Renate stand mit Erasmus nach einem stillen und schönen Spaziergang
durch den klaren Nachmittag der Wiesen vor Bogners jetziger Behausung,
die im Tiefland um Böhne, ein kleines Stück unterhalb der alten
Stadtwälle lag, bis auf ein nahes Gehöft einsam in weiter und flacher
Gegend.
Renate wußte, daß Bogner einen ehemaligen Tattersall bewohnte; das,
wovor sie stand, war ein kleines weißgetünchtes Haus, hinter dem sich
das flache und schwarze Dach eines mächtigen Rundbaus -- der Reitbahn --
erhob. Auf ihr Klingeln erschien nach einiger Zeit der Maler selber, sie
begrüßten sich hocherfreut, er führte sie in den Flur und gleich durch
einen dahinter liegenden Gang zwischen den ehemaligen Boxen der Pferde,
deren eine nur von einem großen und äußerst dicken braunen Rosse bewohnt
war -- Renate kam es bekannt vor, ohne daß sie sich gleich erinnern
konnte --, während die übrigen mit Leinwanden und dergleichen Malsachen
vollgestellt waren, in die Reitbahn.
In dem riesigen kreisrunden Raum war es noch taghell vom allseitig voll
einflutenden Licht der breiten Fenster, die Renate für Augenblicke fast
blendeten. Vor ihr, in der Mitte der Halle waren drei große Rechtecke,
die nun zu Bildern wurden, Kehrseiten von aufgestellten Bildern,
liegende Rechtecke, höher als sie selbst. Aufgespannte Leinwande waren
im ganzen Umkreis an die Wandung gelehnt, häufig übereinander,
hundertfach zuckend von abenteuerlicher Gestalt und lodernden Farben,
und Renate ging hastig zwischen zweien der in flachen Winkeln
gegeneinander gestellten Bilder und drehte sich um.
Da stand sie vor einem so klirrenden Aufgebot der Phantasie, daß sie
zurückfuhr. Sie mußte sich zusammenraffen, um die Augen auf das nächste
der Bilder zu heften, wo ein gewaltiger Schwung hinsprengender Pferde
sie anzog.
Dieses Bild war sehr lang im Verhältnis zur Höhe. Einher vor einer drei
Viertel der Bildhöhe füllenden Wand von schwarzem Blau flog ein Gespann
fahler Rosse, graugelb, lebensgroß scheinend und überlebensgroß durch
ihre Gestaltung, gewaltig an Gelenken, Hälsen und Häuptern,
langausgestreckt im Galoppsprung. Dahinter -- kein Wagen, nur ein
einziges Rad mit erzbeschlagenen Speichen in bräunlichem Metallglanz,
trug die Gestalt eines fast nackten Mannes, um dessen Brustmitte
geschlagen ein kurzes rotes Manteltuch flatterte, einen Arm und die Hand
mit einer großen Bewegung des Lenkens ausgestreckt, mit kaum sichtbaren
Streifen von Zügeln zu den Rossen hin. Dieses Rot des Mantels, das
bräunliche Weiß seiner Glieder und das fahle Gelb des Gespanns war wie
das Blau der Arenawand nicht irdisch; unbekannte Farben, entseelt vom
Lichte dahier, innerlich verfinstert und wie getränkt mit einer tieferen
Essenz farbigen Daseins. -- Aber Renate erschrak vor dem oberen Viertel
des Bildes, aus dem Gesichter sie anblickten, tausend wie es schien, in
Reihen übereinander und immer tiefer und kleiner in eine niemals endende
Ferne hinein. Und all diese waren schändlich entstellt von Verhöhnung,
Gelächter, Spott, Roheit, allen Lastern. Und so blickten sie alle in
einer fleckigen Buntheit, ein wimmelndes Blumenfeld strotzender
Abscheulichkeit. -- Jedoch unten der Held, schmalen Gesichts, das einen
eher duldenden als tätlichen Ausdruck trug, zog ruhig dahin.
Dies ganze unerhörte Schauspiel zeigte sich Renate in einem
außerweltlichen Licht, das nicht darauffiel, sondern ihm, seinen Farben,
nur entsickerte; in einer trotz der jagenden Fahrt gefesselten Stille;
tosend und doch tief in Ruhigkeit; in Vereinsamung, in Entlegenheit; in
einem so fernen Fürsichsein, daß Renate glaubte, über eine Mauer einen
Blick in verbotene Gegend zu werfen.
Endlich gesättigt fürs erste, trat sie zurück und vor das nebenstehende
Bild hin.
Hier war Kampf. Im dunkel gehaltenen Vorgrund zur Linken galoppierte auf
einem grau geharnischten Pferde mit braunen Beinen ein schwarzgrau
Geharnischter über einen Haufen Erschlagener schräg aus dem Bilde, statt
des Kopfes nur einen graden Helmtopf mit Augenschlitzen auf den
Schultern, den braunen Schaft seiner Lanze aus dem Bilde heraus
gerichtet. Links von ihm tief in der Bildecke zusammengekauert war ein
nackter Neger, der den Bogen spannte --, dessen Pfeil stak rechts drüben
in der Weiche eines Sarazenen, der mit seiner reichen Kleidung nach
hinten schlug, so daß der Pfeilschuß die Breite des Bildes überspannte.
Den Mittelgrund nahm eine leere Aufhöhung ein, und hier war alles hell,
weißlich und silbrig, und silbrig grüne und eisbläuliche Erscheinungen.
Ganz hinten, klein, jagte mit lichtblauen Bannern, weißen Harnischen und
weißen Pferden ein Reiterzug die Anhöhe herauf und jenseits wieder
hinunter, entschwindend. Er war herausgekommen aus einem altertümlichen
silbergrünlichen Stadttor, das vor dem dunklen Hintergrund wie vor einem
düsteren Meere stand. Inmitten aber, wo der Raum der Anhöhe weit und
breit frei war, kam langsam, Renate sichtbar erst jetzt, die in der
Entferntheit kleine Gestalt des Eroberers geritten, gleich erkennbar als
solcher. Das weiße, massive Roß in lichtblauem Geschirr bewegte sich,
den dicken Hals angezogen, sich drehend, in einem großartigen Pomp,
geführt von einem Pagen in Blau und Silber. Der Heros im Sattel zeigte,
so klein er war, die Züge des Fahrers vom ersten Bild. Er schien eine
Wolke von weißem Licht um sich zu verbreiten.
Renate staunte, kaum atmend, über die Stille. Die schmetternde
Gewaltigkeit des Vorganges vorn schmolz im Augenblick an der ruhevollen
Erhabenheit dessen in der Mitte, dessen Feierlichkeit nun in eins klang
für sie mit jener, in deren Schutze sie hergekommen war durch den
sonnenstillen Charfreitag.
So wagte sie sich vor das dritte Bild.
In einem Sessel saß hier die Madonna auf einem kleinen Thron aus
verschiedenartigem Marmor, schwarzem, weißem und braunem, Stufen,
Plattform und Säulengeländer, in einem Gewand von ähnlichem schwarzem
Blau wie das gewitterwandgleiche des ersten Bildes, gradausblickend,
sehr still -- und plötzlich mit ihren eigenen, Renates, Zügen, den
unheimlich entfremdeten durch dunkle Brauen und schwarzes Haar. Vor ihr
der stehende Knabe in einem hellrötlichen Hemd, hatte ein sanft ovales
Gesicht, von schwarzen Haarsträhnen umrahmt, leicht bräunlich, indisch,
und die mandelförmigen Augen von lichtem Blau hielten ein zauberhaftes
Lächeln der Stille wie eine Blume fast mit Fingern empor. Auf dem
braunen Erdboden davor kniete ein nackter Mensch, der eine schmale Krone
von braungoldenen Zacken niederlegte, und in den gemeißelten Gliedern,
weiß mit bräunlichen Schatten, glaubte Renate die des Fahrenden zu
erkennen.
Und nun von beiden Seiten auf diese Gruppe zu war in schreitender
Haltung je eine Reihe von Figuren geordnet, in Mänteln, in
Priesterstolen, mit Tiaren, in Harnischen, in bürgerlicher Festkleidung
des Mittelalters, Frauen dazwischen, jede behangen mit Farbigkeit, mit
Purpur und dunklem Grün, braunem Pelz, Violett und bleichem Gelb, mit
zaubrischem Rosa, gewässertem Blau, Rostrot, und Zimtfarbe. Und jede war
in sich beschlossen und allein, obwohl oftmals nur ihr Gesicht, ihr
Oberteil zwischen den Andern erschien, nachdenklich, verschollen, die
schwer ernsten Züge umwölkt von Zeitlosigkeit, aus der sie blickten.
Diese beiden Züge immer kleiner werdender Figur entfernten sich in
ruhiger Biegung in den Hintergrund. Daselbst dehnte zu unendlich
scheinenden Tiefen Landschaft sich aus: ein Strom, grade durchfließend
von links nach rechts, Brücken darüber, Wälder entfernt, Gebäude. Und
überall befanden sich und tauchten auf winzige Gestalten, Pflüger,
Jäger, Pilgerscharen, Wandrer, Reiter, ein Hirt. Und jeder war ein in
Kristall abgeschlossener Teil Lebens, in seinem Schicksal befangen,
friedvoll, ein ihm Aufgetragenes ausführend, sein volles Dasein
darstellend in diesem stillen Augenblick der Handlung, in einem kleinen
Umkreis von Einsamkeit jeder und in einer Luft ohne Verhängnis. Ah diese
Luft! Woher kam sie? Ganz klein in der Ferne eine niedrige Kette
grünlich weißer Gebirgszacken war vom linken Rahmen zum rechten gespannt
in einer atemlosen Stille; und über ihr rieselte ein morgenfarbener
Himmel, vielleicht bläulich, vielleicht grau, mit bebenden Ahnungen von
Licht, von Röte, von erbleichenden Sternen, und doch nichts als
Schweigen und Hauch des unendlichen Raumes, der in Morgenluft schaudert.
Renate verirrte sich völlig in diesem Bild. Augenblicke lang schien das
immer wieder anziehende eigene Antlitz sie auf etwas Unerkennbares
aufmerksam machen zu wollen, allein kaum beim Raten, verlor sie jede
Besinnlichkeit über der tiefer und schauerlicher gewordenen Entseeltheit
ihrer Züge von menschlicher Seele; als stünde sie vor blickender und
atmender Unsterblichkeit, aus der doch in der nächsten Sekunde schon das
menschlichste Lächeln süßer Ergebenheit wie eine Blume tauchte. -- Dann
versuchte sie, sich durch die Mauer erstarrter Lebendigkeiten in
Kleidern einen Weg zu bahnen, aber -- hielt hier das bläuliche Licht im
Pflaumenschwarz einer Samtbrust, dort das knisternde Grau von Atlas, das
braune Gold eines Harnischs sie auf --, so jetzt die tiefe
Leidenschaftslosigkeit all dieser Züge, dieser Gegenstände haltenden
Hände; dazu der Gedanke, daß nur feuerflüssige Leidenschaft eines
Schöpfers diese gebildet haben könnte; daß sie deshalb so unbeirrten
Ernstes erscheinen mußten, weil sonst Übermaß sich ergeben hätte. Nun
aber hatten sie nur Dasein, und dieses in Ewigkeit. -- Auf einmal hatte
sie dann doch die Reihe durchbrochen und fand sich selbst auf der
Wanderung in der dunklen Weite, atmend die Morgenfrühe, die Einsamkeit,
vorüber an dem stillen Fischer auf der Brücke, zu dem Hirten am
Waldrand, zum kleinen Pflüger unter dem Eichbaum, -- und schon wieder
fern allen diesen und bei sich selbst, sah sie jeden in seine entlegene
Vereinsamung herversetzt aus der Oberwelt; aus mühsalvollem Leben in
dies elysische Land, ewig fortzufahren im Tagewerk, kummerlos, in der
zeitlosen Stunde vor Aufgang der Sonne, deren verborgene Strahlen
niemals diese Berggipfel übersteigen würden.
Sie merkte endlich eine Veränderung an ihren Augen und sah, daß es
dunkel geworden war. Seltsam waren die eben noch deutlichen Bilder im
nächsten Augenblick unkenntlich geworden, und mit einem Gefühl von
Unheimlichkeit wandte sie sich um.
Da standen ja Menschen! Wie? Menschen? oder Gemalte? Erscheinungen?
Spiegelungen von -- ja, Bogner, Jason und Erasmus, die in der Nähe der
Wand standen und etwas betrachteten. Sie vermochte nicht hinzugehn,
nicht zu diesem Menschen, der -- jetzt erst traf sie der Schlag --, der
dieses gemacht hatte.
Jason aber kam daher, neigte sich freundlich zu ihr und gab ihr die
Hand. Erfreut von der menschlichen Wärme darin, sagte sie leise zu
Jason: »Freund, erkläre mir dieses!«
»Dies«, sagte der bereitwillige Jason, »ist gemalt. Es ist ein Werk des
Lebens und deshalb höher als das Leben. Hier ist nicht Wirklichkeit,
sondern Bild. Hier ist kein Handeln, das wir kennen, hier ist kein
körperliches, keine wahrnehmenden Sinne, und deshalb auch keine
Beziehung, kein Schicksal, keine Verstrickungen und keinerlei Erregung.
Könnte man derlei nachmachen mit Farbe und Pinseln? Und was käme heraus
dabei? Dies ist wahrhaftig gemalt: andres Leben, andre Handlung, andrer
Sinn, andre Gesetze, andere Luft und anderer Boden, der nicht sich
betreten läßt, und Landschaft und Wesen, die wir nicht anrühren können,
um ihnen gleich zu sein. Hier ist nichts gelöst als ein sehr einfaches
Rätsel, nämlich das des Entfremdens. Es ist, wie wenn du einmal in den
Himmel gelangtest, -- wie fremd müßtest du dir erst werden! Und dies ist
des Lebendigen letzte Kraft: Schauer und Magie eines höheren Lebens
hervorzurufen, aus dem die uns anwehende Luft uns die Witterung des
Ewigen zuträgt.«
»Es scheint sehr einfach«, murmelte Renate kaum bewußt und mußte sich
wieder zu Bogner umwenden. Sie sah durch verschleierte Augen, daß er vor
Erasmus stand, eine Hand auf der höheren Schulter des Freundes, der in
der alten ruhigen Haltung, die sie kannte, den Kopf etwas gesenkt hielt
und zuhörte, was Bogner leise mitteilte. Indem wurde Renate bewußt, daß
jener der Anfang ihres Herzens gewesen war, -- und nun dieser das Ende
sein sollte, und nichts erstaunte sie so sehr als die Ähnlichkeit dieser
Beiden. Sie konnte sich bald nicht mehr halten, ging zu ihnen, die sich
nun wandten, und sagte, jeden leise am Arme berührend, dankbar zum
Einen, dankbar zum Andern: »Ich wußte es wohl, ihr seid Brüder! -- Ich
habe euch lieb.«