Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich
zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist
mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.
»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische
_fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich
Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich
betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es
anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!«
Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?
»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie
kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz --
bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers
über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die
Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang
und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so
geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer
zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,
»und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie
ein Gewässer über ihren Rand.«
Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön
zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den
Stillstand gehört haben würde.
»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?«
Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.
»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe
ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun
so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?«
Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und
schlafen sollte.
»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing
umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet,
wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb
sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche
Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid
_Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen
Blick zu Ulrika empor.
Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal,
und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und
stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir,
ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen
niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«,
als wäre da etwas zum Schämen.
am 25. August
Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch
nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie
lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder
öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist
möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich
selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.
»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die
Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde
kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.«
»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise.
»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so
von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend,
sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend
Augen; soviel Götter, soviel Augen.«
Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal
fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht
Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so
liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte.
»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich
einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine
liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das
sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem,
geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der
Vernunft.«
Er ist nun so klügelnd geworden ...
am 26.
Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da
hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in
den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle
geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend
hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von
Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen
Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im
Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein
die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür
erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen
Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der
Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich
glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer
übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem
Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so
brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd,
daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in
die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der
Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,
blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden
Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze
Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und
über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie
Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang,
nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er
zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er
über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines
Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er
hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen
die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden
Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen,
rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins
Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen
verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte
rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem
Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.
Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen,
standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines
Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große
Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,
duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten,
ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht,
körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden
Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies
steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern,
aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes
Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.
Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel,
aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine
Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang,
wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn
auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen
und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons.
Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie
das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der
Blindheit war nirgend.
Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.
Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in
allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der
Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene
Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten
seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich
verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der
unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf
stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars
und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe.
Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich
lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel
zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine
Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die
hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah,
während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib
vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn
gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im
Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem
Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon
ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und
sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...
Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er
eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich
zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß
ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und
schauderte.
am 27. nachts
Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In
der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander
verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen
waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer
wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch
ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind
geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da
und sprach kaum.
So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt
erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen
bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem
kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm
vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt
worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch
das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer
abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?
Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner
Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines
Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.
»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich
es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig
zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig
geworden.«
Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens,
überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig
in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens,
die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben,
und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war
an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason
auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen
eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und
weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich
entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!«
Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An
jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag
erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem
zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen
vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach
den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren
Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens
zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir
einfiele, alldas nicht zu rechnen?
»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung
entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe,
gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!«
»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so
trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere
mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles
an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die
Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.«
»Ordnung, Jason!« rief ich empört.
»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er
auch Dämonen haben.«
Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile,
bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn
ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.
»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er.
»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht
sie?«
Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand
wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur
die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts
anginge.
»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du
das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?«
Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich
viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte,
an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich
lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich
verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden.
Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich,
so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als
indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett
zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und
Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und
wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch
verlieren?«
Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.
»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es
schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen,
aber nicht mit leiden?«
»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?«
»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll
Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht,
der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die
Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand
wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz
ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle
schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus,
der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein
Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?«
»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und
wie macht es denn dein Topf, dein --«
Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht
weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason
zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der
Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu
schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich
brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte,
geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:
»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im
Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen
schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists,
was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was
wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke
macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt
werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst
du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen
Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest
wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie
angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen
sie unverbrennlich den Lobgesang.«
Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle
können, -- o Gott!
Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es
vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich
lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht
so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie
nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen
Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen
und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir
die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus,
was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie
das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut
ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie
glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt,
denn was half ich?
Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere
Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte
noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde
ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich
sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir?
Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!
Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener
Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität,
im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da
war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und
betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat
mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir,
zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die
großen Verneigungen.
Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der
Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen,
hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann
dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß
es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie
soll ich da erkennen?
War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie:
Beides!