Nun bin ich bald am Ende der Kraft, dachte Georg, und fiel in den
Sessel. Er wollte sich eilig bemühen, zu schlafen und zu vergessen. Aber
die Lehne war rauh und heiß, er war nicht mehr gewohnt, im Sitzen zu
schlafen, dachte, sich auf das Bett zu legen, aber -- in Kleidern? nein,
und ausziehn? Er blickte auf die Uhr, -- nein, in einer Viertelstunde
vielleicht kam die Anna. So rückte und drehte er sich hin und her,
ächzte leise und meinte zu fiebern. Nicht denken, nicht denken!
Und was ist es denn, was war es, was gab mir wieder das Recht, mich so
als stärker zu fühlen und gütiger? Ist er mir verpflichtet? oder dem
Dasein? Es ist schrecklich, aber es ist wohl so, daß jeder Gegensatz an
dem, den wir lieben, uns mehr Ärgernis bereitet als am Fremden.
Hat er nicht doch vielleicht recht? Wenn er so sprechen konnte, dies
herausfühlen konnte aus mir: muß dann nicht doch ein quietistischer Hang
vorhanden sein? >Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.< Ja, was will
ich denn? Ich verstehe mich selber nicht. Ich will ändern; aber alles,
was ich sehe, ist, daß ich vorläufig nicht kann ...
Er saß schon wieder mit offenen Augen, gewahrte nun das noch
aufgeschlagene Buch auf dem Tische und empfand bald den Wunsch, sich
noch einmal nachzuprüfen, oder vielmehr, sich zu beweisen, daß er recht
hatte und nicht so war, wie Benno ihm vorwarf. Das Buch --, nun, was
drin stand, hatte seine Erledigung gefunden, aber es enthielt doch
Angaben über den Weg.
Noch unschlüssig streckte er die Hand nach dem Buch aus, zog es langsam
heran und begann, es auf dem Tischrande neben sich liegen lassend, zu
blättern und zu lesen.
Angehängt an das erste der Gedichte, die er Benno vorlas, fand er da:
>Wahr im Stoff, unwahr in der Form ist dieses Gedicht wie fast alle
derartigen, ich meine gedanklichen, von mir. Von der ersten Zeile bis
zur achten ist alles echt. Bei der neunten beginnt schon leise
Verwirrung (da ich, als ich dies schrieb, noch nichts ahnte vom Tode!),
die letzte ist eitel Lüge, das heißt nur Wahrheit des Augenblicks, der
aus dem Schmerz die Verachtung erzeugte. Wie aber dürfte ein Gebilde,
das dauern soll, die Prägung des Augenblicks an sich tragen? Bogner hat
wahrlich recht mit seiner Vergiftung. Ich hob diese Verse als die
stärksten auf aus meiner Berliner Zeit, und die war so faul, ganz so
faul wie ein morsches Stück Holz, das leuchtet; nur im Dunkel leuchtet,
und nur aus Miasmen.
Mit achtzehn Jahren machte ich Gedichte von Heiligen: Er war schon der
Vollendung fast ganz nah ... So konnte keine Gestalt mir großartig genug
scheinen, in ihr meinen Seelestoff kostbar zur Darstellung zu bringen.
Der Vollendung fast ganz nah ... ach, durch drei Jahre war selbst der
Gedanke an einen Weg zur Vollendung unendlich fern! Auf Schritt und
Tritt nur Griff um Griff nach dem Nächstliegenden, Ausfüllen mehr
schlecht als recht, statt Erfüllung, -- warum zum Unheil muß mir ein
anderer Vers jenes Alters ins Gedächtnis kommen, wenn er auch, schlimmer
als schlimm in diesem Fall, nicht von mir ist, doch behielt ich ihn
wohl, ob wider meinen Willen:
Georg, der Trasse,
Stürzt sich ins Leben wie ins Meer der Schwimmer,
Drum sieht er nichts als: Masse, Masse, Masse.
Ach, giebt es keine Erlösung aus diesem Klumpen von Wahrheit, der an mir
hängt? -- Ah, ein Licht! eine süße Strophe: wer sagte sie mir noch?
Richtig, Magda! An dem Morgen nach der Nacht, wo ich nicht starb,
stellte sie mich wegen eines Briefes, den ich in der Nacht erwähnt habe,
eines Briefes von mir an sie. Es war jener, den ich für sie bestimmt
hatte, ihn nachher zu lesen. Ich gab ihn ihr, und sie sagte, nachdem sie
las: was ich darin vom seefahrenden Sindbad und dem bösen Geist, den er
schleppen mußte, geschrieben habe, erinnere sie an eine Legende, die
Jason ihr und noch einigen Andern aus der Friedliebenden Gesellschaft
einmal erzählt habe, und sie gab mir wieder, was sie davon behalten
hatte. Jason hatte sie später für Renate aufgeschrieben, und so hatte A.
die beiden Strophen daraus im Gedächtnis behalten, die mein eigenes,
leichtes Versgedächtnis mir bewahrte. Die Legende handelte, wie mir
schien sehr schön, von Orest, den die Eumeniden verfolgten, schlaflos,
bis auch sie, die Verfolgerinnen einmal ruhen mußten im Schlaf:
Oh Nacht und Tiefe! Draußen auf den Stufen
Des Hauses ruht die Eumenide nun.
Noch ist die Gottheit dringend anzurufen,
So wird dir, was du sehntest: du wirst ruhn.
Die ..... die Wölbung schwindet,
Gestirne wandern über Wäldern fort.
Blick hin: er steht schon längst im Winkel dort,
Schlaf deiner Kindheit, der dich wiederfindet.
Wahr, oh wahr! Wenn wir ihn wirklich finden, den Schlaf, so ist es kein
fremder, kein erst im Augenblick mühsam aus uns erschaffener, sondern
Kindheitsschlaf, und er ist es, der >uns wiederfindet<.<
Wunderschön! dachte Georg und gähnte. Alles ganz wunderschön! Bloß --
wie soll ich damit regieren?
Immerhin, muß ich sagen, enthalten diese Dinge eine gewisse Kraft der
Sprache und der Formung, die eigentlich nicht nur an dieser Stelle ...
sondern auch sonst im Leben ... Seine Augen waren ihm zugefallen.
Oder, fragte er noch, ist das Ganze nur ungesättigter Geschlechtstrieb?
Darauf entschlief er.