Renate an Irene

Helenenruh, am 8. X.

Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den

Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem

Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja,

freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir

und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht

entbehren ...

Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin

glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich

werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst

Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre

Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht

aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!

Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das

machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein

Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er

sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch

heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam

tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung

nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und

Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es

auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und

bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft

mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und

Schwachen -- Wunder der Liebe entfalten.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 105 / 240 题