Georg

Unermüdlich wanderten die Gedanken.

Georg, mit den Füßen ebenso unermüdlich, wanderte das kalte kleine

Helenenruher Zimmer ab. Im Winkel neben dem Fenstervorhang strömte die

alabasterne Schale ihr immer gedämpftes Licht aus, in einer Stetigkeit

ohnegleichen, die Georgs Auge zu Boden schlug, wenn er ihrer gewahr

wurde. Im ständigen Hin und Wider die kurze Strecke durch den Raum

streiften seine Blicke unteilhaft Wände und Gegenstände des

Kindheitszimmers, die ihm, so wenig ers inne ward, mit Alterslosigkeit

und Unwandelbarkeit doch der letzte Halt waren, nicht aus sich

herauszufahren, ein unseliger Wirbel, von sich selber zerrissen. Die

Nacht war laut. Frühling und Winter schlugen die letzte Schlacht in der

Finsternis, und unter einem Sturmwind, der selber von unheimlicher

Lautlosigkeit war, tosten die Bäume des Parks, die ferne Stimme der See

überbrüllend; das ganze Haus mitunter bebte und verriet knackend seine

Fugen. Georg lief, in so rastloser Bewegung wie ein Gesteinsbohrer sich

hineinschraubend in den Gneis seiner Ratlosigkeit.

Auf dem Schreibtische vor dem Fenster lagen und standen in dem stillen

nächtlichen Licht die Gegenstände der Kindheit, vom gegenwärtigen

Augenblick wie von der Vergangenheit unberührt. Aber mitten in ihrem

unangefochtenen Stillesein lag das Brennende, die schwälende Fackel, aus

der jeder seiner Blicke im Streifen einen neuen Schluck verzweifelter

Gluten schöpfte: lagen die wiederaufgefundenen Briefe an seinen Vater --

eigentümlicherweise von ihm selber scheinbar in diesem Schreibtisch nur

deshalb versteckt, damit er sie fände --, die aus den höllenhaften

Septembertagen des Vorjahres. Georg hatte sie gelesen, sich ins Bett

geschlagen vor Entsetzen und sich nach endlos flammenden Stunden der

Schlaflosigkeit an die Wanderschaft durch den Raum gemacht,

entschlossen, noch in dieser Nacht fertig zu werden mit diesem und sich.

Das allerdings, was ihn zuerst aus den Briefen entsetzt hatte, der

Irrsinn, das Wiedereintauchen in die Folter von damals, war nun längst

schon verschwunden hinter einem mehr würgenden Elendsgefühl. Denn was

stand da geschrieben, Zeilen, die sich eingebrannt hatten in sein Hirn,

in sein Herz? >So müßte es mir in der Tat gelungen sein, die ganze

Oberschicht menschlichen Daseins, die uns gemeinhin bedeckt,

abzukratzen, die ganze moralische Haut sozusagen, jene, in der auch das

sogenannte Gewissen steckt, das Alltagsgewissen, nach dem man so

behaglich lebt, dieweil es mit Gründen für alles vollsteckt wie ein

Brombeerbusch im Oktober. Möglich es ist so. Möglich, das qualvolle

Unbehagen, das mir das jetzige Leben verursacht, kommt davon, daß ich

die Haut verlor und nun schauderbar friere in der Nacktheit. Worauf es

ankäme, wäre dann wohl, nicht, wie ich es unbewußt bereits vorhaben

werde, eine neue Haut zu bilden -- die nur die alte werden könnte --,

sondern vielmehr den Zustand der Hautlosigkeit als dauernden zu

ertragen, mit Frieren aufzuhören, ihn lebensfähig zu machen.

>Wie soll mans nennen? Nur -- Mensch zu sein. Alle Strahlen des

Lebendigseins aufzufangen -- mit keiner spiegelnden Netzhaut, die Bilder

hervorfluten läßt und verwirrende Gestalten --, sondern sie aufzusaugen

in den innerst glühenden Kern des Menschseins, wo sich von selber zu

ätherischer Reine und Klarheit die ewigen Begriffe bilden, die

zeitlosen, die unwandelbaren Formen, in denen die Gottheit sich

darstellt.<

Und schlimmer noch diese Sätze:

>Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus

alldiesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem

einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen

Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, -- so sei mir gnädig

und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen

mit meiner Seele! Daß ich meine eignen Gedanken sehe wie Sterne, meine

eigenen Gefühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie

ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!<

Ja, gnädiger Gott, war es faßbar, war es nun nicht doch geschehn, war er

nicht ganz wieder der alte, hatte er sein Leben geändert? -- Seine

Gedanken jagten wie herrenlose Hunde in den letzten Monaten herum,

suchend nach einer geringsten Veränderung gegen früher. Nichts da,

nichts! Da war ja auch keine Zeit zum sich Ändern; da war ja nur von

Arbeit ein Ozean, in dem er so hülflos herumpaddelte wie ein Pudel, und

-- Ich weiß was! knurrte er wild: Wenn du echt wärst, Georg, wärst, der

du scheinst, so wärest du ruhig, verlebtest nicht Tag und Nacht in

hundert Ängsten vor unerledigten Aufgaben, hättest ein gutes Gewissen,

hättest auch Vertrauen zu denen, die du verständig weißt, um ihnen das

Übermaß des Deinen zuzuschütten, anstatt daß du nun keine stinkende

Ratte von Angelegenheit vorbeilaufen lassen kannst, ohne sie an die Nase

zu führen. Also bist du verflucht, mein Prinz, mußt dir selber die Zeit

wegrauben, und alldas, alldas von Anfang her, ist deine Schuld!

Herr des Lebens, und sollte er nun glauben, daß jenes Fegfeuer des

Irrsinns im vorigen Herbst keinen Sinn gehabt hatte, als einmal zu

brennen und zu verlöschen? Ungereinigt war er herausgestiegen ins vorige

Sein. -- Wie es da ausgedrückt war: den Zustand der Hautlosigkeit zu

einem dauernd erträglichen auszubilden, so wars eine poetische

Redefigur; eine Haut mußte sich wieder bilden, aber: ein Zeichen, ein

winzigstes, mußte doch zu entdecken sein an der neuen Haut, erkennbar zu

machen, daß sie neu war.

War er ein andrer Mensch? Hatte er irgendwas gewonnen?

Seine Phantasie, auf der Suche, geriet sofort an Renate.

Da stand, als er nach der Ankunft in Böhne aus dem Bahnhof ins Freie

trat, im Zwielicht das Viergespann, das Magda, ihn festlich zu

empfangen, vom Gestüt hatte herausfahren lassen, und drin saß sie mit

Renate, gut aussehend, heiter, noch angebräunt vom italischen Frühling,

und Hut und Kleidung schienen gefälliger als früher. Renate unkenntlich

vor Schleiern ... Er aber empfand Lust, zu kutschieren, und stieg auf

den Bock.

Es dämmerte schon, als die Stadt hinter ihnen zurückwich. Weit vorauf

sichtbar die weiße gewundene Straße schien seltsam leidend; weit und

verlassen die grünen Gefilde der Wiese, verloren im Abend; vereinsamt in

ihrem Dunkel die kleinen Wäldchen fern unter den lastenden schweren

Wolkenmassen des ruhlosen Himmels. Tropfen fielen und eintönig die

Schläge der vielen trabenden Hufe, ein trappelndes Durcheinander. Und

noch im aufatmenden Gefühl, daß er sich nicht mehr beeinflussen ließ von

Landschaft und Witterung, wie früher, daß er sie nur um sich her sein

ließ zum Beschauen, wandte er sich um, und da saß Renate, Schleier und

Hut im Schoß, das Antlitz zur Seite gewandt aus dem Wagen, still, und

Tränen liefen naß und glitzernd aus ihren Augen. Ihn streifte sie mit

einem flüchtigen Blick, einer verlorenen Bitte, und fuhr einfach mit

Weinen fort.

Nun sah er wieder die süßen Farben des einzigen Gesichts, das glänzend

rinnende Blau der Augen, das bräunliche Haar, die Blüte der Wangen, --

sah es in seiner Vereinsamung mitten im immer dunkleren Kreis des

Landes. Der Himmel verfinsterte sich mehr, das Land schwand in der

Dunkelheit der Fernen, lauter scholl das Trotten der Hufe, steif in den

Händen die Riemen fuhr er dies Weinen durch den Abend hin, und ihm war,

als führe er Persephone weinend über das seufzende Land, er, Hades,

seinem trostlosen Hause zu.

Das lag dann plötzlich, erhöht über die schwarze Masse des Waldes, aus

dem es zu wachsen schien, schwarz mit den Türmen vor dem düsteren

Westhimmel, in dem noch geheimnisvolle Röten glühten in Streifen, wie

von Bränden und nicht von Sonne.

Beim Aussteigen nahm sie nicht nur seinen Arm, sondern stützte sich

sogar, ihres verstauchten Fußes wegen, und er empfand körperlich ihre

Weichheit. Daß er sie einmal führen und stützen müsse, hätte er nie

gedacht. Beim Essen dann konnte er alles sehn: die Hoheit von einst, den

magischen Kreis um sie her, den er immer gefürchtet hatte, und der jetzt

durchwirkt war von Weichheit, einem hülflosen Schmelz, für ihn

schmerzhaft verlockend und von kaum erträglicher Süße.

Dann erschien Benno, verlegen und strahlend ...

Wie, Benno? Das hatte er vergessen, mit Benno hatte sich etwas

zugetragen, aber das war nachher zu bedenken, erst weiter -- Renate ...

Magda sang auf seine Bitte, oben im Klaviersaal am Harmonium, zwei der

ernsten Gesänge von Brahms.

Indem fiel Georg ein, daß der Geburtstag seiner Mutter bevorstand, und

seine Brust zog sich leise zusammen, halb in Scham, daß er jetzt erst

ihrer gedachte, und mit einem jähen und schweren Gefühl des Vermissens

sah -- nein, empfand er ihr leidvolles Dasein und ganz stark ihre

vereinsamte Liebe zu ihm. Wieder brannte ihm das Herz, er dachte Emmaus,

und er stöhnte plötzlich unter einer siedenden Woge Leides, eigenen

Leides im letzten Jahr, die über ihn hinschlug. -- Es geht vorüber,

murmelte er dumpf und geduldig, es geht vorüber ...

Wieder erschien ihm Benno, wie er dastand hinter seinem Stuhl, die Lehne

in Händen, und sich wand und verteidigte.

Also das wars, er komponierte eine Oper. Nein, erst war das mit George,

wie kamen sie darauf? Ja nun, wie das so geht ... Menschen, die sich

lange nicht sahn und vieles erlebten, wovon zu reden wäre, greifen

vielmehr nach dem Unpersönlichen. So sprachen sie von Literatur, von

Stefan George, und was hatte er gesagt, dieser verfluchte Benno? Er

hatte den »Gehalt« vermißt an George. -- Da vermißte einer Gehalt am

Marmor, dessen Eigenschaft es ist, Marmor zu sein durch und durch. --

Georg war sprachlos.

Ja, richtig, Benno bewunderte ihn, George, aber er erschütterte sein

Herz nicht. Es fehle am Menschlichen irgendwie. Gewaltig, ja, oh

natürlich, und er gab überhaupt alles zu, wie immer, und er sei im

Unrecht, das wisse er wohl, aber er könne sich nicht helfen, -- und

lobte darauf Gerhart Hauptmann. Georg staunte baß und gab zu: Michael

Kramer, Florian Geyer und vielleicht das Friedensfest, mehr um keinen

Preis, worauf Benno eine schmächtige Hymne sang auf das Hannele, indes

Georg begriff und ihm auf den Kopf zusagte, daß, wenn ein Mensch zu ihm

träte und sagte, das Menschenherz ist voll Tränen und Sehnsucht, er

schon jubelte und schrie: _Ecce poeta!_ Oh uralte Verwirrung der

Begriffe, denn wo Welt und Schicksal und Not und Überfeuer

zusammengepreßt seien in eine eherne Musik der Sprache, da stehe er leer

und dunstig. -- Kein Zentrum in ihm, das ists, murrte Georg. Vor sechs

Jahren las ich das erste Gedicht von George, verstand ihn vor Jugend

noch kaum, und seitdem, Jahr um Jahr, wieviel, wie vieles ist abgefallen

und verwelkt, all die Dehmels und Hauptmanns und Wedekinds, bei denen

man damals sich freute und meinte, es genüge, wenn da etwas sei, -- aber

er -- und noch Hölderlin --, diese Beiden gingen immer mächtiger und

strahlender auf wie die Sterne mit der tieferen Nacht. Die sind freilich

nicht leicht zu tragen, aber wer sich nie mit ganzer Kraft um das Leben

mühte, wie will der das Wahre gewinnen an der Kunst?

Denn Benno, der komponierte nunmehr glückselig eine Oper. Eine

Spieloper? Keineswegs, sondern ein stolzes Musikdrama, und gar war er

sichtlich enttäuscht, keine glückwünschende Zustimmung zu erhalten, und

gar endlich auf einen Text, den ein Freund oder Vetter seiner Elfe,

Schriftsteller, hergestellt hatte aus einer Erzählung von Riehl. Bei den

Göttern, so wars, damit nur alles zusammentreffe: Musikdrama und

Dramatisierung eines epischen Stoffes, -- alle Notwendigkeit beim

Teufel! Georg stand wütend auf.

Du, Benno, hielt er plötzlich seine Rede aufgebrachter noch einmal, hast

du denn alles vergessen von damals? War dir alldas etwa nur wert,

gefühlt und gesungen zu werden? Nichts als Sentimentalität? Nun sind wir

Männer und hätten zu zeigen, was wir gewannen, und ich, Benno, ich hab

auch Verse gemacht und mich für einen Dichter gehalten; als ich aber

einsah, daß es nicht das Ganze war, da verzichtete ich. Hast du,

frommer, weicher Mensch, denn nun in Wahrheit keinen Weiser in dir für

das Echte? Daß es nicht genügt, dies und jenes zu tun, weil es sich tun

läßt, und es nur möglichst gut zu machen, sondern daß es die Aufgabe

ist, auch zu lassen? zu prüfen erst und dann zuzugreifen? Da haben eine

Menge Leute Musikdramen geschrieben, die Form des Musikdramas steht dir

als praktische Möglichkeit leibhaft vor Augen, und sofort hast du

vergessen, was du sehr wohl weißt -- sehr wohl, Benno, nach früherer

Aussage! --, daß du eine Schande begehst, daß du die Musik, den reinen

Engel, erniedrigst und entstellst, indem du sie zu dem einzigen

verwendest, wozu sie nicht da ist: auszudrücken! Etwas auszudrücken, was

sich auch auf andre Weise ausdrücken läßt, Geräusche der Natur, oder

durch Handlung und Wort auf der Bühne! Oder das simpel Menschliche

auszudrücken, Leidenschaft, Klage, alldas zufällig Tatsächliche, anstatt

das himmelhaft Zeitlose! Aber freilich, du mußt auf das Praktische

gerichtet sein, mußt auch Geld verdienen für deine Frau, und darum

siehst du nichts als die Verlockung des prächtigen Librettos, und daß es

halt Musikdramen giebt, und ergo, daß die möglich sind, und fragst wie

der Galizier: Gott über die Welt, warum soll ich nicht? -- Und daß es an

dir ist, alle zehntausend hundsföttischen Möglichkeiten durchzusieben

bis auf die eine, die Notwendigkeit heißt, das -- -- ah, mein Benno,

jetzt schwant mir etwas ganz Böses! Wenn wir dazumal einer Meinung

gewesen sind, so waren wir doch nicht eines Herzens, und zwar meintest

du das gleiche wie ich, aber du meintest es auf andre Weise! -- Das wäre

des Teufels.

Und ich, mußte er sich jetzt wieder fragen, bin ich eigentlich anders

gewesen? Habe ich geprüft? Nein, bei Gott nicht! Aber wie, konnte ich

das ebenso echt empfinden -- und doch unrecht haben? Was gab mir denn

recht?

Eine Stimme in ihm sagte: Leiden. -- Erst glaubte er, sie überhören zu

müssen, gab aber nach: das möchte wahr sein.

Und dann, jählings, als habe ihn jemand geschüttelt, so daß alles eben

Empfundne und Gesehne von ihm abfiel wie Lumpen, stand er wieder in

voller Glut seiner Scham, sah er am herumliegenden Abfall, wohin er

abgeirrt war, und daß er der alte war, unabänderlich unverändert der

alte.

Eine Nebelwand vor den Augen, das ist das Leben für mich, und dahinter

ein dünnes Licht. Was für ein Licht? Das Licht bin ich selber, ich, den

ich suche, um den ich mich bemühe, und was mich anleuchtet, ist die

Angst, nicht zu werden, zu verlöschen im Alltage. Früher -- habe ich

mich da schon gesucht? Auch, ja, aber dumpf nur und kaum bewußt. Ich

strebte, wohl, ich strebte nach einem menschlich hohen und wertvollen

Ziel, und was ich auch vornahm, was ich betrieb --, wenn ich aus der

Trunkenheit aufwachte, so hatt ich doch Augen für die Sterne, --

Hölderlins und Georges Form, in sie konnte mein Leben doch eingehn und

in der Wahrheit lebendig sein, -- oh mein Gott, daß ich dies immer

wieder vergaß! Das Schlechte erkannt ich doch immer als schlecht, wenn

auch nachträglich nur, und ich quälte mich dran, wollt es verleugnen,

wand mich am Ende heraus; und das Gute -- war es mir jemals ganz gut,

war es mir -- wirklich? Hatt ich nicht immer die Qualen der

Unwirklichkeit, die Reue, daß selber der höchste Augenblick Augenblick

war und verlöschen mußte, und sucht ich nicht immer nach -- nach --

Renate? Und immer wieder vergaß ich Renate und nahm jemand anders, --

und zuletzt, da ich zugriff wie ein Taps, so entzog sie sich selber, für

immer, und da steh ich und starr' ins Symbol Renate, hoch und nie zu

erreichen.

Dumpf damals und im Dunkel, jetzt etwas heller, in Dämmrung: wäre das

wahrlich der ganze Unterschied? Wäre das Hoffnung, daß langsam, aber

doch sicher, die Helle zunähme? Daß deshalb Nächte kommen wie diese, wo

ein guter Dämon mir Öl ins Feuer der Reue gießt?

Georg wanderte auf und nieder. Augenwinkel und Schläfen brannten von

Schlafverlangen, auch peinigte ihn die Unaufhörlichkeit des Nachtsturms,

den er immer wieder, nachdem das Tosen der Bäume fernhin versaust war,

heranrollen, schwellen, toben, sich im Gewipfel wälzen hörte. -- Ich

lasse dich nicht, murmelte er sinnverloren, du segnest mich denn! O

Gott, mein Gott, diese Einsamkeit! Und wären sie Alle hier, die mich

jemals liebten, die Lebenden und die Toten, und könnte ihrer Aller Liebe

sich zu einem allmächtigen Leuchtfeuer vereinen --, ich würde es wie

einen Sternfunken klein in der Nacht sehn; meine Nacht würde Nacht

bleiben. Niemand kann helfen, niemand, niemand, nur Gott.

Und in einer Verzweiflung, stehen bleibend, die Augen schließend, stieß

er aus seinem Unglauben die Worte: Gott, Gott, Gott, wenn du bist, gieb

mir ein Zeichen, gieb! Laß diesen Sturm sich legen, wenn du bist, und

ich weiß, daß ich auch einmal Ruhe finde!

Danach lauschte er lange Sekunden. Der Sturm wurde schwächer, entfernte

sich, es grollte von weitem gedämpft, wurde stiller, still. Und dann

machte es sich wieder auf und rollte heran, Woge um Woge.

Georg ließ die Arme fallen. Einen Augenblick später saß er plötzlich und

schrieb.

Mein Leiden, schrieb er, war und ist noch immer eine Art

Cäsarenwahnsinn, nicht der Tat, sondern des Verstandes. So wie jene

Kaiser, geboren zu einer Zeit, wo das Leben des Untertans weniger wert

war, und erzogen zu dem Herrscherempfinden unumschränkter Gewalt über

Leben und Tod, sich über Vorstellung und Leidenschaft hinaus zügellos

hinreißen ließen zu den Ausführungen schrecklicher Art, Massenmord,

Muttermord, Brandstiftung, was es auch war: so wirkte in mir ein an sich

zügellos beschaffenes, durch unbewußte Betätigung ins Unermeßliche und

Schamlose gesteigertes Denkvermögen. Mit ziemlich offenen Sinnen

versehen, war mir Beobachtung, Ergreifung sowohl aller sinnlichen

Vorgänge um mich her, wie der in Büchern erreichbaren geistiger,

seelischer, humaner, gesellschaftlicher, natürlicher, künstlerischer

Art, immer Vergnügen und leichte Gewohnheit. Die Fertigkeit, Bezüge

herzustellen, von einem aufs andre, von zweien aufs dritte zu schließen,

ein ähnliches Drittes als erhärtet und verbürgt anzusehn durch Erstes

und Zweites, diese Fertigkeit ist nicht nur mir, ist jedem Menschen von

Natur eigen, und ich übte sie nach Gefallen. Und das Wichtigste: eine

unbegrenzte Ichsucht, schaurig durch Unbewußtheit vertieft, die jeden

begegnenden Vorgang, jede Erscheinung des Lebens und noch mehr: in der

Lektüre jede Meinung, jedes Urteil innerhalb des ganzen Bereiches des

menschlichen Wesens nur in der einen Beziehung auf das eigene Ich, die

Wahrscheinlichkeit des selber so handeln, denken, empfinden Könnens oder

Wollens oder Mögens aufnahm. Alldies -- und gewiß noch andres in Menge

mehr -- züchtete diese geistige oder nervische Leidenschaft des alles

Denkenkönnens; des alles für -- nicht nur wahrscheinlich, möglich,

plausibel, sondern für wahr Haltens, nicht weil es wahr, sondern weil es

so denkbar erschien. In keinem Stoffgebiet, keiner Kunst oder

Wissenschaft wirklich zu Hause, keiner menschlichen Weisheit, keiner

Wesenheit wirklich auf den Grund gekommen, erregte mich vielmehr gerade

die Leichtheit des -- scheinbar -- alles fassen, umfassen, durchschauen

und verbinden Könnens. Es ist ein gealtertes Wort, daß jeder Mensch nur

sich herausliest aus dem Buch, das er liest; er ist sich selber der Held

eines jeden Romans, und sei der ein Herkules oder Cäsar Borgia.

Mildernde Umstände machen die Tat ebensowenig ungeschehn, wie sie die

Schuld aufheben können; mildernde Umstände enthalten recht eigentlich

die Erklärung, die Anlässe der Verbrechen, machen sie verständlich,

erkennbar. So habe ich etwa die mildernden Umstände für mich, daß ich am

Leben bin zu einer Zeit, die ebensolche hervorbringt wie mich; Menschen,

die zu einer Zeit ihres Lebens, beim Übergang von der Jugend zum

Mannesalter sich im Besitz eines leicht und handlich arbeitenden

Verstandes, offener Sinne, leidlich geschulter Logik und der oder jener

Begabung oder Kunstfertigkeit sehen, >hochbegabt<, wie man sie nennt,

>talentiert<, ohne dabei von einer seelischen Festigkeit, einem innern

Ausgerichtet- oder im Gleichgewichtsein, mit einem Wort: von Charakter

zu sein, in dessen Händen allein jene Begabungen wahrhaft

leistungsfähig, notwendig und gerecht wären. Tausend Dinge ohne

innerstes Müssen zu tun, weil sie sich tun lassen, das ist der Fehler.

Fertigkeiten zu haben, die das Maß der innern Bedürftigkeit übersteigen,

wie das Angebot die Nachfrage auf dem Markt. Mit den Augen größer zu

sein als mit dem Magen. Kein Ernst, immer Spiel. Übung der

Geschicklichkeiten zu keinem nützlichen Zweck, sondern um der

Geschicklichkeit willen. Grammatik Treiben am Homer. Immer jenseits der

Grenze des Notwendigen im Elysium alles Möglichen. Keinerlei

Beschränkung im Geistigen, Zügellosigkeit, Cäsarenwahnsinn des

Verstandes.

Und noch möchte alles das hingehn, blieb es auf sich, auf mich selber

beschränkt. Gäbe es nicht Menschen, die bei solcher Beschaffenheit das

beschaulichste Leben führen? Und zwar dies, teils weil das Leben sie auf

einen Platz stellte, wo kein Handeln, also kein Mitgefühl, kein Denken

und Sorgen für Andre von ihnen verlangt wird; teils weil sie niemals

darauf verfallen sind, sich selbst zu erkennen. Ich aber war unzählige

Male zu einer Zeit, wo ich nicht daran dachte, daß ich es sei:

hineingestellt mitten in das menschliche Labyrinth des Wollens,

Tunsollens, Unterlassens und der Schuld; bin es heute wie je mit dem

einen Unterschied, daß ich nun weiß. Hinderte mich aber am Rechten

damals die riesige Wucherung meiner Sinne, meines Verstandes, die mir

alles zeigte wie ein Glück, es wahrnehmen und denken zu können, aber

nicht rechtzeitig hineinzugreifen und auszuführen: so hemmt mich nun, da

ich Erfahrung gewonnen habe, eben sie. Nun bin ich so belastet mit

Wissen, wie wenn eine Schnecke ein Haus hätte, das zu schleppen ihre

Kraft nicht ausreichte, so daß sie zwar drin hausen kann, aber es nicht

hinbringen, wo Nahrung ist. Wußte ich früher nichts und war geblendet

durch die Last, Wissen -- oder was ich dafür ansah -- zu erwerben -- und

was schien mir nicht erwerbenswert? --, so bin ich nun blind ...

Voll Unmut und Widerwillen schon während der letzten Sätze gegen das

Hinschreiben, legte Georg die Feder hin und das Gesicht in die Hände. In

diesem Augenblick ging durch die schwere Beklemmung, die ihn erfüllte,

ein sanftes Licht. Dem gab er nach, erweicht, und dachte so in schwerer

Nachgiebigkeit:

Es ist nicht möglich, Georg, daß es nur dies ist. Es ist nicht möglich

-- denn es wäre nicht menschlich! --, daß irgend jemand so wie du sich

im tiefsten belastet fühlen, im tiefsten unglücklich sein könnte durch

die reine Erkenntnis seines Soseins, das Wissen um -- psychologische

Vorgänge. Alldies ist das Allgemeine; was aber ist das Persönliche, in

dem es sich bei dir darstellt? Was ist das Wesen?

Gieb es zu, Georg, gieb es zu!

Es ist die Lüge. Es ist ganz einfach. Wäre es jenes allein, so würde ich

wie jeder Andre auch drüber hinwegkommen. Würde es bestehen lassen,

würde suchen, es zu verarbeiten, würde aber weitergehn, würde mich

nicht, o mein Gott, bei jedem Atemzug so gehindert fühlen am Leben. Gieb

zu, daß es die Lüge ist! Daß du scheinst, was du nicht bist. Daß du

nicht, so eitel gern du es möchtest, beschlossen bist in dir, unabhängig

von den Andern und ihrem Meinen. Denn du stehst an einer offenbaren

Stelle, du weißt dich in jedem Augenblick von einer Menge gesehn,

bedacht, beurteilt, und was in dir Seelenstoff ist, das steht mit allem

Seelenstoff um dich her in Beziehung, und du empfindest auch, was dein

Verstand leugnen möchte. Du stehst an sichtbarer Stelle und lügst.

Versetze dich in die Andern, betrachte dich selber von außen! Stelle dir

eine Bronze vor und dich in dem Augenblick, wo du entdeckst, sie ist

Gips und bemalt. Rede dich nicht heraus mit allfälliger höherer

Einsicht, die hinterdrein kommen könnte. Den ersten Augenblick nimm:

Gips und nicht Bronze! So! Weißt du nun, was du empfandest? Kannst du

die erste Enttäuschung verwinden? Nützt es, dir einzureden, daß im

besondern Fall Gips zweckdienlicher sein kann als das Edelmetall?

Ich hab keine Kraft mehr! stöhnte Georg und stand auf. Ich kanns nicht

mehr erwehren. Ich sehe alles ein. Aber dem wollt ich mein Herz geben,

der mir die Kraft gäbe, es zu ändern.

Da, mitten in seine Aufgelöstheit, in Unkraft hinein blühte das Antlitz

Jason al Manachs, kaum lächelnd, weiß wie eine Narzisse, und Georg

flüsterte staunend: Du Lieber! Sieh, auch du hast mir nicht helfen

können! Aber du, o dies ist wohl dein Zauber! du liebst uns, du liebst

Alle und alles, liebst, was du ansiehst, und liebst, mit wem du

sprichst, mit unwiderstehlicher Liebe, die durchdringt und so süß und

milde das Leben macht, solange du bei uns bist ...

In diesem Augenblick kreuzten sich zwei verschiedene Wahrnehmungen in

Georg: die eine, daß er Jason so angeredet hatte, als wäre er Jesus; und

die andre, daß der Sturm sich gelegt hatte, ja, daß er vor langer Zeit

schon verstummt war.

Nicht ein einziger Laut war in der Nacht. Georg stand müde, erschlafft,

dachte kummervoll seiner Anrufung des göttlichen Wesens, -- hatte Gott

doch ein Zeichen gegeben? Der Sturm schwieg. Hatte er wieder einmal

nicht warten können und bemerkte das Zeichen erst, als es schon welk

geworden war, -- nein, er selber welk, es zu fühlen?

Er stützte die Hände vor sich auf die Lehne des Stuhls und suchte nach

dem Gefühl, das er hatte, als er zu Gott schrie.

Was sich einstellte, war nun die Frage, was für eine Nacht dieses sei;

und gleich die erschreckende Antwort dahinter: die Nacht vom

Gründonnerstag zum Charfreitag.

Sein Herz fing an zu klopfen. In dieser Nacht ... In dieser Stunde

vielleicht, in dieser Nacht kniete einer am Ölberg, schrie zu Gott, und

Alle schliefen, für die er schrie.

Und nun -- er wußte nicht, wovon an die Erde hinunter gezwungen, ob von

einem überwältigenden Schamgefühl über die Ähnlichkeit, ob von einer

äußersten Sehnsucht, zu liegen, zu knien, widerstrebend voll

Verzweiflung ließ er sich an dem Stuhl hinunter, kniete, ließ den Stuhl

fahren, fiel langsam vornüber, und in dem Augenblick, wo er von Scham

übergossen aufspringen wollte, lag er und küßte den Fußboden.

Eine Sekunde später hatte er mit den Kleidern alles von sich

geschleudert, lag im Bett und stürzte sich wie einen Stein in den

Schlaf.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 177 / 240 题