Freitag

Freitag, heut ist Freitag. Freitag -- Dreitag -- drei Tage sitzt du nun

schon am Fenster und kannst schreiben. Oh mein Gott, daß nur das Leben,

das nackte Leben so süß sein kann! Da steht eine Hyazinthe im Fenster,

eine große, hellblaue Hyazinthe, in einem Topf mit moosgrüner

Manschette, die ist schön anzufassen, so rauh. Die Hyazinthe dagegen ist

glatt, sie ist ganz wie aus einem dicken, hellblauen Duft gemacht, so

einen Stoff giebt es sonst nicht, vielleicht Reif, so dicker blauer Reif

an Trauben und Pflaumen, mit Frühjahrhimmel gemischt und etwas weißer

Wolke, und ganz wenig Schnee, und etwas Narzisse, und all das steht ganz

zart und steif und nackend da, macht die Luft süß um sich her und ist

ein großer Trost.

Draußen, da ist noch gar nichts, ein Garten, ganz kahl, schwarze Bäume,

ein einziger grüner Busch ganz unten, der Rasen ist gelbgrau wie ein

Fell, da steht eine Kapelle sehr sichtbar mit hohen Fenstern. Aber oben,

da ist schon der Frühling, da sind ganz stillhaltende Wolken zum

Anschaun wie auf Bildern, weiße, überall beschattet, dahinter ist eine

blaue Leere, weich, kühl -- und doch warm, in der es rieselt und sich

wandelt unmerklich und vergeht. Plötzlich wird dir warm in einem ganz

hellen Schein, es blendet, es überläuft dich was, dir zieht das Herz

sich zusammen -- --

am 7. März

Was ist mir denn?

Schrieb ich denn wirklich selber das, was ich heute lesen muß vom süßen

Leben? Kann denn eine einzige Nacht einen Menschen so verwandeln? Als

seien meine Augen hart geworden, und alle Dinge stehn wie in einem

Spiegel ohne Luft. Ach nein, verwandelt hat mich die Nacht nicht, es

stieg nur nach oben, was erst in dieser Nacht fertig wurde, der Baum von

Eis in meiner Brust, und da steht er nun, und seine Zweige klirren mir

am Herzen, und es ist ganz lautlos dabei.

Kalt, oh wie kalt ist der Tag und ist mir! Wohin geriet ich denn nur? In

welches Leben? Ich weiß, ich träumte von Einem diese Nacht, für den ich

keinen rechten Namen mehr habe. Weiß nicht mehr, was es war, es war

kalt. Mir stachs eine eisige Nadel durch die Brust, und alles rollte

sich zusammen und erstarrte. Da sitz ich nun, die Feder bewegt sich

leicht übers kühle und weiße Papier, Schneefeld, Schneefeld! Wenn ich

durchs Fenster schaue, seh ich es rieseln in der kalten grauen Luft, die

schwarzen Zweige starren, Tropfen blinken am Glase, hier innen leb ich.

Warum? Wozu? Was soll hieraus werden?

am 12.

Ich schrieb nichts auf in diesen Tagen, obgleich sie so lang waren wie

die meilenlangen Winterseen, bläulich in der unendlichen Weiße,

aufgehend in weißlichem Dampf unter dem dunkelgrauen Himmel, und in der

maßlosen Stille klingt nur einmal ein heiserer Schrei, etwas Schwarzes

steigt aus weißem Uferbaum, schwer im Flug wie ein langsamer Dämon

streicht es seeüber, und von den Ästen, wo es abflog, fallen locker die

weißen, leichten, eiskalten Kissen.

Immer liegt mir der See vor der Seele, ich schau drüberhin, ich muß

immer sehen und sehn, nichts verändert sich, und ich merke endlich, daß

ich immer auf den einen schwarzen Flecken im weißen Baum starre, wo der

Vogel abflog. Der kleine Kalender sagt, es ist März, im Garten ist ein

grüner Busch mehr, aber der Rasen blieb wie zuerst, ich ging einmal

schnell drüberhin, dann dacht ich: Ach, keine Krokus werden da mehr

stehn, -- wo du gegangen bist. Das ist mir im Sinn geblieben, es klingt

wie ein Stück Lied, so ein aufgetautes Stück.

Da stand ich vor der Orgel. Kühl war sie und fremd. Ich wagte keine

Taste zu berühren. Sie war so kalt, als hätte sie in einem Haus aus

Schnee gestanden. Einmal vor Jahren träumte mir, daß ich spielte;

lebendiges Wasser rauschte unter meinen Füßen hervor, da tönte die

Orgel, vox humana sang mit der Stimme der Amsel. Eingefroren,

eingefroren, oh ihr Wasser des Lebens, ich töne nicht mehr!

am 13.

War denn dir so weiß alles vor Augen, Lazarus, armer, als dich das ewige

Lächeln aufgetaut hatte aus dem Frost? Aber vor dir stand Einer, der

wußte, was gut ist, auf seiner Schulter saß die schwarze Amsel und sang,

Primeln fielen aus seiner erwärmten Hand; als er gegangen war, sah man

da Kissen von Veilchen, wo seine Füße standen.

Die Tage kommen, die Tage gehn. Ich glaube manchmal, ich muß sterben,

ehe der Tag herum ist, ehe das Dunkel kommt und endlich die Stunde des

Schlafs. Wie lange muß ich dann noch liegen, immer fröstelnd in den

Decken; die blauweißen Falten des Betthimmels über mir fließen herunter,

bleich in der Dämmerung, wie aus Eis, in der lautlosen Luft rieselt das

Eisige, langsam gefriert alles, ich suche, ich suche, und alles ist leer

...

am 14.

Und du, Freund der Sonne, Gesegneter von Strahlenhand, ach, einmal auch

mein Freund, du siehst über mich hinweg, auch du bist mir zu Schnee

geworden. Sie haben dich mir wieder gegeben, hätten sie's lieber nicht

getan!

Der Garten, das weiß ich nun wieder, war nicht der Garten, sondern die

Lichtung der Insel. Immer wieder zog es mich dorthin, Grauen zog mich

hin, ich erschrak, wie sie sich veränderte, wie sie zerfiel, wie die

Blätter herunterwirbelten, ich glaube, ich muß sie immer aufgerafft

haben und mit den Händen hochgehalten, oder träumt ich das nur, daß ich

immerfort herumjagte und die Blätter schalt und aufraffte und in die

Luft warf? Aber es nützte ja nichts, und dann waren eines Tages die

Bäume leer. Oh, und diese Angst, unaufhörlich in der Brust! Meist vergaß

ich ja alles, nur die Angst war da; plötzlich dann fiel mir das Gesicht

ein, alle meine Angst galt dem Gesicht, das erscheinen könnte, im

Gezweige, im Zwielicht, ich glaube, besonders in der Dämmerung abends

muß es am schlimmsten gewesen sein. Ach, die grenzenlose Süßigkeit des

ersten Erschreckens damals auf der wirklichen Insel hatte sich mir in

unseliges Grausen verkehrt, und nun drohte das weiße Gesicht von

überall, und immer atmete ich auf, es nicht zu sehn, und immer

befürchtete ich es wieder. Es waren wohl die Gesichter der Andern, die

immer wieder entsetzensvoll gegen mich vorbrachen, und ich schrie und

wußte nicht wohin laufen vor Angst.

Ich vermißte einen Brief in diesen Tagen, Magda gab ihn mir ängstlich,

ich las ihn, er sagte mir nichts. Er galt nicht mehr mir. Seltsam nur:

als ich am Ende war, sah ich mich selber aufstehn, den Ech-en-Aton vom

Sockel nehmen, eine Weile dann nicht wissen wohin mit ihm, sondern nur,

daß er fort mußte, um jeden Preis fort, daß er sonst aus meiner Hand

fallen und grauenvoll zerscherben würde. Dann war ich auf einmal im

Schlafzimmer, vor einem Schrank, und stellte ihn blindlings hinein. Ein

Schmerz zerriß mich blendend von oben bis unten, noch einmal in der

Erinnerung.

Das also, das muß ich damals getan haben, als ich jenen Brief zum ersten

Mal las.

Dann fragte ich Magda, und sie sagte mir, daß Jason den Kopf im

Wäscheschrank gefunden hat.

Es ist noch winterlich draußen, alle Zimmer sind geheizt und trocken von

der warmen Heizungsluft, und ich höre nicht auf, am ganzen Leibe zu

zittern vor innerer Kälte. Ich wollte ein lebendiges Feuer haben und

ließ meinen Ofen heizen. Erst war es schön, die Hände anhaften zu lassen

an der glatten, glühenden Säule, gleich wurden sie ganz warm, aber die

Wärme drang nicht weiter vor, und da fing ich an zu schaudern, eiskalt

wie ich mich fühlte mit meinen feurigen Händen.

Der Arzt tröstete mich mit Frühling, Sommer und Sonnenwärme und riet

eine Reise. Sonne, ach Sonne, du willst keine Seele erwärmen, die von

innen gefror, und ich weiß, ich weiß wohl, was mir erlosch. Das ist die

Wärme der Menschen, Wärme aus ihnen und Wärme zu ihnen. Der Eine nahm

sie aus allen fort. Er nahm alles an sich: den Schmerz und das Glück,

den Gram und die Wärme. Ich bin bitter geworden.

Eine Stunde

Lebt ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Oh wer es glauben könnte! Dem war die Brust quellend und reich, gesegnet

von Nachwonne, der das schrieb. Wozu leb ich? Es ist ja leer alles, ganz

leer. Darum soll ich jetzt leben? Mich ankleiden und essen, Orgel

spielen, mit Menschen sprechen und lesen und diese und jene Erfahrung

sammeln, den einen Tag wie den andern, dafür? Oh meine erloschene Liebe,

dafür? Barmherziger Gott, mir bricht die ganze Brust in Schluchzen aus,

wenn ich denke, daß ich alles, alles sparte auf den einen Tag, und --

nichts mehr. Warum weinen? Nichts mehr bewegt sich, auch die Tränen

stehn still.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 150 / 240 题