Aus Georgs Papieren

Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal -- zumeist wenn ich sitze

und schreibe --, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir

vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine

dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben

überwebt -- das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich

ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in

hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen

Spitze ich stehe.

Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen -- was liegt an der Zahl?

-- sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von

bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen

glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie

ein Bündel aus ihren Köpfen und -- nun, aus den mehr oder minder

abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die

sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und

aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja

nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in

Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von

immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt,

denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur

soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser

bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich

jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken,

sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig,

wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit

Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es

ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun

sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre

darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals

nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben

Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie

glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern.

Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und

jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner

Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und

einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß

nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre

gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer

dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall

werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir

angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch

meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet.

Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen?

Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du

jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin?

Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein

sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach

ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das

Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und

wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last

ist, die sie langsam zu Tode würgt?

Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen

für eine Weile.

Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich

gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu

bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf

ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch

den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber.

Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut

geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu

reden, -- dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und

sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt

sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.

In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu

stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir

wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen

Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so

stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu

werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen

sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede

Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen,

sondern ich lasse sie sitzen.

Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre

Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein

Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und

Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts

drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt -- -- es ist keine Stunde,

und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich

ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein

Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf

mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe

und sehe.

Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch

nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was

verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig

wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und

ge--, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau

war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich

darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?

(Von Bogner)

Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja,

wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so.

Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung

gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.

Danach bewies er es mir auch.

* * * * *

Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich

und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse,

und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am

Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner

Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt

geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus

Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr

Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in

früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte --

und so weiter.

»Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit«, sagte er, »ist der

Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer

der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach

dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das

Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der

nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die

Nacht: >Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen

Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche

Licht ...<) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen

uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns

nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er

will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim,

so wäre es kaum noch.

»Der aber«, sagte Bogner, »ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im

Licht.«

Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis

pflegen kann -- es besitzend, ohne es je zu durchschauen --, dem es

selber zur Magie geworden ist: der Dichter.

Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie

ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber

unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle

ich einen Schmerz.

Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und

sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen

Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen

zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im

erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig

mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden

des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum

Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber

erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel -- aus

jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein

Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da

er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein

unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen

gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine

Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu

wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen,

nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem

Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür,

daß sie so sind.

Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben

und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es

nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß

ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem

mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich,

wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn

er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle

können anders; er muß das Eine.

Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,

Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:

Ich lasse nicht -- du segnetest mich denn!

* * * * *

Damals, als Bogner das Wort >Geburt< vor mich hinstieß wie die Faust mit

dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in

meinen Festen schon als Ahnung erschütternd -- damals genügte mir der

Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur

zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu

lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde

gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja

doch nicht, so geh wenigstens tiefer. -- Heute fragte ich Bogner:

»Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie

eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was

ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei

unsre ganze Lust. Aber _warum_ ist sie das?«

»Ja,« sagte er, »auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende

nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber

gedacht. So laß uns doch einmal erinnern.

»Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein

schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein

Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde,

und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles

Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. -- Solltest du das nie

erlebt haben?«

Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu

sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder

herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe

nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes

Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah --

nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte,

unter der Stirn.

Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und

dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend

wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde.

Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah -- Ihn.

Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und

ich -- fürchtete mich vor ihm. -- Warum das? Ich soll ein wenig

geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil

er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für

nur eines und fürchtete mich.

Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die

Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht.

Warum kam sie später?

Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll

ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich

mich an Ähnliches zu erinnern glaubte.

»Und dies,« sagte er nun, »dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang,

Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an

damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald,

und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der

Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten

schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht

und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut

ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war

tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.

»Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (>Noch

niemals blieb der Morgen aus, der lichtend -- Das Tal ihr wieder wies,

das duftig bläut<) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.

»Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er

aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und

da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der

erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die

Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.

»Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen

in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein

erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume?

Der uns anblickte und uns zusprach und --«

Ich bat ihn, zu schweigen.

Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der

mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern

Stelle.

»Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis

schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung

minder rätselvoll, minder voll Schauder? -- Damals aber mischte sich

Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen.

Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre,

und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor,

und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung.

Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn,

lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein

unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon

erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach:

mehr Süße.

»Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller

Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem

Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht

mehr erschreckend, sondern bekannt -- aller Geheimnisse süßestes: die

Ordnung.

»Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist

das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet

und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in

allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser

Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel,

und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir

weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz

Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße,

Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund

wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste

Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!

»Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.«

»Bogner,« mußte ich plötzlich sagen, »noch eins! Du hast einmal ein

schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die

Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich

habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran

geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute -- aber

sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?«

»Habe ich das gesagt?« fragte Bogner nach einer Weile. »Dann wird es

dieses heißen:

»Du sagst: das Gute. Giebt es ein >das Gute<? Es hat ein jeder sein

Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung

seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein

Immergutes ist -- Eltern, Geliebte, und was du noch willst --, nicht gut

mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein.

Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder

erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von

uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur

eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur

Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische

Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den

Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen

darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich

in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.

»So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann -- das wäre zu

wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu

schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst?

Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich,

wenn ich nicht male?

»Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle

nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem

Guten.« Er lächelte plötzlich.

»Etwas fällt mir ein«, sagte er dann ernst. »Vielleicht wirst auch du

erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit

am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit;

ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß

es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar

möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern

lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist,

einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und

vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht

hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an

seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. -- Und dies ist der

Anfang.«

Zu alledem -- nachdem ich es gehört und geschrieben habe -- kann ich nur

Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von

alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die

absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung

wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und

natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles

Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die

Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht

sicher.

* * * * *

Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf

dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer,

etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und

stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen.

Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann

schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein

wenig kleinlich, geneigt, zu >nörgeln< oder >mäkeln<, aber mit Maßen und

jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von

ihrem Wesen. Dann sagte er:

»Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie

einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war

damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten

Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß

nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das

ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es

giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch

ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon

am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern

ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein

Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.

»Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her

und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über

ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte

meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war,

wieder die Frau meines Vaters.

»Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau

von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der

heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und

sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten

hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und

da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. --

Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und

daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm

kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. -- --

»Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer

Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert

Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer

künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht,

sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend,

sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder

zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz

ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal

zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem

Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie

über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder

nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können

glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht

aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn

Jahre später verloren ging.

»Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie

ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ...

und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas

älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den

Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der

Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher

geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und -- so etwas

denkt man denn.

»Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für

einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt

brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in

sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und

dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein

war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich

dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch

gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen.

Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht

schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein

und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.«

Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich

mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte

immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände

hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:

»Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den

Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und

sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und

das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen

und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es

nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich

geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht!

Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur

Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich

abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht

Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies --

Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.«

Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun

plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und

seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich

darauf wie ein Knecht.

Nach einer Weile sagte er erschöpft:

»Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.«

Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte

er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen

und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte

all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit

in der Stimme:

»Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles

nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das

Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe,

-- ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis

zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß

diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist,

was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll

keine Götter geben, aber --

»Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den

Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern

neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde

Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen

sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin,

die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist

als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst

mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein

Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte

zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel

reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine

Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit

meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und

Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte,

aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn

im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so

soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen,

berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.«

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 121 / 240 题