Renate an Saint-Georges

am 7. Oktober

Mein Geliebter!

Siehe da, ich schreibe und weiß nicht wohin. Der Gedanke, daß Du

augenblicks in die Welt aufbrechen solltest, um das Tal und das Haus zu

finden, in dem wir bis in alle Ewigkeit wohnen würden, war preiswürdig,

als wir ihn dachten, nun aber jammert mich seiner, er hat gar so viel

Ähnlichkeit mit einem halb ersoffenen Kätzlein. Legen wir es auf den

guten warmen Ofen bis übermorgen, und trösten wir uns derweil mit der

süßen Speise Wiedersehn und dem klaren Weine, der Dann-niemals-mehr

heißt.

Ach, mein ewiger Geliebter, wenn es in der Welt etwas giebt, das anders

ist als alles Leben und alle Dinge dieser Welt, und das Liebe heißt, was

kann denn dieses anders sein als die Vollkommenheit? Und wenn sie die

Vollkommenheit wirklich ist, so ist doch alles, was geschieht, in der

Liebe geschehn, was der oder die Liebende tut, was sie nur denken und

anfangen, es muß alles in der Liebe sein und vollkommen. Demnach ist ein

jedes verständlich und ganz klar, und daß Du dort bist und ich hier,

auch dieses muß Vollkommenheit genannt werden, ich sehe es vollkommen

ein und begreife es, bloß: sie ist nicht so leicht zu ertragen, diese

Art von Vollkommenheit, und sicher ist Übermorgen gar nicht, aber Du

kommst ja erst Freitag.

Freitag, das soll auch so was heißen! Morgen ist Dienstag, übermorgen

ist Mittwoch, überübermorgen Donnerstag, und was über überübermorgen

geht, das kann schon kein Mensch mehr aussprechen, also was fang ich an?

Soviel im Hinblick auf die Vollkommenheit ...

Übrigens:

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 102 / 240 题