Auf Hallig Hooge

Mir scheint, ich bin ruhiger geworden. Sollte das die Wirkung dieser

ganz grünen Insel sein, auf der ich nun hause? Wir sind heute nicht

abergläubisch mehr, und im Gegenteil, was diesen Telemach anbetrifft, so

machen ihm die Geister und die Toten beziehungsweise ein gewisses

Behagen. Übrigens sind ja auch Lebendige vorhanden, obschon auch diese

besondre Untertanen des Todes, sein Zeichen tragend an der Stirn:

Bogner, den er eben aus seinen Reichen entließ, und Ulrika, die -- ich

hoffe -- nur hindurchgehen wird. Nur das Mädchen Cornelia scheint

munter.

Der notwendige Hauptmann, den sie mir mitgegeben haben, scheint sich gut

ertragen zu lassen; er schweigt. Birnbaum wird ihn ausgesucht haben. Da

er bürgerliche Kleidung angezogen hat, könnte er der Pächter dieser

Insel sein, seit langem: Einsamkeit steht um sein bartloses Gesicht wie

ein fester Bart, gut und ruhig sind die Augen, immer scheint er zur

Teilnahme bereit. Doch er schweigt. Ein wenig hat er etwas Russisches,

vielleicht ist er Balte; die Sprache verriet nichts.

Ja, hier kann man leben und sterben! dachte ich schon im Segelboot auf

der Fahrt.

Ja, so gieb nach, Georg, gieb einmal nach und sag es! Sage, wie

unbeschreiblich es dich schon ergriff auf der Fahrt. Vom Festland der

weiche, emsige Wind trieb das Boot in gerader Fahrt, weich reitend über

die dunkle bläuliche See. Und da, wie vor dir nur Himmel noch war, zu

sehen, ja fast schon zu fühlen die grenzenlose und berauschte Seligkeit,

die seiner Umarmung mit dem Ozean ausstrahlt, -- großes, locker

bewegliches Getümmel grauer und weißer Wolken überm blauen Grund, und

die Wasserwüstenei, kalt, nicht weit zu überschaun: unwiderstehlich

preßte da der kühle, brausende Odem der Göttin sich in deine Brust,

verdrängend den kranken Menschenatem drin, bis es nur der ihre noch war.

Oh ruhiges, mildäugiges Leuchten der Nachmittagsstunde, schräge von oben

durch die Breschen der himmlischen Wanderung! Oh wieder empfindliches

Zittern beim Eintauchen in ihre leiblosen Schatten! Oh wieder

Entschweifen weithin und voraus des entfesselten Blicks! Bis wieder ein

Festes dem Auge sich bot, und plötzlich entzaubert das Inselgebirge sich

schwimmend erzeigte ganz grün.

Wenn ich nun die Augen schließe und mir die Insel vorstellen will,

erscheint sie mir besondrerweise immer aus der Vogelschau, -- erhob mich

so mein Gefühl? -- Ich sehe den kreisrunden grünen Kranz des Deiches aus

einer wolkigen Höhe, fest hineingefügt in die ungestüm daraufzu und an

zwei Seiten vorübergewälzte dunkle See; sehe die leere Wiesenmulde im

Kranz, und sehe, daß sie ein Amphitheater ist, diese Insel, denn an der

Wattseite fehlt ein Stück des Deiches, dort ist flacher Strand, und dort

zur Linken, schräge hinter dem Deich, liegt das Gesindehaus,

langgestreckt, mit seinem schwarzmoosigen Schilfrohrdach, etwas erhöht,

überwölbt vom einzigen Baum, dem Birnbaum voll kleiner, glänzend grüner

Früchte, dahinter Gemüsefelder. Vom offenen Strandstück quer durch das

grüne Tal führt ein getretener Pfad ganz grade zum >Kavalierhaus<, das

übrigens dem Gesindehaus gleicht, außer daß es Fachwerk ist, weiße,

jetzt schwärzliche Balken mit blauer, jetzt weißlicher Füllung, während

das andre ganz rot ist, in dem seinerzeit die Begleitung des

>Astrologen< wohnte. Und keine dreihundert Meter östlich von ihm steht

der achteckige Turm der Sternwarte oben auf dem Deich.

Ich glaube, ich zitterte seltsam, als ich wieder den festen Boden

betrat. Ja, hier läßt es sich leben und sterben ... Die schrägen, an der

Außenseite vom Seetang ganz begrünten Wände des Deiches stiegen haushoch

-- und das scheint berghoch dahier vor der riesigen Fläche. Vom Winde

war plötzlich kaum ein Hauch mehr zu spüren, es war rätselhaft still.

Rechts, am innern Abhang des Deiches, wo er endete, waren zwei weiße

Ziegen angepflockt, die bei meinem Anblick sofort entgeistert die Bärte

hoben, sich ungemein wunderten und sich verabredeten, so weit näher zu

stelzen um ihren Pflock, als es die Kette erlauben würde. Menschen waren

nicht sichtbar, und so ging ich in die tiefe, grüne Stille des Tals

hinein, abgeschlossen von aller Welt durch die berghohe Umwallung, deren

westliches Stück eine breite Schattendecke in das Innere legte.

Das Haus, auf das ich von ferne zuging, ist gebaut wie alle Bauernhäuser

der Landschaft, langgestreckt; ein Mittelstück ist überhöht, links sind

die Stallungen (hier freilich keine), rechts die Wohnräume; Vorder- wie

Hintertür in der Hausmitte sind zerteilt, so daß die obere Hälfte sich

allein aufschlagen läßt und man darin lehnen kann.

Wie freundlich leuchteten mir im Näherkommen dann das Blau und Weiß des

Hauses im tieferen Licht und im Blumengarten davor Gebüsche von rosigem,

weißem und ziegelrotem Flor! Ich glaubte, wieder wie einst, das große

Wandern der Sonne spüren zu können und wieder Raum in meiner Brust.

Als ich dann zum Hause gelangt und zur Linken um seine Ecke gebogen war,

hatte ich dies unvergeßlich scheinende Bild:

Zwanzig Schritte hinter dem Hause wieder die hier gelindere Steigung des

Deichs, -- rundum schließend wie ein Ende der Welt. Hoch oben stand,

noch ganz am Rande, die Gestalt der Cornelia, die ich gleich erkannte,

obwohl sie schräg von mir abgewandt stand nach der See, ganz leuchtend

vom feurigen Sonnenschein, im blauen Kleidrock und weißer Bluse und in

einer Haltung, als ob sie im Gehen festgewurzelt wäre. Ein paar Schritte

weiter rechts saß, zur See gewandt wie sie, auf einem Feldstuhl ein

grauhaariger, unbekannter alter Mann, in dem mich erst Erfahrung zu

meinem tiefen Erschrecken den Maler Bogner erkennen lehrte, -- und Beide

über der grünen Wand waren wie vor einer sattblauen, vor dem leeren

Himmel, ganz nahe davorgesetzt. -- Und dann, wie ich wieder nach unten

und zur Rechten sah, gewahrte ich auf einer Bank vor der Hauswand Ulrika

Tregiorni in einem grünen Kleid, die Hände im Schoß, sitzend in einer

solchen Ergebenheit, so sich hineinfügend in die Tiefe, über der droben

die beiden Andern feierlich eifrige Ausschau hielten über ein

unsichtbares Land, -- daß es schmerzlich zu sehn war.

Unbeschreiblich war dann die Freude des Malers, als ich seinen Namen

rief. Wie er sich umdrehte im Sitzen; wie sein gealtertes Gesicht sich

veränderte in der Freude; wie er aufstand und die Arme nach mir

ausstreckte wie ein Vater -- leider im Stehen noch verkrümmt infolge der

fehlenden Rippe --; wie ich zu ihm hinauflaufen mußte und er fast

weinte, -- ach, ich fürchte doch, dies ist mehr erschreckend als

erfreulich, denn früher war er alles andre als weich. Mir aber blieb

alles nach in der Brust und so, als ob unmerklich eine Seele wieder sich

bilde, von weicher Wasserfaltung erwacht, zartes Korallengeäst in dem

Dämmer der Tiefsee.

Ich bin also in den besondren Turm eingezogen und so weiter, -- ich weiß

nicht, mir wird auf einmal wieder so unruhig ...

* * * * *

Ah, haha! _Rideamus, amici!_ Nun lustig, lustig, _rideamus_, und die See

brüllt dazu wie besessen, denn warum? Ein neuer Aspekt des Todes,

jawohl, jawohl, jetzt hätten wir alles besonders beisammen, _rideamus

nunc_, was stellt sich heraus? was fördert sich, was muß ich selbst

zutage fördern, wie ich nämlich mit Ulrika und Bogner abendlich dämmernd

zusammensitze und keiner was zu sagen weiß und ich deswegen nach Irene

frage? Dieselbe ist wieder im Kloster und warum? Nach einem endgültigen

Endkampf mit diesem besondren Klemens haben sie sich zur süßen Liebe

entschlossen, aber deswegen keine lieblichen Gefühle -- nein, bloß nicht

weich werden! -- sondern er stößt sie von sich, jedoch -- das ist nicht

meine Sache, aber wie es entstand, das ist die besondre Frage, und zwar

war es der große Mummenschanz naturgemäß, der jenen Klemens zu grausamen

Schmähungen veranlaßte, weil Dieselbe trotz Verehelichung mit einem

roten Sozialdemokraten es leckerte nach dem dynastischen Gepränge, und

demgemäß, wer trägt die Schuld auch an dieser besondren Verwirrung?

Immer derselbe. Nein, bloß nicht weich werden, und die See brüllt wie

besessen, denn weiter: Spazierend am schmalen Gestade der Ebbe mit der

sogenannten muntren Cornelia, will ich was Munteres sagen und öffne die

Lippen zur Frage: Wie gehts eigentlich jenem Josef von Montfort? Oh

erbarmungswürdige Entgeisterung! Einerseits und dann beiderseits, denn

siehe da, derselbe ist maustot, umgebracht von dem eigenen Bruder!

_Rideaumus_, es ist zum Haarausraufen, denn gleich holt mich der Teufel,

wenn das sich nicht auf immer denselben Mummenschanz zurückführen läßt,

bloß nicht weich werden, denn das ist freilich noch nicht alles, denn

sie weint ja nun und zeigt sich besonders bekümmert, daß dies an ein und

demselben Tage vor sich ging, an dem auch der bekannte Maler beinah sein

liebes Leben verlor, und auf Befragen erzählt sie gern eine höllische

Szene, nämlich wie sie ein grausames Schießen hört, mitten am

friedlichen Nachmittag, immerzu Knallen und Knallen, und hinunterläuft

und in ein Zimmer, und da steht ganz rauchend dieser Bogner, oder

vielmehr er fällt schon hin, vornüber auf eine besondre Fensterbank,

fluchend und röchelnd und mit einer besondren Pistole fuchtelnd, und

immer in seinen roten Teufelshosen vom Mummenschanz dazu, und draußen im

Freien, wer liegt an der Erde und sagt auch nicht ein Wort mehr?

Natürlich der andre Duellant, tot wie eine Ratte, und sie haben sich

Beide mindestens mit zwanzig bis dreißig Kugeln durchlöchert, bloß nicht

weich werden, denn siehe da, worüber zerbrachen sie sich lange den Kopf,

Cornelia und auch die Ulrika? Wie ihr sogenannter Ehemann ihn hat

ausfindig machen können, aber Bogner offenbarte dasselbe, denn der

Ehemann muß ihn beim Mummenschanz gesehen haben zusammen mit Ulrika,

seinen Namen erforscht, da er ihm natürlich gleich besonders erschien,

und ihm nachgegangen sein, nachgegangen wem? dem mit den roten Beinen,

sie ließen sich auf keine Weise aus den Augen verlieren, im dichtesten

Dickicht der Beine nicht, und so geschah's!

Rein in die Hölle, raus aus der Hölle, und nicht weich werden und die

Rechnung aufgestellt, denn nun hätten wir ja den Unheilsberg strahlend

beisammen, als da sind: Esther und Sigurd, Cora und Magda, Josef,

Erasmus, sein Vater und Renate, Cornelia und Cordelia, Bogner benebst

Eltern und Ulrika mit Mutter, Irene nebst Ehemann und Klemens, bloß

Helene ist leider noch immer nicht dabei, und über Allen schwebt -- --

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Ich, ich, ich! Ich hinter der Maske, da saß ich jahraus und jahrein über

Töpfen und Retorten und destillierte das zarteste Gift, verabreicht' es

an einem Tag, und da sitze ich nun mit meinem grinsenden Schädel auf dem

Berge der Leichen und kann meinen Nabel betrachten!

Auf, laßt uns nun wahnsinnig werden!

Den Verstand verlieren, o mein Gott, den Verstand verlieren! All ihr

Götter, wie kann ich denn einen haben, wenn ich ihn jetzt nicht

verliere!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 101 / 240 题