Mit einem Wort: Laokoon! Laokoon, oder die aussichtslose Verstricktheit:
ein Alter, zwei Junge, drei Schlangen -- sämtlich in meiner Figur
dargestellt. Nur daß mein Mund nicht zum -- unkünstlerischen -- Schrei
geöffnet ist, möchte ich festgestellt haben.
Herz, mein teuerstes, glaubst du wirklich, daß hier alles, worauf es
ankommt, mir nicht so klar ist wie Glas? Es bedurfte nur Deines Briefes
und in ihm der bezaubernden Schilderung meiner eignen, entschlafnen
Person, infolge deren ich mich selber sitzen sah in Eurer andächtigen
Runde, um mir die Augen völlig zu öffnen. Und nun sehe ich mich dasitzen
allerdings wie so etwas Halbgöttliches und zwar -- woher mir diese
Erscheinung kam, blieb unbekannt -- durchaus als jenen unflätigen, aber
achtbaren schlafenden Faun in München, aus dessen reisiger
Ungeschlachtheit dennoch etwas Göttliches raucht, ein Göttliches, das
nichts andres ist als der Schlaf.
Nicht umsonst von den Alten als Gottheit verehrt: es ist wahrlich etwas
Göttliches um den Schlaf des Menschen, um den Schlaf einer Seele, -- das
weiß ich und darf es sagen, der ich auf der Jagd nach diesem
flüchtigsten aller Götter ihn verfolgt habe bis hinunter an das schwarze
Tor, hinter dem es braust von den Schatten. Wahrhaftig, es war nicht
unheroisch, zu schlafen in jener Stunde, da ich die Jagd aufgab und er
nun stillschweigend aus den Stämmen hervortrat und die ermüdete Hand
ergriff. Wie wenn es geheißen hätte in einem arkadischen Dorf: ein Gott
sitzt an der Straße vor dem Tor, er wollte vorüber, da ergriff ihn die
Müdigkeit, nun sitzt er im Schlummer dort ganz wie ein schlafender
Mensch, und man kann ihn sehn. Und nun eilen sie in den glühenden Mittag
hinaus und versammeln sich um jenen und staunen an seinem Schlaf. -- So
war auch Euch jene Stunde heilig, meine Anna, und gewiß: wenn es einer
Sache nicht bedurfte hinterdrein, so waren es all unsre Worte.
Es bedurfte der Worte nicht! Denn nie hat es der Worte bedurft zu
nachträglicher Deutung; Wissen ist schweigend, aber es ist mein Fluch,
daß ich ihrer niemals entraten konnte. Was ich auch erlebte: nicht eher
wurde es mir haltbar, ehe es mir denkbar erschien. Dies aber ist Gnade
der Dichter: ein Stummes zu geben wie die Blume, deren Sprache der Duft
ist, zu reden und dennoch zu schweigen, aus dem menschlichsten Stoff,
aus der Sprache, die göttliche Form zu bilden, und doch nicht einen
Hauch ihr zu mindern von ihrem Duft. Ich bin kein Dichter, aber immer
möchte ich dies auch, und meine Worte sind nur Fallen und Schlingen, in
denen vielleicht Unsterbliches hängt, -- halb erwürgt. Gut und heilig
jene Stunde des Schlafs, aber ungut und unheilig darüber jedes Wort;
ungut und unheilig, da nur das Schweigen gilt und Ehrfurcht vor der
großen Erscheinung, ungut und unheilig die Deinen, Anna, in denen Du
mirs erklärtest, und hier die meinen, in denen ich mich zu Ende
erklärte.
Mir wäre weit besser, ich läge da tot. Wenn ich auch als ein dreifach
Umstrickter gestorben wäre, so war es doch eine königliche Verstrickung
geworden, und es wäre nicht kleinlich gewesen, den beiden großen
Pythons, Schuld und Tod, zu erliegen. Die sind nun auch klein geworden,
sehn der gemeinen Ringelnatter ganz ähnlich, und andre von gleicher
Statur gesellten sich zu: Schwäche, Arglist, die sagt: Hoheit sollten es
versuchen ... und Feigheit, die überreden will, es käme am Ende doch nur
aufs Leben an, und auf einen Thron brauchte sich keiner zu setzen, der
nicht wolle.
Klarheit, o himmlische Klarheit, warum niemals zu mir? Erkenntnisse hat
mich auch Bogner viele gelehrt, so viel, daß, wenn es Pfähle wären, ein
ganzes Venedig sich drauf bauen ließe. Damals, als der kranke Heros
neben mir saß, da glühte sein Herz in meinem Blut, und was ich erkannte,
das war mir auch Leben. Längst wieder leblos und eisig geworden, klirre
ich mit den schönen Erkenntnissen herum wie mit nutzlosen Prunkstücken,
als sei damals Festtag gewesen und Alltag heut, und wann unterschiede
sich Alltag und Festtag im Leben der Seele?
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hülfe kommt, --
ach Anna, bist Du denn dort drüben? Ich denke viel an Dich, ich sehe
Dich dann immer vor mir sitzen wie damals, als ich erwachte, und jenes
Glück und die Zauber des schönen Erwachens atmen mich sanft wieder an.
Aber ich will nicht sein, hörst Du, ich will, ich will, ich will nicht
wieder sein -- nach diesem! --, der ich zuvor war, nur reicher um diese
Erfahrung, daß am Ende alles tragbar ist. Als hätt ich ein Tier erlegt
und seine Haut angetan, und täglich wird sie dünner vom Tragen. Ach, daß
kein Hirsch je zu königlich war, man macht einen Jagdrock aus seinem
Fell und drechselt Knöpfe aus dem heroischen Gehörn. Ich will das nicht,
Anna, und diese Verstricktheit muß einmal zerreißen, oder ich zerreiße
denn mich.