Er beugte sich weiter vor und sagte: »Hülflos.«

»Zugeschlossen«, wiederholte sie leise. »Du durftest nicht zeigen, was

in dir war. Oder du mußtest es heimlich tun, nicht wahr? Wenn du deiner

Stiefmutter etwas schenken wolltest, so trugst du es in ihr Zimmer, wenn

sie nicht darin war.«

»Woher weißt du das?« fragte er erstaunt.

»Ach woher! Ich weiß eben! Dann bist du auch so langsam gewesen und

kamst immer zu spät, und Alle lachten. Da ließest du es lieber ganz

sein. Und keiner, dachtest du, mochte dich leiden.«

»Das dacht ich. Mein Vater fürchtete sich vor meinem Gesicht.«

»Ja. Und mein Vater hat sich vor dem Großpapa gefürchtet, es war grad

umgekehrt. Und dann war Josef immer da und viel leichter, nicht? In der

Schule fielen dir die Antworten zu spät ein, und das genügte nicht. Ach,

guter Erasmus, ich sehe deine Kindheit wie einen kleinen Stern hinter

einer schweren Wolke. Nun wird alles besser werden.«

»Als aber«, fing sie bald darauf wieder an, »Mathematik und

Naturwissenschaften kamen, da hattest du einen guten Ofen, der wärmte,

nicht wahr? Darin warst du Allen überlegen, und sie fingen an, dich zu

achten. Bekamst du da Freunde?«

»Erst nicht. Dann Bogner. Der hatte es ähnlich zu Hause wie ich, wenn

auch in andrer Weise. Er machte mir Zeichnungen, und ich seine Aufgaben.

Schließlich lief er doch weg.«

»Wobei du ihm halfst. Dann kam das Examen bald, und du gingst --«

»Nach Berlin. Da wollt ich allein sein.«

»Lerntest du da Klemens kennen? Wie war das?«

»Nicht besonders. Ich ging zuweilen in Arbeiterversammlungen. Da stand

er einmal neben mir, und wir kamen ins Gespräch.«

»So. Du kamst in Gespräche ...«

»Diesmal.«

»Wie lange bliebst du in Berlin?«

»Bis zum Verbandsexamen. Dann war ich in Kiel. Dann in Marburg.«

»Warum warst du da böse?«

»Weil ich nicht wollte. Ich wollte niemand kennen, niemand nützen. Mir

lag nur an meiner Arbeit.«

»Was für eine Arbeit?«

»Gewisse akustische Phänomene. Beobachtung der Schallwellen ...«

»Ach,« sagte Renate verstehend, »wegen deiner Ohren! -- Was ist daraus

geworden?«

»Nichts. Als ich vor drei Jahren nach Altenrepen mußte, blieb alles

liegen.«

»Du warst ganz allein?«

»Ja. Ich lief in den Wäldern herum und fluchte.«

»Und dann kamst du in die Fabrik?«

»Nein,« sagte er, sich abwendend, »da kam ich erst nach Flor.«

Renate zitterte bis in die Füße. Nun gedachte sie erst wieder, daß es

dieser Mensch war, dieser, der sein Wesen immer in einen furchtbaren

Knoten geschlungen trug, und der sich einmal an ihr Leben gelegt hatte

wie an eine Giftwunde und gesogen; im höchsten Augenblick aus allen

Enden der Glieder zurückgesogen hatte das Gift wie ein Allmächtiger.

Aber der Knoten blieb ungelöst und mußte zerhauen werden.

Es dauerte lange Sekunden, bis sie fragen konnte: »Wie war das -- in

Flor?«

Da er abgewandt blieb, hörte sie seine Stimme undeutlich. Er könne es

nicht sagen. Er hätte keine Worte dafür. Es sei dumpf gewesen.

»Als ich wieder aufgewacht war,« sagte Renate mit mehr Sicherheit, »da

konntest du nicht kommen und sagen: Du gehörst mir!?«

Ja, wie denn? Ob sie ihm denn gehört hätte? Wenn ein Mensch ins Wasser

fiele und ein Andrer hole ihn heraus ...

»Ach, das paßt aber doch gar nicht, Erasmus! Ins Wasser springt es sich

leicht. Dazu gehört nur Schwimmenkönnen und etwas Mut. Ins Wasser wäre

Josef auch gesprungen.«

»Vielleicht«, gestand er, »glaubte ich, du würdest mirs ansehn.«

»Ja, da hattest du recht. Damals war ich blind, und nun sehe ich.«

»Es hat so sein müssen.«

»Und so blieben wir aneinander gebunden. Als wir uns wiedersahn in

Altenrepen, was dachtest du da?«

»Daß meinem Bruder kein Mensch widerstanden hatte.«

Renate schwieg. »Viel fehlte ja nicht. Wenn er nicht zwei Schatten

gehabt hätte ...«

»Zwei, Renate?«

»Zwei Schatten, dicht nebeneinander, wie wenn Licht brennt am Tag.

Glaubst du an Doppelgänger? Ich glaube, es war einer.«

»Bei Josef war alles möglich.«

»Ich sagte es keinem, nicht einmal mir selber richtig. -- Und dann ging

Josef, und du dachtest --«

»Er wird bald wiederkommen.«

»Ja, du glaubtest immer an alles, außer an dich.«

»Er kam auch nach anderthalb Jahren.«

»O das hast du gewußt?«

»Ja. Es war so ein Zufall, wie sie sein müssen.«

»Wann denn?«

»Einmal -- du warst im Garten, mit Saint-Georges erst, dann allein. Du

gingst zum Zaun und kamst nicht wieder. Ich sah alles vom Fenster. Dann

mußte ich dir nachgehn. Ich wußte schon, wer da war. Und dann sah ich

euch, wie ihr auf der Schaukel wart.«

»Und als ich zum Abendessen heraufkam, warst du wie immer ...«

»Du auch. Man beherrscht sich ja.«

»Ja, wir Menschen sind wunderlich ... Und was kam dann?«

Renate konnte nicht verstehn, was er sagte, oder ob er schwieg, denn in

dem Augenblick brauste der Regen schallend auf, eine, zwei Sekunden

lang, worauf er ebenso schnell sanft wurde, verhallte, und gleich darauf

hörte sie nur lautes Tröpfeln. In der Ferne, wo sie den Himmel blau sah

im Fenster, ging die goldene Gestalt einer Sonnenhelle wandernd einher

und winkte nach allen Seiten, daß der Regen aufhöre. Renate mußte

lächeln.

Wenn ich nur wüßte, dachte sie, wie einer Frau zumute ist, die geboren

hat! Auch erst so kalt und steif, wie als Erasmus mich trug, und dann so

gewichtlos und warm?

»Komm zu mir!« bat sie mit schwacher Stimme. Er kam und mußte sich auf

den Stuhl neben ihr setzen, worauf sie seine eine Hand nahm und hielt.

Sie war trocken, warm, beinah glühend, und sie dachte: Ach, aber die muß

man kühlen! -- Warm, fiel ihr ein, wenn uns friert, und kühl, wenn uns

glüht, denn er ist beides. -- Wer hatte denn das gesagt? Jason wohl, es

klang so nach Jason. Derweil befühlte sie mit unmerklichen Drucken die

große Gliederung dieser Hand, betrachtete auch verstohlen ihre Bildung.

Sie war sehr derbe, die Fingernägel ganz rund, unedel -- bis auf den

Daumen, der für sich allein aussah wie -- Renate fiel ein -- ein

Konnetabel von Frankreich. Sie schloß nun die Hände um das ganze, große

und gestaltete Werkzeug und fand endlich die leise Frage nach Josefs

Tod:

»Gab es nur die eine Lösung?«

Es zuckte sofort in der Hand. Die Stimme des Menschen, zu dem sie

gehörte, und den Renate neben sich kaum noch erblicken konnte, sagte:

»Ja. Wenn es eine war. Immerhin -- ich bin frei geworden. Sogar mein

Verstand --« Sie hörte ihn unbehülflich lachen.

»Wie meinst du das?«

»Es war alles locker geworden.« In der Hand liefen Wellen, die an ihren

Händen zuckten und zerrten, immerfort hin und her. »Vorher war das --

wie Gänge. Aus einem konnte man nur in den nächsten. Erst waren die

Naturwissenschaften. Nein, erst war Josefs Mutter. Dann lange Zeit

nichts, und das war schlimmer. Dann wie gesagt ... Dann das Studium, und

meine Arbeit; dann Altenrepen, die Fabrik. Und du auch. Immer ein Gang

und eine Höhle. Es war immer niedrig, ganz eng, ich konnte eben drin

hingehn. Es war alles vorgeschrieben, und -- auch Lesen, Spaziergänge --

das war nur, wie wenn ich die Hand hob und an der Decke kratzte.«

Er schwieg -- und fuhr wieder fort mit einem Stoß.

»Nun war die Decke fort. Der Himmel sah nicht herein. Der Tote sah

herein, und wir sprachen miteinander. Erst im Traum nur. Dann auch ...

Wir hatten uns ja sonst niemals schlecht vertragen die letzten Jahre;

und er war allzeit großartig gewesen und trug nichts nach. Nun war auch

immer etwas Hinterlist dabei, so wie er sonst nicht war. Und er wollte

mir beweisen, daß ich ganz recht getan hatte. So war Josef.«

Es kam nichts mehr. Renate sagte: »Weiter, Erasmus!« die Hand

festhaltend wie ein warmes Tier, das immer davonwill.

»Wir verglichen,« stieß er sich wieder vorwärts, »wir verglichen mein

Leben und seinen Tod. Immer fehlte etwas bei mir am Gewicht. Ich dachte,

ich würde verrückt. Wir hockten da beieinander und suchten und fanden es

nicht.« Er stockte.

»Das hat lange gedauert. Alte Begriffe sitzen sehr fest an einem. Es

giebt so eine Konchylie, die am Bauch der Schiffe sich festsetzt und

steinhart wird. Man muß sie mit der Axt abschlagen. Und man hat so

gelernt: Tod muß mit Tod bezahlt werden. Aber das war locker geworden,

und ich dachte: Stimmt das? Ein Mann hat einen andern erschlagen, und

das Volk sagt: Gerechtigkeit! er muß auch sterben. -- Wenn nun die

Gerechtigkeit erfüllt wird, so empfindet das Volk Genugtuung. Ich

arbeitete so mit Schlüssen. Es empfindet Genugtuung über die

Gerechtigkeit, und das stellt sich dar in Genugtuung über einen zweiten

Mord. Ist das gut? Nein. Aber der getötet hatte, empfand auch

Genugtuung. Heben die beiden sich auf? Die Algebra sagt: Minus mal Minus

giebt Plus.

»Ja, so hab ich gerechnet«, fuhr die immer mehr dröhnende Stimme fort,

während die Hand in Renates Händen feucht wurde und klebend. »Und dann

fiel mir ein: Gott machte an Kain ein Zeichen, und keiner durfte ihn

anrühren. Unstet und flüchtig heißt es. Er wollte also keinen zweiten

Mord. Er wollte, ich soll unstet leben.«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 201 / 240 题