»Ja.«
»Zwillinge!« schrie die Stimme Schleys so fürchterlich laut, daß ihm das
Ohr schmerzte, »Zwillinge! Zwei Sozialisten!«
Georg begriff Augenblicke lang gar nichts, dann entfuhr es ihm: »Was?
Virgo? deine Frau? Donnerwetter!«
Schley drüben schien zu lachen, rief dann: »Ich glaube, Hoheit, du bist
der elfte, der Donnerwetter sagt, das scheint bei Zwillingen das einzig
Mögliche.«
Georg wußte nicht, was er denken sollte. Der Begriff Zwillinge verdeckte
für den Augenblick alles, er konnte nur fragen: »Und Virgo?« wobei er
nun denken mußte: Dieser Name -- und Zwillinge ...
»Danke, vortrefflich,« hörte er Schley sagen, »ein wenig sehr matt, aber
sie ist immerhin im besten Alter, -- freilich, als der zweite heraus
war, bin ich dem Tode fast so nah gewesen wie sie, ohne mich brüsten zu
wollen, -- stell dir vor! Ich war am Ohnmächtigwerden vor Wut. So ein
kleiner Mensch wie sie und in Stücke gerissen ...«
Georg schauderte plötzlich; er sah zwei unflätige Riesen, und Virgo im
Bett, schreiend, sich wälzend, und die Riesen zerrten an ihren Beinen
... Er schüttelte sich.
»Ich habe geflucht und gebetet,« sagte Schley, »und der Arzt, es war zum
Tollwerden, er tat wie ein Athlet, der seine Tochter Kunststücke machen
läßt und lacht, wie gut sie's kann. Aber nun stehn die Namen wenigstens
fest.«
Georg erinnerte sich der unzähligen Verhandlungen über die Namensfrage,
und wie Virgos Mann sich erbost hatte, daß ein Junge Georg, ein Mädchen
Georgine heißen sollte.
»Nun?« fragte er. »Ja, weißt du,« hörte er Schley kleinlaut sagen, »beim
ersten schrie sie immerfort: Georg! ...« Georg zuckte das Herz. Da hatte
sie gelegen und seinen Namen geschrien ... Und er, wo war er? -- »Beim
zweiten«, fuhr ihr Mann muntrer fort, »sagte sie gar nichts, da
knirschte sie nur, aber als ich dann ins Zimmer durfte, sagte sie nur:
Wolf... -- mit ihrer tiefen Stimme, und wie sie dalag --« Georg sah sie
daliegen, sah die übermenschlich groß gewordenen braunen Augen unter dem
knabenhaften Haarbusch im kleinen, weißen Gesicht -- »und mich ansah,«
sagte Schley, »ja, -- da bin ich umgefallen ...« Seine Stimme zitterte
heiser. »In meinem Leben habe ich nicht so geweint«, sagte er.
Sie schwiegen Beide. In Georgs Gehör brach Gesang auf, die Glucksche
Melodie: Ach ich ha--be sie -- verlo--o--ren ...
»Also heißen sie Georg und Wolfgang«, sagte Schley.
»Hoffentlich«, meinte Georg matt, »kann man sie unterscheiden.«
»Na, vorläufig ist nicht dran zu denken, einer wie der andre ist eine
rote Zuckerrübe mit einem schwarzen Busch auf dem Kopf, ich weiß längst
nicht mehr, wer Georg und wer Wolfgang ist, die Hebamme ist der einzige
Zeuge, und Virgo will ja nun durchaus, daß dem Georg ihr einer Ohrring,
der kleine goldene, eingeklemmt wird, und ob du einverstanden wärst?«
Ja, Georg war einverstanden. »Und bitte: tausend Grüße, und wenn ich nur
einen Augenblick heute frei hätte, so käme ich.«
»Ja, höre, Georg, noch etwas --« sagte Schley, »hast du meinen Schwager
getroffen?« Georg verneinte. »Er wollte dich treffen und ging schon früh
fort; er hatte kein Kostüm und wollte sehn, daß er noch eins bekäme, er
müßte dich heute noch sprechen. Zurückgekommen ist er nicht, auch nicht
zum Essen, aber er hat angeläutet -- ich war grade in die Apotheke
hinüber -- und hat sagen lassen, falls ich erführe, wann du Zeit für ihn
hättest -- er würde wieder anrufen ...«
Georg dachte nach. Halb vier, fünf, -- »Ja, zwischen sechs und sieben
wäre es möglich«, sagte er.
»Schön, zwischen sechs und sieben! ich habe leider keine Ahnung, um was
es sich handeln mag. Adieu, Hoheit! Wie fühlst du dich denn? Der Festzug
soll ja großartig ...«
»Ja, es war schade, daß ihr gar nichts zu sehn bekamt. Also leb wohl,
leb wohl!«
»Adieu, Georg!«
Georg legte langsam den Hörer nieder und glitt in den Armstuhl zurück.
Die Sonne, die den ganzen Schreibtisch vor ihm bedeckte, blendete seine
Augen, er setzte sich zurück, beschattete die Augen, den Ellbogen
aufstützend, und sah, undeutlich hinterm blitzenden Glase, Virgos
Photographie, während es durch ihn hinsang: All mein Glück -- ist nun --
dahi--in ... Esthers Bild nahm ich fort, dachte er, ich gab Esther für
Renate, ich gab Virgo für Renate. Esther starb, und Virgo bekam
Zwillinge. Sonderbar, man sagt doch immer: bekam, obgleich eigentlich
... Freilich, ich gab sie nie ganz, und infolgedessen legte Renate sich
über den Stuhl und bekam einen Lachkrampf. Kann man das so aufreihn:
Bekam Lachkrampf, bekam Zwillinge, bekam Tod ... Schwer und verdumpft
fühlte er seine Brust, er sah Renate, auf dem silbernen Pferde ganz
klein am Fuß des Dammes, wie sie in die Arena ritt, dann ihr Profil
unterm Thronhimmel ... Immer wieder kehrst du, Melancholie ... hörte er
sagen. Von wem war das noch? Von Trakl, zuerst hörte ich es von Josef,
oh ich weiß noch, in der Droschke, als wir zu Lenusch fuhren, und
Cornelia Ring, -- Cordelia ... An seinen Lippen brannte plötzlich
Renates Hand, er schmeckte ihre Haut, Tränen schossen ihm in die Augen,
-- oh nicht weinen! sagte er sanftmütig. Ich war ja glücklich heut, oh
wie war ich glücklich! Es war ein Rausch, ich glaube, es war im Grunde
ganz unnatürlich. Ja, sehr -- denn wie konnte ich so tief und lange
schlafen am Waldrand? Was ist hier nicht in Ordnung? fragte er scharf,
sich vorsetzend.
Ach, ich ha--be sie ... Die kleine Uhr vor ihm schlug dreimal hell, er
sah die Zeiger auf drei Uhr stehn. Schwerfällig stand er auf. Nun also
Haltung! mahnte er sich und kam nicht weiter. Alles schien grau. Nur die
Sonne brannte und brannte. Die Farbe Renate erlosch, und -- richtig,
sagte Georg, alles kam, wie es kommen mußte, sagt Georg Hermann; wer
Renate will, hat allein sie zu wollen. Wer Renate will, hat allein sie
zu wollen. Wer Renate will ... Wer Renate will ... Jählings faltete er
die Hände, seine Lippen zitterten, das Weinen stieg ihm in die Kehle, er
wand sich, die Knie sanken ihm ein, er flüsterte: Renate, Gott im
Himmel, Renate, ich kann ja nicht, oh mein Gott, ich kann ja nicht! Dann
schüttelte er sich barsch, ging zur Wand und drückte auf den
Klingelknopf. Er schwankte, sein Kopf fiel vornüber, er stand, den Arm
gegen die Klingel gestemmt, als der Lakai eintrat. Drei Sekunden hatte
er verständnislos ein uralt scheinendes, faltiges, gütig aussehendes
Gesicht über einer grünen Livree vor sich, dann dachte er langsam: Ach
so! es geht ja weiter, immer weiter ...
»Wie heißen Sie?« fragte er leise.
»Albert Neffe, königliche Hoheit«, sagte eine farblose Stimme. Das Wort
königliche Hoheit machte Georg sonderbar hochgehn. Er gab dem alten
Manne die Hand und sagte, unfähig, laut zu sprechen:
»Gut, Albert. Sie sind ein alter Mann. Ich verlange nicht viel. Sie
erfahren meine Gewohnheiten von Egon. Ich pflege alles allein zu tun.
Heut können Sie mir helfen. Also hurtig!«
Er lächelte. Als der Kammerdiener ihm den Rücken drehte, fragte er ihm
nach: »Wie alt sind Sie?«
Der Alte drehte sich und stand still, Georg sah seine weißen Strümpfe
und hörte ihn sagen: »Königliche Hoheit, zweiundfünfzig.«
»Na, da sind Sie ja noch ein ganz junger Mann!« Der Diener lächelte
gütig, aber dabei ward eine Zahnlücke im linken Mundwinkel sichtbar, und
im Augenblick erschien hinter dem ersten, faltig vornehmen ein ganz
anderes Gesicht, das heimlich kümmerliche eines gewöhnlichen alten
Mannes. -- Er verschwand im Schlafzimmer.
Merkwürdig, dachte Georg, was es für Menschen giebt! Der sah erst aus,
als ob er die Livree auch nachts nicht auszöge, auch nicht im Traum. Er
war ja nur Gesicht, alles Übrige waren Leib und Beine, ausgestopft und
nur -- Stütze. Sowas lebt auch. Tante Henriettes Mann sieht aufs Haar so
aus wie er, -- und eigentlich ists auch kein Gesicht mehr, es sind nur
-- -- Er fand nicht, was es war, verlor Zusammenhang und Gedanken. Das
macht die Gewohnheit, sagte er mit jäher Erkenntnis, ja die Gewohnheit
... Er fuhr heftig zusammen. Dann richtete er sich auf und ging schnell,
aufrecht und ganz blind ins Schlafzimmer.