Anfang März

Geliebter Himmel, blasser,

Von Abendglut gebräunt,

Liebling der blanken Wasser

Und Seelenfreund --

Ich sitze dir zu Füßen,

Aus Krankheit wieder erwacht.

Genesung zu versüßen,

Dein ist sie, ach brauch deine Macht!

Nun, gleich Verse? Nein, dieser Anlauf schoß wohl doch übers Ziel

hinaus, und da sitz ich freilich schon fest. Ach, und nun seh ich erst,

was ich da richtig in der Hand halte! Einen Bleistift, einen ganz

schönen, ganz langen und ganz gelben Bleistift, gelb wie eine Primel,

nein, was bist du schön! du siehst ja wie ein Prinz aus! Laß mal zählen:

Eins, zwei, drei, vier -- sechs Ecken und sechs Kanten, ich kann sie von

den Fingerspitzen bis ins Handgelenk fühlen, wenn ich schreibe, und es

laufen nur ganz lange schlanke Buchstaben aus einem so schlanken

Gegenstand. Lieber Himmel, ein Bleistift -- und macht glücklich. Ich

halte einen Bleistift! Den Satz könnt ich hundertmal abschreiben wie

eine Strafarbeit, aber das sollte keine Strafe sein, und beim

hundertsten Mal würd ich noch nicht wissen, was er richtig bedeutet.

Still! Ganz langsam! Schreib was andres! Schreib: Das -- Leben -- ist --

süß. Punkt. So. Ach, warum muß ich nun weinen?

an einem andern Tage

Nachmittags aufwachen im Sofa, so leicht nun, gleich so klar, und im

Fenster ein Holdes sehn, unbekannt was, alles so hell, kühl, und es

summt nur noch immer im Kopf, und Geräusche sind so fern! Ach, das ist

ja das süße Leben, immer wieder, immer wieder! -- Dann aufstehn, geheim,

als wärs noch verboten, die Beine sind freilich schwer, aber -- sich

langsam aufrichten, und nun dastehn, es zittert in den Knieen, aber man

steht, und nun -- sich langsam um den Tisch herumschieben, ach, und

schon ist die ganze Welt verwandelt, es schwindelt, weil man nur steht.

Horch, wie still es ist! In einem fremden Haus tief unten geht eine Tür.

Das ist schön, wie die Tür geht. Und immer steht man, zum Fenster

gewandt, die Hände auf den Tisch gestützt, im Fenster ists leer und

klar, wie ist alles unbekannt! Die Bücher auf dem Tisch, die kleine rote

Schale auf der Decke, die Decke selber, der Tisch, lauter harte,

deutliche, glänzende Dinge, sind alle ganz neu wie Geschenke, und auf

einmal mußt du an dir heruntersehn, du bist ja ganz weiß, du trägst ja

ein ganz weißes Kleid, es ist so leicht wie eine Wolke, die Falten

bewegen sich geheimnisvoll ganz von selbst, es duftet aus ihm, es

knistert und bebt, und all das heißt: die Gesundheit. Es liest sich wie

eine Überschrift im Lesebuch. Endlich mußt du ans Fenster, du bist wie

ein kleines Kind, zum Fenster ists elend weit, aber du bist schon kühn,

wenn man nur will, gehts, und auf einmal, mit drei kleinen Schritten

bist du hurtig hinüber, und da knickst du auf den Stuhl, sagst: Ach

Gott! -- Nun ists aus, du bist ganz matt, du hast genug vom Leben für

heut.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 149 / 240 题