Magda

Erwachend aus schnellem und tiefem Schlummer, fand Georg sich

eingetaucht in ein großes und schweres Gefühl der Feierlichkeit. Aller

Munterkeit fern, und obwohl hell wach und erquickt, auch ferne von

Frische, saß er im Stuhl, beladen mit dieser starken und sehr ernsten

Schwere, in der auch ein traumhaftes Ziehen wogte, so als würden noch

wie magische Tücher Schlaf und Traum aus seinen Gliedern hervorgezogen.

Draußen mußte es sonnig sein, denn im Zimmer, das jetzt Schatten hatte,

zeigten die Dinge sich in tiefem Glanz: die Vitrine voll farbiger

Stücke, die goldbemalten schwarzen Koffer ihr zu Seiten mit ihren

rötlichen Stricken, an der Wand überm Sofa die Bilder der Jugendjahre,

das Sofa selbst und der Tisch, und im Schatten der Türnische, hinter dem

grauen Rupfen der Bücherregale, zeigte sich für einen Augenblick das

Zucken eines ewigen Auges.

Schlaf, du magische Wand! dachte er erstaunt. Hindurchgegangen,

entschwunden uns für Minuten, erwachen wir jenseits als Andre.

Die Taschenuhr, die er zog, stand auf halb Fünf. Also konnte er kaum

eine Viertelstunde geschlafen haben. Aber wo blieb die Anna?

Er besann sich auf Geschehenes, auf Bevorstehendes. Klemens im

Sonnenregen erschien mit der grünen Gestalt auf den Armen, -- dann der

Tote, aufrecht im Sessel, ein Schläfer, der sich gestillt hatte am

Leben. Nur ein leiser Schmerz ging von ihm aus, so daß es war, als ließe

die mystische Schwere, die Georg umhüllte, keine tatsächliche sonst zu.

Auch bewegten die wenigen Gedanken, die er erscheinen sah, sich

gleichsam mit kleinen Schritten, leicht und gebunden wie Kinder am

Sonntag. Was stand denn bevor? Was? -- Dieser Gedanke war zu schwer und

ließ sich nicht heben.

Georg erhob sich, trat an den Schreibtisch und blickte hinaus.

Ja, es war heller Sonnenschein. Der Schatten des Südflügels bedeckte,

wie an unzähligen Sonntagnachmittagen zuvor, den Hofraum zur Hälfte;

Mauer und Fenster drüben erglänzten im Ausdruck der stillen

Verlassenheit, die dem Sonntagnachmittag eigen ist überall auf der Welt;

auf dem Dache, das, weil es höher war, sonniger schien, ruckte die

Taubenschar, schillernd, deutlich mit ihren Schatten, und im vollen

Leuchten vor der azurnen Himmelstiefe stand der weiße Turm mit dem

Uhrblatt goldener Zeiger und Ziffern, der schwarzen Glocke im Innern, in

dem luftigen Meer ein sehr stilles Riff, hinter dem die ruhige Überfahrt

der bergichten Wolken schön vorüberglitt. Eine traumhafte Welle von

Heimweh und Abschied ging langsam zitternd über dies hin und machte es

um einen Hauch dunkler, ehe sie wieder verglitt.

Traumhaft jetzt war auch das leise Pochen an der Tür und das Eintreten

Annas in einem Kleid von der lavendelblauen Farbe, die sie zu lieben

schien, nebst Egloffstein, der hinter ihr einen kleinen Tisch mit dem

Teekessel und Geschirr hereinrollte und mit seiner sicheren und

lautlosen Geschäftigkeit für eine Minute das Zimmer erfüllte. Dann saß

Magda im Sessel am Fenster, in den Tassen rauchte der honigfarbene Tee,

sie ließ die Augen umhergleiten, ihre Tasse im Schoß, und fragte mit

lichter Stimme:

»Ist noch alles wie früher, Georg? Hängt die Schale noch über mir?«

»Ja, Anna.«

»Und die Bilder, und der Schrank -- alles wie immer?«

»Ja, Anna, aber wie sonderbar du sprichst! Als wolltest du Abschied

nehmen.«

Hierauf antwortete sie nicht, und Georg, die Tasse aus ihrer Hand

nehmend und seine Linke statt ihrer hineinlegend, fragte, das Gesicht

nahe am ihren: »Sprich die Wahrheit, Anna, kannst du wirklich irgend

etwas sehn?«

»Jetzt«, sagte sie ruhig, »sehe ich dein Gesicht und sogar deine Augen.

-- Sehen, wie du und Alle -- nein, Georg, das kann ich nicht. Aber es

ist immer hell, auch an den schlechtesten Tagen, wenn ich abgespannt bin

oder erregt. Sonst kannst du glauben, daß ich so viel sehen kann, wie

man braucht, um allein seinen Weg zu finden. Nur zu Schatten ist alles

geworden, aber --« sie hob seine Hand, »man kann fühlen.«

Georg, dicht vor Augen ihren sacht sich bewegenden Mund, die ganzen

Züge, offen, ausdruckbedeckt, durchspielt von innen, unendlich sinnvoll

und beseelt um das tote Braun des einen und das lebendigere, aber

gefleckte des andern Auges, -- er fühlte nach Sekunden, daß ihr Mund

näher wollte zu ihm, und kam ihm entgegen. Ihre Lippen berührten sich

behutsam und blieben so lange Zeit, ehe sie sich wieder ließen.

Eine Weile später erinnerte sie ihn dann, daß er ihr noch habe vorlesen

wollen. Er widersprach nicht, meinte aber, das Buch aufnehmend, es sei

doch alles kaum von Belang, außer für ihn selber. Zumal da sie alles von

Bogner Handelnde schon gelesen habe. Er wolle aber einmal zusehn, ein

paar Worte von Bogner stünden zwischen dem Übrigen. Blätternd derweil

hatte er bald gefunden.

»Ja, dies sagte er einmal: >Die den Menschen erzeugte, und die er

erzeugt: Natur und Kunst, diese beiden sind. Er selbst ist noch nicht.<«

»Nein, Georg, was ihr euch alles ausdenkt!« rief Magda unschuldig.

»Was, Anna, nimmst du uns nicht ernst? Bogner nicht ernst? Dann höre,

was er noch sagte, hier steht es: >Der Mensch ist nur dazu da, um Natur

in Kunst zu verwandeln.<«

»Das glaub ich. Ja, so muß einer sprechen. Nur weiter!«

Georg las:

»Porzellan

(nach einem Wort Bogners)

Das ist die edle Alchymie des Leidens,

Die, sehnlich nach des Himmels Gold, erfand

Der Erde kräftig zartes Porzellan,

Drin Kochendes sich kühlt, -- das dauerhaft

Gezeigt wird Enkeln an der Ahnen Festtag.«

»Davon ist aber zumindest die Hälfte von dir, Georg«, bemerkte sie

heiter.

»Aber keineswegs! Von mir ganz allein dagegen ist dies:« Er las ernst:

»Nur tiefer

(Im Gedächtnis Ulrika Tregiornis)

Der Tote, den du liebst, an seiner Hand

Führt er dich mit hinaus aus deiner Welt.

Du siehst dich um. Und wie der Schleier fällt,

Nur tiefer stehst du da in deinem Land.«

»Ulrika ...« sagte sie leise. Dann: »Welch ferne, ferne Musik!«

Georg ließ das Buch sinken und empfand lastender die Schwere, die auf

ihm lag. Über der ehernen kalten Meerflut erschien wehend der grüne

Deich mit dem einsamen Grabesblock, und das Auge der Verlassenheit erhob

sich darüber, ohne Bewegung. Georg glaubte, nicht gleich weiterlesen zu

dürfen, und glitt langsam in den ersten Absatz einer Niederschrift, die

allein vor den andern ein Datum zeigte, von dem er jedoch nicht mehr

wußte, was es bedeutete, und erst mit dem Anfang des zweiten Absatzes

fiel es ihm ein mit dem Heimwehstich, den er bekam.

>Wenn deine Freundin über irgendeine Sache Tränen vergießt, und zwar in

einem Maß, das dir unbegreiflich erscheint, und wenn du dann fragst, und

sie sagt: Es ist nichts! oder: Ich weiß nicht warum, -- so fliehe gleich

von ihr, denn über vier Wochen oder in einem halben Jahr wird sie dir

oder ihr etwas Furchtbares antun, dessen Tränen sie damals ahnungsvoll

vorausweinte.

Dies gab sich mir heut zu erkennen, als Cornelia mir am Abend nach ihrer

Rückkehr mitteilte, daß sie nicht bleiben könne. Nicht nur ihr unmäßiger

Schmerzausbruch vor Wochen, als sie nur auf acht Tage fortzugehn mir und

sich selber versprach, wurde mir Erinnerung, sondern diese zog noch zwei

andere mit sich, nämlich Cordelias Verzweiflung ohne Maß und Grenzen,

damals, als sie Theater vor mir gespielt hatte, und Annas Weinen,

damals, als ich sie küßte.

Da alles, was mit uns geschieht, aus uns geschieht, so gehört freilich

nur ein tieferes Eingebettetsein in die eigne Natur dazu, um zu ahnen;

und wie es scheint, sind Frauen so veranlagt.

Cornelia also geht. Der Mensch hält sie fest. Dies ist auch ein

Grundsatz über Frauen -- und nicht die schlechtesten: Gieb ihnen zu

wählen zwischen einem Geschenk und einem Opfer, sie strecken mit

tödlicher Gewißheit die Hand nach dem zweiten aus. Mit bis zum

Unverstand tödlicher Gewißheit.

Dieser Mensch war vor einigen Jahren dermaßen von Krankheit besessen,

daß er einmal wochenlang hungerte, aus Unfähigkeit, in einen Laden, in

ein Speisehaus zu treten, so daß er vom Frühstück der Zimmerwirtin

lebte. Als er einmal ein polizeiliches Papier verloren hatte, mußte er

und die Cornelia mit ihm jeden nur erdenklichen Fetzen, gleichviel

welcher Größe oder welcher Farbe und gleichviel wo, im Haus, auf den

Straßen, im Theater, aufheben und ihm zeigen, daß es nicht das verlorene

war. Heut ist er kränker als jemals, einem Idioten ähnlicher als irgend

etwas das sein könnte; was an ihm zu tun ist, könnte jeder Wärter gerad

so gut und besser besorgen -- denn ein solcher wäre standhaft, während

Cornelia sich mit verzehrt --, allein: sie muß. Ihr bricht das Herz im

Gefühl für mich; aber sie muß.

Ich habe ja wohl kein Recht, einen bittern Geschmack im Mund zu

bekommen, -- da ich sie nicht liebe. Aber mir ist bitter. Und ist es

nicht alter menschlicher Unverstand? In einem Heim für idiotische Kinder

sah ich strotzend blühende junge Mädchen und Frauen sich abmühen mit

diesen für alle Ewigkeit verdorbenen Geschöpfen, an die sich all jene

schöne Kraft und Willigkeit sinnlos vergeudete. Ist es nicht sinnlos,

daß, wenn hier ein Kranker ist, der ein gewisses -- sagen wir eine

gewisse >Luft< braucht, um zu gesunden, diese einem Gesunden entzogen

werde, der ihrer bedarf, um gesund zu bleiben? Ist nicht dies das

erstlich Wünschenswerte: Gesundheit zu erhalten, danach erst: Krankheit

zu heilen? (davon abgesehn, daß es in diesem Fall nicht einmal um

Heilung geht.) Die Ärzte, soviel ich weiß, unterschreiben mir den ersten

Satz, jene jedenfalls, die für den Kranken dazusein glauben und nicht

für ihre Rechnung, denn wahrhaftig, wenn es Leitsatz der Menschheit

wäre, auf die Erhaltung ihrer Gesundheit zu sehen, so könnte die Hälfte

aller Ärzte Anwalt werden oder Pastor, um statt für Körperheil für

Seelen- und Vermögenheil zu sorgen. --<

»Willst du nicht mehr lesen?« hörte er sich, noch bevor er die letzten

Sätze erreicht hatte, gefragt, und erwiderte, sie mit dem Blick

überfliegend:

»Etwas hätte ich dir gern vorgelesen, -- aber es ist etwas lang. Du hast

es nicht schon gelesen? Es ist das Letzte im Buch, die Überschrift

heißt: Ultimo, -- so habe ich es genannt, weil es damit >am letzten< mit

mir ist. Mein letztes Wissen steckt darin, und -- ich möchte dich

bitten, wenn ich nun lese, zu glauben, daß es -- nun, daß es sich nicht

um Einfälle handelt, sondern daß es -- wirklich mein Äußerstes ist,

nicht wahr, mein Letztes, die gesammelte Erfahrung von allem, was ich

er--lebte. Es sind Wochen vergangen, während ich es schrieb, und das

weiß ich noch, daß fast jeder Satz so langsam kam, als währte er eine

Stunde, und wenn er dann dastand ... aber gleichviel.«

Georg brach ab und schwieg. Eine Weile später begann er zu lesen.

»Ultimo

Motto: Wahrheit ist es nicht;

es ist meine Wahrheit.

I

Wenn wir uns klar zu werden versuchen über die Wirkung eines Dinges auf

uns, das wir schön nennen, welcher Art dasselbe auch sei -- der Natur,

der Kunst, dem Handwerk entsprossen --, so wird die einfache Antwort

lauten: Befriedigung.

Wir fühlen da eine magische Kraft von dem Schönen ausgehend uns treffen,

die, vom tiefsten Erstaunen zur höchsten Freude, eine mehr oder minder

mächtige Wallung in uns erregt, als würden alle gelockerten Bestandteile

unseres Seins durcheinander gewirbelt; als fühlten wir in diesem ersten

Stadium der Ergriffenheit das Chaos Welt, dem wir angehören. Danach

atmen wir auf; der Schrecken besänftigt sich, das Unglaubliche, die

Fremdartigkeit des Schönen, wird glaublich, da die Erscheinung bleibt,

und nun fühlen wir uns erlöst, fühlen uns geheilt, fühlen uns zufrieden.

Das Chaos in uns, oder die Unordnung, ist wie zum Kristalle

zusammengeschossen, und das Schöne ist der Kristall. Die Verworrenheit

der tausend Stimmen in uns hat ihren Einklang gefunden, und das Schöne

ist der Einklang. Und die wundervolle Ausschließlichkeit des Schönen,

die alle andern zurückdrängt hinter seiner glückhaften Erscheinung, sie

vollendet in uns die Gewißheit, daß die Welt zu einer Ordnung kam, zu

einem umfassenden Sinn, einer Sammlung, einer Stille, einem Frieden.

Hierin liegt mit ganzer Notwendigkeit die Folge beschlossen, daß, was

wahrhaft schön ist, auch gut sei.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 219 / 240 题