Aber eben als ich aufwachte aus dem Schlaf, und Du warst nicht da, als
ich das Alleinsein spürte und den immerwährenden Schmerz und den
Verlust, da fühlt' ichs doch auch: daß es vielmehr ein Verlust meines
Wesens ist als meines Habens, ach, und daß es vielleicht nur einer
kleinen Anstrengung bedürfte, um mein ganzes Wesen, dies hier und das
Stück dort, wo Du bist, wieder ganz zu fühlen, und schon wie ich es
versuchte, da -- nicht in mir, ach, das nicht! Aber _in der Welt_ fühlte
ich die Vollkommenheit ganz heil und unerschütterlich, und ich seufzte.
Denn Du und ich sind eins und vollkommen, und eins und vollkommen in uns
ward die zerrissene Welt; darum sollten wir nicht trennen, auf keine
Weise, was eben erst heilte.
am 8. Oktober
Dein Bruder hat Schülerwitze gesammelt in den letzten acht Wochen und
läßt sie nun vorsichtig los. Meist kann ich sie nicht behalten, aber
höre diesen: Kannst Du mir einen Satz sagen, in dem die Worte an und bis
hintereinander vorkommen? Nein, Du rätst es ja nicht, Du rätst es ja
ganz verkehrt! -- Es heißt: Ich angelte, wo der Fisch anbiß. Ach, wie
kann es so etwas Dummes geben!
Aber Du Fischiger weißt Du auch, warum diese Dummheit mein Gedächtnis
anbiß? Weil Du schon ganz kalt und naß anzufühlen bist vor lauter
Fischigkeit, will sagen lauter Stummheit! Ich rede den ganzen Tag mit
Dir, Du hörst weise zu, aber Du schweigst wie Dein weißes Abbild vor mir
auf dem Tisch. Ich sehe es an, bis mir die Augen übergehn, und dann wird
mir unbegreiflich zumut.
Ech-en-Aton und Du! Ist es möglich, daß ich ihn hatte und Dich, drei
lange Jahre lang, und doch glauben konnte, Ihr seid zwei? Ist es, war es
wirklich möglich: drei Jahre zusammen mit Dir, am selben Tisch, im
selben Raum, in derselben Luft tagaus und tagein und blind, so ganz
blind >für was in dünnem Schleier schlief<? Nein, wäre es möglich, daß
plötzlich glühen kann, was durch Jahre hin nicht kalt war, nicht warm?
Daß Augen eines Abends in lichtem Feuer stehn, in Feuer der Mund, in
Feuer das Haar und der ganze Mensch, ein Feuerofen, aus dem ein selig
Verbrennender singt? Ach, Geliebter, es ist wahr, und es mußte so sein,
denn es ist ja kein Du und kein Außen, für das ich plötzlich Augen und
alle Sinne bekam, sondern das ist meine brausende Seele, die endlich,
endlich über die Ufer ging und mich himmlisch zerriß. Und ich kann es
doch nicht fassen, nein, nie, nie, niemals werde ich es fassen können,
daß diese Hand hier, die schreibt, an _einem_ Tage süß geworden ist,
ach, so süß durch die eine Berührung, daß ich denke, alle Bienen müssen
kommen und sammeln und die ambrosische Wabe bauen in Gottes Herz! Und so
süß, daß ich sie manchmal hinnehmen muß in die andre, sie halten und
fühlen schwer wie von Gold. Ach, so verwandelte schon ein holder Geist
den Stab des Armen auf der Straße, daß er schwerer ward und schwerer in
seiner Hand und längst zu Golde geworden war, ehe der es begriff mit den
Augen. Ja, ist es nicht so? Es vollzieht sich die göttliche Wandlung,
wir wissen es längst, alle Sinne wissens und sagens, aber da ist noch
ein letzter Sinn, der weiß nichts, und grade der ists, den wir zum
Erkenner gemacht haben, und endlich, endlich erfährt es auch der, wie
der einsamste Siedler in den Bergen vielleicht von einem Kriege hört,
der die halbe Welt zerriß, und er ist fast schon vorüber. Ein Schiffer
vor tausend Jahren fuhr durch die Nacht an einer Insel vorüber und rief
hinein: Der große Pan ist tot! -- Und da, als dieser Schiffer es rief,
da wußte es erst die Welt. Ach, aber wenn etwas sein sollte, und es ist
nur ein Ding der Erde, das nichts davon weiß, so ist es noch nicht, so
kann es nicht sein.
Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister
der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch
zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann
nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke
und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze
Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er
es vorher nicht war?
am Abend
Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu
finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der
Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer
kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die
Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie
fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der
Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!