Und nun erst begann das Leben! alles begann von vorn. --

Überdem ward ihm bewußt, daß er eine Anhöhe erstiegen hatte, und er

erkannte sie als jene, die er vor kaum einer Stunde verließ. Nur war die

Erde jetzt mit ihrem Schatten bedeckt, und die Dämmerung sank eilig.

Über die dunklere Ebene hinweg sah er Farben des Himmels im West,

goldene Streifen zwischen violetten Wolkenbänken, das regnende Fallen

rötlicher Dünste, dazwischen Ausblicke auf unendlich ferne grüne Halden,

die verhauchten. Darüber bebte das weißliche Gold wie Inneres von Äpfeln

im Kühlen, -- und noch höher ein tiefes Blau, gespannt wie ein Tuch,

dehnte sich mählich verblassend über den ganzen Himmel aus, der so rein

war wie eine Seele. -- Ach, die Hand zu tauchen in die Farben Gottes und

ein unsterbliches Bildnis des Lebens zu malen! War es unmöglich?

Die Wacholder warfen keine Schatten mehr, -- Schatten selber gleichend,

die aufrecht gestellt waren. Ihn fröstelte. Wird sie mich finden? Ich

muß stehn bleiben, wie soll sie mich sehen? -- Er wagte nicht, sich zum

Hause zurückzudrehn. Nun Geduld! mahnte er sich, Geduld! Sie ist

unterwegs, aber sie hat Zeit. Sie läßt sich Zeit, Renate läßt sich Zeit

...

Da ihm wieder die Brust schwellen wollte von Ängsten und Ungeduld,

beschloß er, an andres zu denken, sich zu sammeln, sich abzulenken, --

aber mit was? Was galt denn in dieser Stunde? -- Bogners Bilder, ja,

Bogner! Bogner galt. >Nichts ist der Mensch, doch das Werk, Götter

vollbrachtens durch ihn.< Was für ein Spruch? -- Er irrte mit Augen am

Himmelsbogen, irgend etwas zu fassen. Da hing im Klaviersaal Bogners

Bild ... Judith hieß sie ... das war lange her ... Damals lernte ich ihn

kennen ... Georg dachte krampfhaft weiter. Welch ein Leben! Damals zur

Ruhe gekommen nach schweren Stürmen. Nun wieder. Das letzte Mal? Damals

schon mir so groß, wie war er nun erst gewachsen, ausgebreitet, beladen

mit diesen heroischen Früchten! Heroische Früchte, ja, heroische Früchte

...

Aber weiter, weiter! was jetzt? Etwas denken! Etwas Wirkliches!

Wirklichkeit ... Was ist wirklich? Wirklich ist nicht, was geschieht,

sondern -- -- was? was? -- -- nicht, was geschieht, sondern -- was der

Geist aus dem Geschehenden macht. Wie Bogners Bilder. -- Er fügte die

Stücke des Satzes zusammen, -- ja, sie paßten.

Erzitterte vor Aufregung. Da! rauschten da Schritte? Jetzt? Jetzt?

Da regte sich in ihm das gewaltsam Hinabgedrückte, Verbotne; aber er

konnte ein wenig nachgeben und sich fragen: Warum, ja warum nur erfuhr

ich dies heut erst von Magda? Warum diese Frist von neun Monaten? In

neun Monaten wächst ein Keim sich zum Kind aus, -- darum? -- Ach nein,

antwortete er sich selbst und lächelte dabei: Hätte ich es schon damals

erfahren, so hätte ich es ja nicht überlebt. -- --

Ja, und nun -- was nun? -- Hier ging es nicht weiter, und um ihn blieb

alles still.

Orpheus! dachte er gequält, Orpheus! Warum Orpheus? Ach, sich nicht

umzusehn, das war jetzt die Aufgabe! Geduld! Oh nur Geduld!

Nichts ... Stille ...

In diesem Augenblick, wo er nahe daran war, alles hinzuschütten und sich

umzudrehn, fand er seine Augen angezogen von etwas zu seinen Füßen.

Dort war -- seine Füße standen im Haidekraut -- eine kleine kahle Stelle

darin, weißlich von Sand, rund, wie eine Tonsur, nicht größer als ein

Wagenrad. Mitten darein hatte sich eine gelbe Sternblume gestellt, wie

sie sonst im Frühherbst in dieser Gegend zu erscheinen pflegten; eine

sehr kleine Sonnenblume schien sie, nur statt mit schwarzer mit gelber

Mitte, ein vollkommenes Abbild der Sonne; stand da, ein kleiner Irrtum

der Natur, aber nun entschlossen, ihn aufrechtzuerhalten. -- Georg

atmete auf und lächelte.

Überdem, da er fortfuhr, die kleine Freundin zu betrachten, die sich da

stillschweigend zu ihm gesellt hatte, wurde alles um ihn fortgenommen,

so daß er nur noch die Blume sah. Dastehn sah er sie, auf ihrem dünnen,

mattgrünen Stengel; sah ihn, wie er in Abständen kleine Zweige abteilte,

die gefiedert waren; und sah oben auf leiser Biegung des Stiels das

kleine gelbe Antlitz sich wiegen, in der Dämmrung sternhell, in einer

unschuldigen und demütigen Haltung, -- und Georg konnte im kleinen

Umkreis um sie her den feinen Odem ihres Wesens und Daseins spüren, den

sie ausatmete.

Wie aber ward alles anders mit einem Mal? War es keine Blume mehr? War

es nur eine kleine grüne Seelengestalt, die hier mit sich allein war in

der Windstille? Warum hier? Und sehr allein, da sie nirgend hingehn

konnte, zu keinem Wesen der Freundschaft, nachbarlos, wie sie beschaffen

war. Aber wieder, je länger er hinsah, um so mehr ward sie Blume vor

seinen Augen, und er konnte wiederum Neues erkennen: daß sie von allen

Seiten gemacht war, ein lebendiges Wesen, das doch kein Hinten hatte

noch Vorn, sondern nach überallhin war wie das Licht.

Und wie er jetzt -- erzitternd -- sie erfüllt fand von einem inneren

Frohsein, so sanftgeneigt, so in sich blickend; und daß sie ihm alles

zeigte, was sie zu eigen hatte, ihr Nichtbemühn, ihre Unbedürftigkeit,

ihr Wissen um jedes, was not war, -- da dachte er in einer rieselnden

Bestürztheit noch: Sie ist gekommen -- und nicht Renate -- --

Und kniete hin. Über die zarte Erscheinung geneigt, zerschmolz ihm an

Wesen und Dasein die letzte Schranke; ging er, wie eine Flamme so

leicht, ein in die letzte Stille und war selber nur noch ein kleines

Gewölk von Seele vor dem kleinen Sonnenantlitz der Blüte.

Georg legte das Gesicht in die Hände und weinte.

Er erwachte, liegend am Boden, aus seinen Tränen, gelöst, heilig froh

und gestillt in allen Tiefen.

Heilig, heilig, ihr Tränen! sang eine neue Stimme. Die ihr euch im Kelch

einer Pflanze gesammelt habt als reinlicher Tau, ihr seid heilig.

Heilig, du ewige Pflanze! Unschuldige, aus dir leuchtete mir die letzte

Unschuld der Natur; meine eigene Unschuld leuchtete mir entgegen. Ich

habe gesündigt in meiner Verstricktheit, ich, der ich Füße empfing, zu

gehn, Hände, um zu fassen, und ein Herz, um Gutes und Böses zu sinnen.

Aber ich, der wie du aus dem unergründlichen Schoße stieg, ich habe

dennoch teil an dir und an deiner Unschuldigkeit. Sieh, ich halte dich

in der Hand, o du magischer Schlüssel, und die Riegel aller noch

verschlossenen Erkenntnisse springen freudig auf und lassen die

gefangenen Genien heraus in das nährende Licht. Vater, o Väterlichkeit!

Oh sei mir väterlich, Welt, und ich will dir dienen!

An den Ostrand des Himmels schien dem Liegenden sein Haupt, an den

Westrand schienen ihm seine Füße zu stoßen, -- so lag er auf dem dunklen

Rücken der Erde. Im Lüfteraum glitten Fanfaren. Aus Tiefen der See brach

ein ferner, dunkler Chorgesang auf:

_Aufgenommen, eingekehrt,

Durchgeprüft und tief belehrt.

Sohn und Sünder, Knecht und Held,

Aufgenommen in die Welt.

Nun behoben ist der Fluch,

Kräftig zeigt sich jetzt der Spruch:_

_In Nachtgewalten --

In Taggewittern --

Sich süß erhalten --

Sich nicht verbittern!_

Georg erhob sich. Es war nun fast dunkel geworden, aber der westliche

Himmel leuchtete noch mit ganzer Reinheit. Als er sich umwandte,

erschreckte ihn eine nahe, helle Gestalt, die noch Licht seltsam

abzugeben schien und ohne Bewegung dort stand wie schon seit langem. Mit

Überraschung und linder Freude erkannte er Cornelia und rief leise ihren

Namen. Sie kam mit leicht rauschenden Schritten, als ob sie über Wasser

ginge, durch die Stille; er konnte den besorgten Blick ihrer Augen

erkennen und sagte, ihre Hand ergreifend:

»Du hast gewartet?« -- Sie nickte.

»So will ich dir sagen, was mir widerfahren ist«, sprach er sanft und

geruhigte sein Wesen tiefer, seinen Arm in den ihren schiebend, an ihrer

Nähe und am Anschaun des Himmels.

»Einer wuchs auf, wie Alle, und fühlte sich richtig in seiner Welt.

Einer erfuhr, daß er falsch war. Einer verzweifelte an sich, wollte

nicht zweifeln und tat alles verkehrt. Einer erfuhr danach, daß er recht

war. Da sah er, daß tausend Falsches zusammen gemacht hatten ein

einziges Echtes. Ihm geschah wie Allen. Meinst du aber, ich rede von

Bogner?« Georg lächelte. »Nein, ich rede -- wie Alle -- von mir.«

Er schwieg. -- Sich umsehend nun, gewahrte er, an welch verlorener

Stelle er hier in der Ebene stand, nicht weiter erhöht, als um einen

Überblick zu haben. Unsichtbar, unhörbar im Nord lagerte die See; im

Osten rauchte die Nacht. -- Er sah heimlich von der Seite Cornelias

Profil und erkannte mit Rührung in seiner zarten Linie die Linie der

Sternblume wieder; ja im Blick dieses dunklen Auges den süßen Blick der

Natur: nach überallhin wie das Licht. --

»Sieh,« sagte sie, die Hand erhebend, »ein schöner Stern!«

Er sah ihn, nicht hoch am Himmel im Nord, der noch hell war dahinter.

Sah dann einen zweiten, höher, entfernt zur Rechten; und einen dritten,

wieder tiefer, weit rechts; alle Drei zusammen einsam, funkelnd im

lichten Blau. Ihm fiel etwas ein dabei, und er sagte, auf die Sterne

weisend:

»Weißt du, woran die Drei dort mich erinnern? An Bogner und Jason und

Renate, wie sie vorhin zusammen standen. Hast du's gesehn?«

Sie nickte. Eine Weile noch blieben sie schweigsam stehn. Dann, als

Georg schon zum Gehen bereit war, hörte er sie halblaut sagen:

»Ja -- die Drei. -- Und sieh, was ich eben dachte: Bogners Kraft, und

die Schönheit Renates, -- und Jasons Vernunft --, diese Drei sind ...«

»Sind?« fragte Georg ruhig.

Sie beschloß:

_Unwandelbar._

Hier enden des letzten Buches neun Kapitel oder doppelt so viele

Stunden.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 235 / 240 题