Georg

Der Brief blieb liegen, von Rechts wegen; die drohend herausgeballte

Faust am Ende wäre Dir unleidlich zu sehn gewesen. Tage sind wieder

vergangen, die kalte Verdrossenheit, die mich schon hatte, als ich noch

schrieb, hielt seitdem an. Nimm ihn, er ist Dein Eigentum, leg ihn zum

Übrigen, Du gute Geduld! Ich bin seit gestern entschlossen abzureisen

und wäre schon davon, wenn ich nicht halb betäubt wäre von einer wilden

Erkältung, die in meinem Kopf alle Ein- und Ausgänge verstopfte. So

bleibt mir unklar, ob ich gleich nach Altenrepen fahre, oder erst -- mit

Deiner Erlaubnis -- nach Helenenruh. Mein Fernbleiben von den

Regierungsgeschäften ist nunmehr nicht zu entschuldigen, da ich leidlich

leistungsfähig bin. Ich habe mir den Vollbart abgeschnitten, nur die

Armeebürste auf der Oberlippe sitzen lassen, die beiläufig dunkelrot

ist, und kann nun ganz gut für einen Prinzen oder angehenden Herzog

gelten. Vor Altenrepen hält mich eine letzte Feigheit zurück; ich

überlege ...

am Abend

Der Brief sollte mit dem Kurier zurückgehn, da bringt er mir ein

Telegramm von Tante Henriette mit der Nachricht vom Tode ihres Mannes.

»Recht bekümmert« nennt sie sich darin, und so stelle ich sie mir vor.

Ich fahre also morgen mit der Frühflut und denke am Nachmittag in Berlin

zu sein. Das paßt mir als Übergang und Pause vor dem endgültigen

Schritt.

Dank übrigens für Deinen Gruß durch die Cornelia! Sie besuchte mich

hier, Du wirst von ihr gehört haben, daß sie sich wieder mit ihrem

ehemaligen Verlobten zusammenzutun gedenkt, wenn der vier Wochen

Nervenheilanstalt hinter sich hat. Ein entzückender Gedanke! Und so echt

weiblich! Denn: wie herrlich sinnlos kann man sich da zum Opfer bringen!

--

Wenn ich noch einmal über die letzten Wochen hinblicke, so sehe ich, daß

ich in einer völligen Hoffnungslosigkeit lebe. Hoffnungslos mir selbst,

da, wie ich schon sagte, nur um eine Erfahrung reicher; hoffnungslos für

alles Tun und Lassen, was in diesen Erdreichen geschieht. Was aus diesem

Stumpf etwa zu entwickeln sein mag, wissen die Götter.

Immerhin auf baldiges Wiedersehn!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 153 / 240 题