Sie traten aus dem Heckengang auf den äußeren Fuhrweg hinaus. Drüben
standen die schwarzen Wipfelgruppen der englischen Anlagen unter matten
Sternen, Georg roch das brackige Wasser der unsichtbaren Gracht,
jenseits des Weges in der Tiefe. Sie gingen zur Rechten am Fuß der hohen
Heckenwand hinunter, die in der Ferne hier und da von den unteren
Lichtquellen rötlich gefleckt war, auf den kleinen Rundtempel an der
Ecke des Gartens zu; eine seiner Säulen stand ganz schwarz vor ihnen,
dahinter mußte der Leuchtkörper sein, von dem die Wölbung innen und die
Säulen links und rechts weißrötlich glühten. Auf dem breiten Wege ging
nur hier und da ein stilles Paar. --
Hand in Hand wanderten sie auf die freundliche Erscheinung des Lichts
und des kleinen Tempels zu. »Dort steht eine Bank am Wasser,« sagte
Georg, »wir können dort sitzen, und ich sage dir einiges. Bald muß auch
das Feuerwerk kommen. Es soll rund um das ganze Gartenviereck brennen,
dann können wir's schön sehn, auch im Wasser.«
So gingen wir vor drei Jahren, dachte er währenddem leise bekümmert,
hätte gern etwas Liebreiches, Dankbares, Verzeihungbittendes gesagt,
fand aber kein Wort, und sie gingen schweigsam dahin. -- Was dachte sie
nur? --
Vor den drei Stufen ins Innre des Tempels blieb Georg stehn und nahm die
Maske ab. Magda tat dasselbe, er sah dämmrig den Schein ihres Gesichts
und der Augen im Dunkel, dahinter die graue Säule und sagte, vor sich
niederblickend:
»Vielleicht -- --, vielleicht ist diese Stunde die beste am Tag. Es ist
wieder stiller in mir, ich -- ich bin so froh, mit dir zusammen zu
sein.« Er suchte, beschämt, sich zerknirschend und traurig nach Worten.
»Und --« fuhr er stockend fort, »und --« Er wußte nicht weiter, sah
verschwimmenden Auges den breiten Weg hinunter, in dessen Mitte einsam
eine dunkle Gestalt stand, an der seine Augen nun festhingen, so daß er
alle Gedanken verlor.
Als er sich umwandte, war Magda nicht mehr neben ihm, er ging über die
Stufen in den Raum und sah sie neben einem unterwärts dunklen, innen
stark leuchtenden, großen Becken stehn, das Antlitz, stark beleuchtet,
leise auf das Licht gesenkt, anmutiger als es ihm je geschienen in den
letzten Jahren, -- wie lang doch ihre Wimpern waren, nun sie gesenkt
ruhten! die Augen glitzerten feucht dahinter, die Stirn war freilich --
irgendwie arm, so hoch, nicht streng, -- vielleicht karg, -- ach arm nur
für meine Augen, dachte er trübe, weil sie keinen Reiz für meine Sinne
hat. Näher tretend gewahrte er, daß vom Rande des metallenen Beckens
unaufhörlich dünne Wasserfäden zu seinem Grunde niederrannen und
glitzerten; in der Tiefe war eine Glasplatte, durch die das starke Licht
fast blendend emporquoll.
Die Armut steht am Lebensquell ... dachte Georg, es schien ihm der
Anfang eines Gedichts, und -- wie töricht! schalt er sich, denn wer ist
hier arm und wer nicht?
Magda sagte aufblickend: »Ich fürchtete schon wieder tote Fische, aber
hier sind sie geschickter gewesen.«
»Ja, aber der Brunnen war hier immer,« meinte Georg, »nur das Licht ist
neu.«
Angenehm gekühlt und gedankenverloren schaute er in das glitzernde,
unablässig rinnende Rund, legte eine Hand hinein und schauderte
wollüstig von der kalten Flut. Magda hatte die beiden Hände auf den Rand
gestützt und stand leicht übergebeugt, er legte, ihr gegenüberstehend,
sich neigend wie sie, die Hände auf die ihren, ihre Gesichter waren
dicht voreinander, Magdas Augen hafteten -- ihre fast brauenlosen
Augenbögen zogen sich dabei zusammen -- in den seinen mit leise
schmerzlichem, bekümmertem, sorgendem Ausdruck, dann bewegte sie langsam
das Antlitz vor, und ihre Lippen berührten die seinen, leicht wie eine
Blume, die weht.
»Gott segne dich, Georg«, sagte sie leise. -- Er senkte den Kopf, ihm
quoll das Herz.
Ein Geräusch hörend sah er auf. Magda lehnte drüben an der Säule, in
ihren Augen war ängstliche Verwunderung, und Georg sah dort, wohin sie
blickte, nicht weit rechts neben sich Cora, geduckt wie ein Indianer,
den Griff des Dolches gegen die Brust gestemmt, so daß die Spitze nach
vorn stand, und Georg sagte, als er das sah, hohnerfüllt: »Man stößt von
unten, Cora, von oben macht man's bloß im Theater.«
Cora zeigte beide Zahnreihen; die Maske, dumm und grotesk aussehend,
hielt sie in der linken Hand.
»Ja, was willst du denn nun eigentlich?« fragte Georg ungeduldig und
bewegte sich zu Magda hinüber. Indem flog Cora empor und auf Magda zu,
den Dolch in der Hand, blindlings von oben stechend; Georg, wütend in
Bewegung, stürzte mit halbem Leibe über das Becken, raffte sich mit
schmerzender Hüfte auf, sah Magda mit vorgestreckten Armen nach Coras
Handgelenken fassen, plötzlich schrie sie auf, taumelte zurück und mit
der Stirn so heftig gegen Georgs Schulter, daß es in ihm dröhnte. Sie
hing an ihm, preßte den Kopf an seine Brust, die Hand vor den Augen. War
sie verletzt? Und wo? -- Er verspürte eine schäumende Wut, auf Cora zu
stürzen, die er die Stufen hinunter ins Dunkel rennen sah, da verließ
ihn alle Kraft, er mußte Magdas Gestalt zu Boden lassen, sie drehte das
Gesicht weg, ihre Hand war so dunkel und fleckig im Schatten am Boden,
er stand über ihr, da wurde der dunkle Boden, auf dem sie lag, zu
dunkler Wiese, ihr Kleid färbte sich langsam rot, Georg roch mit
fürchterlichem Grauen Kühe und Gras aus einer Entfernung von drei
Jahren, er wich zurück, schlotterte, er stieß mit dem Hinterkopf an
Stein, drehte sich um, stürzte Stufen hinunter, trat, niederbrechend, in
weiches Gras, raffte sich hoch und stand.
Ganz langsam drehte es ihn herum. Dort am Boden lag unverändert die
Gestalt. Es wandte ihn wieder fort, durch Sekunden spürte er merklich,
wie sein Inneres sich leerte. Er dachte noch: So ... also hier ist nun
das Ende. -- Leere und eine unendliche Schwäche machten ihn so leicht,
daß er umzuwehen meinte, sein Kopf sank vornüber, zu seinen Füßen war
Mauer, etwas tiefer ein dunkelwässriges Glitzern, in das es ihn
wonnevoll hinabzog. Ah stürzen! dachte er, stürzen! -- Dann fühlte er
die Erlösung des Fallens.
Aber dann klatschte sein Gesicht, seine Brust auf harte Wasserfläche, er
versank, schlug mit den Armen um sich, entsetzliche weiche Bänder
umschlangen ihm Hals und Gesicht, er war am Ersticken, gurgelte,
schluckte, Wasser drang in gräßlichem Strom in seinen Mund, er bohrte in
Todesangst den Kopf nach oben, da war Luft, er gurgelte, atmete, spie
und rülpste Wasser aus, versank wieder, stieß mit den Füßen, riß sie aus
Umstrickendem los, warf die Arme auseinander und merkte plötzlich, daß
er schwamm.
Nasses Haar hing ihm in die Augen und verwirrte sie; indem er es
wegstreifte, machte ein riesiger Kanonenschlag sein Herz zusammenzucken,
dann -- zischend und johlend schoß eine blendend weiße Kurve in die
Nacht hinauf, heulte ganz rasend, eine Bestie, die sich vor Wut
schüttelte, zerfiel aber plötzlich in eitel staunenswerte Sanftmut
vieler blauer Kugeln und silberner, blendend hell strahlender Sterne,
ein wundersamer Regen --, jedoch da stürzte sich wieder ein
fürchterliches Winseln und Jaulen, ein lang hintanzendes satanisches
Hu--ih--ih--ih! in die Lüfte empor, es prasselte plötzlich überall, rote
Streifen kreuzten sich emporschießend, es knatterte, rauschte, fegte,
drei -- unzählbare Feuerbögen jagten gegeneinander, rote Kugeln,
goldflimmernde Sterne regneten von oben, es war blendend hell, da setzte
eine riesige, von Golde brennende Sonne vor seinen Augen sich in
Bewegung, Goldgarben aus ihren Rändern schleudernd, eine Feuergarbe nach
oben, nach unten, nach rechts, nach links ausstoßend, Georg schwamm,
richtete sich auf im Schwimmen, grunzte und schrie: »Mit Feuerwerk --
woll'n wir zugrunde gehn!« und schwamm, während das ganze Ufer hinunter
die Raketen sich höllisch bekämpften, Sonnen über Sonnen sprühend,
sausend und brausend entfesselt wurden, über finstere Baumkugeln
gewaltige rote Wolken von unten nach oben wogten, in denen die
Laubkugeln rötlich leuchteten; dazwischen huschten schwarze Gestalten,
die Nacht war tageshell, das grüne Wasser lag deutlich vor Georg mit
großen Flecken wie Morast in dem starken Licht, aber als das grenzenlose
Toben, Zerstieben von Silberbüscheln, Heulen der Flammenbögen und das
besessene sich Herumwirbeln der Garbensonnen nicht enden wollte,
ermattete er jählings, gewann mit zerfallenden Armen ein Ufer, kroch die
Böschung triefend, schaudernd und frierend hinauf, lag eine Weile
keuchend, zuckte, schluchzte und wünschte, tot zu sein. Er schleppte
sich höher empor, stand; eine Feuersonne vor ihm -- ihr weißer Mast, an
dem sie schwebte, war hell zu sehn -- drehte sich langsamer, spie
schnaufend ihre letzten zwei Garben nach unten, stand still und regnete
aus. Georg ging besinnungslos auf die dunkle Stelle zu, jemand rannte
gegen seine Schulter und fluchte, eine dunkle Gestalt huschte vor ihm
ins Dunkel mit einem Stabe, dessen Spitze brannte, gleich darauf riß ein
zischendes silberweißes Band sich aus dem Grase und wand sich mit
ungeheurer Schnelle in den Himmel hinein. Georg taumelte weiter, kam an
eine Hecke, wankte an ihr hinunter, brach durch eine Lücke, hörte das
Feuergetöse gedämpfter hinter sich und ging, bei jedem Schritt vornüber
fallend, hustend und von Frost geschüttelt weiter und weiter, stand
endlich still und sah in der Dunkelheit rechts vor sich schweigend und
gewaltig einen schwarzen Fabrikschlot himmelhoch vor sich stehn und auf
ihn hinunterblicken. Irgendeine Bekanntschaft dieses Ungetüms veranlaßte
Georg, die dämmrig sichtbare Straße zur Linken hinunterzugehn, er ging
und ging, fiel vor Müdigkeit gegen Bäume oder Pfosten im Weg, machte nur
von Zeit zu Zeit die Augen auf, um zu sehn, wo er war, und flüsterte
sich unaufhörlich zu: Fort, nur fort, ach nur fort! nur fort! --
Sinnlose Angst trieb ihn weiter und weiter, auf einmal sah er, die
Augenlider schwer aufreißend, seltsam die Hinterfront des Schlößchens,
die er erkannte, ganz nah zu seiner Linken, er ging draufzu, der Boden
wich, er stolperte bergauf und bergunter, fiel, stand wieder auf und
fiel wieder und stand wieder auf, und war plötzlich vor einer Mauer. Er
ging daran hinunter, sie wurde von einem Gitter fortgesetzt, er begriff,
daß er hinüber mußte, und plötzlich lag er drüben an der Erde mit
schmerzenden Gliedern. Nun an Gebüschen hinunter streifend, fand er die
kleine Brücke, ging hinüber und befand sich gleich darauf in einem
Zimmer, das er gut kannte. Die Angst hetzte ihn weiter, ich will nur
noch -- dachte er, -- er wußte nicht was, schlich mühselig ins nächste
Zimmer, hindurch und durch noch eines und fiel gegen etwas weiches
Dehnbares. Das Bett ... flüsterte er, er sank zu Boden, rollte um, sein
Kopf füllte sich mit Feuer, er lag und zuckte.
Jählings fuhr er auf, da er Stimmgewirr und Schritte vernahm. Er kniete
und richtete sich auf, erkannte im Halbdunkel den Raum, die Fenster,
ging auf eines zu, streifte den Vorhang seitwärts, hakte den Riegel auf
und stieg über die Brüstung ins Freie. Draußen stand er zitternd und
todmüde, schlich ins Gebüsch, entsetzte sich vor einer Helle, die von
der linken Seite über ihn fiel, sah all seine Fenster hell werden,
sprang ins Dickicht und schlug sich durchs Gezweige weiter, bis er ins
Freie und Dunkle kam. Der Stall ... flüsterte er, schlich über den Hof,
hakte die Tür auf und atmete unsäglich dankbar den Geruch des Pferdes.
Dann wurde es Nacht um ihn.