24. August

Mein dritter Besuch bei Bogner. Beim zweiten bat er mich, doch täglich

zu kommen. Er spricht nun viel, wird aber schnell müde; seine Stimme ist

mitunter kaum zu vernehmen; seine Gedanken scheinen rastlos in Bewegung.

»Sagen Sie doch,« fragte er heute, »ist Fuge wirklich das lateinische

_fuga_?« Da ich bejahte, wunderte er sich und meinte: »Also wirklich

Flucht? Das ist ja abscheulich!« worauf er mich und Ulrika nachdenklich

betrachtete und fragte: »Ich möchte wirklich wissen, wie ihr es

anstellt, diese unseligste aller Künste zu betreiben!«

Wir stellten uns sehr böse. Warum unselig?

»Eben,« sagte er fein, »weil sie gradezu die Seligkeit will. Aber sie

kriegt sie nie. Sie ist ja nur immer da hinterher. Sie ist so ganz --

bergig! _Fuga_, die Flucht. Sie ist wie der Lauf eines flüchtigen Tiers

über ein Gebirge.« So sprach er unaufhaltsam weiter. Immer hätte die

Musik etwas Gejagtes, könne nie stillhalten, sei zwischen ihrem Anfang

und dem Ende unaufhörlich, und wenn man ja absetze an einer Stelle, so

geschehe das nicht glatt wie bei einem Gedicht, sondern mit einer

zackigen Bruchstelle. Immer wolle sie die Ruhe, liege immer im Sterben,

»und hat sie die Ruhe doch einmal,« sagte er, »so tritt sie schon wie

ein Gewässer über ihren Rand.«

Ulrika wandte ein, wenn er ihr einmal bei einem guten Legatosatz schön

zugehört haben würde, ob er dann nicht hinter der Bewegung den

Stillstand gehört haben würde.

»_Quies in fuga?_« meinte er zweifelnd, »die Ruhe auf der Flucht?«

Schöner, erwiderte ich, ließe es sich kaum ausdrücken.

»Aber erklärt mir eins,« fing er nach einer Weile wieder an, »warum habe

ich denn immer, wenn ich genau zuhöre, das Gefühl: weshalb ist das nun

so? Könnte es nicht gradsogut alles ganz anders sein?«

Weil er, erklärte Ulrika ihm lachend, jetzt genug geredet hätte und

schlafen sollte.

»Das will ich,« sagte er folgsam entschlossen, »aber noch eins!« Er fing

umständlich wieder an, wir hätten seine erste Frage nicht beantwortet,

wie wir es nämlich machten, die unselige Kunst zu betreiben. Er rieb

sich die Hände. »Ich wills euch sagen. Die Musik ist für gewöhnliche

Menschen Gift, ihr aber habt in euch ein Gegengift, denn -- ihr seid

_Angeli sancti_, nicht wahr?« schloß er mit einem sonderbar ängstlichen

Blick zu Ulrika empor.

Diesen scheuen Blick seh ich noch immer. Denn er war nicht nur dasmal,

und wenn er nicht in seinen Augen war, so doch in einer Bewegung; und

stets ist er gegen Ulrika von einer so ängstlichen Zartheit, die mir,

ich weiß nicht warum, so schuldvoll erscheint, und ich muß die Augen

niederschlagen, wenn er nur sagt: »Möchtest du wohl so gut sein ...«,

als wäre da etwas zum Schämen.

am 25. August

Auf Ulrikas Bitte teilte ich Bogner heute mit, was er von Magda noch

nicht wußte. Er hörte wortlos zu, schloß dann die Augen und hielt sie

lange so, wie um zu versuchen, was Blindheit sei. Als er sie wieder

öffnete, sagte er, sie zukneifend, geblendet: »Unmöglich! Sterben ist

möglich, aber blind werden nicht!« Da erinnerte ich ihn, um ihn sich

selber vergessen zu machen, daran, daß Magda nicht male.

»Richtig,« sagte er, »sie hat ja auch eure Musik. Oh freilich Musik! Die

Sehenden macht sie halb blind, diese blendende Sonne, aber für Blinde

kann sie ja dann wohl eine schöne Quelle der Wärme sein.«

»Ich wills Magda sagen«, meinte ich leise.

»Nein,« sagte er da, »sagen Sie ihr nicht das! Es klingt nicht gut so

von Blinden ... Sagen Sie ihr --« Er besann sich, die Lippen bewegend,

sagte dann: »Der Körper ist blind, aber die Seele ein Argus mit tausend

Augen; soviel Götter, soviel Augen.«

Wir hatten dann eine Weile von andern Dingen gesprochen. Auf einmal

fragte er mich, lächelnd mit einem Mundwinkel, ob mein Vater nicht

Pfarrer gewesen sei, und als ich nickte, ob er gewesen sei, was man so

liberal nennte. -- »Ach, nein!« »Ein ganz frommer Mann?« Ich bejahte.

»Dann«, sagte er, »will ich Ihnen noch was schenken. Jason hörte ich

einmal sagen: Ein liberaler Pastor -- da könnte man auch sagen: eine

liberale Musik, -- und nun fällt mir bei dem Seelenargus ein: das

sogenannte liberale Christentum ist wie der einäugige Polyphem,

geblendet vom listenreichen Ulyß,« schloß er verschmitzt, »der

Vernunft.«

Er ist nun so klügelnd geworden ...

am 26.

Ich kam von Bogner zurück, es war schon spät und dämmrig geworden, da

hörte ich die Orgel. Konnte das wieder Magda sein? Gleich lief ich in

den Garten, wo ich dem Getön anhörte, daß Tür und Fenster der Kapelle

geschlossen sein mußten und daß es äußerst heftig war. Näher kommend

hörte ich Gesang und erkannte die Musik der alten Kirchenarie von

Stradella >_Si miei sospiri_<, zu der Georg Magda einmal einen deutschen

Text geschrieben hat. >Wer weint in Finsternis? Wer schluchzt im

Dunkel?< fing es an. Vor der Tür der Kapelle hörte ich die Orgel allein

die Schlußwendungen mit solcher Kraft brausen, daß die hölzerne Tür

erbebte; ich öffnete und trat ein, es war dunkel drin, die riesigen

Orgelstimmen warfen sich über mich wie Geister, schon wieder mit der

Wucht der Oktavengänge im Baß des Anfangs einherstampfend. Ach, ich

glaube, alle Engel meiner Brust sind aufgestanden vor einer

übermenschlichen, viel zu lauten, einer rauchenden Stimme aus dem

Dunkel, die hinfegte über mich durch den Raum, so tief und gewaltsam, so

brechend aus allen Fugen, nach oben stürzend und sich niederschmetternd,

daß ich mich nicht halten konnte und hingekniet bin und das Gesicht in

die Hände gelegt habe. Und jetzt: schwarzblau durch das Schwarze der

Nacht, unter Gewölben her, kam der Engel gebraust, der furchtbare,

blinde. Die Stirn im Armbug trat er die Lüfte hinter sich mit zuckenden

Füßen; die riesenhaften Schwingen bogen und wanden sich wie schwarze

Flammen, er peitschte mit ihnen, und so jagte er unterm Gewölbe hin und

über mir fort, und die Lüfte schlugen schallend hinter ihm auf wie

Gewässer, heraufklatschend an den Nachtwänden. Es war ein endloser Gang,

nicht breiter, als daß der Engel darin fliegen konnte, und so kam er

zurück; ich, oh ich sah die Sohlen seiner Füße bleich schimmern, wie er

über mir fortstürmte, und plötzlich sah ich ihn an den Stäben eines

Gitterfensters hängen und daran rütteln; sein Leib fiel nach unten, er

hing, so lang er war, aber er schwang die Füße hoch, stemmte sie gegen

die Wand, und während hinter ihm die ohnmächtigen Flügel in rasenden

Wirbeln die Lüfte peitschten, rüttelte er mit seinen langen Armen,

rüttelte und schrie auf, ließ los, ermattete, tastete und stürzte ins

Bodenlose ab. Ehe aber der Donner seiner Schwingen in den Tiefen

verhallt war, kam er wieder herauf gerauscht wie ein Brunnen, und jetzte

rannte er mit wütender Schnelle schräg nach oben und mit ungeheurem

Prall gegen die Wölbung, daß sie barst.

Sechs schöne, farbige Engel, Gitarre, Harfe und Posaune in Händen,

standen in einem tiefen, morgenstillen Zwielicht auf der Kuppe eines

Berges; tiefer braute Gewölk. Es orgelte ruhig in den Tiefen, große

Takte schlugen majestätisch herauf, der Umkreis der Himmel erschien,

duftende Büschel und Hecken feuerfarbener Lilien raschelten, bewegten,

ordneten sich und standen still, mit fahrender Schnelle kam das Licht,

körperlos zog es herauf, goldene Dünste stiegen in triumphierenden

Wolken überall, die Engel hoben ihre Instrumente, die lange Lure wies

steil in das kühle Morgenblau oben. Dort stand einsam ein weißer Stern,

aus dem langsam eine Träne rollte und fiel; der Stern war ein weinendes

Auge, die Träne fiel naß und brennend auf meine Hand, es war dunkel.

Nun hörte ich meine Orgel leiser sausen, es war wieder das Vorspiel,

aber als nun Magdas singende Stimme wieder einsetzte, war es reine

Sanftmut, nur schmelzender Wohlklang, und sie leitete nun ihren Gesang,

wie es schön und recht war, ohne Übermaß, beugte ihn und richtete ihn

auf, ließ ihn schwellen und verhallen, ließ die Stimme schweigen lernen

und sich bändigen durch unerbittliche Pausen des bemessenen Orgeltons.

Und als sie zum vierten Male zum _da capo al fine_ einsetzte, hatte sie

das Maß; die Stimme gehorchte freiwillig, der lärmende Gott der

Blindheit war nirgend.

Und wiederum in diesem fremden Augustmond sah ich meine Erscheinung.

Im grünenden bewegten Garten stand die Sonnenuhr. Es war heller Tag, in

allen Büschen glitzerten Taulichter, aber als ich wieder nach der

Sonnenuhr blickte, war der Zeiger sonderbar lang und war das gewundene

Horn des Tiers. Das weiße Tier stand im Garten, es hob die leichten

seligen Füße und ging vorwärts wie im Tanz, indem es sich unaufhörlich

verneigte, die Stirn mit dem Horne senkte und hob, ein Tanz von der

unbeschreiblichsten Sanftmut, der plötzlich endete, da das Tier den Kopf

stillhielt und zu lauschen schien, und nur die Spitzen des Mähnenhaars

und des Schweifs flatterten ganz wenig an dem Marmor gewordenen Leibe.

Jetzt wendete es den Kopf zu mir her, und ich sah, daß es freundlich

lächelte, während es auf einen großen, blauschwarz gewandeten Engel

zuschritt, der plötzlich unter den hohen Bäumen stand. Er legte eine

Hand auf den Rücken des Tiers und wandte sich zum Gehn, so daß ich die

hohen Büge seiner gewaltigen Schwingen über seinen Schultern sah,

während die gebogenen, sehr schmalen Flügel selber an seinem Leib

vorüber weit nach vorne die Spitzen streckten. Der Engel und das Einhorn

gingen so zusammen fort in den Wald hinein, und sonderbar nahm er im

Gehn seine Fittiche unter die Arme; dann legte er die Hände auf dem

Rücken zusammen; er war klein geworden in der Ferne und sah nun schon

ganz wie Jason aus; er war es auch wirklich, da er sich nun umdrehte und

sein Gesicht zeigte, weiß mit schwarzen Augen, aus denen es lächelte ...

Sie waren verschwunden. Es rauschte durch den Wald, dann erlosch er

eilig. Ich lief, Magdas Namen leise rufend, zum Podium, sie wandte sich

zu mir und sagte, wie sie im Traum gesagt hatte: »Siehst du wohl, daß

ich doch fliegen kann?« »Ich muß es glauben«, antwortete ich leise und

schauderte.

am 27. nachts

Bei Bogner traf ich Ulrika heut nicht mehr an und statt dessen Jason. In

der Volksküche hatte es eine böse Geschichte gegeben mit zwei ineinander

verhakten Aufsichtsdamen, die auf keine Weise auseinander zu bringen

waren. Um so stiller war Bogner. Es geht immer auf und ab mit ihm. Immer

wieder kommt Eiter und mit ihm Fieber. So abgemagert er ist, war er doch

ein schwerer Mann; er hat sich ganz wundgelegen, die Füße sind

geschwollen und sollen ganz violett aussehn. Er fieberte, lag unruhig da

und sprach kaum.

So verließ ich ihn in recht gedrückter Stimmung. Auf der Heimfahrt

erzählte mir Jason, den ich mit zu Magda nahm, daß er vor ein paar Tagen

bei Georg gewesen ist; daß er nun anfängt zu gesunden. Er liegt in dem

kleinen Schloß, in dessen Nähe er auch gefunden wurde. Was mit ihm

vorgegangen ist, weiß niemand, und vielleicht wäre er gar nicht entdeckt

worden, wenn nicht sein Reitpferd sich beim Hause gezeigt hätte. Auch

das ist nicht zu verstehn, denn der Park ist klein und von einer Mauer

abgeschlossen; wie konnte er da reiten wollen?

Dies hörte Jason von Doktor Birnbaum. Als dieser dann von seiner

Bekümmertheit sprach, daß er sich nicht getraue, Georg den Tod seines

Vaters mitzuteilen, so hat Jason sich angeboten.

»Aber da«, sagte Jason, »hatte ich einen Versager. Vielleicht hätte ich

es doch lieber mit Einschläfern versuchen sollen. Er schien ruhig

zuzuhören, aber als ich besser hinsah, war er einfach ohnmächtig

geworden.«

Als wir nun schwiegen, erschreckte mich das Geräusch des Fahrens,

überlaut in meinem Gehör, und da merkte ich, wie alles wieder bröcklig

in mir wurde. Da erschien der Festzug, ich saß auf der Höhe des Wagens,

die Elefanten schritten dort, ich sah das bunte Getümmel unten und oben,

und jetzt, wie es erlosch, jetzt erst sah ich alles, was geschehen war

an diesem Tage, der so triumphierend begann. Alles zählte ich da Jason

auf: Erasmus' Tat, und Josefs Tod, den Jammer seines Vaters und meinen

eignen, den Tod des Herzogs, und Sigurd, Georgs Erkrankung, Magda, und

weiter noch Bogner und Ulrika und gar Irene. »Jason!« mußte ich endlich

entsetzt fragen, »wie war es nur möglich! all dies an einem Tag!«

Jason sagte: »Du lieber Egoismus! Warum lässest du alles Übrige fort? An

jenem heißen Sommertag haben achtzehn Menschen einen Hitzschlag

erlitten, woran sieben starben; drei stürzten mit einem

zusammenbrechenden Balkon beinah hinter dir in den Festzug; zwei fielen

vom Dach, zwei von der Straßenbahn, sechs wurden überfahren, einer brach

den Arm im Gedränge, und übrigens müssen der Wohnungen, die von ihren

Besitzern verlassen waren und in die eingebrochen wurde, mindestens

zwanzig gewesen sein.« Er hätte nicht gezählt, schloß er, aber was mir

einfiele, alldas nicht zu rechnen?

»Nein, Jason,« konnte ich trotz der erschreckenden Aufrechnung

entgegnen, »du wirst mich wohl recht verstehn: die ich aufgezählt habe,

gehörten doch Alle zusammen. Wir waren doch Alle verwandt miteinander!«

»Freilich,« erwiderte er, »kommt ein Sturm, stürzt das Dach ein, so

trifft es Alle, die darunter versammelt sind. Oh gewiß, ich erinnere

mich wohl: die Friedliebende Gesellschaft hieß es, und damals fing alles

an. Denn«, endigte er liebenswürdig, »ich gebe dir gern zu, daß du die

Dinge so ansehn mußt, wie sie sich um dich ordneten.«

»Ordnung, Jason!« rief ich empört.

»Ja, wer kennt denn all die Gesetze? Hat der Mensch einen Gott, muß er

auch Dämonen haben.«

Mir graute es vor Jason in diesem Augenblick, und es dauerte eine Weile,

bis ich fragen konnte, wie er es mache, stets gelassen zu bleiben, denn

ich wisse ja, er meine es gut mit uns Allen.

»Ein bißchen schwarze Kunst vielleicht?« riet er.

»Ach freilich, die Schwärze sieht man an den Augen! Aber worin besteht

sie?«

Das sei schwierig, meinte er, jeder Zauber sei nur in einer Hand

wirksam; worauf er mir ernsthaft riet, wenn ein Leid an mir zerrte, nur

die Augen kräftig zuzumachen und zu denken, daß es mich gar nichts

anginge.

»Du hast uns so oft wohlgetan, Jason,« sagte ich leise, »wie willst du

das denn gemacht haben, wenn wir dich nichts angingen?«

Das, sagte er, sei eine Verwechselung der Ausdrücke. »Ihr Alle geht mich

viel an und auch euer Leid. Wenn aber eines davon an mir zerren wollte,

an mir, nämlich an jemand, den es in Wahrheit nicht betrifft, und ich

lasse das zu, und es wird nun meine Sache, was geschieht? Dann werde ich

verwirrt und unnütz, und das Leid ist weiter nichts als größer geworden.

Muß man ihm nicht Grenzen setzen? Kommt die Springflut über den Deich,

so zieht man einen neuen. Wie soll man denn ein Leiden verringern, als

indem man ihm Einhalt gebietet und versucht, es in ein ordentliches Bett

zu leiten? Oh, man muß es gut schieben und zwängen, bis es an Ort und

Stelle und eingepaßt ist. Dazu ist aber doch Besinnung nötig. Nun, und

wenn schon der sie verliert, der darin steckt, soll ich sie auch noch

verlieren?«

Ich konnte nur den Kopf schütteln und sagen: ich verstehe es nicht.

»Es läßt sich ja nicht verstehn,« erwiderte er freundlich, »ich sagte es

schon. Oder kann dirs klar werden, wenn ich sage: Man muß mit fühlen,

aber nicht mit leiden?«

»Ja, wie denn nur, Jason, wie denn?«

»Nehmen wir«, erklärte er nun, »einen eisernen Topf. Der ist voll

Wasser, steht am Feuer, das Wasser fängt an zu kochen. Das Feuer glüht,

der Eisentopf glüht, aber die leiden nicht. Das Wasser leidet, und die

Luft im Wasser, die vor Angst, hinauszukommen, alles über den Rand

wirft. Sie leidet die Glut, aber der Topf? Er fühlt sie. Fühlt sie ganz

ruhig so lange, bis die Luft in der Freiheit der Lüfte ist, alle

schädlichen Keime tot sind, und das Wasser gekocht. Das Feuer geht aus,

der Topf wird kalt, alles hat seine Richtigkeit. Du aber, sage mir, mein

Kind: war ein Gott im Feuer oder ein Dämon?«

»Beide, Jason, doch beide!« rief ich ganz aufgelöst, »aber warum, und

wie macht es denn dein Topf, dein --«

Ich glaube aber, ich habe das gar nicht gesagt oder jedenfalls nicht

weitergesprochen. Mir fiel nämlich etwas ein, das mit Jason

zusammenhing, doch konnte ich es nicht finden; dann hielt auch der

Wagen, und jetzt erst in der Nacht, wo ich mein Buch hervorholte, um zu

schreiben, wußte ich, daß es darin stand, was ich gesucht hatte, und ich

brauchte nicht lange, um diese Zeilen zu finden, Jasons Worte,

geschrieben am 5. November im vorigen Jahr:

»Gewiß erinnerst du dich der Geschichte von den drei Männern im

Feuerofen, die sangen. Ganz kühl standen sie in aller Glut und sangen

schöne Lobgesänge. Das sollten eigentlich wir Alle können, ja, das ists,

was wir lernen sollten. Die Glut verschonte sie ja nicht, jene Drei, was

wäre das weiter gewesen? Ist Gott ein Taschenspieler, der Kunststücke

macht mit seinen Heiligen? Nein, er ließ sie ganz und gar verzehrt

werden von der Feuersglut, bis sie zu Asche gebrannt waren, aber siehst

du, Kind,« sagte er zu mir, »in ihnen war Gott, mit seiner himmlischen

Essenz waren ihre Leiber durchtränkt, so daß ihre Asche fest wurde, fest

wie gebrannter Ton, und da empfanden ihre Seelen erst, wie kühl und wie

angenehm gekleidet sie mitten in den Flammen standen, und nun begannen

sie unverbrennlich den Lobgesang.«

Unverbrennlich, das war das Wort. Das sollten eigentlich wir Alle

können, -- o Gott!

Jason, ja, und die Andern! Magda ist es geworden, Bogner wird es

vielleicht, aber ich, wie weit bin ich davon! In Flammen stand ich

lichterloh, aber alles, was ich davontrug, sind Wunden. Und war es nicht

so, wie Jason erklärte? Was gingen jene Flammen mich an, mich, die sie

nicht betrafen? Erasmus, den trafen sie und gingen sie an, und seinen

Vater, Sigurd und den Herzog, aber doch nicht mich! Sie konnten brennen

und verbrannt werden, ich aber lief nur zum Feuer hin und versengte mir

die Hände. Nein, mein Gott, oh nein, was konnt ich denn tun? Erasmus,

was konnte ich tun? Ich legte die Hände auf seinen Kopf, oh Heiland, wie

das Feuer drin raste! Ich habe Woldemar einen Verband gemacht, so gut

ich konnte, und ich habe Sigurds Stirn angefaßt und gefühlt, wie sie

glühte, und da war meine Hand noch kühl. Ach, sie ist doch verbrannt,

denn was half ich?

Was ist denn nur mit mir, was ist denn nur? Diese Schwäche, diese innere

Lähme schon durch die Wochen. Es ist, als hätte ich Angst, dies könnte

noch nicht alles sein, wenn aber das Letzte kommt, das Wirkliche, werde

ich schwach sein und nur brennen und nicht überstehn. Sollte das möglich

sein? Ein schlimmeres Unheil und eins, das nur nach mir zielt, nach mir?

Ach, und die Jahre all, wie hungerte michs nach dem Glück!

Ruhig war ich früher immerhin und sagte: ich warte! Da aber, in jener

Nacht, am Wehr erst, dann im Zimmer, auf der Fahrt, in der Universität,

im Schloß dann, die lange Ewigkeit bis zum Schlaf bei Saint-Georges, da

war ich -- besinnungslos, war ich leer, von mir selber verlassen und

betäubt, und da hat mich einer, der mich schon lange belauerte, der hat

mich da überfallen, der schlüpfte in mich hinein und hockt nun in mir,

zusammengekrümmt, und wartet, und dies alles bisher waren nur erst die

großen Verneigungen.

Bist du ein Gott, du fürchterlicher in mir, sage, bist du Gott oder der

Teufel? Du hast mich öfters auch trunken gemacht in diesen Wochen,

hingegeben der Ferne, einem himmlisch Kommenden zugeschmolzen, und dann

dachte ich gewiß: Ein Gott muß es sein! Aber ich weiß es nicht, ich weiß

es ja nicht! Angst ist immer Angst, ob sie nun süß ist oder bitter, wie

soll ich da erkennen?

War ein Gott im Feuer oder ein Dämon? fragte Jason, und ich schrie:

Beides!

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 68 / 240 题