Hallig Hooge, am 18. März

Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit:

ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur

dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei

geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.

Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es

ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes

und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen

Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen

Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen

allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese

Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber

achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger

Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das

nichts andres ist als der Schlaf.

Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas

Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das

weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem

flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze

Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht

unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er

nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand

ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott

sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die

Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender

Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag

hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So

war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer

Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.

Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu

nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch,

daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher

wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade

der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft

ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff,

aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen

Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer

möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in

denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig

jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort;

ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der

großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du

mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende

erklärte.

Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach

Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung

geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen

Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden,

sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher

Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es

versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur

aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der

nicht wolle.

Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat

mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein

ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros

neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,

das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre

ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken,

als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede

sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, --

ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe

Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes

Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.

Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht

wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese

Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt

und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß

kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem

Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht,

Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße

denn mich.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 152 / 240 题