Renate sagte leise: »Und dein Vater? Er hatte doch ver--«

Sie endete nicht, da er seine Hand aus den ihren nahm, um eine

abwehrende Bewegung zu machen.

»Er -- ja, für sich! Aber für mich, und Josef, und die Welt? Nein,

soweit war das schon richtig mit Gott.« Er sprang auf und stellte sich

irgendwo im Zimmer auf, unsichtbar hinter Renate, deren Hände plötzlich

aufatmeten.

»Aber nun das mit dem unsteten Leben«, hörte sie seine Stimme verdeckt

und sah, sich ein wenig wendend, ihn an der Wand stehn, eine Faust

darauf und auf sie die Stirne gelegt. Sie sah wieder fort.

»Wie soll man sich das vorstellen? Es war doch ein langes Leben wohl?

Wovon lebte er denn? und wie? Immer auf der Flucht? Da dacht ich: das

sind so menschliche Vorstellungen. Die Menschen erraten zuweilen etwas,

es blitzt etwas auf, so das mit dem Zeichen, das Gott machte. Weiter

wissen sie dann nicht, und das war eben das Wichtige. Er sühnte so --

und es ging sie ja auch nichts an.«

Nun sprach er schneller und immer heftiger weiter.

»Ich hab das immerzu gedacht. Gerechtigkeit ist so ein irdischer

Begriff. Er kommt vom Wert. Jedes Ding wird gleich gewogen mit einem

zweiten, und Gerechtigkeit läßt sich kaufen. Früher kauften sie auch

Frauen, und es giebt Länder, wo Blut mit Gold bezahlt wird. Hilf mir

doch weiter!« stöhnte er plötzlich, und erschrocken sich umwendend sah

sie ihn in einer seltsamen und furchtbaren Haltung vor dem Schrank, die

Stirne ganz tief dagegen gesenkt und mit ausgebreiteten Händen auf und

nieder gleitend an den Kanten, -- so wie ein Tier, das irr geworden ist

von Gefangenschaft. Renate war gleich darauf bei ihm, er ließ sich

aufrichten, legte seinen Kopf auf ihre Schulter und blieb so eine Weile.

Plötzlich machte er sich dann los, setzte sich in Bewegung und redete

vor sich hin, auf und ab gehend, und ohne die gesenkten Augen und den

Kopf zu erheben; die Hände griffen dabei.

»Die Rechnung stimmt eben nicht. Jedes Ding ist einzig. Das Volk denkt:

Wenn mein Weib stirbt, nehm ich ein andres. Das hab ich immerzu gedacht.

Kann Gott -- ich meine: wenn es einen giebt und er hat eine

Gerechtigkeit, kann sie auch so --?

»Nein. Für ihn ist alles einzig und unersetzlich. Ist das menschlich zu

wägen? Nein, hin ist hin.

»Aber dann dacht ich: kann der Mensch nicht etwas tun? Nehmen und dann

wiedergeben, und wenns ihm auch sauer wird, ist doch keine Leistung. Was

aber noch? Ich dachte: der Mensch kann _mehr_ tun.«

Renate hatte sich auf den Stuhl am Tische gesetzt und die Hände darauf

gefaltet. »Das hast du gedacht?« fragte sie ergriffen.

»Es ergab sich so. Man muß rechnen, und man muß immer weiter denken.

Früher, wie gesagt, war da Gang und Höhle, und so ist es mit dem Denken:

links, rechts, rechts, links, und dann die Wand. Nein weiter: oben --

unten ...«

Stehen bleibend, sah er Renate mit jenem beschränkten und unbeholfenen

Frageblick an, den sie kannte. »Mußtest du immer denken?« fragte sie

behutsam. Er begann wieder zu gehn. Erst nach einer Weile rief er:

»Na ja, was denn, was denn? Denken, der Mensch muß denken! Langsam kommt

man vorwärts, und ich trat immer auf dieselbe Stelle und sah mich um. So

muß mans machen.

»Also nun das Mehr-tun. Wie fängt man das an? An den Menschen ist

freilich immer zu tun, aber --« er brach enttäuscht ab. »Ihnen ist ja

nicht zu helfen!«

»Ich meine, versteh mich recht,« fing er gleich wieder an, »nicht auf

meine Weise! mit meinen Mitteln! Was läßt sich denn ausrichten? Ich hab

doch nur Geld. Was kann man machen? Wenn ich alles verteilt hätte, wenn

ich jedem so viel gegeben hätte, ich meine jetzt: meinen Arbeitern, daß

er so viel hatte wie ich selbst, das wäre doch ungerecht gewesen! Dann

hätte ich doch zu wenig bekommen! Und was kann man sonst tun? Da sind

überall die Gleise: Krankenhäuser, Pensionen, und bessere Wohnungen, und

dergleichen --« Er schöpfte Atem. »Was ist denn damit gedient?

»Man kann immer nur flicken. Das ist ja auch alles nicht der Rede wert,

das war ja für mich alles viel zu wenig, da bin ich auch bald

abgekommen. Ich habe einfach -- gerechnet! Ja!« schloß er mit großer

Bestimmtheit, vor Renate stehend mit schwerem, aber fast zufriedenem

Blick. Und nun sprach er schnell weiter:

»Einem hab ich genommen, einem muß ich geben. Das Dasein hier, das ist

ganz aufgebaut auf Zwein. Zwei machen die Zeugung, ohne die steht alles

still. Zwei sind das Letzte. Wer Allen was tun will, der muß sein -- wie

Christus. Ich meine: so einer kann ihnen doch nur mit der Seele helfen.

Das ist doch klar! Ja, die Mathematik, wer die begreift, das ist eine

göttliche Kunst! Es giebt eine Zahl darin, laß dir sagen,« redete er

inständig, doch scheinbar ohne sie recht zu sehn, auf Renate ein, »das

ist die Null. Die verzehnfacht jede Zahl, wenn man sie dahinter stellt.

Ist das nicht ein Geheimnis? Wie macht sie das? Durch ein andres

Geheimnis, nicht wahr? Null ist nämlich in der Mathematik gleich

Unendlich!« schloß er mit ausgestrecktem Zeigefinger vor Renate hin.

»Null ist gleich Unendlich. Und das Unendliche in Verbindung mit einem

Endlichen wirkt in endlicher Weise, und mit einem Irdischen in irdischer

Weise. Die Kraft des Unendlichen wirkt durch Verzehnfachen, Verhundert-,

Vertausendfachen. An sich ist sie nichts, ist Null, für uns, ja für uns

Null. Oder _x_, die Unbekannte. Null ist gleich _x_. In jeder Aufgabe,

die sich löst, muß _x_ gleich Null sein.«

Renate bemühte sich, mit dem offenen Blick des Verstehens und

Einverständnisses an diesen, jetzt quellenden und glühenden Augen zu

hängen, ohne doch dabei sie, die verwirrenden, richtig zu sehn; und sie

klammerte sich an etwas, das ferne hinter ihnen, und hinter all diesem

Sinnlosen und wieder Sinnreichen, zu dämmern schien wie ein Auge voll

großer Vernunft.

»Aber«, sprach er weiter, »wenn du nun Übertragungen vornimmst auf die

menschlichen Zustände, so gehts wie mit allen Übertragungen des

Göttlichen: es geht immer nur bis zu einer gewissen Grenze. Ich stand

gleich vor einer Schranke, vor zwei Schranken, ja, und hinter jeder

warst du!«

Er rief ihr das zu -- so wie man einem etwas ins Gesicht ruft, damit er

endlich begreift, und erst hinterher schien ihm bewußt zu werden, was

das denn hieß, denn er brach ab, legte das Gesicht auf die Seite und

versuchte zu lächeln, ohne Renate anzusehn, auf sehr traurige Weise. --

Sie sagte nur: »Weiter, Erasmus!« und als hätte es nichts weiter

gebraucht als das, war er wieder in Erregung und sprach, jedoch ohne sie

anzusehn, gegen den Tisch:

»Die eine Schranke war so. Einem Menschen hatt' ich genommen, einem

andern mußte ich geben. Was? Das Leben. Ja, mein Gott, was solltest du

mit meinem Leben? Damals warst du krank. Was sollte ich tun? Konnt ich

wie damals? Wenn ich kam, liefst du weg und schriest --«

Er verstummte. Sie konnte die Augen nicht offen halten, schaudernd vor

der Erinnerung an ein Tier, an den Tiger, der ihr damals zuweilen

Entsetzen eingeflößt hatte.

»Weiter, Erasmus, weiter!« flehte sie.

»Das war die eine Schranke. Die andre war das Unendliche. Wie läßt es

sich binden? Kann man hineingehn? Ja, kannst du denken, was ich damals

beabsichtigt, ganz ernst beabsichtigt habe?«

Die Augen öffnend, fand sie die seinen wieder darauf eingestellt,

fragend.

»Ja, Erasmus,« sagte sie, in einem Blitz erratend, »du wolltest Mönch

werden.«

»In ein Kloster gehn. Aber es paßte doch gar nicht. Ich muß tätig sein.

Was sollte ich anfangen in einer Zelle?«

»Also einen andern Weg? Also zu einem Menschen? Da war wieder die

Schranke, -- und du!« endete er unsicher.

»Ich weiß«, sagte sie sanft. Aber wie weiter? Was nun?

Es verging eine Zeit, und sie sah ihn nun wieder wie im Anfang auf der

Fensterbank sitzen, nur viel erschöpfter, den Kopf angelehnt, das hagere

Gesicht durchglüht und beperlt, ein Taschentuch in den Händen, das er

unbewußt zusammendrückte und zog.

»Erasmus,« fragte sie, »glaubst du an Gott?«

»Ach,« versetzte er ablehnend, »wer kann das wissen! Man glaubt und auch

nicht. Die meiste Zeit des Lebens geht ohne ihn hin, und eines Tages, wo

man ihn haben müßte, ist er verloren. Ganz recht, denn das wäre was,

sich das halbe Leben nicht um ihn kümmern, und dann plötzlich, wenn man

ihn braucht. Er wird sich um uns auch nicht kümmern.«

»Ja, aber wozu dann --« fragte sie in plötzlicher und dunkler Ahnung

eines ablenkenden Wegs.

Er setzte sich härter und gerader fest. »Wenn es einen giebt, muß er

schon so groß sein, daß er sich um uns nicht bekümmern kann!« sagte er

verächtlich.

»Wirklich, ach! Was du nicht sagst!« rief sie entschlossen, jetzt ganz

leicht zu reden. »Ich glaube, an dieser Stelle hättest du getrost auch

weiter denken können.«

»Wieso?«

»So groß«, sagte sie, »kannst du dir Gott denken, daß er deiner nicht

achtet. Warum dann, Erasmus, warum nicht noch um so viel größer, daß er

deiner doch achtet? Wie wird denn die Größe bei dir gemessen? Wäre das

nicht erst wahrhaft Größe: so groß -- und doch deiner achtend?«

»Das wäre!« sagte er tief und sah sie mit Staunen an. »Das läßt sich ja

begreifen!«

»Und das Unendliche,« fragte sie voll Hast weiter und innerlich schon

triumphierend: »wenn es das giebt, hat es einen Anfang? oder ein Ende?«

»Nein.«

»Kannst du also am Anfang oder Ende stehn?«

»Nein.«

»Also wo!«

»Mitten.«

»Und das Unendliche selbst, wo kann es nur sein?«

»In mir.«

»In dir, Erasmus, ja in dir! Der Kreis, der ewige Kreis, der du bist,

und dessen Umlauf nirgend, und dessen Mitte allüberall ist. Wie konntest

du denn -- ach, nun fällt mir etwas ein, es ist zum Lachen, aber höre

nur! Neben unsrer Kleinbahn bei Flor standen in Abständen auf dem Damm

immer Pfähle mit einem wagrechten Brett oben, wie Wegweiser, die

senkrecht weg von der Bahn zeigten, und darauf war das mathematische

Unendlichkeitszeichen gemalt -- so!« Sie malte mit dem Finger die

liegende Acht in die Luft. »Und ich weiß noch, wie ich zu Papa gelaufen

kam, als ich das Zeichen gelernt hatte, außer mir, weil da überall

Wegweiser standen mit dem Zeichen. Hier gehts zur Unendlichkeit! nicht

wahr? und natürlich hatten sie recht, da alle Wege in sie münden. Aber

in Wirklichkeit: liegt es denn da draußen irgendwo, das Unendliche? Und

sahst du nicht immer nach oben oder unten, nach draußen, um es zu

finden? Was also hättest du tun müssen statt dessen?«

Gott erhalte mir jetzt meinen Verstand, betete sie inbrünstig und nahm

all ihren Scharfsinn zusammen, dieweil sie ihn antworten hörte: »Nach

innen sehn!« und hinzusetzen, ungläubig: »Aber -- da war doch nichts!«

»Nichts, Erasmus? Mit dir hat man seine Not! Wo, sagtest du eben, sei

das Unendliche?«

»In mir.«

»Und in welcher Gestalt? göttlicher oder menschlicher?«

»Menschlicher.«

»Die wie aussieht, du sagtest es vorhin?«

»Wie eine Null.«

»Und die was tut in Verbindung mit der Zahl?«

»Verzehnfacht.«

»Was ist verzehnfachen? Ich meine: wie nennt man -- etwas, das

verzehnfachen kann?«

»Eine Kraft.«

»Also stellt das Unendliche sich menschlich dar in einer gewaltigen

Kraft, die verzehnfacht. Hast du einen Namen für solche Kraft, wenn du

sie dir vorstellst?«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 202 / 240 题