Heimkehr (die andre)

Renate ging zu Ulrika, blieb vor ihr stehn und merkte, daß ihr Gesicht

sich wieder in Lächelfalten verzog. »Komm bloß fort,« raunte sie ihr zu,

»es ist furchtbar mit mir, ich -- ich sage dir gleich alles!«

Im Treppenhaus, nach dem Geländer fassend, blieb sie stehn, aber kaum

daß sie, zu Ulrika gewandt, herausbrachte: »Georg --« prustete sie nur,

ergriff Ulrika am Arm, zog sie die Treppe hinunter und zwang sich

unterwegs, heftig den Kopf aufrecht stellend, zum Ernst. »Wie ist es

denn,« fragte sie unten, »kommst du mit mir?«

Während sie Ulrika leise sagen hörte: »Ja, ich möchte gern«, fiel ihr

Josef ein -- wo war er geblieben? -- und alles andre, ihr Herz wollte

sich zusammenziehn, aber der helle Sonnenglanz über dem bunten,

lebhaften Gedränge im halben Schatten der Gasse und, da ihr Blick von

selber aufwärts ging, große, schimmernde Wolkengebäude im starken Blau,

die zwischen die scharfen, altertümlichen Dächer und Kanten

herabzusinken schienen, machten sie leicht und sicher. Josef wird schon

dort sein, dachte sie, jedenfalls kann ich mich auf ihn verlassen; es

wird alles gut. »Komm nur mit, Ulrika, ich sage dir alles unterwegs.«

Der große Türsteher murmelte etwas ... »Ja, meinen Wagen,« antwortete

sie, sich umsehend, »da steht er ja!« Sie gingen hin, stiegen ein,

rollten ab.

Ernsthaft jetzt und wehmütig dachte sie Georgs. »Ich habe den guten

Georg eben sehr gekränkt,« begann sie, »weißt du -- ich bekam einen

Lachkrampf, ach, gar nicht seinetwegen, er war nur der Anlaß, weißt du,

es hatte sich wohl alles mögliche angesammelt, das brach nun auf diese

Weise los. Ja, weißt du -- Nein,« unterbrach sie sich verstimmt, »dies

beständige Weißtu --, ich bin ja ganz kindisch geworden. -- Ich sagte

dir ja,« fuhr sie gefaßter fort, »daß der Herzog und ich uns

zusammengefunden haben, und eben nun -- kommt Georg und will mir einen

Antrag machen. Siehst du, nun lächelst du sogar!« Sie fiel der

lächelnden Ulrika um den Hals, küßte sie und stammelte: »Ach, Kind, ich

bin ja so glücklich! Nicht wegen Woldemars, -- das heißt, natürlich auch

seinetwegen, zumeist seinetwegen, aber -- du weißt ja nicht: Josef ist

schon lange wieder hier, seit wir aus Helenenruh zurückkamen im vorigen

Herbst, erinnerst du dich des Tages? Bogner und du, ihr wart da, ihr

lachtet soviel -- Kind, was ist denn mit dir?« unterbrach sie sich, da

Ulrikas Gesicht sich schmerzlich verdüsterte.

»Nur weiter,« bat sie freundlich, »ich komme nachher schon mit meinen

Geschichten.«

Besorgt und zaudernd, Ulrikas kalte Hand in ihrer warmen, fuhr Renate

fort: »Er wollte sich aber seinem Vater nicht zeigen, und ich, weißt du,

ich war so töricht --, ach, wie war ich doch töricht!« Sie schwieg, sich

verlierend, sprach dann hastig weiter:

»Einen Grund, weshalb er nicht zu seinem Vater gehen wollte, sagte er

nicht, aber da er mich merken ließ, daß er überhaupt nur um meinetwillen

wiedergekommen war, und weil er auch gleich sagte: Wenn _ich_ es von ihm

verlangte, so -- ja, da war ich so töricht -- -- ach, aber das war es ja

nicht, -- was man tut und denkt und sagt, das ist es ja alles nicht ...«

Sie legte das Gesicht in die Hände, sah sich in Josefs Armen, grübelte,

murmelte endlich: »Es läßt sich nicht ausdrücken. Ich habe ihn lieb,

Josef, er zieht mich unweigerlich an, und so fürchte ich ihn wohl --,

nein, du kannst es nicht verstehn. Ich weiß bestimmt, daß ich ihn

niemals lieben könnte, aber wenn er da ist, so bin ich -- schwach, --

wehrlos, weißt du, irgendwie, -- ja -- es _läßt_ sich eben nicht sagen.

Ich bin nicht schwach, wenn er da ist, im Gegenteil, ich bin durch und

durch hochmütig und bin kälter und abweisender als je, aber hinterher

könnte ich manchmal zu Boden sinken vor Schlaffheit, und dann merke ich

wohl, was die aufrechte Haltung vorher mich gekostet hat. Und so, weißt

du --, ja, so stand er eben, so stand ich eben zwischen ihm und dem

Onkel, du hörtest vielleicht, er sagte es selber heut, und -- er war

fort, die Zeit ging hin, ich kämpfte, ich -- --

»Es war -- unmöglich«, schloß sie. Danach schüttelte sie alles ab,

setzte sich zurück, nestelte den Schleier unter dem Kinn los, nahm den

Kronenring ab und behielt ihn im Schoß. Ihr war sehr warm; auch die

Luft, die voll durch die offenen Wagenfenster hereinströmte, war allzu

lau, um zu erfrischen. Sie sah, daß sie schon die Steigung der Döhrener

Heerstraße hinanrollten, rechts lagen die roten, festungsähnlichen Werke

der Zuckerfabrik, in der Tiefe die Bahngleise.

»Und du?« fragte sie leise und liebevoll, sich wieder zu Ulrika wendend

und ihre Hand fassend.

»Du,« antwortete Ulrika nach einer Weile, »sage, was du willst, du bist

doch immer frei und rein und triffst das Rechte. Ich bin am Klavier

aufgewachsen, damit ist wohl alles gesagt. Wie so ein Klettergewächs

habe ich mich von allen Seiten immer nur um meinen schwarzen Freund

gerankt, der Flügel war alles, und dann --«

Da sie verstummte, hörte Renate Worte Jasons undeutlich vorübereilen:

Ulrika Tregiorni hatte bis zum Heimkehrtage Benvenuto Bogners niemals

nachgedacht -- hieß es nicht so? Wie seltsam er gleich alles in einen

Anfang zusammengefaßt hatte ...

»Und dann«, hörte sie die Freundin weitersprechen, »merkte ich eines

Tages, daß einer mich dicht über der Wurzel abgeschnitten hatte. Ich

verdorrte nicht, oh nein!« sie lächelte glücklich und verloren, »im

Gegenteil, es war ja herrlich, ich blühte mir noch einmal so schön und

reich, nur -- -- ich hatte keine Wurzel mehr.« Sie brach ab.

Renate sah, aus dem Fenster blickend, Tore, Kapellen, rote Mauerzüge und

die Gruftgiebel und Lebensbäume des Friedhofs hinter den staubigen,

sonnigen Äckern und Gärtnereien neben der Straße. Da irrten ihre

Gedanken schon ab und vorauf in das nahe Haus, sie mußte Atem schöpfen

und fühlte die Beklemmung. War er wirklich schon da? -- Oh, Josef war

ritterlich, vielleicht hatte er sie das Geschehnis schon fertig

vorfinden lassen wollen, oder auch -- es konnte ja fehlschlagen -- ihr

den Anblick der Enttäuschung ersparen. --

»Ja, wie ist es denn nun?« hörte sie Ulrika fragen, »Josef kommt also

heute?«

»Ich hoffe, er ist schon da.«

»Ja, störe ich dann aber nicht ...«

Da merkte Renate, daß sie bei aller Zuversicht doch heimlich einen Halt

in Ulrika mit sich genommen hatte, umschlang sie zärtlich und beschämt

und dachte -- ihr versichernd, daß sie gewiß nicht stören könne --, wie

grausam besinnungslos der Mensch doch immer um sich fasse, sobald er nur

eben ins Schwanken geriet, unbekümmert, ob der, nach dem er griff, nicht

heftiger selber im Schwanken war.

»Ach, vielleicht«, sagte sie verstört und furchtsam, »ist die Krankheit

meines Onkels ja doch unheilbar, und dann -- dann wird es gut sein, wenn

ich dich in der Nähe ... ach, vergieb nur, Liebste, nun belade ich dich

auch noch mit mir!«

Ulrika zeigte eine zuversichtliche Miene und versicherte, der Arzt habe

es doch wiederholt gesagt, daß es sich gewiß nicht um eine

Gehirnkrankheit handle, sondern um ein Gemütsleiden, und -- »ja, ja,«

fiel Renate erleichtert ein, »er war immer ein so weichmütiger Mensch

--, und sicherlich giebt es das, daß ein Mensch sich etwas so zu Herzen

nimmt, daß er -- daß er eben aus dem Gleis kommt, sich selbst vergißt

und nur den einen Gedanken verfolgt ...«

»Wir kennen es«, sagte Ulrika langsam, »ja Alle selber so gut, die

Anfänge davon, dies --« sie schauderte -- »oh dies besinnungslose

Dastehn, mitten in irgendeinem Tun, nicht weiter Wissen, minutenlang,

und -- wir sind da!« schloß sie hastig. Der Wagen hielt.

Helianth. Band 3 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene · 第 28 / 240 题