am 21. August
Heut habe ich nun zum ersten Mal Bogner wieder gesehn, ein Anblick zum
Weinen.
Er hat Schlimmes überstanden. Zu den Wunden trat Rippenfellentzündung;
bei der Punktion, um das Wasser zu entfernen, muß schon Eiter dagewesen
sein, es gab eine Infektion an der Stelle, und nun waren weitere
Punktionen unmöglich. Später stellte sich eine schwere innere
Vereiterung heraus, es mußte geschnitten werden, ein Stück Rippe heraus,
und es gab einen Eimer voll Eiter. Nun liegt er mit einer Kanüle an
einen Saugapparat angeschlossen. Ulrika erzählte mir das auf der Fahrt
zur Klinik und bereitete mich auf seinen Anblick vor. Ihre eigenen Züge
waren verfallen, oder war es schon diese unheimliche Erweiterung von
innen durch die Mutterschaft?
In dem schmalen Krankenzimmer war zuerst nichts zu sehn als die hohe
Rückenwand eines Metallbettes, ausgefüllt von hochgestellten Kissen,
dazu ein Gestell mit dem Saugapparat, von dem aus ein langer roter
Gummischlauch in den Kopfkissen verschwand. Weiter vorgehend sah ich
einen alten, furchtbar vergrämten Mann dasitzen, und aus schlottrigen
grauen Stoppelfalten seiner Gesichtshaut, aus den Knochenrändern seiner
großen Augenhöhlen blinzelten ganz dunkle Augen in die Höhe, wo von
einer der Länge nach über dem Bett angebrachten Eisenstange eine Kette
mit einem Ringe hing, den er mit schneeweißer, langfingriger Hand gefaßt
hielt. Ich glaubte, in einem falschen Zimmer zu sein, und wollte mich zu
einer Tür umdrehn, als er mir das Gesicht zudrehte und ich ihn erkannte.
Oh, hinter der Maske von Gram und Krankheit das alte, wohlbekannte
Gesicht nun so erschreckend deutlich wie ein Gesicht in einem Gebüsch
oder hinter einem Zaun!
Die Rosen, die ich ihm hinlegte, sah er gar nicht an, sondern griff
gleich mit beiden Händen nach meiner. Dann saß ich auf einem Stuhl bei
ihm, meine Hand hielt er fest, und von irgendwo kam eine kaum
vernehmbare Stimme: »Renate Montfort ...« Da seine Lippen sich bewegten,
so mußte es seine Stimme gewesen sein, nun mußte er husten, es dauerte
lange, bis er fortfahren konnte: »Ich wollte sagen: Renate Montfort
weint. Traurig für mich,« setzte er hinzu, »aber -- hübsch! hübsch!«
Dabei lächelte er, daß mich die Erinnerung an meinen Vater durchrann;
der hatte auch in den letzten Tagen dies mühselige Lächeln der dem Tode
Nahgekommenen: nur ein Gesichtverziehen, als ob sie erstaunten.