>Der Tod Christi<, so las Renate in ihrem Zimmer, >bezeichnet uns das
Größte -- nicht in seinem Wesen, aber in seinem irdischen Leben. Niemand
ist eines so vollkommenen Todes gestorben. Darum sollst du die Tage
seines Sterbens als die heiligsten halten im Jahr, und sie sollen ganz
allein dem Heiland gewidmet sein.
>Zu dieser Versenkung deiner Seele bedarf es einer Überwindung zuvor.
Denn es fällt der Seele nichts schwerer, als aus der Gewohnheit ihres
Treibens von selber den Übergang in ein größeres Dasein zu finden, und
zumal der Geist bedarf des besonderen Antriebs. Darum sollst du zwischen
Alltag und Feiertag die Mauer einer Überwindung aufrichten und am Mittag
des Gründonnerstags ein vollkommenes Fasten beginnen, das bis zum
Samstag in der Frühe währt. Erst wenn es dir vermittels dieses Fastens
gelungen sein wird, dein leibliches Dasein zu verleugnen, kann das
seelische in dir geboren werden, das nur Liebe ist, und du --<
Renate legte das Buch hin; ihre Augen flimmerten und versagten, noch
eine Weile zuckten die Lettern der väterlichen Handschrift vor ihren
Augen und zerflatterten im Lampenlicht; dann waren die Wimpern gefallen,
sie saß im Dunkel.
Das erstemal in ihrem Leben fühlte sie die alte Charfreitagsübung
versagen. Der Hunger, der sie aus dem Schlaf geweckt hatte, peinigte,
ohne daß sie etwas andres empfinden konnte als ihn, es sei denn ihr
Frieren. Schaudernd vor Kälte, öffnete sie die Augen wieder, kniff sie,
geblendet vom Licht, wieder zu, stand auf, ging und löschte die grell
brennende Lampe.
Nun fiel durch die halboffene Tür zum Schlafzimmer der Schein der
verschleierten Lampe auf dem Nachttisch, und die Hälfte des Zimmers, in
dem sie wanderte, lag im Schatten der Tür. Doch immer wieder, in die
Nähe der Türöffnung gekommen, mußte sie anhalten und nach nebenan spähn,
in den schmalen Raum, wo nichts war als die kleine gelbe Schleierlampe
auf der Platte des Nachtkastens neben dem leise glänzenden Armband mit
der Uhr, und vorne das Fußende des Bettes. Ihr war dann, als läge jemand
krank in dem Bett, ihr unsichtbar -- Jason vielleicht, der vor Jahren
dort gelegen, oder ihre eigene Seele, und was hier von ihr rastlos
umging in der Nachtstille, war nur ein kranker Traum der sehr kranken.
Lange versunken in den Anblick, zog sie dann den Schal fester um
Schultern und Arme, machte den Blick -- so schwierig, fast wie die an
Gedörn verhakten Zipfel eines Kleides oder Schleiers -- los von dem
Licht und ging auf die Fenster zu, die kaum sichtbar waren im Finstern.
Im Gehen fing ihr rechter Fuß mit der noch aus Italien heimgebrachten
Sehnenentzündung sofort Feuer, obwohl sie ihn immer mit ganzer Sohle
aufsetzte und nur leicht -- weniger ein Schmerz als eine Behinderung
mehr zu den andern. Ah, wozu ein Glied schonen, wenn das ganze Wesen
sich hülflos verzehrte!
Und zum hundertsten Male, seit sie dies Fasten begonnen hatte, versuchte
sie sich aufzurütteln mit dem Gedanken an ihren Vater. Was sie aber
denken konnte, war nur, daß sie, solange er lebte, solange sie mit ihm
Charfreitage beging, niemals auch nur einen Hauch von Hunger verspürt
hatte, so vollkommen gesättigt, wie sie war, von dem unversieglichen, an
diesem Tage süßer und herrlicher als alle Tage strömenden Quell seiner
Liebe und Weisheit. Und noch die nächsten Charfreitage waren ernst und
schön im Geleit seiner niemals gestorbenen Augen, seiner niemals
versiegten Liebe. Heute zum ersten Mal war sie allein wie ein Tier und
litt Hunger.
Sie fror unablässig. Zuweilen hauchte sie in die Luft, um ihren Atem zu
sehn und sich zu beweisen, daß die Nacht wirklich so kalt war, doch
zeigte sich kaum ein dünnes Gebilde von Dunst. Nein, diese immer
erneuten Wellen von Schauder kamen von innen! Sie ächzte fast weinend.
Ich kann nicht mehr! Ich kann nicht mehr frieren! Senkte den Kopf und
ging weiter.
Die Stille nach dem vertosten Sturm blieb unverbrüchlich. Zuweilen
knackte eine Diele unter ihrem Tritt; im Nebenzimmer, unermüdlicher als
sie selber, doch gleichmäßiger, wurde bei jedem Näherkommen das feine
Ticken der Uhr hörbar. Ein Fenster stand jetzt offen, nachdem sie es
zehnmal geschlossen und wieder geöffnet hatte, schwankend zwischen dem
Schauder vermeintlicher Kälte von draußen und dem Gefühl, ersticken zu
müssen. Draußen knisterte es dann und wann. Über der See stand ein
Frühlingsgewitter, und in Pausen regte sich dort ein dünnes Lichtzucken,
lautlos. Oder vielleicht wars ein Blinkfeuer.
Ach, sie hätte auf einem Schiff sein mögen in dieser Nacht, keinem
großen, einem kleinen, festen Ding, das mit dem unermüdlich schlagenden
Herzen sich durch die schwere See hinarbeitete, ein geduldiges
Tierwesen, folgsam und standhaftig. Zu fühlen sein leises eifriges
Ächzen, das Knacken und Dehnen seiner Glieder, und daß die schwere
Arbeit ihm doch eine Lust war, und immer wieder ein Behagen, den Kopf
aus der zusammengestürzten Woge zu heben, triefend, augenlos in das
Finstre und doch mit einer Art Lächeln ...
Renate erholte sich an solchen Vorstellungen minutenlang. Sie waren wie
Streichholzflammen, an denen sie die gewölbten Handflächen wärmte,
heftiger fröstelnd, wenn sie erloschen. Wieder und wieder durchsuchte
sie ihr Leben nach ähnlich wärmlichen Bildern, -- ach deren gab es zu
Hunderten, allein ihre Wärme war kraftlos, drang nicht her bis zu ihr,
oder ein Keim Eises war drin, der, aufgehend in magischer Schnelle,
einen Schauer von Schnee über sie wölkte. Die Stunden mit Saint-Georges
-- jede voll Ausdauer und Frieden und Versöhnlichkeit -- und in jeder
der Keim des Unheils, des Todes, der Unseligkeit. Die Stunden der
Friedliebenden Gesellschaft, ach alle zerstäubt und verblasen. Aus
Magda, aus Sigurd und Esther, aus Ulrika, aus Irene -- was war aus ihnen
geworden? Gräber, -- und wenn sie in geträumter Lebendigkeit vor Renate
erschienen, so hatten sie eine Geducktheit an sich, als schleppten sie
unsichtbar ihre eigenen Leichname. Hatte der Tod nicht gewütet um sie
her? Und waren sie es am Ende, all diese Toten, die um sie her die Luft
töteten mit ihrer Starre, und war darum kein Hauch mehr von Wärme zu
finden? Aber Magda lebte, die liebste, und von ihr entströmte doch immer
eine unendliche Glut ebenmäßiger Fülle.
Die Müdigkeit zitterte schon in ihr, aber sie wußte, daß sie sich nur
hinzulegen brauchte, um wacher und unseliger zu sein als zuvor. Also
schleppte sie weiter ihren Fuß, als wäre ein Gefäß voll Gluten daran
gebunden, das sie mit Vorsicht bewegen mußte, nichts zu verschütten. Die
Gedanken gingen ihr aus.
Wieder das Fenster schließend, bildete sie sich ein, sofort die
Zimmerwärme zu spüren, und stand so eine Weile, die Hände leis reibend,
vor dem dunklen Glas und dem eigenen, eben erkennbaren Widerschein
darin, bis aus der Bewußtlosigkeit eine Stimme sie zu sich rief, die
hinter ihr melodisch laut ward mit den Worten:
»Es kommt alles nur von der Wärme und der Kälte ...«
Nur wenig erschreckend, wandte sie sich um und merkte, daß sie in ihrem
Zimmer daheim war; daß die Lampe auf dem Schreibtisch brannte -- und
jetzt, daß in der Türöffnung zum Schlafzimmer eine nicht eben große
Gestalt in einem rosenfarbenen Kleide stand: Ech-en-Aton, der König.
Er sah ruhig umher. Sein kleines Antlitz war weiß wie Apfelblüte mit
rosigen Hauchen; fast unsichtbar das helle Blond des Haars, die Augen
von fast nächtiger Bläue. Der Kleidrock von glanzloser Rosenfarbe stand
in jener rhomboiden Form, die Renate von den alten Bildern her kannte,
unten, zwei Hände breit über den nackten geschlossenen Füßen ab, und ein
kurzer Kragen von gleicher Farbe bedeckte Schultern, die Brust und die
Arme. Plötzlich erschrak sie doch, da er sie ansah, sie durchdringend
mit dem Blick, der nicht von ihrer Welt war. Aber er lächelte, und schon
machte es sie glücklich, ihn, diesen Göttlichen, so menschenhaft zu
sehen und das Königliche, zur Schau getragen weder in Haltung und Miene,
nur in so unbeschreiblicher Weise vorhanden an ihm wie die Unschuld im
Auge eines Kindes. Und wieder doch verging sie fast, als jetzt unter dem
Mantelkragen ein lebendiger Arm zum Vorschein kam, eine zarte, längliche
Hand sich erhob und in die weißen Falten des Vorhangs über seinem Haupte
hineingriff. Ach, sie hätte der Samt sein mögen, jetzt!
Er sagte, langsam sprechend, mit tiefer Milde:
Ȁngstige dich doch nicht, Schwester! Sorge dich doch nicht um dein
Leben, Schwester! Liebe Seele, habe Geduld! Süße Vollkommenheit, du
darfst mir nicht zerblättern! Sei ruhig! Sei weise! Da bin ich ja! Ich
will dich trösten! Wir wollen zusammen sein und etwas sprechen ...«
Renate hatte sich so weit gewonnen, daß sie etwas sagen konnte von ihrer
Beglücktheit und Überraschung, was er freundlich anhörte, ohne zu
erwidern. »Setz dich nur!« sagte er dann, »ich stehe lieber; ich stehe
gern.«
Sie nahm einen Stuhl am Tisch. Seine zarte, farbige Gestalt war dem
lichten Raume umher schon so natürlich geworden, als hätte dessen vorher
unsichtbares Wesen nur diese Gestalt angenommen. Renate bebte fast im
Verlangen, nur die Mildigkeit seiner Stimme wieder zu hören, die sich
ihr einflößte wie ein himmlischer Trank, wärmend, bezaubernd und doch
nicht berauschend. Da sprach er auch schon.
»Sprechen wir vielleicht von diesen Dingen, der Wärme und der Kälte, die
dich so bewegen. An ihnen läßt sich ja alles erklären, und um zu
erklären, bin ich gekommen. Man muß wohl die Geduld verlieren unter den
Menschen, wenn man nicht wie ich in die Unveränderlichkeit eingegangen
ist. Da nahm ich unter den stillen Geschwistern deiner seit langem wahr,
und da du nun meiner so sehr bedarfst -- sieh, da bin ich!«
Renate fiel ein in sein Lächeln und löste sich darin -- ihr deuchte mit
einem Harfenton.
»Erinnern wir uns einmal daran,« begann er still, »was du gelernt hast.
Licht und Finsternis hast du gelernt, die Urzustände.
»Licht und Finsternis. Aber du wirst gleich begreifen, daß dies falsch
sein muß, wenn du nur bedenkst, daß Nacht eine örtliche Erscheinung ist.
Überall ist die Sonne. Nur dich verläßt sie zuzeiten.
»Die Schlaflose -- immer irgendwo ist die Sonne, die alleine der
Anbetung würdig ist.
»Bedenke nun Wärme und Kälte. Es ist Winter, nicht wahr? Es stürmt bei
dir in dem Norden, es schneit, die Sonne blickt vor, aber es ist doch
nicht warm. Sommers aber, der Himmel ist bewölkt, Regen fällt, die Sonne
ist nirgend, und dir ist doch warm genug, unter leichter Decke zu
schlafen.
»Oder das Wasser. Es ist Juli, die Fläche des Weihers glüht, -- du aber,
Kühlung bedürftig, tauchst die Hände hinein, und sieh, du erfährst eitel
Kaltes unter der Glanzhaut der Glut.
»Also sieh an, du kannst dir Kälte und Wärme bereiten, wann du willst,
Nacht und Tag aber kannst du dir nicht bereiten, ob du tausend Lampen
entzündest oder die stärksten Mauern errichtest, denn immer wo sie sein
will ist die Sonne.
»Wärme und Kälte dagegen können überall sein zugleich, an tausend
Stellen unter der Sonne, und was heißt das? Es heißt, daß die ganze Erde
ein Gemisch ist von Warm und Kalt. Kannst du dir vorstellen, es gäbe ein
ähnliches Gemisch von Dunkel und Licht? Licht mit schwarzen Stellen oder
umgekehrt? Gewiß nicht.«
Er schwieg eine Weile und schien zu bedenken, wie er fortfahren solle.
In Renate war jedes seiner Worte eingegangen wie eine Flocke reiner
Süßigkeit; sie war schon erfüllt davon, wußte sich aber unendlich an
Raum und Verlangen nach mehr. Wenn der Saum seines Rockes bebte, bebte
sie mit, -- so war ihr ganzes Wesen an das seine geschlossen.
Der König fuhr fort:
»Vom Leibe sprachen wir bisher und den leiblichen Wahrnehmungen, aber
uns beschäftigt die Seele. Daß auch sie ein solches Gemisch ist, wie wir
erkannten, das weißt du; ein Gemisch zweier Richtungen, zweier Triebe,
die du gut und böse zu nennen gewohnt bist nach ihrer Wirkung. Da nun
auch hier im Gebiet der Seele, einer andern Erde, nicht Nacht herrschen
kann mit Flecken des Lichts, wie wir sahen, so muß es wohl auch das
Kalte sein und das Warme.
»Und willst du noch einen Beweis? Erinnere dich, wo warst du, bevor du
geboren wurdest?«
»In der Mutter«, sagte Renate.
»Und wie war es allda?«
»Warm.«
»Wie also mußt du das Dasein dahier empfunden haben, als du zu ihm
eingingst?«
»Als kalt.«
»Und diese Kälte an den Gliedern wie?«
»Schmerzlich.«
»Denn du schriest. Und was ward seitdem die Folge? Ich will es dir
sagen: Die Folge ward ein unbegrenztes Verlangen nach Wärme, jener
Wärme, aus der du kamst.
»Ja, meine Schwester, dieses ist Lust: Wärme. Und Kälte ist alle Pein.
Und alles was entstand, ist aus diesem Gegensatz entstanden, aus dem
Mangel an Wärme. Alle Wissenschaft, alle Weisheit und Bildung und die
erlauchten Geheimnisse der Kunst.
»Woher aber die Seele? Wo ihr Keim, wo ihr Beginn? Dein Ahne im Norden
hat wohl nicht viel von ihr gewußt, da er aus Schlachten und Jagden zu
den ewigen Schlacht- und Jagdgründen einging. Aber südwärts der wärmere
Grieche, was glaubte der? An den Hades, an sinnlose Schatten, die wesend
nicht lebten, weshalb? Hatten sie nicht Schein von Gliedern und Sinnen,
und hörtest du nicht, daß sie blickten und sprachen, daß sie wieder
liebten und haßten, wenn sie -- etwas bekamen? Was? -- Blut -- das warme
Blut. Kalt war es im Hades, eingefroren waren ihre Sinne, taub,
abgefroren mit dem Augenblick des Sterbens und mit der Seelengeburt.
Siehe aber, das wußte der Grieche, daß sie leben kann, die Seele, wenn
nur Wärme vorhanden ist. Er wußte von der Seele, denn er wußte von der
Wärme, von dem Glück seines Blutes, von dem Frühling, von Persephone und
Demeter, von -- Dionys. Kalt, so nannten sie den Hades, und warm war
ihnen das heitere Land, aus dem ihnen, vom Tyrsos geschlagen, tausend
und tausend feurige Quellen sprangen im Wein. Die Andern waren noch
nichts -- Dionysos war der seelische Gott, Schöpfer der Seelen, da er im
Kalten die Wärme gab, Feuer der Seele, gewaltige Lust, Trunkenheit, sich
den wärmlichen Göttern ähnlich zu fühlen.
»Mein Volk wußte viel, aber dumpf. Sie ahnten die Seele, aber das Leben
hatten sie noch nicht. Ihnen war wohl ein wenig zu heiß in der ewigen
Sonne, und also suchten sie die Dunkelheit auf und die Kühle und liebten
den ewigen Stein. Wie aber heißt das Wort vom Leben?«