auf Hallig Hooge, im Dezember.
Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß
Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein
Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich
nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden
Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur
Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde
ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.
Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über
unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um,
wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann
oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel,
der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen
ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?)
zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika,
nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande
hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat
bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.
Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der
mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf
dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform
meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres
Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der
haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in
einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu
irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und
Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt;
plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar,
langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward
ungeheuer.
Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von
einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner
und mir stattfand, und der auch die Frauen -- nebst dem notwendigen
Hauptmann -- beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit.
Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend,
ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren
Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du
Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins
Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht
nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem
Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und
Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit
einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der
Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der
vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt
den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die
Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das
Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit
dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von
jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen
Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und
Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden
den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit
ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen
das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in
dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang
erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten
aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie
waren tot. Diese wurden >Gänger< genannt, die Gehenden, Wiedergehenden,
Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden
Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein
Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all
diese Menschen hierzuland.
Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der
nördlichen Inseln -- große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß
nun den Namen --, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu
ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege
im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der
Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen,
bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und
Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der
niedrigen Häuser. -- In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne
Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden
erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte.
Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den
Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem
Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur
zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht
offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare
hängen ihm unordentlich in die Stirn. -- Wünschen Sie etwas? fragt der
Pfarrer. Kommen Sie doch herein! -- Er öffnet die Tür, tritt zurück und
wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in
der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer,
sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen
auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn.
Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt
einen Schrei aus und sagt: Jan! -- Der Mensch erhebt sich nach einer
Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. -- Die Frau starb bald; die
Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.
Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich
ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den
Doggerbankfischern.
Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren
wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer
schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im
Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft
arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.
An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters
plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das
ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und
fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so,
daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die
Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer
sagte, als sie fast schon vorüber waren: »Wir dürfen keinen Lärm
machen.« Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. -- Der Kutter schwand im
Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer
meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.
Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein
Wort und ging hinaus.
Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich
lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von
dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht
anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise
feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die
Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte
sich nur zeigen wollen. -- In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten
verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir -- dürfen keinen Lärm
machen. -- Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das
Schweigen brach!
Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah
die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels
derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff
und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.
Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich
nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen
kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll,
nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in
andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann
Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des
Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen
Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die
Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von
hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die
See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an
der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein
soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich
die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und
zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt,
also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig
Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er
womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, -- allein wer weiß
das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.
Heut abend nun -- oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen --
wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen
Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer
besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht
wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.
Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die
Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein
zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond
über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam
im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum,
die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler,
ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias,
dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des
Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und
hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge.
Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich.
Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang
erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen,
besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.
Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia
riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der
Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch
für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er
war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend,
sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei
zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem
Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden,
zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen
der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe
zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen.
Der Mond, wie gesagt, schien. Die dunkle Mulde war, fast frei von Nebel,
in schönes Silber getaucht, in dem wir schon von weitem die schwarze
Gestalt des Notwendigen gewahrten, der uns entgegenkam, die ruhiger
Gewordene auf dem Arm. Ihr erstes Wort an Bogner war: Benvenuto, das
Kind, das entsetzliche Kind! -- Später hat er noch erfahren, daß sie im
Nebeldunst draußen am Deich einen Schein und in dem Schein -- ich weiß
nicht, ob ein Kind mit einem übergroßen oder ohne einen Kopf gesehen
haben will, worauf sie vor Furcht und Grauen auf den Deich zugelaufen
und beim Versuch, hinaufzuklettern, abgestürzt ist.
Wolle aber bedenken, Benno, was ich schrieb: Sie war nicht mehr im
Zimmer, als ich vom Dränger erzählte. Wie sollen wir das nun verstehn?
Im Haus überließen wir sie Cornelia. Der Notwendige und ich saßen drei
Minuten später im Segelboot, aber -- ach Benno, die Unseligkeit dieser
Fahrt hätte ich selbst mir kaum gegönnt! Über dem Wasser schwebte ein
Hauch von Wind, in dem zuerst gar keine Richtung war. Als wir dann
weiter hinaustrieben, schien er sich für Nordwesten entscheiden zu
wollen, schließlich aber wehte er, o sanfter Satan! aus Nordosten, so
gut wie uns entgegen. Und was hilft es nämlich bei Fahrten wie dieser,
daß man die Logik in die Hand nimmt wie eine Pistole und sich sagt: es
hat keine übermenschliche Eile, denn wenn vor Minuten erst die ersten
Wehen eintraten, so dauerts noch Stunden bis zur Geburt. Die Pistole
geht nicht los, sie braucht auch gar nicht losgehn, aber da sitzest du
bei einer brennenden Laterne, bloß mit einem zufälligen Uhrkompaß, den
der Notwendige bei sich hat, mitten in der nebelglänzenden See, im
Halbdunkel, wo keine Bewegung an nichts zu erkennen ist, durch Minuten,
die Stunden werden, stille liegend, und du reißest Herz und Lungen und
alle Organe auf, als ob du geboren wärst, im Augenblick, wo du das
Leuchtfeuer vom Außenhafen siehst, Auge der Seligkeit durch die
silbernen Dünste der See. Und nun Kreuzen, Kreuzen ohne Ende. Es ist
schwer wie die Verdammung, ein Ziel durch Vorbeifahren zu erreichen,
obgleich es im Leben nicht anders ist. Man fängt an zu beten, Benno,
ohne zu wissen, was es ist! Nach einer Fahrt von beinah zwei Stunden --
statt einer halben -- lagen wir im Binnenhafen, und hätten nicht
gelegen, wenn uns nicht der Polizeikutter geschleppt hätte, so schnell
wie ein Pferd, aber all diese Dampfer und Schlepper und Kähne, die an
den Molen und an den Hafenwänden lagen, die unendlichen Lagerschuppen,
die Kräne, die Kohlenberge, die unerhört langen Reihen von Fässern, und
wieder Dampfer, Schlepper, Ewer, Schaluppen, Pinassen, Segelboote, wo
einer einsam steht und schöpft, Südamerikafahrer, wo ein paar Kerle im
Dunkel über der Reling liegen und spucken, Ziegelkähne von endloser
Länge, wo am Rande ein wilder Spitz rennt und bellt und am Ende eine
Kajüte ist und Licht und ein rauchender Schlot, und ein Ehepaar mit den
Ellbogen auf den Knieen -- weißt Du, wie das sich einbrennt in die Augen
auf solchen Fahrten?
Also, ich rannte denn zum Arzt (weißt Du, wieviel Vorstellungen der
Orte, wo er sein könnte in solchen Minuten, da er ja auf keinen Fall zu
Hause sein kann?) und fand ihn -- es war gegen zehn Uhr -- in seinem
Zimmer bei der Zeitung. Endlich hatte ich ihn denn mitsamt seiner Tasche
in einem, vom Notwendigen inzwischen geheuerten Motorboot, und wir
langten eine halbe Stunde später wieder an.
Langten an, empfangen von einem Geschrei, das ich -- wie bereits oben,
Benno, es geht jetzt auf Morgen, noch ist immer nicht geschehen, was
geschehen soll, ich sitze und schreibe nach der anfänglichen besondren
Kälte mit rauchenden Händen. Ich habe ein Geschrei gehört, Benno, das
Gott nicht erfunden hat. Ich habe ein Weib, das er aber erfunden hat,
brüllen und heulen und pfeifen hören. Ich habe hinter der Türe gestanden
und geschlottert mitsamt dem Notwendigen. Ich habe das Licht in den
Türritzen gesehn wie bei Weihnachten, wenns drinnen raschelt. Ich habe
an der Füllung gekratzt wie ein Hund und dazu mit den Augen gewinselt.
Ich habe den Doktor herauskommen und schwitzen und klappern sehn und ihn
Worte sagen hören, bei denen es mich in den Ästen meines besondren
Nervenbaums aufhenkte wie Absalom, -- Gebärmuttersenkung -- es drehte
sich schon ehemals alles in mir um, wenn ichs hörte. Weißt Du was,
Benno? Wenn die Menschen anfangen, von Sinnen zu geraten, so tun sie das
Allergewöhnlichste, und zwar mit einer besondern Genugtuung, und der
Doktor in diesem Fall putzte seine Brille wie den Abendstern. Ich habe
Cornelia völlig rasend gesehn, dieweil sie kein Wort äußerte, ab und zu
ging, das Nötige besorgte und zwischenhinein bei der halb schon
Zerfetzten saß und ihre Hand hielt. Ich hörte mich selber klappern und
den Arzt fragen, ob der Sturz geschadet habe, und hörte ihn schnauben
und sagen, ob gestürzt oder nicht, und ob heute geboren oder morgen, das
wäre alles Unsinn, und sie hätte niemals dazu kommen dürfen, und das
Kind würde sich höchstwahrscheinlich erdrosseln. Ein Kind, o ihr Helden,
noch im Leib seiner Mutter, und hat schon einen Strick zum Erdrosseln!
Ich habe, Benno, auf der Erde gelegen, im Freien und an den Nägeln
gekaut. In meinem Zimmer habe ich den Finger in mein brennendes Licht
gehalten, um mir eine Abkühlung zu verschaffen, und die Wunde als
höchste Wollust meines Lebens empfunden. Ich habe Tränen vergossen und
diese rasende Halbtote geliebt wie keinen Menschen jemals, und ich habe
sie um Vergebung meiner Sünden gebeten. Gott im Himmel, Benno, ich habe
angeboten, alles noch einmal erdulden zu wollen, wenn bloß dies
aufhörte.
Ich habe nämlich auch Bogner gesehn, ganz besonders! Der saß all die
Stunden im Nebenzimmer und hörte es mit an. Ich kam herein, ich denke,
da sitzt eine Leiche. Aber er sieht ganz aufmerksam auf das Tischtuch.
Als ich näher zusah, merkte ich dann, daß ich, wenn ich ihn anrühren
sollte, einen elektrischen Schlag empfangen würde, denn er saß auf einem
Elektrisierstuhl, gerade so geladen, daß es eben noch zu ertragen war.
Nein, er saß auf durchaus keinem Stuhl, sondern auf einem pfeilschnell
rennenden Tier; saß in einem rasselnden Panzer von Schnelligkeit, saß
gewissermaßen auf dem hurtigsten Tier, das da trägt zur Vollkommenheit,
genannt Leiden.
Es war eben wieder still; ich setzte mich und fing an zu rauchen, die
Lampe begann zu stinken und gab vor unsern Augen den Geist auf, Bogner
erbarmte sich ihrer und blies sie aus. Bogner gönnte sich dieses alles.
Und all diese Stunden lang in Pausen dies rauchende Geschrei wie aus
einer eisernen Röhre, diese minutenlangen Strudel von Wimmern und Flehen
an alle Mütter und Maler und Götter um Erbarmen.
Aber sie ertragens. Vielleicht ist dies auch nicht besonders, vielleicht
nur um kleine Grade schlimmer als üblich. Cornelia scheint es ja zu
verstehn. Sie erheben sich sogar hinterher und fangen wieder an zu
leben. Ich will mal nachsehen.
* * * * *
Fünf Uhr. Nun muß es bald kommen, sagt der Notwendige, der es vom Arzt
erfuhr. Bald, das ist ein Ausdruck!
Bogner war nicht mehr im Zimmer. Ich suchte ihn, da sah ich im Dunkel
seinen Schatten auf dem Deich und stieg zu ihm hinauf. Er hatte seinen
Stuhl hinausgetragen und saß dort, die Hände auf den Knien, unter sich
den Nebeldunst, der Nacht zugewandt, wo sie nur dunkel war, denn hinter
seinem Rücken stand der Mond. Da habe ich ihn gefragt: »Nun, Bogner,
proklamierst du heut auch noch deine Vollkommenheit der Welt?«
Er wendet den Kopf zu mir, sieht mich an. Plötzlich überläufts ihn. Er
wartet, bis er wieder ruhig ist, und er sagt: »Ja.«
»Bist du wahnsinnig?« schrei ich ihn an. »Nachdem du dies gelitten hast?
und sie?«
»Ja,« sagt er nach einer Weile. »Auch daß ich leide, ist -- gut.«
Da waren wir still. Später sagte er:
»Wenn ein Opfer gebracht wird -- hier; und dort ist einer -- der nimmt
es an; dann ist alles erfüllt.«
Oh mir brannte das Herz! Bogner -- ich weiß, welche Furcht vor dem Tod
er erlitt. Nun hat er eingesehn, daß nicht er gefordert wurde, sondern
sie. Und nun stirbt er mit ihr. Denn so stirbt der Mensch im Opfer, das
er bringt. Vielleicht wäre er lieber gestorben, als so überleben zu
müssen. Aber es ist Sinn in dem allen. Freilich muß man ein Kentaur
sein, um ihn erleben zu können und doch zu verstehn.
Ich weiß nun nichts mehr und schließe den Brief.