Renate

Unweit am Ufer zur Linken, über der Flut, wo Blaues und Weißes sich

schnell ineinanderschlang, saß eine sehr stille, violettblau gekleidete

Gestalt, in sich versunken, -- Renate auf ihrem Mantel, den sie über die

Bank gebreitet hatte, und von ihr ging ein Gefühl von Ernst und Trauer

aus. Nahe über ihr flüchteten weiße gestaltlose Nebelwolken unter dem

blauen Gewölbe, das durch vielfache Lücken schien und glänzte, und

Strahlen wanderten lautlos golden dazwischen umher, erloschen und

brachen an anderer Stelle mit lächelnder Sanftmut hervor. Weit und offen

darunter das Land glänzte in Heiterkeit; Grün der Wiesen, überall zart

erblinkend von gelben Schlüsseln; die kleine weiße Versammlung der

Birken, unweit hinter Renate, schien dazustehn gleich Jünglingen oder

Mädchen, die auf den Anfang der Wettspiele warten; ganz fern wirbelten

Büsche grün und licht, und die Gruppen der schwärzlichen Bäume hatten

nichts Struppiges mehr, sondern Weichheit und die unsichtbare

Verschleierung ihrer Knospen. In der bewegten Stille der Lüfte regten

sich lebhafte Vogelstimmen, zwitschernd und zuversichtlich, durch die

lautlos weiche Geschäftigkeit der wandernden Lichtstrahlen.

Ach, mein Frühling! dachte Georg und fühlte sich wieder beglückt; er

führte wortlos die Anna über den Brückensteg und den Weg zu Renate

hinunter, nach einer Weile erst kurz bemerkend, daß sie dort sitze.

Renate blickte auf, als sie näher kamen, durch Georgs Augen streifend

mit einem unverständlichen Blick voll Trauer und Güte. Das verwirrte ihn

so, daß er nach einer Weile erst inne wurde, daß sie sich mit Magda

stritt, die sich jetzt an ihn zur Entscheidung wandte. Sie müsse zur

Generalprobe in die Stadt, und obwohl für Renate ein Vertreter bestellt

sei, wolle sie jetzt mitkommen, und Georg sollte es verbieten, da sie

doch ihren Fuß für den Abend schonen müsse.

»Braucht sie abends ihren Fuß?« hörte Georg sich ganz freundlich fragen.

»Aber ja doch! Zum Orgelspielen! Zum Pedaltreten!«

Georg, nicht recht begreifend, warum er einen kleinen schneeweißen

Eisberg in einem blauen Wasser schwimmen sah, raffte sich auf, sie zu

überzeugen, aber der Streit schien bereits entschieden, und er konnte

sich nun wundern, die Anna in ihrem hellroten Kleid, den Mantel am Arm,

zwar irgendwie unsicher, aber ganz allein den Weg hinabgehen zu sehn.

»Kann sie denn sehn?« fragte er ungläubig.

»O ja, heute ganz gut!«

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«

»Gern!« Und Renate zog ihren Mantel, auf dem sie saß, weiter auseinander

neben sich, denn die Bank war ganz naß.

Georg schloß die Augen, erquickt vom Gefühl des Sitzens.

Eine Lust schnellte jetzt in ihm auf wie ein Hund hinter der Hoftür,

eine Begier, zu reden über irgendwas, da er sonst denken mußte, und

schon hatte er sich an der Banklehne hin zu Renate hinübergelehnt und

schwoll über.

In diesem Augenblick glaubte Renate zum ersten Mal, seit sie ihn kannte,

die Leibhaftigkeit Georgs, seine wirkliche Nähe zu spüren. Früher --

wieviel ferner als alle Andern war er ihr allzeit gewesen, ein junger

Mensch, den sie nicht verstand, fremdartigen Wesens, abgeschlossen von

ihr. Während sie ihn sprechen hörte, stellte sich deutlich Erinnrung an

seinen Vater ein. Was erinnerte denn so sehr an ihn? Es war -- Magda

hatte es getroffen -- etwas Fürstliches da, eine Unbändigkeit

und Überlegenheit. Freilich -- seine Mundwinkel hatten ein

Verächtlichkeitszucken, das ihr zu häufig kam, als daß es ihr ganz echt

scheinen konnte. Aber sein Auge war klar, zumal in Pausen, wenn er

schwieg und weithin blickte; dann hatte es einen Glanz von

Unerschrockenheit, von Stetigkeit und -- sie fühlte ein innres Erröten,

als sie es dachte -- fast von Wärme, wenn er sich nun zu ihr wandte.

Warum nur lärmte er so? sprach schallend laut und machte heftige Gesten?

Ja, auch das war wie beim Vater ...

»Ja, nun sehen Sie mal, teuerste Renate, da haben wir Charfreitag. Ein

schöner Tag offenbar, ich bin ganz erstaunt. Denken Sie an, ich habe da

drei Wochen bis über die Augen in Geschäften gesessen und nicht bemerkt,

daß es Frühling ist. Aber so geht es mir immer. Passen Sie mal auf!« Er

redete nun immer freier und sorgloser, in schnellender Erleichterung von

Satz zu Satz. »Ich will Ihnen mal genau sagen, wie sich das mit mir

verhält. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich folgenden Traum. Ich stand

in einem Theaterparkett, nicht wahr; auf der Bühne war ein glänzender

Festzug, ich sollte eigentlich mitwirken, nicht wahr, aber die Menschen

ließen mich nicht hin, und ich schrie, nicht wahr, Sie verstehn, wie das

so ist im Traum, und ich schrie jedenfalls: Ich komme nicht hinein.

Komisch, was, aber wir können so weise werden wie Salomo, wir träumen

doch immer wie die Esel. Übrigens war dieser Traum eben nicht so dumm,

barg vielmehr eine Wahrheit am tiefen Grunde, wie der Dichter sagt, und

was meinen Sie, wer förderte sie zutage? Natürlich Ihr leider

verstorbener Vetter Josef. Was sagte er nämlich, wie legte er es aus?

Ganz einfach, nicht wahr, nämlich -- ich käme bei Gott nicht hinein, in

die Gegenwart gewissermaßen, Sie verstehn, was man so >das Leben< nennt.

Ja, Sie lächeln, Renate, aber nun ist es wahrhaftig eingetroffen. Im

Allgemeinen und im Besondern. Soll ichs beweisen? Ich meine --, ich weiß

ja nicht, ob es Sie --«

»Sehr, Georg, sehr doch! Ich habe ja viel an Sie denken müssen, seit Sie

Herzog sind, und --«

»Das wird ein schöner Schlamassel werden, nicht wahr? Haben Sie das

nicht gedacht?« rief Georg, bog sich nach hinten und lachte schallend.

»Nicht ganz, Georg, aber daß es sehr schwer --«

»Schwer? Was für'n Unsinn, Renate! Wie kann so was schwer sein? Das ist

genau wie mit dem Dichten, meinen Sie, das wäre schwer? Der Eine kanns

immer, der Andre kanns nie. Ich gehöre zu denen, die es nie können«,

schloß er überzeugt.

Georg schwieg. Minutenlang schwieg er, aber während dieses Schweigens

sprach er ganz andre Worte zu ihr als im Augenblick zuvor. Er sagte,

langsam und nachdrücklich Wort für Wort und ohne die Fürstenpose, die er

sich angeformt hatte, ohne selber zu wissen wie; er sagte:

Sieh, Renate, wie das mit mir ist! Zwischen den Menschen und mir ist

etwas wie ein Schleier; nicht einmal Schleier, -- nur Glas,

durchsichtig, und scheinbar ist gar nichts da, und doch ist es etwas,

das den geraden Blick bricht, so daß er nicht eindringen kann in ihr

Sein. Das ist die Lüge ...

Hier brach er ab, dachte trocken und heiß: Warum sag ich es nicht? Warum

leg ichs nicht einmal in eine fremde, in ihre Hand, daß sie's weiß, daß

sie -- ja, daß sie nur etwas näher zu mir ist, als daß wir nun sitzen

als Unbekannte und reden, was ebenso gut und was besser ungeredet

verbliebe?

Georg bemerkte, daß genug geschwiegen war, besann sich und begann von

neuem so wie vorher.

»Also ich wills Ihnen beweisen! Zum Beispiel folgendermaßen, nicht wahr,

ich will beispielsweise reden. Sie wissen, Ihr Vetter Erasmus hat, wie

auch früher mein Vater, und nach dem Vorgang von Abbe in Jena, die

Einrichtung getroffen, daß die Arbeiter seines Unternehmens am Einkommen

beteiligt sind. Nun, herrlich, nicht wahr, menschenfreundlich und

gerecht. Und was kommt heraus? Ein jeder Arbeiter, nicht wahr, hat sein

Stück Geld auf der Bank, ist, mit einem Wort, ein kleiner Kapitalist.

Ist aber damit ein Übel beseitigt? das Grundübel, der Kapitalismus?

Tausend Menschen sitzen mit Goldplomben in den Zähnen, und da giebt man

den Übrigen auch welche, das ist die Geschichte. Ja, sehen Sie doch, der

steifste Reaktionär könnte ja nichts Besseres tun, um der

sozialdemokratischen Arbeiterschaft den Mund zu stopfen, denn wer satt

hat, der ist zufrieden, das ist so alt wie Jerusalem. Ja, aber

meinen Sie, das könnte mir passen? Da sehen Sie also, daß bei

Menschenfreundlichkeit nichts herauskommt. Also, wie greif ichs an, wie

komm ich hinein, da ich auf einer ganz andern Grundlage stehe?

»Oder ein andres Beispiel. Ein Dichter schickt mir da seine Verse mit

der ergebenen Bitte, ihm zum Abdruck zu verhelfen. Dummes Zeug, nicht

wahr, das sich reimt, na, aber das ist Zufall, sie könnten ja gut sein.

Was tu ich? Laß ich diese drucken, so kann jeder kommen, ich muß einen

Verlag aufmachen, das geht nicht. Aber, da ich nun mal die Aufgabe habe,

im Einzelfall den Mangel der Gemeinschaft zu erkennen, was tu ich? Ich

denke nach, nicht wahr, über diese besondre Gemeinschaft der Dichter,

die keinen Verleger finden, oder wenn auch, nicht genug zum Leben

bekommen, und was fällt mir ein? Folgendes, nicht wahr? Alle Dichter

höheren Grades, eben jene, die es am schwersten haben, tun sich zusammen

und geben ihre Werke gemeinsam heraus. Was geschieht? Diese Werke kauft

niemand; da sie gut sind, niemand. Was muß der Dichterverlag m. b. H.

tun, um sich über Wasser zu halten? Muß noch andre Werke herausgeben,

die gehn, Kunstbücher oder Schmarren oder so, was Sie wollen, mit einem

Wort: sie müssen einen richtigen Verlag gründen, den Konkurrenzkampf

aufnehmen, und so weiter. Können sie das? Gott bewahre, sie sind

Dichter, sie müssen also einen Geschäftsmann an ihre Spitze stellen,

einen Verleger, der es macht wie die Andern, und was kommt zutage? Ein

Verleger mehr zu den alten. Oder aber, ich muß einspringen, muß den

Verlag unterstützen --, ja -- na, da kann ich grad so gut dem Einzelnen

helfen, der zu mir kommt, und wir drehn uns im Kreis wie die Schafe mit

Littiti.

»Oder drittens, um zum Kern der Sache zu kommen. Ein Schuldirektor

überreicht mir in Audienz ein dickleibiges Manuskript: Umformung des

gesamten Schulwesens. Schön, nicht wahr, des gesamten, der Kerl, denkt

man, fängt die Sache am Grunde an. Ich fange an zu lesen, nicht wahr?

Übrigens ein geistvoller Mann, wie Herder, nur praktischer. Also ich

lese zwanzig Seiten und habe folgende Vision. Ich lege das Buch meinem

Kultusministerium vor. Das sagt: Ausgezeichnet, und streicht mir die

Hälfte weg. Die verbliebene Hälfte, nicht wahr, leg ich vor den Landtag.

Der sagt auch ausgezeichnet und streicht wieder die Hälfte. Das

verbliebene Viertel geht an die Schulbehörde, und da sickert es nun über

die Inspektoren zu den Direktoren, zum Lehrkörper endlich, und allda

wirds ein Pensum. Da sitzen in allen Klassen diese braven und unbraven

Berufsmenschen, die fünfzig Karpfen und drei Hechte in die Schleuse der

Versetzung zu treiben haben, und was meinen Sie nun, ist inzwischen aus

der glorreichen Umformung meines Herders geworden?

»Und da, Renate, da haben wir die Sache beim Kopf und können sie lausen.

Hilft es irgend etwas, die Einrichtungen ändern zu wollen? Nein, die

Menschen müssen sich ändern, und nun sagen Sie mir um Gottes willen, wie

ändert man die?«

Georg, heftig frierend, aber sonst frei, sah zu Renate auf, die sich

langsam erhoben hatte.

»Ja, möchten Sie denn nicht zugreifen, Georg, um sie zu ändern, die

Menschen?« sagte sie leise. »Wie schön --«

»Ich, Renate, ich?« Hohnlachend warf Georg sich zurück. »Ich? Ja, wie

komm ich denn dazu? Einigermaßen sitze ich ja fest in meinem Leben, bin

wenigstens fertig damit, aber -- hab ich mich denn je geändert? Wie hab

ich ein Recht? Gott, sehen Sie doch, mein Vater --« Er verstummte, für

Sekunden sprach- und gedankenlos, und sah Artaxerxes, den Schwarzen,

über das Wasser heranziehn, plötzlich abbiegen und um Renate, die vorn

am Ufer stand, einen weiten Bogen beschreiben, indem er leise fauchte.

»Mein Vater«, fuhr Georg mit Anstrengung fort, »war ein Mann der Tat. Er

stand nun mal auf dem Boden, auf dem er zu schaffen verstand. Ich steh

auf einem ganz andern, von dem aus die ganze Gemeinschaft, in der wir

leben, falsch aussieht, oder so -- warten Sie -- nun, wie wenn Menschen,

nicht wahr, deren Natur für eine bestimmte Höhenlage, ein bestimmtes

Klima geschaffen ist, in einer andern, höhern oder tieferen Luftschicht

angesiedelt sind, und was sie auch anfangen, es verbiegt sich, es wächst

verdreht, was nach unten will, nach oben, und umgekehrt, ja, es ist doch

wahrhaftig, als säßen sie alle mit dem Wipfel im Erdboden und ließen die

Wurzeln in die Luft starren. Kann ich sie umdrehn?

»Mit einem Wort: daß ich hier sitze und Herzog bin, das ist der

allergrößte Schwindel. Aber so geht es eben. Jahrelang habe ich nach

diesem gestrebt und es für Glanz und Ruhm gehalten, wie der Dichter

sagt, und nu -- was is es nu? Wie die Engländer sagten, als sie auf dem

Brocken gewesen waren: _We have seen all the mist and missed all the

scene._ So ist es.«

Renate lächelte, und er lachte nach Kräften.

Fertig damit und still geworden, sagte er nachdenklich:

»Und das, Renate, das sind denn so die Dinge, von denen sich reden

läßt.«

Renate, auf ihn heruntersehend, fragte freundlich: »Und die

eigentlichen, die wir verschweigen --?« Aber indem fiel Georg, erstarrt

vom Erschrecken, ein: »Um Gottes willen, was war denn das eben? Das habe

ich doch schon einmal erlebt! Nein, es war -- anders, aber -- die Worte,

meine Worte eben --«

Er verstummte, jagend nach der Erinnerung durch hundert Bildstücke

seines Lebens, und mit einer Erleichterung endlich traf er auf Bogners

gutes Gesicht und hörte ihn die Worte sagen: Und das sind denn wohl so

die Dinge, von denen man reden kann. Wann? Wann? Hier, in Helenenruh, am

Ende auf dieser Bank? Nein, in einem Zimmer war es, im Gastzimmer. --

Georg sprang auf und starrte die Bank an, fühlte indem die Hand Renates

an seinem Arm, sah aufblickend ihre Augen, lächelnd in einer

beängstigend süßen Besorgnis, und stammelte eine Entschuldigung.

»Haben Sie«, fragte er, »das einmal erlebt, daß man glaubt, sich an ein

andres, ein Leben vor diesem zu erinnern? Aber nun weiß ich schon, es

waren nur Worte Bogners, die ich eben brauchte. Vor drei Jahren -- --«

Er brach ab. »Soll ich Sie ins Haus bringen?«

»Ja, aber auf einem Umweg bitte. Wirklich, es ist nicht so schlimm für

meinen Fuß,« bat sie, »ich möchte so gern ein wenig gehn und auch mehr

von Ihnen hören. Sagten Sie nicht, im Besondern und Allgemeinen? Ja,

dann müssen Sie mir schon das Allgemeine auch noch beweisen, und dann --

dann werde ich Ihnen einen Rat geben!«

»Das wäre herrlich! Also gehn wir!«

Er nahm ihren Arm wie zuvor und führte sie an der Bank vorüber, weiter

am Teich hin, um auf einen der Wege zwischen die Wiesen abzubiegen.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 194 / 240 题