Wehr

Bald waren sie im Finstern außerhalb des Gartens unter den Bäumen. »Gieb

acht!« warnte Josefs Stimme hinter ihr, sie fühlte seine Hand an ihrer

linken. »Kannst du mich denn sehn?« lachte sie leise. »Dein weißes

Kleid«, hörte sie sagen, glitt ihm davon, wäre aber fast an einen

Pfosten der Schaukel gestoßen, sah nach oben blickend das Schwarze des

Gerüstes gegen die mattere Dunkelheit und zwei Sterne, wandte sich und

sagte: »Hier ist die Schaukel.« Er antwortete nicht. Sie fragte:

»Josef?« »Hier!« hörte sie weit rechts hinter sich seine Stimme, drehte

sich, ging weiter, vorsichtig um den Schatten eines breiten Baumstamms,

fühlte die harten Falten der Borke und sah Josefs Schattengestalt unter

sich im Freien gegen den grauen Grund der Wiese. Wie kühl war es hier

schon! -- Sie holte ihn ein, seine feierliche Stimme klang wieder in

ihrem Ohr: O du Delfin des Lichts! -- -- So hatte die Heimkehr zum Vater

ihn doch tiefer ergriffen ... Aber, als sei noch ein andrer Ton in

seiner Stimme gewesen, mußte sie nun, die rechte Hand in seinen Arm

schiebend, sagen: »Du hast so abschiednehmend gesprochen, Josef, als

wolltest du morgen schon wieder davon.«

»Nun, wie lange meinst du denn, daß ich bleibe?« fragte er freundlich.

Sie konnte nicht antworten, da sie sich nun fragen mußte, ob hier

wirklich eine Stätte für ihn sei, und so wanderten sie wortlos weiter

auf dem Sandweg. Der Himmel war besät mit den Sternen, die klein waren

im warmen Dunst der Nacht; dunkel lagen die Wiesen. Josef blieb stehn,

gleich darauf auch sie, sich zu ihm wendend.

»Höre einmal,« sagte er leicht, »was ich noch fragen wollte ... Wußte

--, oder sagen wir: weiß Erasmus eigentlich, daß du mit dem Herzog

verlobt bist?«

Renate versuchte sich zu besinnen. »Ja, warum fragst du? Ich glaube

wohl. Nein -- das heißt, -- ich sagte es ja bei Tisch, als er nicht da

war.«

»So«, bemerkte Josef, vor seine Füße blickend. »Ich dachte, als du im

Zelt --«

»Ach ja, Josef,« rief sie rasch, im Gefühl, von etwas andrem reden zu

müssen, »ich wollte dich ja auch immer etwas fragen. Nun fällt mirs

wieder ein, da du vom Zelt redest!«

»Nun?«

»Warum hast du dich mir eigentlich heut gezeigt?« Sie trat auf ihn zu,

liebevoll. »Hast du doch geahnt, daß ich dich brauchte? Oder was trieb

dich?«

Er antwortete nicht, sondern sah sie nur fest an durch die Dunkelheit.

Alsdann wandte er das Auge fort und trat zur Seite.

»Die Antwort«, sagte er, in das Dunkel der Wiesen blickend, »ist nicht

leicht. Du fragst nämlich nach meinem Geheimnis. Ich werde es dir gleich

erklären. Ja,« hörte sie ihn mit einer schönen Ruhigkeit fortfahren,

»das Geheimnis meines Lebens. Es hat endlich -- vor einigen Tagen --

seine Lösung gefunden; und also wurde es Zeit, zur Versöhnung zu

schreiten.«

»Mit deinem Vater?« fragte sie hastig, und er erwiderte mit gesenkter

Stimme: »Jawohl«, -- aber das klang wie eine Verneinung, und er setzte

eilig hinzu: »Versöhnung, ja, wenn du das Wort in einem sehr weiten

Sinne --« Er brach ab.

Da waren sie am Zaun, gingen durch das schief wie immer zur Erde

hangende Pförtchen, über die Brückenplanke und weiter den weichen

Wiesenpfad, wo Renate seine Hand wieder losließ. Bald war das Rauschen

des Wehrs zur Linken hörbar, über ihnen war der rote Himmel der Stadt.

Renate bat: »Komm ans Wasser!« Sie bogen vom Wege ab und gingen unsicher

und stolpernd über die sommerdürren Buckel der Wiese im tiefen Grund.

Baumsilhouetten wuchsen über ihnen aus dem Dunkel, dann wurde die

schwarze Linie des hohen Ufers sichtbar, da war der Hang, Renate stieg

von Josef gestützt hinan, oben empfing sie das laute Brausen der

stürzenden Wasser. Die Geländer der schmalen Holzbrücke waren zu sehn,

die über den Fluß führte gerade dort, wo die Wasser abstürzten. Renate

ging daraufzu und sah einen Augenblick mit leichtem Schwindel, umrauscht

vom jähen Getöse, unter sich die dämmerweiße, schräge Ebene von Schaum,

die ihren Blick in das tosende Wirrsal gelblich weißen Gischts

hinunterriß und weiter hindurch, wo dies entströmte in die dunkle,

langsam sich glättende Fläche des Stroms, wo gemauerte Wände dunkel

standen, Bäume, und Sterne zu sehen waren. Sie faßte den dünnen

Geländerbalken vor sich mit den Händen und gab sich dem Donner der

Fluten und dem geheimnisvollen Niederschießen des Weißen hin, in aller

Weite doch eingeengt durch die Betäubung des Ohrs; dann sah sie zu ihrer

Linken dicht neben sich Josef auf dem Geländer sitzen, ganz dunkel.

Unsicher hob sie die linke Hand und streckte sie nach ihm aus; er nahm

sie, hielt sie mit seiner linken auf dem Oberschenkel und deckte die

rechte darüber. Sie glaubte, ihn etwas sagen zu hören, verstand nichts

und sah fragend in den dämmrigen Schein seines Gesichts. Nun beugte er

sich näher und sagte, ihre Hand fahren lassend: »Sei so gut und tritt

etwas zurück.«

Sie tats unwillkürlich, doch war gleich hinter ihr das Geländer, an das

sie sich lehnte.

»Kannst du meine Stimme verstehn?« fragte er durch das Rauschen.

Sie bejahte.

»Dann, mein Kind,« fing er nach einer Weile wieder an, »dürfte es an der

Zeit sein, dir mein Geheimnis zu sagen. Wie dir bekannt sein wird, hat

jeder Mensch sein Geheimnis, das nur der Tod oder höchstens die Geliebte

erfährt. So erlaube mir, dich dafür anzusehn. Höre zu. Was in meinem

Brief gestanden hat, dem Abschiedsbrief, das sind lauter Lügen gewesen.

Nicht so gemeine, senkrechte Lügen, wie man sie alltäglich gebraucht,

sondern feine, schräge natürlich, und zwar deshalb, weil da hundert

Gründe für mein Fortgehn angegeben wurden, statt des einen wirklichen.

Nun höre wohl zu ...«

Er schwieg Augenblicke lang, dasitzend schräg auf dem Geländer, eine

Hand auf dem Knie, die er zu betrachten schien, während er mit

gelassener Stimme fortfuhr:

»Der einzig und alleinige Grund, den ich dir nun zu verraten habe, war

der: daß ich auszog, das Fürchten zu lernen. Lächle meinetwegen,

Mädchen,« sagte er, flüchtig aufblickend, »du weißt nicht, was du tust.

Sich nicht fürchten, denkst du, das ist weiter nichts, oder man nennts

auch Tapferkeit, wovon ich freilich nicht rede. Wovon ich rede, das ist:

sich nicht fürchten können und doch immer: sich fürchten wollen,

fürchten müssen, ja einfach eine unwiderstehliche, eine maßlose, eine

wütende Lust nach dem haben, vor dem sich grausen ließe. Verstehst du's

vielleicht? Oder soll ich dirs erklären? Was mag es denn wohl heißen für

einen Knaben, daß er Tiere langsam zu Tode martern muß und dabei warten,

bis aus ihren nicht verstehenden Augen das Grauen überschlägt in die

eignen? Nicht gefürchtet. Siehe auch einen Jugendlichen, der die kleinen

Tiere satt hat, zum Schlachthof gehn und dem Totschläger der Bullen die

Axt fortnehmen und Stiere und Rinder in Reihen erschlagen, um zu sehen,

wie der Tod in ihre Augen und das Feuer darin zu blauer Asche tritt.

Nicht gefürchtet. Ich habe gesehn, kann ich dir sagen -- denn zum andern

bekam ich naturgemäß die Gabe, immer dort zu sein, wo es etwas zu

fürchten gab --, wie Menschen sich von Rädern zermalmen ließen. Nicht

gefürchtet. Ich sah Menschen bei Feuersbrünsten aus Wolkenkratzern

hüpfen wie die Flöhe und auf dem Pflaster unten zerspritzen wie

Gefülltes. Nicht gefürchtet. Ich sah den Lift aus der Höhe herunter

sausen und seinen zerquetschten, noch lebenden Inhalt im Kellerschacht.

Nicht gefürchtet. Ich habe Männer bei langsamem Feuer rösten sehn --

nicht gefürchtet; Kinder bei satanischen Messen lebendig zerlegen --

nicht gefürchtet. Ich habe mir alle Arten der Hinrichtung besehn,

Strick, Stuhl, Axt und Maschine. Ich sah in China Menschen, denen die

Köpfe von zurückschnellenden Bambusbäumen ausgerissen wurden, die durch

Tropfen von Wasser auf die bloßen Schädel zum Rasen gebracht wurden, --

nicht gefürchtet, -- Frauen, die bis an den Schoß in die Erde gegraben

wurden, und denen ein schnellwachsendes Gewächs ... nicht gefürchtet.

Ich habe alle diese Menschen zur Richtstätte führen, in Todesangst

schlottern und wahnsinnig werden sehn -- nicht gefürchtet. Ich --«

Plötzlich fühlte Renate, die ganz erloschenen Leibes mit zugefallenen

Lidern gehört und gehört hatte, ihre Handgelenke von Händen ergriffen,

sich vorwärts gezogen und ihre eine Hand mitten auf seine Brust gelegt.

Sie konnte die Augen nicht aufbringen, als sie ihn jetzt sagen hörte:

»Da! Fühlst du mein Herz? Hier mitten in der Brust, nicht wie beim

gemeinen Volk links oder gar rechts, da -- kannst du den Schlag fühlen?«

Er zählte, und wie er langsam, langsam die Zahlen sagte, und sie

mitzählte: »Eins -- -- -- zwei -- -- -- drei -- -- -- vier -- --«,

hörte, fühlte sie die entsetzliche Langsamkeit des Schlagens darunter,

kein Herz, ein eisernes Gangwerk, und Josef sagte:

»Spürst du's nun? Kennst du den Schlag? Er ist gar nicht so langsam, wie

dirs vielleicht vorkommen mag, er ist der Schlag der Sekunde. Aber! Dies

Herz, dieser Schlag ist nur in einem einzigen Augenblick meines Lebens

schneller gegangen. Begreifst du, was das heißt? Ah, Kind, das heißt,

sagen sie, daß meine Mutter mit diesem Uhrenschritt um die Sonnenuhr

gegangen ist, als sie mich trug, um mich hart zu machen für das Leben.

Ich kann mich nicht fürchten, Renate, nein, du brauchst mich nicht

anzusehn, ich kann mich nicht fürchten, ich habe nur einmal -- ja, hin

und wieder einmal habe ich etwas gespürt, das von weitem -- sehr von

weitem, denn es war nur eine Möglichkeit, ein Reiz -- aussah wie Furcht,

ein süßer Hauch der letzten Zerstörung, des Grauens, und das war die

Möglichkeit: dir Gewalt anzutun. Nun genug. Du weißt alles bis auf das

Letzte. Nämlich: heut vor drei Tagen --, ja, heut vor drei Tagen habe

ich das Fürchten -- gelernt. Und das war freilich so, daß es mich jetzt

wundert, daß ich es überlebte. Ich will dirs sagen. Ich habe --«

Plötzlich war sein zerspaltenes Gesicht so nah vor dem ihren, daß sein

Mund fast den ihren berührte, daß sie nichts sah als die Gräßlichkeit

des blinden zerflossenen Auges, während seine Stimme von unten her

flüsterte oder zischte: »Ich habe -- mich selbst erschossen.«

Renate schloß die Augen, öffnete sie wieder. Josef saß wie vorher. Ihre

Haut war kraus und eiskalt geworden am ganzen Leibe, sie glaubte kein

Herz mehr zu haben, als sie von ihm fort sich am Geländer dahinschob.

»Ja, geh nur,« hörte sie ihn noch sagen, »für dich ist es Zeit. Geh nur

zu, Kind!« Er hob winkend die Hand. Sie entlief.

Gleich darauf strauchelte sie über eine Unebenheit und gewahrte in der

Wiesentiefe zur Linken eine Gestalt. Sie blieb stehn, die Gestalt kam

näher; erst dunkel, ward sie grau; ihre Augen umklammerten sie

angstvoll, sie wußte schon, wer es war, sie wollte nicht --, da kam er

den Hang herauf, Erasmus, noch immer im Harnisch, barhaupt, und sie

gefror. Aber ein jähes und wütendes Grauen trieb sie zwischen ihn und

Josef, sie lief zurück.

Josef stand aufrecht oben und rief jetzt mit heller Stimme:

»Hier bin ich, Erasmus, hier! Ich fürchte dich nicht!«

Da stand Erasmus oben wie ein Gespenst, schrecklich groß, sie konnte

seine Augen sehn, die aus den Höhlen quellen wollten, er hielt beide

Hände geballt vor der Brust, die wogte, -- nie, schrie es in Renate, ist

er in der Fabrik gewesen, er trägt ja immer die Rüstung noch! -- Und sie

riß aus dem zugewürgten Hals klingend ihre Stimme heraus und sagte:

»Erasmus? Ja, willst du denn --« wirklich jetzt immer geharnischt gehn?

wollte sie fragen, aber er schlug ihr die dünne Klinge, die sie

vorstreckte, mit einer Keule nieder und mitten durch, indem er sagte:

»Du!« sonst nichts, doch eben dies hob sie wieder ganzen Leibes so

leicht, als ob sie flöge, und sie lächelte angstlos und sagte: »Was hier

geschehen soll, das wird nie geschehn.«

Im Augenblick darauf taumelte sie zur Seite, von einem Stoß oder -- sie

wußte es nicht, sie sah nur, in die Knie brechend und nun von Sinnen vor

Angst, Erasmus dastehn, als stürze er vornüber und hörte ihn, keuchend,

schäumend, gurgelnd:

»Endlich -- ists -- soweit. -- Du! Mörder! Dieb! Mutter--mörder. -- --

Gestohlen -- -- Mutter hast -- -- mir gestohlen ... Vater -- Liebe -- --

gestohlen. Liebe -- immer, immer -- gestohlen, immer -- stohl ... nun --

nun -- stehlen -- diese -- die -- willst -- diese -- du -- du --

verlorner Sohn! Abrechnen -- rech -- ich -- Jahre geduld -- -- geduldet.

-- -- Alles -- alles -- alles -- getan -- -- rechnet, ge -- -- schunden,

Blut unter -- Blut -- -- und -- nun, nun, nun -- auch diese -- Re -- --

Renate. Weg! du! weg du! weg, weg! Oh -- uh -- weg!«

Renate legte die Hände auf die Augen und drehte sich um. Sie machte

einen Schritt, strauchelte und glitt den Abhang hinunter, brach unten

auf die Knie, richtete sich schwer und mühsam auf und sah nun ruhig

staunenden Blutes hoch über sich alles rot und in dem Rot eine ungeheure

Gestalt, die eine andre wagerecht über sich hochgehoben hatte.

Da floh sie besinnungslos in das Dunkel, lief, im Fallen unzählige Male

sich aufraffend, lief, ihr Kleid riß, sie packte es mit den Händen und

hob es vorn und lief, hakte mit dem Fuß an Latten, riß ihn los, ihr Atem

versagte, sie lief, blindlings einem bleichen Streifen am Boden folgend,

keuchte und lief eine Schräge hinauf, wich einem Baum aus, der ihr

jählings schwarz entgegentrat, und indem schmolz aus ihren Knien alle

Kraft. Sie glitt vornüber und nieder, raffte sich wieder hoch, fiel

gegen den Baum und schrie, ihn mit den Armen umklammernd: »Das war die

erste!« Sie hing und sah sich selber im Dunkel, in ihrem weißen Kleid,

in einem jahrfernen Traum, in die Knie gleiten und wieder aufrichten,

und stammelte: Die Verneigungen, die Verneigungen, die Verneigungen ...

nun kommen die Verneigungen, oh Gott! -- und sie lief weiter, sie war im

Garten, in der Veranda, im Flur, -- da mußte sie halten.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 43 / 240 题