Zimmer

Renate lag nackend auf dem Rücken schräg über ihr Bett hin, schlaff

neben sich Arme und Hände, die Füße hingen nach unten. Wie sie

hingesunken war im Dunkeln, so lag sie, glaubte, schon Stunden zu

liegen, schwer atmend, das Hirn im Feuer aller durchhinzuckenden Bilder

des Tages. Losgefesselt von ihr jagte es haltlos durch ihre

geschlossenen Augen, flatterte in Fetzen, wirbelte eins ins andre, und

ineinander und auseinander zog und ergoß sich schon, was sie als Bild

vor Augen sah und was sie im Halbschlaf träumend selber mit lebte. Sie

glaubte, ein Bild aus einem Kinderbuche zu betrachten, eine

Wiederfindung, harte Holzschnittfarben, aber es waren Klemens in seinem

bäuerlichen Kleid und Irene, die über dem Zaun zusammenhingen, zum Bilde

erstarrt. Sie ritt auf dem silbernen Pferd, fühlte sich gewiegt von den

weichen Gängen, Ulrika stand am Weg, hielt das Pferd fest, weinte und

sagte: So laß dir doch endlich erzählen, was geschehn ist! -- Eine rote,

brennend rote Uniform ohne Kopf wirbelte in ein Zimmer herein und fuhr

wieder hinaus, -- der Satan! sprach Jason mit warnend erhobenem

Zeigefinger. Unter sich sah sie Rücken und Hinterbeine der Elefanten

sich vorwärts bewegen, sie wurden kleiner und kleiner, es waren Hunde,

weiße, kleine, sie erschrak und dachte: Sollen die den riesigen Wagen

ziehn? aber das geht doch nicht, man muß es den Leuten sagen, daß es

nicht geht! -- Plötzlich hörte sie sich seufzen und schlug die Augen

auf.

Neben ihr, beinah über ihr, sah sie die seitwärts gerafften Vorhänge des

Fensters und den matten Glanz einer offenen Scheibe, aber es kam keine

Kühle herein. Dann blendete sie von drüben der schmale senkrechte

Lichtspalt der angelehnten Tür; sie konnte sich nicht entschließen,

hinzugehn und das Licht zu löschen. Gott sei Dank, dachte sie ergeben,

wenigstens ist es Nacht! Weit zurück in der Zeit glaubte sie die

Heimkehrgeräusche der Andern zu hören, Schritte treppauf, Türen, -- sie

legte den aufgerichteten Kopf wieder hin und war wieder hineingerissen

in den feurigen Strudel, Bilder aus der biblischen Geschichte, sie

selber war darunter, der verlorene Sohn kniete vor seinem Vater, --

abseits, verfinstert, stand Erasmus, sie seufzte und fand sich gleich

darauf liegend auf dem kleinen Rasenplatz im Gartendickicht, Ulrika

beugte sich weinend über sie und bat: Wach doch auf, um Gottes willen

wach doch auf, sonst ist es zu spät! aber sie konnte die Lähmung nicht

abschütteln, rang mit dem Nacken, spürte endlich ihr wirkliches Genick,

das sich löste, und brachte den Kopf in die Höhe.

Da! -- sie fuhr entsetzt zusammen, -- es schlürften Schritte nebenan!

Eine Stimme fragte: »Schläfst du schon, Renate?« Es war Josef.

»Nein, Josef, was ist denn?« fragte sie zitternd.

»Verzeih nur,« sagte er, »ich sah im Garten unten dein Licht und kam

herauf. Ich glaubte, du habest >Herein< gesagt, und eben hörte ich dich

rufen ...«

»Habe ich gerufen? Ja, wie spät ist es denn?«

»Es wird bald elf Uhr sein, ich dachte, du gingest vielleicht noch etwas

ins Freie mit mir ...«

Erst elf Uhr? fragte sie sich bitter enttäuscht, legte die heiße Stirn

gegen den Handballen und bemühte sich, zu denken. Ja, am Wasser war es

vielleicht kühl, zu schlafen war unmöglich. »Ich komme gleich, Josef!«

rief sie leise. Sie wartete dann, hörte ihn durchs Zimmer zurückgehn,

einen Stuhl rücken, erhob sich lautlos, schlich zur Tür und machte sie

leise zu. Dann stand sie tief aufatmend, suchte ihre Kleider, die weiß

am Boden vor dem Bett lagen, ihr Kopf schmerzte heftig, sie kleidete

sich hastig an, machte Licht überm Spiegel, aber nachdem sie, mit

geblendeten Augen kaum ihr Spiegelbild wahrnehmend, eine Flechte

aufgelöst und neugeflochten hatte, brachte sie mehr nicht fertig, ließ

die Zöpfe hängen, ging zur Tür und trat leise ins Nebenzimmer.

Josef saß vor dem Schreibtisch, ihr den Rücken wendend, die Hände um das

übergelegte rechte Knie geschlossen, und sah zu der kleinen, schneeweiß

leuchtenden Gipsbüste des Ech-en-Aton empor. Wieder wie immer, da sie

den kleinen Königskopf im zarten Licht der gelben Schirmlampe unten

schimmern sah, erfüllte seine gesteigerte Süße und Schönheit sie mit

leisem Schreck. Die Zartheit des schrägen Profils, der unbeschreibliche

Ausdruck der flachen, ganz wenig nach außen abhängenden Augen, das

wunderbare Kinn, die himmlische Blüte der küssend immer gewölbten Lippen

und -- vielleicht das Wunderbarste -- am Halse die senkrechten beiden

Muskelfalten, leise schattend und unsäglich lebendig -- all dies auf dem

Grunde grüner, schimmernder Blätter und Ranken, im Zwielicht so weiß,

zart und locker wie von frischem Schnee -- hielt lange ihre Augen fest,

während sie hinter Josef trat, die Hände auf seine Schultern legte und

leise sagte:

»Ich danke dir -- heute erst -- für ihn. Er war mir fremd im Anfang.

Aber nun ist er mir von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr

unbeschreiblicher und lieber geworden.«

»Er wächst«, hörte sie Josef sagen, »wie eine Blume, die Jahr um Jahr

köstlicher blüht. Er blüht und wächst für sich selbst, aber wer ihn

ansieht, über den wächst er selig hinaus und nimmt nur die schauenden

Augen mit sich hinauf. Als ich hier saß, war er mir fast schon ein Stern

geworden, bis du kamst und er wieder nahe, klein und lieblich wurde, --

denn wir sind unten.«

Er sprach sehr leise. Sie schwieg und hörte bald darauf seine Stimme

wieder:

»Wasser sind wir; ja, wir sind das Wasser. Wir sind das Fließende, immer

sich Gleichende, nur Wellen, nur Wellen, eine der andern ganz gleich,

eine verfließend zur andern, immer das nämliche Weinen und Traurigsein,

nämliche Lachen und Stehn und Nichtwissen, Schluchzen auf Steinen und

Schluchzen in Kissen, und Vergehn.

»Du aber bist aus dem dämmernden Strom von uns Andern getaucht ...

»Du trägst den reinen Spiegel an der Stirn, -- o du Delfin des Lichts!

»Du bist der Fisch, der selige Tummler im Klaren, du weidest einsam

durch die Wogenscharen, schon lange halb durchgotteten Gesichts!

»Du bist des Wachstums zarteste Lieblichkeit, wie eine Blume in

Bescheidenheit -- erglüht dein weißes Antlitz ...

»Die Sonne spreitet hundert goldne Hindernisse, Delfin, Delfin, du

überschaukelst sie getrost dahin ...

»Du wiegst dich schnelle durch das Ungewisse, denn deine Reinheit war

von Anbeginn. -- Du kamst voll großer Freude aufgetaucht, Lüfte küssend,

trunkener Delfin, Göttern ähnlich, so erlaucht, weil die Strahlende

erschien.

»Nun stehst du in Sternen vielleicht als uns funkelndes Bild, -- näher

der Ewigen als wir, bald in die Flamme getaucht, die uns den düsteren

Scheitel umraucht. Wir sind das Wasser, sind hier ...«

Er hatte bei den letzten Worten die Fingerspitzen leicht auf ihre Hände

gelegt, die noch auf seinen Schultern waren. Sie schwieg noch eine

Weile, seinen Worten nachlauschend, durchschaudert und gekühlt von

Schauen und Lauschen, aber indem sie zu sagen im Begriff war, wie

glücklich sie sei, daß er wieder hier war, bewegte er sich unter ihr,

streifte ihre Hände sanft fort und stand auf. Undeutlich erblickte sie

nahe über sich sein Gesicht im Schatten, die entstellte Hälfte

erschreckte sie nicht. »Laß uns nun gehn«, sagte er; sie nickte dankbar

lächelnd und ging vor ihm hinaus.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 42 / 240 题