Dort stand jetzt Klemens an der Glastür, schräg, eine Schulter gegen den
Rahmen gestemmt, die Hände in den Rocktaschen, löste aber seine Haltung
bei Georgs Eintritt. Bogner saß pfeiferauchend seitwärts vom Tisch. Im
Gefühl, freundlich zu Klemens sein zu müssen, fragte ihn Georg, wo er
das halbe Jahr gewesen sei. In Italien, war die Antwort.
»Aus besonderen Gründen?«
»Keinen politischen jedenfalls.« Sich mit dem Rücken anlehnend, die Arme
kreuzend und so ins Freie blickend, begann er nach einer Sekundenpause
zu erzählen. Er sei gewandert, zu Fuß, wie schon einmal als junger
Student, seine Geige im Wachstuchsack auf dem Rücken und ohne einen
Heller Geld; allein, oder in der Gesellschaft von Bettlern, fechtenden
Handwerkern aus Deutschland, entsprungenen oder entlassenen Sträflingen
und dergleichen.
»Komische Käuze,« sagte er, »diese deutschen Handwerksburschen. Sie
arbeiten nur bei deutschen Meistern, kehren, wenn es irgend geht, nur
bei deutschen Wirten ein, lernen kein Wort von der Sprache, laufen an
allem vorüber. Höchstens daß sie ein bißchen was sehn, und wie es
scheint, wandern sie also nur wegen der Freiheit und wegen des Wanderns.
Unter den Bettlern hab ich manchen Freund gefunden. Da war ein armer
Kerl in einem Asyl in Bologna, dem war sein Geld mitsamt den Papieren
gestohlen, er lag und jammerte die ganze Nacht durch. Am andern Morgen
nahm ich meine Geige und hab in den Höfen gespielt. Was einkam, haben
wir redlich geteilt, und dieser Mensch wird mir bis ans Ende des Lebens
ein Herz voll Dankbarkeit bewahren.«
»Wurdest du dort für einen Italiener gehalten?«
»Nur bis ich zu sprechen anfing, ich kann nicht sehr viel. Nun, aber die
Menschen dort solltet ihr sehn! Da ist soviel natürliche Herzlichkeit,
soviel Offenheit und Entgegenkommen, soviel Dankbarkeit und Anmut dabei!
Soviel dort Musik gemacht wird, bleibt doch der Musiker, der Künstler
immer geehrt, und nun -- wenn ich so am Abend in eine kleine Stadt
marschiert kam, und auf dem Marktplatz, neben der Kirche unter den
Kastanien die ersten Striche beim Stimmen tat, und dann so mit recht
süßer Kantilene das Adagio aus dem Mendelssohnschen Konzert -- so weit
hab ichs grade gebracht! -- durch die Stille und in die offenen Fenster
zog: was das gleich Leben giebt und Hervorkommen, als fingen überall
Wasser an zu laufen. Die Kinder kommen aus ihren Betten und drängen sich
ans Fenster, und überall lächelnde Gesichter, und jede Frau, der man
unterm Spiel einen feurigen Blick zuwirft, empfindet sich schön. Nun,
und wenn das Konzert zu Ende ist, da kommen schon von der Veranda des
Gasthauses die Honoratioren, der Pfarrer, der Herr Apotheker, und der
Bürgermeister, und drücken mir die Hände und sind die feinsten Kenner
und erlauben sich, mich zu einer Flasche Spumante einzuladen.« Klemens
lachte nicht ohne Wehmut. »Ich war dann immer der Sohn des
Kammervirtuosen _d'il rege di Prussia_, und schon damals, vor zehn
Jahren, hielten sie mich meines Bartes wegen für einen sehr würdigen
Mann und fragten gleich nach der Frau und den Kinderchen. Endlose
Geschichten hab ich von denen erzählt. Die Kinderchen, das war ihre
größte Freude, und wie oft hab ich Tränen in ihre Augen gelockt mit
einer unendlich rührenden Erzählung von meiner jüngsten Tochter, die an
Diphtheritis gestorben war. Wie ich sie hin und her getragen hab, und
sie war so geduldig ...«
Er lachte jetzt ganz fröhlich und sagte noch: »In Pisa, da war ein
Schutzmann der mir zu spielen verbieten mußte, denn es gab einen
Auflauf. Ja, das ist ein Land, da halten die elektrischen Bahnen, wenn
einer Geige spielt. Der wartete schön, bis das Stück aus war, und dann
entschuldigte er sich noch vielmals. Er sah auch vollkommen ein, daß ich
für dies Stück doch noch sammeln mußte, und fast hätte er selber seine
-- Kappe hingehalten. Es war ein rührender Mensch.«
Bogner und Georg lachten herzlich. Dann sah Georg, nicht ohne ein
Gefühl, als sei dies alles nur die Vorbereitung zu etwas andrem gewesen,
ihn seine Haltung verändern. Er nahm die frühere wieder ein, die Hände
in die Rocktaschen bohrend, und seine undeutlichen Augen schienen ins
Ferne eingestellt, während er sehr langsam sagte:
»Ja, und dann kam doch wieder die Unrast, und ich bin über die Alpen
gelaufen und nach Deutschland, aber da war kein Zuhause. Aber wer die
Hände einmal in fremdes Blut getaucht hat, dem ergeht es immer wie Lady
Macbeth; die Flecken wäscht kein Wasser herunter.«
Er verstummte, nickte trübe und fuhr fort:
»Dann habe ich meinen Freund Erasmus gefunden, der jetzt hier ist. Dem
war es böse ergangen. Ich, wenn ich nachdenke, ich kann mir vorstellen,
daß man eines Tages seinen Bruder erschlagen muß. Vater nicht, und
Mutter nicht, auch keinen Juden und keine alte Wucherin wie der
Raskolnikoff. Aber seit Kain muß die Möglichkeit in der Natur des Mannes
liegen. Drei Nächte lang schüttete er mir sein Herz aus. Das war
grauenerregend. Dieser Mensch, den ich kannte, hatte sein Leben lang
gehungert. Wessen Leib hungert, kann stehlen, wem die Seele hungert,
kann nicht stehlen. Er lebte noch immer, aber nun war er ein Schatten
des Lebens geworden. Die Natur hatte ihm gegeben, daß er nicht vergessen
konnte, was ihm je widerfahren war. Eines Tages fand er sich so behängt
mit Vereinsamung, mit zehntausend Lieblosigkeiten, Gehässigkeiten,
Verachtungen und Verhöhnungen bis hinunter zur ersten und letzten der
Kindheit, daß er nicht mehr vorwärts gehn konnte. Da ballte er den
ganzen scheußlichen Klumpen zusammen mit sich selbst und stürzte sich in
den Schlund. So wars, und daß er noch jemand mit sich riß, war nicht
seine Sache, sondern Anlage des Daseins. Und nun fuhr er seit jener
Nacht, seit jener Tat, rasend wie der Fliegende Holländer, ohne Wind und
ohne Ruder, rückwärts über das Meer seiner Leiden, weil sich die Wage
nicht einstellen wollte. Die Wage, deren eine Schale den Jammer seines
Lebens trug, und deren andre jenen Tod. Er hielt den Kopf des Toten in
den Händen und fragte in die erloschenen Augen hinein abertausendmal:
Hab ich gedurft? -- In einer Nacht bin ich mit ihm unterhalb des Wehrs
auf dem Flusse gefahren, und wir haben gesucht bis zum Morgen. Er war
vor dem Irrsinn und nahe daran, unter die Menschen zu laufen und sich
auszuschrein. In den drei Nächten, die ich mit ihm verbrachte, ist mir
das Herz grau geworden. Ich hatte auch einen Bruder.«
Er verstummte und begann, mit ungelenken Schritten auf und nieder zu
gehn. Georg dachte: Herzbruch ... bewegt von solcher Freundestreue, und
war nahe daran, nach ihm zu fragen, als Klemens am Tisch stehn blieb,
die Finger einer Hand daraufsetzte und sagte, Georg ansehend, doch ohne
festen Blick: »Aber ich glaube, daß einmal geheilt werden kann, von
Menschen, was Menschen zerbrochen haben. Da hab ich ihn denn
hergeschleppt, zu Renate.«
»Zu Renate?« entfuhr es halblaut Georg.
»Zu Renate. Und wie es scheint, da sie nicht zum Vorschein kommen --« Er
verstummte. Georg sah noch ein sehr weiches und zartes Lächeln in seinen
Augen, im Bart aufkeimen, bevor er den Blick niederschlagen mußte.
Diesen? fragte er dumpf. Das soll ihr Geschick sein?
Er konnte aber, trotz der heißen Stiche in seiner Brust, erkennen, wie
sehr wahrhaftig der Verzicht war, in den er sich eingegraben hatte, dort
im Wald. Eine Weile noch kochte die schmerzliche Eifersucht in seiner
Brust, derweil es ihm schien, als sei jemand -- er selber? --
beschäftigt, dies Heiße zu blasen, damit es erkalte. Es erkaltete
jedenfalls langsam, sank zugleich tiefer und blieb liegen als ein
dumpfer und dunkler Klumpen angstvoller Beklommenheit, wie er sie aus
früheren Jahren kannte. -- Damit, dachte er, Atem schöpfend, werde ich
ein andermal fertig. Sein Mund zuckte in einem Hohngefühl über die ganze
Verderbtheit der Welt.
Als er die Augen hob, stand ihm gegenüber Egloffstein und meldete, Herr
Dr. Birnbaum und Herr Schley warteten im Jagdzimmer. Auch Hauptmann
Rieferling sei dort mit der Kuriermappe.
So verabschiedete Georg sich von Bogner mit dem Versprechen, am
Nachmittag zu kommen, entschuldigte sich bei Klemens und ging.