Georg an Magda

am 11. April

Meine liebe Anna!

Dank für Deine Zeilen! Um Birnbaum sei unbesorgt! Ich sage die Wahrheit,

indem ich die Aussage des Arztes an Dich weitergebe, daß es »einer der

leichtesten Schlaganfälle ist, die ihm je vorkamen«, und daß er

voraussichtlich nahezu spurlos bleiben wird. Übrigens fand ich ihn in

der letzten Zeit so innerlich freudlos geworden, daß es ihm kaum leid

tun würde, diese Welt zu verlassen, die ihm seit Papas Tode nur ein

zerbrochenes Ding ist, an dem er müde herumflickt. Wie ich den Ausfall

seiner Arbeitskraft ertragen sollte, ist mir unbekannt, aber wenn es

erst so weit ist, wird sich, wie alles andre, auch das tragen lassen.

Verzeih die allzu geschwind hingewischten Zeilen! Ich glaubte schon, Dir

auf dem Klosett schreiben zu müssen, weil ich nicht wußte, woher die

Zeit nehmen. Nichts für ungut, Anna, und ich komme nach Helenenruh, um

das alte Trio zu hören, >nicht die ganze, doch die halbe< Charwoche,

mehr wird nicht möglich sein, sagen wir Mittwoch, vielleicht erst

Donnerstag, vielleicht würg ich den Dienstag heraus, aber versprechen

kann ich nichts. Sei versichert, daß ich überaus gern komme, Deinetwegen

und natürlich auch meiner selbst wegen. Der verruchte Zustand, in dem

ich herumschnaube, muß ein Ende nehmen, ich will mich noch einmal vor

den Göttern von Helenenruh niederwerfen und -- aber wozu, wozu das? Lebe

wohl! Hab gute Tage am blauen See, grüße Renate, auf Wiedersehn, lebe

wohl!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 170 / 240 题