Masken

Georg nahm die schwarzseidene kleine Halbmaske vor, stieg aus dem Wagen

und stand am Fuß der Freitreppe vor der Universität, über sich die

beiden fleischroten, milchigen Sphären der Bogenlampen, von innen

eigentümlich Licht ausquellend, umtaumelt von dicken Schwärmen weißer

Nachtfalter. Georg drehte sich um und sah im weiten, hellen Schein

dieses Lichts den dichtgemauerten Halbkreis der fast stillen Menge,

hundert und tausend beleuchtete Gesichter rings um das springende

Bronzepferd, dessen Rücken im Lichtschein glühte, quer über die

Fahrstraße und unter dem lichtberonnenen, dunklen Wipfelwall der Allee.

Jason, Josef, Saint-Georges -- zählte Georg vertieft und ging die Stufen

hinauf; es war verflucht, er kam nicht darüber hinaus, und es ließ ihn

auch nicht los. Josef, Saint-Georges, Jason, was haben sie gewollt?

Saint-Georges, Jason, Josef, -- Josef war vorher da und hielt eine

wunderbare Rede. Jason, Saint-Georges, Josef, -- ich kann es drehen wie

ich will, ich weiß, daß sie etwas wollten, wenn sie den Namen meiner

Mutter sagten, und -- Josef, Saint-Georges, Jason, es ist zum

Verrücktwerden -- ich weiß, daß ihre Rede eine schauerliche Wirkung auf

mich hatte, -- da steht ja Renate am Türpfeiler? Nun bloß nicht

fürchten! Nein, es ist ja nur ihr Kleid, wer ist denn das? -- Die

weißmaskierte Gestalt in Renates lavendelblauem Kleid bewegte sich gegen

ihn vor, -- Saint-Georges, Josef -- dachte er und hörte sie sagen:

»Georg?«

»Ach, Anna, da bist du ja, oh verzeih tausendmal, daß ich so spät komme!

Hast du lange gewartet?«

»Wie still sind die Menschen unten,« sagte sie, »es war ganz schön hier

oben.«

Georg drehte sich um und sah das schweigsame Gedränge unten in dem

fremden Licht.

»Angenehm, daß sie mich nicht erkannt haben,« sagte er leise, »ich nahm

einen Wagen ohne Abzeichen. Es ist gräßlich warm, findest du nicht?« Er

trocknete sich die nasse Stirn mit dem Taschentuch. Josef, Jason,

Saint-... »Komm, Magda, wir sehen alles an,« sagte er heiser, »oder

möchtest du tanzen? Im kleinen Schloßhof in Herrenhausen wird getanzt.«

Er drängte sie am Arm neben sich her, durch die Halle, die breite Treppe

hinauf, bunte Trachten, Masken liefen vorüber, andre stiegen mit ihnen,

stießen zusammen, drängten sich, -- sie stiegen langsam Stufe um Stufe.

»Ich glaube, Magda,« seufzte Georg, »uns ist Beiden nicht nach Masken

und Tanzen zumute, aber du weißt ja,« schloß er bitter, »ich trage eine

Maske mein ganzes Leben.«

»Oh, Georg,« sagte sie schmerzlich, stehen bleibend, »glaubst du denn

unrecht zu tun?«

»Ach, unrecht,« meinte er wegwerfend, »das sind alles so Ausdrücke.« Die

Hand am Treppengeländer, beugte er den Nacken und starrte auf die Stufen

hinunter. »Wenn du in einem Buch liest: Ehebruch, dann weißt du gleich,

um was es sich handelt, und hast Urteil und alles bei der Hand. In

Wirklichkeit hat man vielleicht einen Mann, den man haßt, und ein

verkehrtes Leben und liebt einen Andern, und all das verschmilzt sich zu

einem schrecklich leidigen und treibenden Gefühl, aber mit Ehebruch hat

es gar nichts zu tun.«

»Nun, Georg, wenn das wahr ist, so ist es mit deiner Maske wohl

dasselbe.«

»Komm weiter«, bat er leise, in dem Gefühl, daß sie recht habe, ohne es

sich selber zugeben zu wollen.

»Ich muß dir verschiedenes erzählen«, sagte er, als sie oben in der

Halle waren und gegen die Tore vorgingen, durch die es von Masken

wimmelte, die er kaum ansehn mochte, ein so widriges Empfinden erregten

sie ihm. Von unten ertönte gedämpfte Musik, sie standen über einem

Gewimmel von unzählbaren winzigen Lichtern, roten, weißen, grünen und

blauen, darin lag der weite Rasen unten, umringt von alten Bäumen; von

oben und bei der Dunkelheit sah es wie ein Wald aus, Georg fand es ganz

schön. »Renates Vetter Josef«, hörte er Magda sagen, »ist wieder im

Hause, jetzt ist er hier mit seinem Vater.«

»Hier?«

»Ja, ich weiß freilich nicht, wo sie sind, sie wollten in den

Französischen Garten.«

»Dann laß uns versuchen, ob wir sie finden,« bat Georg; »ach, Magda,

verzeih mir nur, daß ich so kümmerlich zu dir bin, es ist ein bittrer

Tag, und ich weiß bald nicht mehr, ob ich wache oder träume.« Sie

ergriff seine rechte Hand, drückte sie schweigend. »Diese Hitze könnte

mich rasend machen,« stöhnte Georg, »bei der Galatafel wars zum Platzen,

und dann in dem grellen Licht der Vorbeizug, und der Geruch nach Puder

und Parfüm und Schweiß, -- ich muß noch ein paar Tage nach Helenenruh

und mich in die Nordsee stürzen ...«

Stirn und das klebende Haar an den Schläfen reibend, stieg Georg die

großen Terrassen hinunter. Unten gerieten sie bald auf einen dunklen

Seitenweg im Gebüsch; ein einzelnes, rotes Licht hing an einem

Baumstamm, es roch nach welkenden Rosen, Georg erinnerte es an eine

Kirche in Athen. Josef, Jason -- da fängt es wieder an, dachte er

verzweifelt. Magda, vor ihm stehend, ergriff seine Hände und sagte leise

und eindringlich:

»So froh kamst du heut morgen herein, Georg, und nun bist du am Ziel und

doch nicht glücklich?«

Da fühlte er wieder den Hohlraum, in dem das wesenlose Wesen seines

Vaters umtrieb, der Schweiß brach ihm heftiger aus, »was ist denn

Glück?« sagte er stumpf. »Jetzt bin ich Großherzog, und warum bin ich

nicht Steineklopfer?« -- Und ohne etwas zu denken, fuhr er fort: »Glück?

Etwas, das man hat und nicht weiß, etwas, das man weiß und nicht mehr

hat. Und wenn es ein Glück gäbe, wie du es meinst,« sprach er

verzweifelt weiter, Gedanken schwerfällig aus Gedanken ziehend, »glaubst

du, daß es so leicht wäre, daß man es im ersten Augenblick begreift?«

»Georg,« hörte er ihre ruhige, weiche Stimme erwidern, »du weißt immer

einen Satz und eine Erklärung, aber ich glaube nicht, daß sie mit deinem

innern Zustand etwas zu tun haben, oder daß sie dir überhaupt etwas

bedeuten.«

Er öffnete den Mund, um zu sagen: Das sei eben das Wesen der Tragik,

zerspellt zu sein in Erkenntnis und Empfinden, aber sie kam ihm zuvor,

indem sie sagte: »Jetzt willst du wieder einen Satz sagen, vielleicht

weiß ich ihn sogar, oder ... Ich habe das jedenfalls an mir selber

erfahren, daß Klugheit und Wissen etwas für sich sein kann, außer uns,

neben uns her, und es ist wohl manchmal sehr schwer, es mit unserm

wirklichen Wesen zu vereinen.«

»Nein, das meinte ich glaub ich nicht,« sagte er, den Kopf hin und her

bewegend, trübe, »aber du wirst wohl recht haben. Ja, nun meinst du, ich

soll diese meine Klugheit an einem tüchtigen Strick wie -- wie so einen

Fesselballon in mich hineinziehn? Ach, Worte, Worte, Worte, ich werde

noch verrückt davon werden, komm bloß weiter!«

Er ließ ihre Hände los, dann zwang es ihn plötzlich, die Stirn auf ihre

Achsel zu legen, er stand sekundenlang so, fühlte die sanfte Erlösung

dieses Ruhns, aber in ihm lehnte etwas sich auf, er sagte zu sich

selber: Du liebst diese ja nicht, sie ist dir fremd, sie meint es gut,

aber -- »O Gott!« seufzte er leise.

»Es kommen Menschen«, sagte Magda, er richtete sich auf, nahm ihre Hand

und zog sie weiter.

Sie wanderten wortlos auf den schmalen Wegen, immer belästigt durch

Geschrei, Vorbeigelaufe der Maskierten, die ihnen zuriefen oder nach

ihnen schlugen, sie mußten selber tun, als ob sie daran Gefallen hätten,

lachen und erwidern, endlich gelangten sie ans Tor. Von ihm zur

Lindenallee war schräg über den Fahrdamm eine Gasse von Girlanden und

bunten Laternen gezogen, hinter denen die zuschauende Menge sich staute.

Sie eilten freier hindurch in das Dunkel der Alleen, gingen wieder

langsamer unter den Bäumen hin, querhinüber und zwischen den Stämmen

hindurch am Ende der Alleen schräg auf das Tor des Französischen Gartens

zu. Der vorderste Block der haushohen Mauern dunkler Baumhecken stand

über ihnen in der Nacht, aus der Tiefe quellend beleuchtet; hier waren

weniger Menschen, in der Ferne rauschte Musik. Zwischen kleineren Hecken

hindurch gelangten sie zu der ersten großen und gingen unter ihr

hinunter. Am Fuße eines Baumes stand eine der Lichtquellen, sie traten

hinzu und sahen auf einer kurzen und dicken Steinsäule ein metallenes

Becken -- »eigentlich ein Papierkorb« sagte Georg -- mit Wasser gefüllt,

an dessen Grunde drei in rotes Zeug gewickelte Glühbirnen leuchteten; in

der roten Flüssigkeit schwammen zwei tote Fische. Georg tauchte einen

Finger hinein, das Wasser war beinahe kochend.

»Ein Genie, wer das erdacht hat,« meinte er, »die Fische sollten das

Wasser in Bewegung erhalten; der Erfinder sollte sie alle zu Mittag

bekommen.«

»Arme kleine, tote Fische«, sagte Magda, und beim Klange ihrer Stimme

befiel Georg ein sonderbar süßlicher Schmerz. Das war Anna Chalybäus'

Stimme, dachte er, als sie weitergingen, und eine meilenferne selige

Vision von Helenenruh zog, seinen Augen unsichtbar, seiner Vernunft

unnennbar, mit schmerzlichem Schauder durch seine Brust. Er mußte

plötzlich an seine tote Mutter denken, sie, für die er keinen Namen mehr

fand, nur einen Baumstamm auf einer Insel mit der Tafel: Helene --

Georg merkte, daß er stillstand; der Heckengang war zu Ende, rechts

neben einem freien Platz mit Bäumen rauschte laute Tanzmusik aus dem

großen Pflasterhof des niedrigen weißen Schlößchens; die Umrisse

leuchteten, starke, weiße Linien in der Nacht; im dämmrigen Licht

buntfarbener Laternen bewegte sich hinter den hohen Gittern das wogende

Getümmel der Tanzenden. »Oh sieh wie schön!« hörte er Magda sagen und

sah nach links. Dort standen in den vier Ecken des weiten Quadrates

haushoher, düstrer Hecken vierfarbig leuchtende Fontänen, eine

schneeweiße, eine lichtgelbe, eine tiefrote und eine lichtblaue.

Zwischen den Wegen, Rasenplätzen, Beeten und Bosketts wandelten die

undeutlich buntgekleideten Gestalten in diesem Halbdunkel und standen

auf ihren Postamenten, leise von unten beleuchtet, die Steingötter,

-göttinnen und Urnen mit schweren Schatten und in starker und düstrer

Bewegtheit ihrer Falten und Glieder, und Georg sah den Schattenriß eines

Füllhorns in der Nähe, eine Keule zwischen stämmigen Beinen anderswo,

und nun wieder, hoch über dem niederhangenden Füllhorn, ein zartes,

leuchtendes Profil, dahinter einen großen, leicht zum Nacken gesunkenen

schwarzen Kopf, dessen Umrisse die Umrisse von Früchten und Blumen

schienen, und wieder dachte Georg Annas und des Bildes, das Bogner von

ihr gemacht hatte; und nun ging er hier mit ihr wie mit einer Schwester.

Indem fühlte er sich am Arm berührt und sah ein häßliches Wesen neben

sich: eine rote, lottrige Tunika über schwarzen Trikots, eine schwarze,

törichte Bartmaske unter starrendem Haar nach allen Seiten, aus dem ein

Schlangenkopf zitterte; eine Hand schwang einen langen Dolch oder ein

Schwert. Sie warf den Kopf zurück und bewegte Arme und Oberkörper mit

solchen schiefen, zuckenden Gebärden, daß Georg gleich Cora erkannte,

auch ihre Stimme hinter den hohen verstellten Tönen, mit denen sie

sagte: »Nun, mein Schöner?«

Es ekelte ihn unbeschreiblich; ihre sich hebenden und fallenden

Schultern, das Vordehnen des Leibes erinnerten ihn an gräßliche Dinge,

er schnob kurz: »Was willst du?« im halben Gefühl, Magda nichts gewahr

werden zu lassen.

»Du siehst, was ich bin?« fragte ihre Stimme, schon weniger verstellt.

Georg wandte sich zu Magda und sagte: »Sie fragt, was sie vorstellt. Ich

glaube, eine Furie. Eine Furie, Erinnye oder so!« sagte er zu Cora,

ergriff Magdas Arm und wollte sie weiter drängen, aber Cora war mit

einer ihrer weichen Seitwärtsbewegungen um ihn herum, ergriff Magdas Arm

und zischte theatralisch: »Nun? Nun, schöne Heliodora, sind Sie nun am

Ziel Ihrer Wünsche?«

»Ich bin nicht Heliodora,« sagte Magda ruhig, machte ihren Arm los, und

Georg, hinter sie tretend, fuhr Cora wütend an: »Geh zum Teufel, mit

deinem Mummenschanz!«

»Der Großherzog hat befohlen,« sagte sie höhnisch, »seinetwegen hat sich

das Volk in Masken gehüllt!« und wich zurück, schwenkte sich herum und

ging schlenkernd, in den Hüften sich wiegend davon.

Georg, Magda fortziehend, hörte sie fragen: »Wer war denn das?« Sie

schien zu lachen, er vermied deshalb eine Antwort und fragte: »Lachst

du, Anna?«

»Ja, es war so komisch! Erinnerst du dich, ich sagte dir einmal von

einer Legende, die Jason uns erzählte, von Orest und der Eumenide, und

ich mußte denken, wenn die Eumeniden so ausgesehn haben, waren sie nicht

sehr zum Gruseln.«

»Nein, weiß Gott nicht«, murmelte Georg verdrossen. Ach, wie ist das

wieder ganz Cora, seufzte er innerlich, im Kostüm und mit Schlangen und

Dolchen als Rachegöttin vor mich hinzutreten. Aber ich muß sehn, daß sie

uns nicht wieder über den Weg läuft.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 39 / 240 题