Renate (Fortsetzung)

Georg brachte seine Sprachmühle laut klappernd wieder in Gang.

»Ich sagte, glaub ich, schon mal, daß ich fertig wäre. Das heißt, ich

habe mich abgefunden mit dem hier, dem sogenannten Ich. Man bastelt

überhaupt viel zuviel dran herum, weniger wäre mehr, wie immer, aber --

nun, was ich sagen wollte: heut morgen auf einmal wach ich auf, und kaum

daß ich merke, ich bin für diesen schönen Charfreitag mir selbst

überlassen, was fällt mir ein? Daß ich keinen Glauben habe. Oder das

Christentum. Ja, ganz so sehe ich das auf einmal vor mir, als hätte ich

das versäumt. Nun sagen Sie, Renate, Ihr Vater war doch Pastor, und Sie

-- verzeihen Sie die Frage! -- Sie sind doch fromm? Ich fände wenigstens

-- es wäre schön, wenn Sie fromm wären ...«

Renate, die ihn nicht ansah, fragte, etwas tonlos, wie ihm schien:

»Warum meinen Sie das?«

»Warum? Ja, erklären läßt sich das kaum ... Aber -- eine gottlose -- ich

meine: wirklich gottlose Frau, nicht wahr, das erschiene mir schlimmer

als eine Betrunkene. Ja, sollten nicht alle Frauen Priesterinnen sein?

Bei den Germanen galten sie doch wenigstens als heilig, und -- auf den

Glauben, auf den Gott käme es vielleicht weniger an als -- eben auf das

Frommsein. Irgendwie Gottheit verwalten, einer Gottheit dienen, sei es

Astarte, wenn sie glauben könnten an Astarte, aber -- das ist ja

freilich, was immer fehlt: der Glaube. Und Sie -- Sie glauben aber an

Gott?«

Er war bei diesen Worten mit ihr stehen geblieben, da sie an das Gatter

neben dem Eichenwäldchen gelangt waren. Sich los von ihm machend, trat

sie davor, legte eine Hand darauf, und während sie über das Land

hinzublicken schien, sah Georg von Schatten ein ganzes Heer über die

lichten Gefilde dieser Züge fallen. Wieder und wieder wollten sie

aufglänzen, fast sich schüttelnd darunter hervorkommen, der Mund bewegte

sich häufig, die Winkel bebten; mit einer Anstrengung machte sie sich

endlich frei von den inneren Vorgängen und sagte mit rauher Stimme:

»Was wollten Sie denn wissen?«

Etwas beschämt, dies gesehen zu haben, und beklommen, da sie seine Frage

nicht beantwortet hatte, schwieg Georg. Indem näßte ein Tropfen seine

Stirn, und er bemerkte, daß Land und Himmel sich verdunkelt hatten. Der

Himmel war wieder schwer grau, auf den zum Deich ansteigenden Wiesen

wehte das Gras heftig, schon fiel ein feuchter Schauer von oben. Georg

hängte Renate hastig ihren Mantel um die Schultern und sagte: »Ins Haus

kommen wir nicht mehr, aber ich weiß hier einen Unterstand!«

Sie folgte stumm, scheinbar ganz willenlos am Wäldchen hinunter, bis

Georg, in das Unterholz einbiegend, voranging, um die tropfenbehängten

Zweige auseinander zu schlagen. Nach wenigen Schritten stand er vor

einem riesigen Eichenstamm ohne Krone, in dem eine fast zwei Meter hohe

Höhle in Dreieckform klaffte. Er ließ Renate eintreten, es war Raum in

dem warmen mehligen Innern genug, daß auch er selber drin stehen konnte,

und so standen sie eine Weile, wortlos, lauschend, wie der Regenschauer

von hoch oben in den Wald einfiel und hier und da prasselte auf den

jungen Blättern.

Tiefer ins Innre der Höhlung tretend -- während Renate am Eingang eine

Schulter anlehnte, ins Freie blickend --, sah Georg mit nicht geringer

Beklommenheit in die enge Wölbung empor, die sich in der Höhe in Nacht

verlor. Durch einen fensterartigen Spalt über ihm in der Rückwand

sickerte Licht. Das ist eine Kapelle! dachte er, und daß er ihr nun so

nah und in solcher Abgeschlossenheit mit ihr war wie noch nie. Ich

glaube, ich könnte ihr gut sagen, daß ich sie liebe; Wirkung,

irgendwelche Folgen würde es keine nach sich ziehn, und ich werde es

auch wohl kaum tun.

Unter solchen Gedanken betrachtete er den reichgeschlungenen Knoten

ihres Haars, dessen sondres Braun an einer Stelle matt glänzte und

heller schien in dem aus dem oberen Spalt fallenden Licht. Nur die

Biegung ihrer Nase war ihm sichtbar und an dem kaum merklichen Auf- und

Niedergehn der violettblauen Schultern, daß sie schwer zu atmen schien.

Weich lag die Stille umher mit dem Regengeräusch und fernem Gezwitscher

von Meisen.

Renate sagte:

»Sie sagen, daß Ihnen ein Glaube fehlt. Was ist denn das für ein Glaube,

den Sie haben möchten?«

Georg zauderte lange im Empfinden, nun ganz aus innen sprechen zu

dürfen, und indem wurde sein Auge von einer neuen Erscheinung gefesselt.

Das war nichts weiter als der Zweig eines Holunderstrauchs, der sich

gegen den Eingang von draußen erstreckte. Die jungen, noch weichen, aber

schon großen -- vielleicht erst heut, nach dem Morgenregen so groß

gewordenen Blätter mit kleiner Zackung waren sich in einer so

liebreichen Weise gleich, so geschwisterlich auf ähnliche Weise immer

wieder vorhanden, und dabei so genau gemacht und so schön, so einfach

und klar in dem Dasein, in einer verborgenen, aber merkbaren und stillen

Aufgabe begriffen, nur ruhig schaukelnd und ungestört, wenn eines ein

Tropfen traf, daß Georg die Augen nicht abziehn konnte von dem

freundlichen Bild und so lange gedankenlos blieb. Endlich fing er dann

an:

»So bin ich hineingerannt in die Welt und habe immerfort ausschauen

müssen nach allen Seiten. Was hab ich gewonnen? -- Weltanschauung -- das

Wort will zu viel und giebt zu wenig, denn: was ist anschaun? -- Nein:

wahres Wissen um einige wenige Dinge, um das Eins ist not, -- und ein

tiefes ernstes Eingerichtetsein auf dies Wissen -- das möchte ich wohl.

Ach wohl, ich habe immer gedacht, es ernst zu nehmen mit mir, aber nun

scheint mir fast, mir -- und jedem heut, dem der Glaube fehlt, dem fehlt

nicht er, sondern dem fehlt es irgendwie -- am Ernst.

»Und dann, Renate,« fuhr er traurig fort, »dann wäre Religion nichts,

das einem zuflösse von außen, vom Himmel, oder woher es auch sei.

Sondern sie wäre wie eine Eigenschaft des Wesens und Lebens, wie ein

Temperament, wie Heiterkeit oder Schwermut, und was man mit ihr

berührte, das müßte von ihr zu fließen anfangen.«

»Und das Christentum,« hörte er nach einer Weile Renates Stimme durch

den Regenstrom, »das, glauben Sie, könnte Ihnen --«

»Ich weiß ja nicht!« rief er, sie unterbrechend. »Heut morgen sprach ich

mit Anna und Benno darüber --, aber seitdem ist mir alles so zerfallen.

Das Christentum ist für jenseits; ich will etwas für hier. Vom Ahnenkult

der Japaner, das fiel mir heut morgen schon ein, las ich bei Hearn, daß

es in ihm weder einen Unterschied zwischen Religion und Ethik gebe, noch

zwischen Ethik und Moral oder Sitte. So etwas dachte ich mir. Die

Gesetze der Gemeinde und des Hauses, der Familie, die, sagt Hearn, seien

die Sittenlehre des Shintoismus, und Staat und Religion, Sitte und

Gesetz, die sind eins. Klingt das nicht wundervoll? Und weiter erinnere

ich mich, daß er sogar sagt, das wahre Leben jedes religiösen Gesetzes

liege in seiner Bedeutung für die Pflicht des Menschen gegen den

Menschen; in der Lehre von Recht und Unrecht, sagt er. Das, das ist es!

Die sittlichen Erfahrungen eines Volkes, die zu Religion geworden sind.

Verstehen Sie mich doch, Renate, ich will keine Religion für mich,

sondern für Alle. Sie haben ja Alle keine, wie könnte ich sonst ohne sie

sein? Also hätte unser Volk, hätte Europa keine sittlichen Erfahrungen?

Warum auch übernahmen wir das Christentum? Sie wurde uns eingeimpft,

diese unsinnige Lehre vom Leiden, diese versprechende Religion, die das

Leben nimmt, statt es zu geben. Ja, und sehen Sie dabei: sind die

Japaner vielleicht bessere Menschen?«

Er sprach, ohne noch fest zu wissen, was er sprach, immer die mattgrünen

stillen Blätter vor Augen, deren jedes ihm mehr und mehr eine

Offenbarung hinzuhalten schien in ihren ruhigen kleinen Götterhänden.

Dann als er schwieg, hörte er deutlich die große Stimme der Einsamkeit

über die niederfallende Flut.

Renate hatte ihm jetzt das Gesicht zugewandt und lächelte ein wenig.

»Ach Georg,« sagte sie dann, »ein bißchen, ein ganz klein bißchen

erinnern Sie mich doch immer an Jules Verne.«

»Ach! Aber warum denn das?«

»Weil er«, erklärte sie, »zuerst eine Möglichkeit annimmt, zum Beispiel

die, daß eine Kugel voller Menschen sich zum Mond schießen lasse. Und

auf dieser unbewiesenen Möglichkeit baut er nun weiter, ganz

wissenschaftlich und logisch und richtig, und alles bekommt seine

Ordnung und wird belegt und bewiesen -- bis auf jene Möglichkeit. Und

Sie, Georg, Sie betrachten einen Gegenstand und sagen: der ist so! Und

auf diesem >so< bauen Sie auch weiter nach allen Regeln der Logik, und

es hat alles seine Richtigkeit, bloß das >so<, das hat keiner bewiesen«,

schloß sie lächelnd.

»Meinen Sie wirklich?«

»Ja, nannten Sie nicht das Christentum eine Religion des Leidens? Nun,

und selbst wenn es das wäre, heute wäre, wer zwingt Sie, das

anzunehmen?«

»Sie haben recht, Renate, ich -- ich kenne es vielleicht gar nicht. Also

habe ich unrecht? Überzeugen Sie mich doch bitte!«

Sie schwieg eine Weile und schien zu warten, daß der überlaut strömende

Regen leiser würde. Dies geschah auch bald, und Georg hörte sie

sprechen, von ihm abgewandt, dem Wald zugewendet.

Renate begann langsam, die Worte nur selten verändernd, eine

Charfreitags-Predigt ihres Vaters zu sagen.

»Wir«, sagte sie langsam, »blicken aus der Gegenwart in die

Vergangenheit; und sehen wir dort in der Ferne Christus, im Jahre Eins

oder Dreißig, so scheint uns dort alles anzufangen wie die Rechnung

unserer Zeit. Es scheint, als wäre von allem, was er brachte und war,

nichts gewesen zuvor; als ob er ein noch nie dagewesenes Neues erfunden

habe, und wie wäre das möglich? Nur auf einem Grund läßt sich bauen,

nichts ist neu von allen Seiten, und wie alle Andern, die uns heute ein

völlig Neues gebracht zu haben scheinen, war er ein Erneuerer, und es

war alles schon vorher, und nur auf seine Weise war es noch nicht.

»Und ferner sieht, wer ihn von hier aus sieht, sein Leben nicht vom

Anfang, sondern vom Ende. Vor dem Ganzen erhebt sich das Kreuz,

überschattet das Ganze und macht sein Leben zu einem einzigen

Stollengange des Leidens, einem Gange zum Kreuz, in der Gewißheit dieses

Endes von Anbeginn. Die gewaltigen Worte von Golgatha, von der Vergebung

der Sünden, vom ewigen Leben, von der Vollendung des Leidens, sie

scheinen nunmehr das Einzige, scheinen das Gefäß, das Leben und Lehre,

alles umschließt, und das Leben nur der Weg zu ihm, oder der Unterbau,

der sie als Krone, als Schlußstein trägt, und es dient nur, sie zu

erklären, zu stützen, zu vervollkommnen. So aber müßte man sie in

Wirklichkeit sehn, als Krone und Schlußstein des Baus, aber das

Eigentliche ist und bleibt doch der Bau und nicht seine Bekrönung.

»Und so müßte man ihm nachgehn durch dieses Leben, ihm, nicht als einem

Halbwesen, halb wirklich, halb immer symbolisch, sondern als einem

leibhaften, glühenden, wollenden, versuchenden Menschen, der kam, um zu

helfen, nicht um zu sterben. Der Schritt für Schritt, immer eifriger,

immer wissender, immer liebevoller, sich steigerte in Worten und Taten,

erst Worte gab, dann Taten -- jene, die heute die Wunder heißen -- zur

Erhärtung, als Bürgschaft der Worte. Er, der Liebe säte und Glauben

empfing. Der leidenschaftlich lebte, ein Dichter, kräftig packend in die

Speichen der Sprache, dessen Rede leben sollte und brennen, der ihr

Augen gab und Lippen und schlagende Flügel, und der also leibhaftig

redete und stets mit den Grenzen des Ausdrucks, in den Tiefen der

Darlegung, und so kam es dann, daß er so widersprechende Worte sagte

wie, daß kein Stein auf dem andern bleiben werde, bis daß es alles

geschehe, und daß auch kein Tüttel vom Gesetz verloren gehn solle, und

er nicht gekommen sei, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Das sagte er,

denn die jüdische Glaubenslehre, so erstarrt sie schon Christus

empfunden haben mag in der Verpanzerung des Gesetzes, sie war unendlich

reich an sittlichen Forderungen, an tiefer Weisheit des täglichen

Lebens, und wie schön an die Erde gebunden mit dem Messias, der kommen

sollte, nicht nach dem Tod, sondern zu lebenden Menschen der Erde. Und

es ist die wundervolle Unterscheidung der jüdischen Heilslehre, daß sie

das goldene Zeitalter nicht in der Vergangenheit sah wie der Grieche,

nicht im Jenseits wie der Christ und der Brahmine, sondern in einer

leibhaften Zukunft der Menschheit.

»Man kann sich wohl denken, daß auch er dies gewollt hat, und also sein

Leben weiter sehn. Nachdem darin im Anfang alles helle gewesen war,

überall Freude und Entgegenkommen, Dankbarkeit und Vertrauen, fing nun

der Haß an, der immer an zweiter Stelle kommende; die Befeindung, -- und

langsam ließ sich gewahren, wie er sich verstrickte, und daß es nicht

genug war, gut zu sein, daß es keinen Schutz gab gegen das Mißtrauen und

gegen die Eigentümer des Hergebrachten, die sich bedroht schienen von

jeder Neuigkeit. Und die Ahnung ging ihm jetzt auf, daß er einmal zu

zeugen haben werde für das Wort seines Blutes, mit dem Blut. Jedenfalls

-- in den Beschreibungen seines Lebens findet sich vom Leiden kein Wort

-- obschon vom Dulden und Geduldhaben --, bis jene Ahnung begann. Und so

kam die Abschiedsnacht.

»Jene Nacht, in der die ewigen Worte fielen, die Samenkapseln, aus denen

das ungeheure Feld aufgehn sollte. Er war aus Jerusalem entwichen und

kehrte zurück. Er sammelte nun seine ganze Kraft, Bürge zu stehn für die

Lehre, und ach sehen Sie ihn nun, den zarten, glühenden Menschen, der

sich unterfangen hatte, Alle zu ändern auf seinem Wege, sehen Sie ihn in

der furchtbaren Stunde gewissen Todes? Nein, denken Sie jetzt an keine

schönen Gemälde des ruhigen Abendmahls, denken Sie nicht, daß er nur,

wie es heißt, auf Gethsemane seine Kraft verlor und Gott bat, den Kelch

vorübergehen zu lassen! Wenn er die Kraft auch besaß, war jene im Garten

die einzige Stunde der Angst? War da Ruhe und Gelassenheit in dem

fremden dunklen Gastzimmer, in der sinkenden Nacht, der letzten, da

schon das Urteil verlesen war und nur die Vollstreckung noch ausstand?

War er nicht unendlich einsam, eine dürftige, frierende Frucht in der

Hand des Todes? Und diese Hand war es, die nun zugriff und preßte und

herauspreßte das Ewige, die Blutworte aus den ersten Wunden: Nehmet hin

und esset, dies ist mein Leib!

»Ja, was war denn seine Angst, und was ist denn die Angst des Sterbens?

Vergessen zu werden, vergessen von der Welt, vergessen zu werden mit

seinem Werk, seinem lebendigen Willen, umsonst sich zu opfern, da er die

Menschen doch kannte, umsonst die Marter zu leiden! Und da schmolzen ihm

nun die glühenden Worte hervor, mit denen er sie bat, zu gedenken, sie,

die Wenigen um ihn, die er selber gezogen hatte, die er kannte, denen er

doch vertraute, von denen sich hoffen ließ, daß ein Strahl seiner Sonne

sich in ihre Stirnen und Herzen eingebrannt habe, und: Dies ist mein

Blut, das für euch vergossen wird! flehte er sie an, solches tuet zu

meinem Gedächtnis. Und in letzter Glut, sie beisammen sehend, später in

Jahren, allein, ohne ihn, zu seinem Gedenken versammelt, geheiligt und

entflammt durch Treue und Sehnsucht und Hoffen, sagte er auch, daß sie

sich das Letzte trinken würden im Wein seines Blutes, wenn sie nur

glaubten: Reinheit, Unschuld, Vergebung der Sünden.

»Nicht wer ißt und wer trinkt, dem wird vergeben, sondern wer glaubt und

wer liebt.

»Was kam danach? Dann kamen die Vielen, die aufschrieben, was sie von

ihm wußten, einfältig die Einen, die Andern klug. Sie zeichneten sein

Leben auf, das schon lange nicht wirklich mehr war, Legende war und

Symbol, und zu Legende und Symbol geriet ihnen nun alles, außer dem

frommen Einen vielleicht, dem Maler, der alles noch leibhaft sah. Und

als dann die noch Spätern kamen, die Lehrer, die Ausleger, da war nun

alles Symbol geworden; bitterster Schmerz nur Symbol für Schmerz, das

Leben, das Feuer, die Zweifel, die Qualen, die Wonnen, all das

Sterbliche, was um Unsterblichkeit erst rang, ehe sie es segnete: das

war heraus, und es blieb ein Gleichnis vom Leiden.

»Was dann kam, wissen Sie, Georg.«

»Kaiser Julian«, sagte Georg schwer versonnen und atmete auf. Da war es

zu Ende. Er hatte mit Inbrunst gelauscht -- im Anfang; mit Eifer und

Hoffnung die ganze Zeit; als es aber ein Ende nahm, blieb ihm nichts in

der Hand, und er sagte zu sich: Botschaft -- unendlich schön, aber so

erging es mir immer, daß ich auf das höchste entzückt und beglückt war,

Botschaften zu hören, aber was sie niemals enthielten, war Glaube.

»Kaiser Julian?« fragte Renate, sich umwendend, »warum der?«

»Der letzte Christ«, erklärte Georg trübe. »Wissen Sie, was Strindberg

von ihm sagt? >Er lebt wie ein Christ und lehrt dasselbe wie Christus,

ist aber doch ein Christushasser.< Das ist so beschränkt, wie Strindberg

merkwürdigerweise immer ist. Er war mir nämlich verwandt, glaube ich,

und nicht etwa ein Christus-, sondern ein Christenhasser. Denn: mit dem

echten Christentum, nicht wahr, das sah er, war es aus, mußte es aus

sein, sobald es anerkannt, sobald es Staatsreligion wurde. Bis dahin war

das Bekenntnis für seine Anhänger Gefahr gewesen, Martyrium, nicht wahr,

und nur die Guten, nur die Echten und Gläubigen nahmen es auf sich.

Wurde es Staatsreligion, kam es auch an die Schlechten, wurde es zur

Formel, die es auszusprechen genügte, während es vorher Leben,

Schicksal, Glauben und Sterben war. Also, nicht wahr, ist dieser Julian,

der Abtrünnige, vermutlich der letzte christliche König gewesen, der gut

war, ohne öffentliche Formel dafür, der aber annahm, es sei dieser Lehre

besser, ausgerottet zu werden, als verbreitet. Ach, wie kam es, wie kam

es denn, Renate? Da wurde es Zwang, nicht wahr? da wurden die Menschen

mit Feuer und Schwert zu Christen gemacht, dann galt es für die

alleinseligmachende Religion, und wer sich nicht selig machen lassen

wollte, wurde gerädert, geteert und gesäckt. Ach, ist es nicht unerhört,

daß diese, grade diese Religion der Geduld die erste unduldsame geworden

ist?!«

»Ja, Georg, aber warum sagen Sie mir das?«

»Weil -- also weil sie eben unannehmbar für mich geworden ist! Da ist

mir alles weggeglaubt, möcht ich sagen.«

»Müssen Sie denn glauben?« fragte sie plötzlich.

»Ja, das ist freilich die Frage! Von der bin ich ja eigentlich

ausgegangen heut morgen. Denn -- vielleicht ists doch nur Einbildung?

Alle Millionen Menschen, die vor mir waren, haben geglaubt und gemeint,

glauben zu müssen. Und wenn das nun ein Irrtum war, und ich kann mich

nur nicht entziehen?«

»Das könnten Sie doch noch versuchen, Georg. Wie es scheint, kommt es

Ihnen vor allem auf das Sittliche an, und -- ich will Ihnen sagen, was

mein Vater lehrte. Er hatte in einer außerordentlichen Stunde Einsicht

gewonnen in die vollkommene Ordnung der Welt; in eine ewige, alles

lenkende Weisheit. Und nun --«

»Aber kann man das lehren? Ich meine: lassen sich daraus Anweisungen

ziehn für das Handeln, für die Gemeinschaft?«

»Gewiß. Denn wer mit vollem Glauben überzeugt ist vom Walten dieser

Weisheit, wird der sich nicht bestreben, sein Leben, seinen Teil dieser

Weisheit mit ihr in Einklang zu bringen? In Einklang jede Tat, jedes

Wort und jeden Gedanken?«

Georg dachte lange nach und kam zu dem Schluß, daß er von solchem

Glauben weiter entfernt wäre als von allem andern.

»Aber mein Gott, Georg,« rief sie nun verzweifelt, »was ums Himmels

willen wollen Sie denn eigentlich?«

Georg erwiderte ihren fast zornigen Blick mit möglichster Festigkeit und

sagte:

»Es giebt eine Art Menschen, die ohne Glauben leben kann. Das ist

Bogner. Er fiel mir schon ein, als Sie vom Maler Lukas sprachen. Der

zeugende Mensch, der braucht keinen Glauben, denn aus der Zeugung brennt

die Unsterblichkeit, und in der Unsterblichkeit thront Gott. Wie aber

läßt sich zeugen, Renate? Auf zweierlei Weise. Im Werk und im Opfer. In

diesem war Christus der Höchste, der sich so sehr -- sagen Sie, ob ich

begriffen habe! -- so sehr sich als Opfer fühlte, daß jede Berührung mit

den Menschen Liebe wurde, und das heißt Zeugen. Dazu gehört der

grenzenlose Glaube an die Menschen, den ich nicht habe. Glaube an die

Menschen, der ersetzt den Glauben an Gott, oder vielmehr: er ist darin.«

Georg hatte nun mit ganzer Flamme gesprochen, und mit einer schnellen

Regung der Ergriffenheit sah er Renate sich zu ihm wenden und beide

Hände auf seine Schultern legen. »Wir wollen uns doch bemühen, Georg,

sollte uns das nicht fruchten?«

Aber schon, während sie die Worte sprach, sah sie in seine nah vor den

ihren stehenden Augen einen Ausdruck eintreten, den sie um jeden Preis

verhindern wollte, -- und so gab sie, vergiftet von dem Schmerz, daß sie

das Heiligste preisgeben wollte, das sie hatte, nur um dies zu

verdrängen, was in seine Augen gedrungen war, aber beim Sprechen doch

Wort um Wort kämpfend und hoffend, dies, was sie gab, müsse stärker sein

und jenes verdrängen, bis es alleine leuchte und seine Seele erhelle,

mit der sie Mitleid hatte, -- gab sie das letzte Wort ihres Vaters vor

seinem Sterben; sie sprach:

»Das letzte Wort meines lieben Vaters war so:

_»Wenn es eine ewige Seligkeit giebt, so kann ihre Erscheinung nur die

eines unendlichen und unablässigen Staunens sein; des Staunens über die

unerfaßliche Herrlichkeit oder die herrliche Unerfaßlichkeit Gottes, das

ist: des ewig seligen Daseins._

_»Denn sie kann, die ewige Seligkeit, in allem nur das Gegenteil unserer

zeitlichen Unseligkeit sein. Deren Erscheinung aber ist Gewohnheit, die

alltägliche Wiederkehr, die Wiederholung und dadurch die Abstumpfung und

Abnutzung, ja schließlich die Ohnmächtigkeit der Empfindung. Wir sind

immerfort sterbend._

_Dort aber werden wir immerfort lebend sein. Denn wir werden Eingang

gefunden haben in das vollkommene und unaufhörliche Sein, dessen Wesen

Liebe ist. In der Liebe ganz sein, das ist ganz lebend sein; sie, die

Liebe, ist die einzige Erschafferin und Erhalterin aller Dinge, die

unendlich Frische, alles Lebendige immer wieder neu, herrlich und

erstaunlich Machende; so wie jeder Morgen den Tag, jeder Frühling die

Erde, -- so wie jedes tiefe Gefühl dich und die Welt immer wieder neu

und erstaunlich macht._

_»O aber wie willst du eingehen können in die ewige dorten, wenn du in

die zeitliche Liebe hier nicht schon weit und tief eingedrungen bist!

Und ach, so wende dich ab von jenem unsichern Sein in den schönern

Himmeln, das du nur dein nennst in der Hoffnung, dein im Verzicht, dein

aus deiner irdischen Kraftlosigkeit! Laß dieses eine sein dein Bemühn:

lerne zu staunen! Lerne die mächtige Kraft der Neuheit, die

schöpferische; lerne zu lieben, lerne zu leben! Wenn auch alles die Zeit

daran setzt, dir immer wieder den Faden zu zerreißen, den du liebend von

Augenblicke zu Augenblick deines Lebens legen willst: lerne ihn immer

wieder knüpfen, verliere nie aus dem Auge seinen einzigen Schein von

Gold, und um so süßer verlockend das Wort »von Ewigkeit zu Ewigkeit« dir

im Herzen ertönt: sprich dagegen: »von Augenblicke zu Augenblick« knüpf

ich und webe ich das einzige Kleid meines Lebens. Ob es Gottes Hand

einmal aus der meinen nehmen wird, mich für immer hineinzukleiden, oder

ob sein ganzer Sinn der ist, von mir gewoben zu werden: das ist zu

wissen nicht not. Not ist, zu tun. In dem Tun wird die Liebe, in der

Liebe das Wesen, in dem Wesen das Leben sein, das weder zeitlich noch

ewig, sondern das in der Liebe ist.«_

Renate verstummte. Hoffnungsvoll mit schwellender Zärtlichkeit versuchte

sie, durch ihren Blick Georgs über ihre Schulter gerichteten Blick zu

sich herzuwenden, und sie sagte noch, lächelnd, obwohl schaudernd im

Ernst des Todes: »Hast du verstanden?«

»Ja,« sagte Georg, »ich liebe dich!«

Sie schluchzte auf. Das lange schon in ihr quellende Schluchzen brach

haltlos über ihre Lippen, sie senkte eilig den Kopf, und nichts wissend

von Enttäuschung, nur verzweifelt im Herzen, brach sie blindlings durch

Buschwerk und Bäume, bis sie den Weg erreichte.

Georg wagte nicht zu folgen. Das war, dachte er mit geringer Beschämung,

falsch, -- und war es nicht trotzdem recht? Sie sah wie ein Engel aus,

als sie sprach, und was kann man zu einem Engel, der kommt und Gott

verbürgt und verkündet, was kann man andres sagen als: Ich liebe dich,

Engel? -- Und so empfand ich die Worte in diesem Augenblicke, nicht

anders.

Er senkte den Kopf. Danach konnte er den Stamm nicht verlassen, ohne

einen dankbarlich Abschied nehmenden Blick an den Holunderzweig zu

heften, wobei er jedoch zu bemerken glaubte, daß dieser, der während der

ganzen Zeit die kleinen graugrünen Hände mit so viel Geduld -- damit er

erkenne, was sie hielten! -- hingestreckt hatte, sich jetzt völlig

achtlos verhielt. Da wandte auch er sich zögernd und fand sich bald im

Freien der Mittelallee durch das Wäldchen und in der voll einfallenden

Mittagssonne. Ganz fern in der lichten Öffnung, in der die Wiese vor der

Terrasse lag, sah er die kleine dunkelbläuliche Gestalt von Renate und

ging ihr nach.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 195 / 240 题