Das Herz schlug Renate in den Hals hinauf, als sie durch den Vorgarten
zum Hause ging, aber dem entgegenkommenden Hausmädchen war nichts
anzusehn, Renate wagte nicht, zu fragen, warf im Flur den Mantel ab und
trat in die Halle. Durch das offne Fenster sah sie den Tisch in der
Veranda gedeckt, dann, durch die Tür, draußen Erasmus, noch gepanzert,
mit Magda, die einen seiner Arme hochhob und ihn betrachtete, und Renate
hörte ihr Lachen. Dann wurde Erasmus ihrer gewahr, Beide kamen auf sie
zu, Erasmus in bester Haltung, aber -- was war mit seinen Augen? Sie
glühten und glichen Georgs Augen, als der ... Ihr Herz zog sich
ängstlicher zusammen. Wäre nur Josef erst da! dachte sie, alles von ihm
erhoffend.
Erasmus nahm ihre Hand, küßte sie sogar und sagte mit seiner dunklen
Stimme: »Na, endlich, wir haben einen bärenmäßigen Hunger.«
Renate umarmte Magda. -- »Du siehst wirklich vortrefflich aus,« sagte
sie mühsam zu ihm, sich von Magda losmachend, »du solltest immer so
gehn, weißt du!«
Er lachte verlegen: es sei etwas warm, -- und sie hatte ihn im Verdacht,
daß dies gute Aussehn der Grund war, weshalb er sich noch nicht
umgezogen hatte. Doch zog es sie nun zum Onkel, sie bat die Andern, auch
Ulrika, die hereinkam, um Entschuldigung und ging hinaus, die Treppe
hinauf und stand vor der Tür, hinter der sie Schritte hörte. Er ging
wieder auf und ab! Nun machte er halt; nun ging er wieder zurück ... Sie
öffnete leise und trat ein. Er stand mitten im Zimmer und sah ihr
entgegen.
Seine Augen hatten Blick, er sah. Sekunden stand sie fassungslos, ihre
Hände falteten sich, sie flüsterte: »Onkel ...«
»Ja,« sagte er, »ja, was ...«
Er sprach ja! Er sprach ja wieder!
Aber was nun? Josef, oh wärst du da! Sinnverwirrt, angstvoll, die
einzige Minute, diese, verstreiche ungenutzt, senkte sie die Stirn,
wußte nichts. Als sie wieder aufsah, hatte er sich abgewendet, blickte
nach dem Fenster, nach der Straße. -- Stand Josef unten? -- Sie machte
zwei Schritte vor, unten die Straße war leer. -- Aber -- war er nicht
größer geworden? Der seltsame, ganz kahlglatte, hohe und gerundete
Schädel, die steile, von den Brauen fast vornübersteigende Stirn und
dicht unter den Augen das weiß und glatt nach unten fließende lose
Barthaar machten ihn trotz der schwarzen Joppe zu einer Figur der Zeit,
aus der sie kam; er glich einem heiligen Antonius oder Hieronymus.
Sie ging nun zu ihm und berührte seinen Arm. Er wandte das Gesicht, ein
wenig tiefer als das ihre, mit einem Zucken, sah sie fremd an. Nein,
nicht völlig fremd, nicht wie sonst, und -- Unruhe ist es, frohlockte
Renate, und allen Willen und Einfluß aufbietend, bat sie: »Komm, Onkel,
es ist Essenszeit!« Schob die Hand in seinen Arm, zog und drängte sanft.
Er folgte.
Zitternd, sich gewaltsam haltend, weinend, lachend, angstvoll,
triumphierend im Innern, führte sie ihn die Treppe hinunter in die
Halle. Erasmus stand draußen an der Verandatreppe, an den Eisenpfeiler
und die Weinranken gelehnt, herunterblickend auf Ulrika und Magda mit
einer fast leutseligen Haltung. Jetzt sah er seinen Vater, die Frauen
wandten sich, Renate legte den Finger vor den Mund und sah, wie Erasmus
seine erschreckten Züge beherrschte. In der Verandatür, an Magda
vorübergehend, flüsterte Renate: »Noch ein Gedeck!« und führte den Onkel
um den Tisch, wo er sich ohne Widerstand auf den Stuhl am weitesten
rechts, vor der Seitenwand der Veranda niedersetzte. Sie setzte sich in
seiner Nähe mit dem Rücken zum Garten, winkte Erasmus seinem Vater
gegenüber und sagte, so leicht sie konnte: »Nun erzähle, Erasmus, wie
war es! Hoffentlich hast du nirgend Schaden angerichtet mit deinen
Blumen!«
Ulrika setzte sich ihr gegenüber, auch Magda kam herein, dann der
Diener, der vor dem alten Mann deckte. Erasmus bewährte sich
außerordentlich und sagte, es sei ungemein lustig gewesen. Dann redete
er kräftig darauflos, er sei überhaupt der einzige, der richtig
begreifen könnte, wie schön so ein Tag sein könne, er plagte sich
jahrein, jahraus, daß genug Essen auf den Tisch komme, -- oh, er gab
sich glänzend preis! -- und ob Renate wohl ein einzig Mal bedacht hätte,
daß es sein saurer Schweiß wäre, in den sie sich kleidete, niemals
dächte sie daran. »Kinder, Kinder,« sagte er, »was Mädchen, was Mädchen!
Eine Zeitlang dachte ich, es wären immer dieselben wie im Theater, wo
immer dieselbe Korporalschaft über die Bühne marschiert im Triumphzug
des Germanikus, oder war es in Aida?« Und er fing an zu erzählen, wie
sie als Schüler Statisten gemacht hatten, -- Renate lachte das Herz im
Leibe, wie sie ihn heiter und gelassen die Augen von Einem zum Andern
bewegen sah, nur seinen Vater vermeidend, der indessen in sich versunken
war, die Hände neben seinem Teller auf dem Tischtuch, ohne etwas zu
essen.
Erasmus schenkte Wein ein. Plötzlich sah Renate das Gesicht Magdas, die
eben ihr Glas aus Ulrikas Hand nahm, stillstehn, indem sie nach draußen
blickte. In die Augen kam Schrecken, Renate drehte sich langsam, von
ihrem Onkel abgekehrt, um und sah im Garten Josefs Gesicht, frei, die
heile und die schreckliche, rote Hälfte; er trug noch die schwarze
Kutte, deren Kapuze hinter seinem Kopf abstand, seine Hände unten waren
etwas gespreizt, er sah nicht seinen Vater, sondern seinen Bruder an,
vorbei an Renate, die sich langsam wandte. Erasmus setzte eben den
Pfropfen auf die Flasche und stellte sie vor sich auf den Untersatz,
ergriff sein Glas und wollte sich wohl zu Renate wenden, aber sie drehte
sich weiter, -- und da saß Josefs Vater und hielt das Gesicht in den
Händen. Renate preßte ihr Herz gewaltig zusammen, stand ruhig auf, trat
zu ihrem Onkel, faßte nach seinen Händen und sagte: »Josef ist im
Garten, Onkel, soll er nicht hereinkommen?« Und sich zurückwendend,
winkte sie Josef mit den Augen.
Jetzt hatte ihr Onkel die Hände fallen lassen, sie sah seine Augen, die
erst angstvoll und suchend nach den ihren griffen, aber gleich glitt der
Blick weiter, und dort stand Josef, den Kopf etwas gesenkt und sah
seinen Vater an. Neben ihm Erasmus war an die Wand zurückgetreten, seine
Augen standen auf seinen Bruder gerichtet, als sollten sie ihn
durchbohren, Renate sah etwas in seinen geschlossenen Händen, das --
nein, das nicht ein Obstmesser zu sein schien! Und da war auch schon
wieder das Gesicht seines Vaters, der sich langsam vom Stuhl erhob,
während Josef mit seltsam heller und klingender Stimme sagte: »Da bin
ich wieder, Vater, aber ich habe mich abscheulich verändert. Laßt euch
nicht stören«, sagte er zu Ulrika und Magda, die aufgestanden waren.
Sein Vater fuhr mit der rechten Hand über die Stirn, lächelte und sagte:
»Wahrhaftig, Josef! Ich dachte fast, du hättest uns vergessen! Da kommst
du ja grade recht zum Essen.«
Josef trat zu ihm, sie drückten sich die Hände, Josef legte seinem Vater
einen Augenblick die Linke auf die Schulter, Renate sah, wie der alte
Mann sich duckte, seine Lider zitterten, aber er bezwang sich, mit einer
ungeheuren Kraft, wie es schien, blickte leicht in Josefs entstelltes
Gesicht empor, schüttelte langsam den Kopf und meinte: »Ein Adonis bist
du gewesen, mein Junge.«
Josef lachte herzlich. »Du weißt ja, Papa, es ist Adonislos, daß ihn die
Evierinnen zerfleischen!«
Sein Vater fiel munter ein und sagte: »Setz dich, setz dich doch, iß und
trink und erzähle!«
Da nahm er Renates Stuhl. Sie drehte sich um. Erasmus war nicht mehr da,
und sie setzte sich schnell an seinen Platz. Der Diener, der schon
gewartet hatte, kam leise und sammelte die Teller ein. Renate faltete
unter dem Tisch die Hände, mußte aber unter ihren Gebetsworten bemerken,
daß es doch das Obstmesser gewesen war, denn es fehlte. Sie zuckte einen
Augenblick, Erasmus nachzugehn, hörte jedoch ihren Namen, blickte
rundum, lachte und sagte, atmend aus voller Brust:
»Also wären wir Alle wieder beisammen. Wie lange warst du fort, Josef?
Keine drei Jahre, weißt du, schreiben hättest du wohl einmal können, wo
du überall gesteckt hast.«
Josef wandte sich halb zu seinem Vater und bemerkte halblaut:
»Iphigenie! sie hat sich nicht verändert, oje-oje!« und Renate merkte,
daß sie den rechten Unterarm auf der Tischplatte vor sich liegen hatte,
den linken aufgestützt und das Kinn in der Hand.
Ein wenig später war Renate unter fernem Stimmengeschwirr und Lachen
sich nicht mehr klar, was sie tat, sprach oder empfand, fühlte sich
selber undeutlich in lebhaftester Erregung und Bewegung und hörte nur
einmal Josefs Stimme, wie er zu seinem Vater sagte: »Sieht sie nicht
aus, als ob sie einen ganzen Nachtigallenschwarm in der Brust hätte,
Papa?« und er sagte noch weiter etwas von Rosen und Lilien ihres
Gesichts, die von diesem, unten hineingesetzten Nachtigallenschwarm ins
Wanken und völlig durcheinandergekommen seien. Sie hörte ihr eigenes
Lachen fern, dann schien es ihr, als sei von ihrer oder Ulrikas Kleidung
die Rede, -- nein, er beschrieb das mittelalterliche Bild, das er vom
Garten aus gesehen habe: Ulrika und Renate in ihren farbigen Kleidern
und Kopfzierden, Erasmus im Panzer, der Eremitenkopf seines Vaters, --
ein bißchen Veronese, aber sonst ganz ...
Plötzlich stand alles für einen Augenblick still, sie sagte: »Ja, nun
müßt ihr aber etwas hören! -- Ich habe mich verlobt.«
Es war still geworden.
»Verlobt?« fragte ihr Onkel leise; seine dunklen Augen standen fest,
dann senkten sich langsam die Lider darüber. »So. -- Ja, mit wem denn?«
hörte Renate ihn noch leiser fragen.
Erschreckt blickte sie auf Josef, sah den roten Fleck seines rechten
Gesichts und die linke Braue leicht angehoben.
»Mit dem Herzog, -- Herzog Trassenberg, Onkel,« sagte sie unsicher, für
Sekunden ratlos, was dies bedeute, und fügte mit wankender Stimme hinzu,
er habe zwar ihr Wort noch nicht, aber ... Da wußte sie, daß ihr Onkel
an seinen Sohn dachte. Sie sah ihn ängstlich zur Seite nach Josef spähn;
Josef beugte sich ein wenig zu ihm und sagte ironisch: »Ja, willst du
eigentlich nicht gratulieren, Papa?«
Nun stand er langsam auf, aber diesmal, merkte Renate, gelang ihm die
Beherrschung nicht, er legte die Hände zusammen und fragte furchtsam:
»Josef -- verzeih, aber -- ich habe immer gedacht ...«
Jetzt rückte Josef, vor Staunen fassungslosen Gesichts, seinen Stuhl
nach hinten, sah zu seinem Vater auf, erst wie völlig verwirrt, dann
fragend, endlich strafend, und sagte: »Ja, nun brennen alle Kandelaber,
Papa! Renate, ists nun hell genug? Ich und du, stell dir vor! Eiweih
geschrien!«
Renate lachte, so hell sie konnte, es fiel ihr schwer, da Josef das
heile Auge zusammenkniff, wodurch sein Gesicht zu einer scheußlichen
Grimasse wurde, aber sein Vater konnte es nicht sehn, und sie atmete
erleichtert auf.
»Ja, dann,« sagte er zögernd, »dann wird der Herzog wohl zu mir kommen
wollen?«
Renate nickte und hörte Josef sardonisch fragen, ob er Angst vor
Herzögen habe. Nun lachte er gütig, ergriff sein Glas und richtete sich
mit Würde auf. »Dein Wohl, mein Kind,« sagte er, »von Herzen dein Wohl
und das seine! Ich werde den Herzog mit viel Freude empfangen, denn von
ihm hat man ja nur Schönes und Gutes und --« Er stockte, und Renate
vermeinte, er erinnere sich, daß der Herzog verheiratet war, dann fuhr
er mit plötzlich bebender Stimme fort: »-- und Edles gehört.« Das Glas
entfiel seiner Hand, Tränen brachen stromweise aus seinen Augen, er
drehte sich zu Josef um und stammelte: »Josef! Josef! Mein Sohn ist
wiedergekommen! mein Sohn hat mich nicht verlassen, er war tot und ist
wieder lebendig -- geworden --«
Er brach ab, schluchzend an Josefs Brust, der, selber ganz grade
stehend, ihn mit den Armen umschloß, einmal schnell und fest die Lippen
auf seinen Kopf drückte und wieder grade stand.
Renate wandte sich glücklich ab und sah den Garten in der Sonne, den
hellgrauen Sockel der Uhr und seltsam deutlich den Schatten des Zeigers
auf der braunen Metallscheibe; die Stunde freilich war nicht zu
erkennen; dann verschleierten sich ihre Augen. Bald darauf hörte sie das
Weinen ihres Onkels leiser werden und Josefs liebevolle Frage, er sei
gewiß müde, ob er sich nicht niederlegen wolle? -- Ja, er sei müde, sehr
müde ... kam die Antwort. Sie sah, sich wendend, wie er gebückt,
glücklich lächelnd durch nasse Augen, sich von Josef fortführen ließ,
und spürte, als habe das Wort >müde< sie verzaubert, nun eine rieselnde
und süße Mattigkeit in allen Gliedern, die zugleich alles umher in
Goldstaub und grünes Geflimmer auflöste. Sie überwand sich aber,
plötzlich von einer Woge der Dankbarkeit und Liebe zu Josef überspült,
rührte seinen Arm an, und da er sich umwandte, so legte sie die Arme auf
seine Schultern, hob ihren Mund zu seinem, hatte aber nun so nah und
deutlich die stramm gezogne, glatte und rote Haut seiner rechten Wange
und darin das Augenloch mit den von allen Seiten zusammen- und
hineingezerrten Falten dünner Haut vor sich, daß sie zurückgeschaudert
wäre, wenn sie nicht wieder sein heiles Auge gesehn hätte und den Blick
von sonderbar weichem Staunen, so daß ihr Mund nun stehn blieb, nicht
weit von dem seinen, sekundenlange, während sie lächelte und ihn mit
großer Zärtlichkeit anblickte. Zurückweichend, fühlte sie noch, daß er
ihre rechte Hand ergriff und, das Gesicht sehr tief beugend, an den Mund
drückte, und hörte ihn sehr leise sagen: »Es genügt. Ich habe nun nichts
mehr zu wünschen und kann --«
Danach entschwand er ihr; sie verging sich selber in Schlafverlangen,
empfand noch, daß sie im Gehen, daß da Ulrikas und Magdas Gesichter
waren, daß sie sprach und ferne Stimmen hörte, dann, daß sie durch den
Garten schwebte, und endlich, daß sie sehr tief lag. Sie öffnete mit
Anstrengung die Augen, hoch über ihr war wunderbares Grün, von Bläue
durchbrochen, ganz nahe über ihr Ulrikas Gesicht und das Ende einer
Hängematte. Sie wollte die Hand zu Ulrika hinaufheben, brachte es aber
nicht fertig, und dann war nichts mehr.