienen ihm als Komödie, jetzt, da

er gleichsam in einem anderen Banne stand, erkannte er das Unklare und

Verworrene in Benjamins neuem Glauben. In Stunden der Ernüchterung, in

denen er erwachte aus dem Fieber seiner Liebe, ergriff ihn heiße Angst

um den irregeleiteten Freund, um sich selbst, er sah dann den Abgrund,

an dem sie beide standen, Benjamin, verstrickt in seine verworrenen

Lehren, er, im Bann der Leidenschaft. Dann dachte er voll tiefer

Sehnsucht an das stille Dorf auf dem Sande, mit seinem Frieden, an das

schlichte, keusche Mädchen und an die klugen Augen Vater Abrahams, dann

faßte er den Entschluß, Benjamin zu bewegen, mit ihm heimzukehren;

dann sah er wieder die Gräfin oder er ging hinunter an den See, und

vergessen waren all seine guten Vorsätze, mächtiger denn je loderte die

Flamme in seinem Herzen auf und beherrschte seine Sinne.

Benjamin bemerkte wohl des Freundes innere Kämpfe. Michael war auch im

Grunde eine zu wahrhaftige Natur, um erfolgreich Komödie spielen zu

können, und so lag seine Seele bald offen vor dem Freunde da. Dieser,

der nur eine Leidenschaft, ein Ziel kannte, seine Lehre zu verbreiten

und dadurch gleichsam ein Herrscher zu werden, hatte nur Verachtung für

diese weibische Schwäche, wie er es nannte. Statt dem Freund als Freund

zur Seite zu stehen, dessem schwankenden Charakter eine Stütze zu sein,

griff er zum Spott; mit beißendem, höhnischem Spott überschüttete er

diesen, zog seine Liebe zu Jusia Potocka in den Staub und erreichte

gerade dadurch, daß Michael sich im Trotz von ihm abwandte, und

verbittert über das geringe Verständnis, das er fand, sich immer tiefer

in seine Schwärmerei verstrickte.

»Weißt Du auch, daß übermorgen auf dem Schloß ein Ball stattfindet,

es nimmt mich Wunder, daß sie Dich nicht eingeladen haben,« spottete

Benjamin, indem er Hut und Stock nahm, um sich zum Fortgehen zu rüsten.

Michael schwieg, er ließ des Freundes Hohn ruhig über sich ergehen und

las anscheinend eifrig weiter.

»Nun, kommst Du nicht mit, Du fehlst jetzt beinahe immer bei den

Andachten, natürlich, Gräfinnen sind nicht dabei und nach Bauerndirnen

sieht mein vornehmer Freund wohl nicht?«

»Schweig, Benjamin,« fuhr Michael auf, »warum ich nicht zu den

Andachten komme, ahnst Du sehr wohl, weil ich eingesehen habe, daß Du

mit Deinen phantastischen Lehren, mit Deinen Utopien, daß Ihr alle

auswandern wollt und in Amerika einen Staat gründen, in dem Ihr als

Brüder und Schwestern leben wollt, bloß den Leuten die Köpfe verwirrst.

Ja, ich leugne nicht, als ich hierher kam, meinte ich auch, ich würde

meinen Heimatgenossen ein Heil bringen, aber ich habe eingesehen, daß

sie viel glücklicher sind ohne uns, warum ihren Frieden stören! Laß uns

lieber heimkehren, Benjamin, heim nach unserem stillen Dorf, zurück in

den Frieden!«

»Nachdem Du Dich sehnst, wie ein Greis, nein, ich will nicht Ruhe, ich

will Kampf, gehe Du heim, wenn Dich die Sehnsucht treibt, Du bist ja

doch wie ein schwankendes Rohr, ja, gehe heim, setze Dich hinter den

Ofen und rede klug; Du bist ein Schwächling! Ein Blick aus Weiberaugen

genügt, um Dich plötzlich hellsehend zu machen, um alles, für was Du

seit Monaten gekämpft hast, über Bord zu werfen.«

»Nein, mein Benjamin, diese Vorwürfe verdiene ich nicht, seit vielen

Monaten fühle ich, daß wir nicht Segen stiften, daß wir nur Unheil

anrichten, wir bringen Zerwürfnis in die Familien, Unruhe in die

Herzen, ziehen uns Feinde zu und -- machen niemand glücklich.«

»Oh, Du weiser Moralprediger, Du,« höhnte Benjamin, »woher kommt Dir

so plötzlich Deine Erleuchtung? Hast wohl einen Mahnbrief erhalten aus

unserem stillen Sanddorf, und darum der Umschwung Deiner Gefühle?«

Eine jähe Glut stieg in Michaels Gesicht.

»Ja,« sagte er gepreßt, »Vater Abraham hat geschrieben, willst Du

lesen?«

»Nein, danke, ich kann mir ungefähr vorstellen, was er schreibt; nun,

er ist ein alter Mann, und Alter sehnt sich nach Ruhe, aber Du bist in

der Kraft Deiner Jahre und willst schon vom Kampf zurücktreten, willst

feige das begonnene Werk verlassen, und alles um eines Weibes willen?

Ja, fahre nur auf, es ist doch so, ich ahnte es an dem Tag, an dem die

blonde Hexe hier eintrat und vor mir zusammenschrak, wie vor einem

giftigen Reptil, da sah ich es kommen, da wußte ich, daß Dein Schwur an

Tabea nur leerer Schall war. Du zuckst zusammen, das Wort trifft Dich,

denn es ist wahr, gehe Du nur heim, vielleicht ist es besser so!«

»Ja, ich gehe auch heim, ich sehne mich nach der Stille im Sanddorf,

aber nicht allein, komm mit mir Benjamin, ich will die harten Worte,

die Du mir soeben gesagt hast, vergessen; laß uns wieder Brüder sein,

wie einst, reich mir die Hand und komm mit mir zurück zur Heimat!« Er

war aufgesprungen und streckte flehend dem Gefährten die Hand hin, aus

seinen Augen leuchtete die alte Innigkeit.

Mit heiserem Auflachen wich Benjamin zurück: »Ach so, nun soll eine

Versöhnungskomödie aufgeführt werden, zu was die Heuchelei, Bruder,

Freund, als ob man Freunde sein kann, wenn man sich haßt. Und ich hasse

Dich, Du brauchst mich nicht anzustarren, als wäre ich wahnsinnig, ich

hasse Dich, denn Du bist mir im Weg. Längst habe ich es eingesehen, bei

Deinen Schwärmeraugen, Deiner Reckengestalt vergessen die Weiber sich

und kommen zur Betstunde, vor mir aber weichen sie zurück, wie damals

die holde Gräfin; aber ich will nicht immer der Zweite sein, hörst Du,

nicht immer vor Dir zurückstehen, ich will herrschen. Mir sollen die

Menschen sich beugen, ein Führer will ich sein und meine Lehre muß

siegen!«

Stille Kämpfer: Roman · 第 5 / 7 段