Er schüttelte den Kopf. »Aber -- Renate! Da ist ja wieder die Schranke.«

»Nun Gott sei gelobt,« sagte sie strahlenden Auges, »das war alles, was

ich wollte!«

Da begriff er. Sie erhob sich langsam, während er auf sie zukam, und

sagte: »Sollt ich nicht auf meine Art auch beweisen, Erasmus?«

Er nahm ihre Hände und legte sie sich auf die Schultern. »Du verdrehst

es nur so«, meinte er stockend.

Plötzlich schlug ihr Herz wie im Fieber, und Müdigkeit nach der

Anspannung des Denkens schwemmte heiß über sie hin. Sie legte einen

Augenblick die Stirn gegen seine Schulter, stand auf einmal in ihrem

Schlafzimmer, am Fußende des Bettes, und dachte besinnungslos nur: War

das der Anfang -- --?

Sie ging um das Bett, setzte sich auf die Decke, und in einem

Schwindelgefühl erschien ihr Jason in ebendem Bett, auf dem sie saß, wie

er krank darin lag vor Jahren. Sie und Magda saßen abwechselnd bei ihm

und hörten ihn endlos aufsagen aus der Abgründigkeit seines

Gedächtnisses.

Ja, dachte sie weiter, ich muß ihn reden lassen, immer wieder, und ihn

immer wieder auf einen andern Weg bringen, bis er sich ausgeschöpft hat.

Wenn er sich ausschöpfen läßt! entgegnete unhörbar eine Stimme.

Oder bis er es müde wird. Denn, setzte sie auflächelnd hinzu, außerdem

wird noch das Leben sein, und alles --

Sie vermochte nicht zu Ende zu denken, gab, verspürend, daß sie umsank,

langsam nach, lag und zog auch die Füße herauf. Ihre Augen fielen zu,

sie glühte und gab sich der Müdigkeit hin mit einem Seufzer der Lust.

Noch hörte sie die Stille und draußen das unablässige Aprilgezwitscher

der Vögel, und sie dachte in der Erinnerung Jasons:

Er hat es überstanden, -- und du und ich, wir werden es auch überstehn.

-- --

Damit entschlief sie. Sie fuhr aber schon Augenblicke danach mit einem

zuckenden Schrecken empor und saß aufrecht. Sie horchte; nebenan war

Stille. Eine halbe Minute wohl saß sie so, keinen Laut vernehmend als

den dumpfen Schlag ihres Herzens und das ferne Klappern einer Dachrenne.

Etwas -- mußte nebenan sein, und da sie doch die Vorstellung hatte, das

Zimmer sei leer, dachte sie besinnungslos: er hat sich hinausgestürzt!

mehrere Male; vor Augen das offene Fenster dort. Der Schlag ihres

Herzens trat in ihre Kehle, sie schluckte und atmete behutsam.

Und behutsam nahm sie die Füße vom Bett, dabei entdeckend, daß sie ihr

Kleid nicht mehr anhatte und weiß war in Unterrock und Leibchen. Ihr

fröstelte; aber in dem Augenblick, wo sie leise aufstehn und zur Tür

gehen wollte, wußte sie, daß er dahinter stand, und rief schon:

»Erasmus!« angstvoll blickend zur Tür, bis zu der das Fußende des Bettes

reichte.

Die ging auf, und er kam herein. Ohne sie anzusehn, kam er um das Bett

und stürzte vor sie hin, umschlang ihren Leib, wühlte die Stirn in ihren

Schoß, ächzte und schluchzte, auf und nieder geworfen von Stößen, daß

sie ihn kaum zu halten vermochte. Aber sie preßte ihn an sich mit aller

Kraft, küßte ihn, weinte und stammelte, was ihr einfiel: »Ja, ja,

Erasmus, ja! O mein Gott, ich hab zu wenig getan, das war ja nichts, ich

weiß, ich hab es ja gewußt! Sag mir, was ich tun soll, ich will alles

tun! Sag doch, o sag doch!«

Langsam wurde es in ihm stiller. Er hob den Kopf hoch, sah sie an mit

unseligen Augen und sagte: »Gieb mir --«

Er brachte nichts weiter heraus, setzte zwei- und dreimal zum Sprechen

an, und indem hatte sie erraten, was er wollte, und schrie, sein Gesicht

an die Brust drückend: »Die Kinder!«

Und weiter mit immer erneutem Pressen und Küssen und an sich Drücken

flüsterte sie in ihn hinein, jagend in Worten, von denen sie kaum wußte:

»Die Kinder, ja, ja, ich hab es ja gewußt, nur das kann uns retten!

Warte nur, o wart nur ein wenig, bald, bald, es geht ja schnell, und wir

wollen gleich -- -- Erasmus! Willst du gleich? Jetzt! Heut nacht, heut,

o ich will dich lieben!« schrie sie brennend, »ich will dich lieben wie

Gott, und dann kommen sie, du wirst sie bald hören, das Neue, Erasmus,

das neue Leben, das nichts weiß! Ach!« weinte sie, »wenn du nur erst

sein Herz in mir schlagen hörst! Ach, wenn du fühlst, wie es sich

bewegt, dann wird es ja gut werden. Dann wird es ja gut werden!«

Sie hob sein Gesicht mit beiden Händen, damit er sie ansähe, strömend

von Tränen, durch die seine Züge dunkel und verschwommen erschienen wie

in Wasser. Aber er sah sie nicht an, er schien über ihre Schulter ins

Leere zu starren oder in die Ferne, und so sagte er dann:

»Ja. Aber -- -- und dann ...«

»Was denn, Erasmus? was denn?«

»Dann muß man -- es -- sagen ...«

»Sagen? Was sagen, Erasmus, wem denn?«

In seine Augen trat ein entsetzlicher Ausdruck von Lüsternheit, mit dem

er flüsterte: »Mein Sohn ...«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 205 / 240 题