Georg, unfähig, den Anblick länger zu erdulden, senkte die Augen, wandte
sich um und gewahrte auf dem Steintisch das matte Leuchten des goldenen
Bechers und der Kanne. Gleich durstig, erhob er sich, trat hinzu, goß
langsam den farblos klaren Wein, in dessen rinnender Falte es glitzerte,
in den Becher und umfaßte ihn mit beiden Händen. O wie kühl, wie eisig
kühl! -- Er setzte ihn an die Lippen. Seit anderthalb Jahren der erste
Tropfen Wein, dachte er und trank langsam Schluck um Schluck das süße
und herbe, kühle Getränk, in dem deutlich ein Hauch von Adel, ein Duft
von Alter, von Würde, Fürstlichkeit und großer, männlicher Seele mit
einströmte in sein Inneres. Den noch halbvollen Becher in der Hand, trat
er an die Brüstung zurück und blickte unter dem Sternenhimmel hinweg wie
unter einem fast zur Erde gesenkten Vorhang über das schlummernde
Nachtland. In der Tiefe zu Füßen waren dunkel lebendig die Laubmassen
der Wipfel, in denen es da und dort bleich erschimmerte; der
Wassergraben blinkte verkleinert, dahinter standen finster die Schatten
anderer Bäume, Geruch des Laubes und von Blumen stieg auf, ein Stück der
Mauer glänzte kalkweiß, dahinter war undeutlich das flache Land, die
Wiesen, ganz fern darüber ein, zwei rötliche Lichter. Die laue Nacht
atmete kaum.
Alsbald erhob sich das gedämpfte Getöse eines Orchesters in Georg. Ah,
Bennos Sinfonie von der Ebene, am Abend gehört, klang wieder aus der
Ferne, in die sie entströmt war. -- Ja, -- bei aller Weichheit seiner
Musik, die im Schmelz größer war als in der Bändigung, im Sehnsüchtigen
größer als in der Vollendung -- es war doch ein Gewebe von strahlender
Großartigkeit geworden, in dem -- so fern jedes rationale Vortäuschen
von Wirklichem blieb -- doch der Geist der Ebene so mächtig hauchte wie
der Geist des Heros in der heroischen Sinfonie, wo dann auch der
Gedanke: Ebene -- sie wohl sichtbar werden ließ, sie, breiten Abfluß des
sinnenden Gebirgs, flutend von Handlung, glänzend in Strömen, duftend in
Wäldern und Äckern, das Antlitz von Sternen behaucht, gebettet in den
väterlichen Odem der See. Und war seine Kunst auch romantisch, von der
sehnsuchterregenden Art, die eher bezwingen möchte und eindringen, als
Maße aufrichten, die aus sich selber wirken, der deshalb das Süße lieber
ist als die Feste, der Ansturm lieber als der Schritt, -- zu welch
erstaunlicher Form war er selber gewachsen! Ungeschickt, hülflos, wie
zwängte er sich noch als schutzloser Eindringling durch die Reihen
seiner sicheren Mannschaft! Aber der Augenblick, wo er, die Hörerschaft
im Rücken, das unmerklich klappende Zeichen gab, zauberte ihn um,
unglaublich zu sehen! In seinem Profil wechselten Strenge und kindliche
Weichheit, drohende Befeuerung und lächelnde Beruhigung in kaum
erkennbaren Wellen, doch in deutlichen, in spielend gemeisterten
Übergängen; sichtbar magisch geworden, seine Hände entströmten Zwang
oder Verlockung, Ergreifen oder Verschenken, und seine lange, kaum sich
regende schwarze Gestalt lebte allein im geschmeidigen Zucken der Arme,
der gebieterisch gewordenen Hände, sich zusammen -- und alles an sich
reißend nur an den gewitternden Stellen, -- solch ein Befehlshaber war
aus dem Scheuesten aller Scheuen geworden, nun der eigene Geist ihn
weit, wie ein Gestirnsnebel, tönend umwölkte. -- Ja, Benno, du hast das
Ziel erreicht, dachte Georg glücklich und schwer, -- weißt du, ich
könnte dich beneiden aus einem Grunde! Denn dir ist der Augenblick
gegeben, der Glanz der Krise, der Blitz, der Zeit spaltet in Links und
Rechts und das ewige Juwel zeigt im Schacht. Ich soll nun lenken in der
breiten Zeit, im Unsichtbaren, im alltäglichen Tage, im ...
Georg verlor die deutlichen Begriffe im Bangen vor leibhafter
Vorstellung, lächelte noch einmal dem Freunde zu und wandte sich um.
Im Osten war der Nachthimmel gerötet, unten glühend weißlich und rot
über der Stadt. Die Schattenrisse der Türme von der Universität standen
drüben; nahe dahinter eine bleiche goldige Kuppel; ziemlich vorn die
weißrötlich wie ein Feuerloch glühende Tiefe war der Platz an den
Kasernen, deren beleuchtete Fronten schimmerten, dunkel befenstert. --
Stumm erstreckten sich die finstern Wipfeldämme der Lindenalleen; ganz
vorn, im Dämmer des Sternlichts, ruhte das Rasenrund in den Wegen. Es
rauschte auf, -- und jetzt, seltsam lieblich zu hören, scholl aus der
Tiefe, aus dem Stall das Klirren einer Kette, ein stampfend aufgesetzter
Huf und ganz leise das Husten eines Pferdes. Ach, da unten stand der
gute alte Unkas in seiner warmen Stalldämmerung, das Haupt schlaftrunken
gesenkt, nur atmend, blind, mit sich seelenallein, dürftig, ein
gefangenes Tier, das nichts wußte, nie fragte, nichts wußte ... Georg,
lächelnd erst, wurde ernst. Ein Tier, das fromm war, frommer vielleicht
als er hier oben in der Freiheit, dieser Aufgerichtete, immer Denkende,
Sehende, Sternumstellte, in Gottes Odem schweigend, viel wissend, alles
nennend, immer irrend, immer nur für Augenblicke sich erhebend und schon
wieder gesenkten Hauptes nichts haltend mit den Augen als das wechselnde
Vorwärtskommen und Zurückschwinden der eigenen, wandernden Füße. Sondern
dies Pferd war fromm in unerschütterlicher Folgsamkeit, fragte nicht,
klagte nie, sprach nie sich aus, war immer zufrieden, nur laufen zu
können, es kannte keinen eigenen Weg. Nicht einen einzigen Schritt hatte
es allein gemacht, mit eignem Willen, -- Georg stockte und erinnerte
sich dunkel: ja, auch damals, wann war es noch? In Helenenruh, ich stand
im Hof, Unkas schritt zum Stall, blickte her, schien klug, schien zu
verstehen, und tastend stieg er davon, -- ja, damals auch ging er
blindlings dahin das kurze Stück von meinem haltenden, winkenden Auge
zum Stall, angelockt und gelenkt vom duftenden Heu und dem eigenen Mist.
Immer war er geführt wie ein Blinder, immer war ein Wille über ihm, und
er folgte gern, -- er -- der nicht einmal ein Er war, nicht männlich,
nichts Eigenes mehr, sondern ein menschliches Gemächt, ein Enterbter,
ein verschnittener Wallach, ausgeschlossen aus dem feurigen Ring der
Hengste und Stuten, gebrochen in der Jugend, in Zeugungslosigkeit
gebannt, unfruchtbar wie ein Pfahl in der Schöpfung, -- o der war fromm
... Ja, so Gott will, Unkas, sagte Georg sonderbar wehmütig, reite ich
einmal auf dir in Elysium ein, dort, wo alle Trennungen sich ergänzen,
wo alles heil wird, wo du auch nicht froh wärst ohne meine Nähe, -- dort
wirst auch du dein Männliches wieder haben, ein stampfender Hengst,
selig wiehernd und trabend über den saftigen Wiesen ...
Georg sah wieder in das Land hinein, bewegte den Becher und leerte ihn
langsam in die Tiefe aus; Blätter klatschten getroffen und rauschten
leise, sonderbar war das Geräusch des Tröpfelns in der schweigsamen
Tiefe. -- Mein Land, murmelte er, sich schämend, mein Land ... Weiterhin
versagte sein Denken, und dies genügte ja wohl auch. Er stellte den
Becher wieder auf den Tisch, rückte den Sessel der Weite des Himmels
gegenüber und setzte sich. Ein wenig müde, vom Weinrausch umnebelt, sah
er die Sterne sich zusammenziehn, sich dehnen, heller glitzern und
schwanken. Er war glücklich. Morgen, dachte er, morgen ... und prallte
von unvorstellbaren Bildern und am Wunsch, dieses Schönste und Farbigste
seines Krönungstages sich nicht durch Vorahnung zu entstellen, ins
Gestern zurück, glitt unmerklich in den fahnen- und blumengeschmückten
Saal des Landtages, hörte die Eidesformel verlesen und sah den Vorbeizug
der bärtigen Gesichter, selber feierlich und ergriffen die vielen,
unterschiedlichen Drücke der glatten und rauhen, schlaffen und kräftigen
Hände verspürend.
Vor den halbgeschlossenen Lidern die Felder der Sterne, kam ihm jetzt
die Frage, woran nur dies unablässige Auffunkeln, heller und schwächer
Brennen, Wogen und Wanken und Zittern der unzählbaren Leuchten erinnre,
und bald darauf senkte er sich in die Helenenruher Wiesen nieder. Wie
dort das Gewoge der Halme --, nein, nicht das! Das Glitzern und Brennen
der Sonnenstrahlen --, auch nicht! -- Ah, das Gezirp der Grillen war es,
das wogte so lodernd auf, brodelte und senkte sich schwächer, entfernte
sich und schwoll laut und nahe heran. Helenenruh, ja, Helenenruh, sang
es beseligt in Georg, das war Vater und Mutter und Kindheit, das war ja
wie Ewigkeit so lang! Immer Sommer und Sonne, immer Ferien und Faulheit,
Reiten und Schwimmen, die blaue See und die Wiesen, die ewigen Wiesen.
Er wünschte, mehr aus seinen jüngsten Jahren wiederzusehn, aber es war
sonderbar, er gelangte nicht tiefer in die Zeit zurück als bis zu
irgendeinem Tag vor ein paar Jahren, wo er schon erwachsen war. Ja, in
dem Sommer nach dem Examen, da war es wohl am schönsten; niemals wieder
waren die Tage so lang, jedoch -- das Ende war seltsam. -- Mit meinem
Geburtstag muß es aufgehört haben, eigentlich wars ein langweiliger Tag,
so viele Gäste, Fremde, nur Bogners Gesicht wohltätig dazwischen. Auf
einmal sah er das Gesicht des Malers an einem Fenster, ein Gewitter war,
ja, Artaxerxes ... er flog ja wohl plötzlich ... Und Magda, -- Georg
seufzte, -- Anna nannte ich sie damals und liebte sie sehr ... Richtig,
das war der sonderbare Tag vor meinem Geburtstag, mit Jason al Manach,
und -- ja, da begann ja auch alles eigentlich! -- Das Gesicht seines
Vaters erschien ihm dicht über dem seinen, wie eingebrannt in die Luft,
-- jede Falte, der Mund und die Augen vor allem. Georg konnte sich nicht
auf ein einziges Wort mehr besinnen, das er gesagt hatte, nur daß sie
alle wunderbar klangen, und sein Gesicht, dachte er, werde ich noch in
meiner Todesstunde unverblichen und unverändert sehn, wie es damals war.
Ja, damals muß er auch zuerst von dem Vertrag gesprochen haben ... Da
erschien, blaß und verwischt wie ein halber Mond am Nachmittag, Sigunes
Gesicht, ein Seufzer, der durch Georgs Brust hinzog und sie hob und
verhauchte. O das arme, kranke Kind! Wärest du doch niemals geboren!
Badenbach, dieser Jesuit! Aber, wie er dastand -- oder habe ich das nur
geträumt? -- Georg besann sich, aber er schien ihn doch wirklich gesehn
zu haben, als er kam, um Sigunes Hinscheiden zu melden, -- richtig, fiel
es Georg ein, ich war ja krank, Virgo war dabei, nein, sie war schon
fort, -- seltsam, Papa küßte sie auf die Stirn, und später sagte er, ob
ich nicht auch gefunden habe, wie sie Mama ähnlich gesehen habe ... Ich
konnte es eigentlich nicht finden, ihn täuschte wohl das
kurzgeschnittene Haar, und Mamas Nase habe ich immer so viel hagrer
gesehn, -- allerdings -- in ihrer Jugend ... aber auf der Miniatüre ist
die Biegung unsichtbar ...
Wie groß der Orion dort stand, ungeheuer deutlich und fast erschreckend
menschlich, Füße, Schultern, Haupt, Gürtel und sogar das Schwert,
inmitten des Schwarmes ungeordneter Sterne. Tiefer in das goldne Bildnis
sich hineinschauend, ließ Georg die Lider sinken und fühlte sich empor
und angesaugt von dem leuchtenden Riesen; schwebte er wirklich?
Plötzlich stand er selber als Orion am Himmel, unter sich Nacht und
Tiefe; eine fahle, zackig abgeteilte Mondscheibe, die dampfte, schwebte
die Erde, ihn schwindelte, er stürzte, erschrak flackernd und fuhr mit
einem Ruck in seinen Körper und den Sessel.
Gottseidank lächelte er matt, es war wieder ein Traum! -- Wie still es
doch ist! -- In diesem Augenblick aber rasselte es in der Luft, ein
heller Schlag durchdröhnte das Schweigen, es rasselte, ein zweiter riß
sich los, es rasselte wieder, ein dritter ... dann war Stille. Erst
dreiviertel eins? dachte Georg verwundert, ich bin doch eine Ewigkeit
hier oben! -- Aber das Zifferblatt seiner Uhr zeigte keine andre Stunde
im Zwielicht der Sterne. Wie absonderlich das Uhrglas glänzte und die
Zahlen so verändert in der Dämmerung! -- Und warum habe ich es denn
nicht viertel und halb schlagen hören? Jetzt fängt der Wein an zu
wirken, dachte er schläfrig, fühlte aber gleichzeitig ein leises
Angstgefühl in sich aufsteigen oder heranschleichen. Wie still es nur
ist! -- Und doch -- es ist ja, -- als wäre ich nicht mehr allein!
Unsinn! -- Er setzte sich tiefer zurück, seine Gedanken lockten ihn
spielend wieder ins Morgen hinüber, Renate erschien, -- wie würde sie
nur aussehn in der mittelalterlichen Tracht? Er hatte sie ja Wochen
nicht gesehn und empfand Sehnsucht. Ich habe doch immer nur sie geliebt,
dachte er schwermütig, warum nur ließ ich mich so oft irren? Cora, --
nun das kann freilich kaum gelten, aber Esther, -- ach Cordelia, du
warst doch unsagbar lieblich und süß! -- Einmal dachte ich sogar, Virgo
zu lieben, aber das war denn doch ein Irrtum, weil ich krank war und ich
sie Esther ähnlich fand, aber -- ja, von Renate hielt sie mich doch ein
Weilchen fern ...
Mein Gott, es ist doch wer in der Nähe! dachte er plötzlich. Seine
Kopfhaut krauste sich. Ja, was soll denn sein, dachte er ärgerlich, wenn
was da ist, solls kommen! Aber sein Herz klopfte. Er streckte die Hand
nach der Kanne aus, schenkte den Becher voll, setzte die Kanne hin und
lauschte. Die Stille rieselte über ihn hinweg, es wurde kühler. Wieder
zwang er seine Gedanken, aber sie gehorchten schlecht und nur
begrifflich, so daß er dachte, er lebe und bewege sich eigentlich erst
seit drei Jahren, seit er den Plan des Vertrages mit sich herumtrage. Da
erinnerte er sich an Berlin und seines Sofas in der Kantstraße. Ja,
dieses Sofa! Darauf verbrachte ich die halbe Zeit des Winters, o es war
ja grauenhaft! Diese Nachmittage, wenn ich lag und lag und die weiße
Lampe auf dem Schrank ansah, bis sie verschwamm und schließlich
verschwand in der immer tieferen Dämmerung, auch die Tür und alles, und
von draußen kam das Laternenlicht über den Hof herein und malte die
Schatten der Gardinen und des Fensterkreuzes an die Decke und auf den
Schrank, und ich konnte nicht aufstehn, ich konnte nicht, mein Kopf
glühte, ich konnte kaum noch liegen. Dieser Winter war das Verruchteste
in meinem Leben. Und der in München war nicht besser! Ach, und vor
allem, all die Jahre lang dieser grauenhafte Druck, diese niemals
weichende Angst, diese sinnlose, die eigentlich noch immer nicht
gänzlich --, jedenfalls -- wäre nicht Vater ...
Georg fuhr mit einem Ruck im Stuhl herum und sah mit flimmernden Augen
im grauen Dämmerlicht der Sterne eine dunkle Gestalt hinter sich stehn,
am Treppenschacht ... Er sprang heftig klopfenden Herzens auf; nun, es
war ein richtiger Mensch, groß, dunkel gekleidet, und griff jetzt
höflich nach dem Hut, nahm ihn ab und sagte:
»Ich bitte tausendmal um Verzeihung, königliche Hoheit, wegen meines
Eindringens, -- übrigens, erkennen Sie mich nicht?«
Georg nahm sich zusammen, faßte mit Anstrengung das bleiche, sonderbar
starre Gesicht ins Auge, dachte: Ja, das ist doch ... »Herr von
Montfort?« sagte er zögernd; und mit deutlichem Erkennen hastig: »Aber
natürlich, natürlich! seien Sie mir willkommen! Wo kommen Sie her?«
Georg ging um den Tisch, nicht allzu leicht, er merkte den Wein, gab
Montfort die Hand, der seltsam lächelte mit seiner einen Gesichtshälfte.
»Ich klopfte unten,« sagte er mit Heiterkeit, »bekam keine Antwort und
trat ein, denn ich hatte Ihren Schatten hier oben gesehn, und ich dachte
es mir wunderbar, hier oben unter den Sternen zu sitzen und von
erhabenen Dingen zu reden. Ja, -- ich kam so vorbei ... Die
Heimgekehrten ergötzt es, wissen Sie, Stadt und Gegend zu durchwandeln
und an den leisen Veränderungen den süßen Kitzel des Unwandelbaren der
Heimat zu verspüren, und so geriet ich in diesen Park. Nun kommen Sie,
wir wollen die Sterne betrachten!« Georg fühlte sich leicht am Arm
ergriffen und folgte an die Brüstung.
»Ach, da steht ja auch Wein!« bemerkte Josef, »oh, erlauben Sie mir
einen kleinen Schluck?«
Er trat an den Tisch. Georg murmelte etwas und benutzte die Gelegenheit,
um sich völlig zu sammeln, beruhigte sein klopfendes Herz, die Hände auf
die Brüstung stützend und in die Sterne blickend; der Himmel war ihm
jetzt nur eine verschwommene, über und über glitzernde und funkelnde
Wand von Gold, in der seltsam blaue, rote und grünlichweiße Lichter
zuckten. Sich wendend, sah er Montfort mit dem Becher am Munde und
streckte die Hand aus.
»Geben Sie mir auch«, sagte er, sich räuspernd. Montfort gab ihm den
Becher, er trank begierig, der Wein schien noch einmal so kühl und
duftend. Er stellte den Becher hin und ließ sich, da Montfort auf der
Brüstung Platz genommen hatte, in den Sessel fallen. Josef, mit einer
umfassenden Geste des rechten Armes, sagte:
»Der Mensch und die Sterne -- das heiße ich den Gipfelpunkt des
Irdischen. Obendrein sind Sie seit gestern zur Hälfte Großherzog, -- ah,
nicht wahr, Sie bejahen das Leben?« Er lachte leise.
»Sie sagen das so sardonisch«, lächelte Georg.
»Mich,« versetzte Josef, »mich lächert es immer, wenn ich so in den
Zeitungen lese von großen Autoren als den Bejahern oder Verneinern des
Lebens. Auf tief pessimistischer Basis, so las ich neulich von
irgendwem, bejahte er dennoch das Leben. Hanswürste, die sie sind! Da
sehe ich jemand vor vollbesetzter Tafel sitzen, hungrig wie ein Löwe,
und essen, was sich essen läßt, aber -- er verneint das Essen, er
schreit: Nein! nein! zwischen jedem Bissen und jedem Schluck. Begreifen
Sie, Prinz? Ich kann das Leben verneinen durch Handlung, indem ich mich
hinausbegebe, aus dem Leben oder zumindest aus der Gemeinschaft, also
aus dem menschlichen Leben. Aber das Leben zu verneinen durch Meinung,
zu leben unter Neinneingeschrei ... welch ein abscheulicher Unsinn! Und
nun erst gar die Bejahung. Ich bin am Ertrinken und sage zu dem, der
mich über Wasser hält, unablässig: Ja! ja! ja! du hältst mich über
Wasser. Was soll das? Kann der bejahen oder verneinen, der gar nicht
gefragt wurde? Aber natürlich: Charakter muß der Mensch haben, so
heißts, und zudem eine deutlich erkennbare Weltanschauung. Ach, und über
uns sind die Sterne! Wer darf noch an den Nachtraum -- die Stirne lehnen
wie ans eigne Fenster? Kennen Sie diese Verse von Rilke?«
Georg, tiefer in sich versinkend, hörte mit mächtiger Ergriffenheit über
sich die kostbare, tönende Stimme in der Nachtluft:
»Siehe, dies -- Bedürfte nicht und könnte, der Entfernung -- Fremd
hingegeben, in dem Übermaß -- Von Fernen sich ergeben, fort von uns. --
Und nun geruhts und reicht uns ans Gesicht -- Wie der Geliebten
Aufblick, schlägt sich auf -- Uns gegenüber und zerstreut vielleicht --
An uns sein Dasein, und wir sinds nicht wert.
»Vielleicht entziehts den Engeln etwas Kraft, -- Daß nach uns her der
Sternenhimmel nachgiebt -- Und uns hereinhängt ins getrübte Schicksal.
-- Umsonst. Denn wer gewahrts?
»Und wo es einer -- Gewärtig wird: wer darf noch an den Nachtraum -- Die
Stirne lehnen wie ans eigne Fenster? -- Wer hat dies nicht verleugnet?
Wer hat nicht -- In dieses eingeborne Element -- Gefälschte, schlechte,
nachgemachte Nächte -- Hereingeschleppt und sich daran begnügt?«
Die letzten Worte mit Härte niederschmetternd, schwieg der dunkle
Sprecher vor den Gestirnen, und Georg, hingerissen und bis zum Weinen
erschüttert, stammelte: »Ja, ja, ja! so ist es, es ist wahr, oh, hören
Sie nicht auf, sprechen Sie weiter, es muß weiter gehn!«
Montfort schwieg, begann nach einem Schweigen, während Georg mit
verschwimmenden Augen, vorgebeugt im Stuhl, zu ihm aufsah:
»Wir lassen Götter stehn um gohren Abfall, -- Denn Götter locken nicht.
Sie haben Dasein -- Und nichts als Dasein, Überfluß von Dasein, -- Doch
nicht Geruch, nicht Wink. -- Nichts ist so stumm wie eines Gottes Mund.
-- Schön wie ein Schwan -- -- Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche --
So zieht der Gott und taucht und schont sein Weiß ...«
Georg fühlte Tränen über sein Gesicht laufen und wehrte ihnen nicht.
Nie, dachte er, in keinem Traum erfuhr ich solche Wonne der Tränen.
Siehe, da stand Montfort groß und schwarz vor den beweglichen,
schlagenden, strömenden Sturzfalten von Nacht und Gold, und es war, als
ob er sänge:
»Nur der Gott! -- -- Wie eine Säule läßt der Gott vorbei, verteilend, --
Hoch oben, wo er trägt, nach beiden Seiten -- -- Die leichte Wölbung
seines Gleichmuts ...«
Georg, von kalten und wilden Schaudern überronnen, schloß die Augen. Wie
war es? wie hieß es nur? Auf seiner Ewigkeit grundloser Fläche, so zieht
der Gott und taucht und schont sein Weiß ... Oh ... oh! schont sein
Weiß! Es war kaum zu ertragen. An allen Gliedern gelöst, fühlte er sich
in ein grundlos Weiches mit unsäglicher Wollust einsinken, hörte aber
jetzt laut durch das Sausen und Singen in seinen Ohren drei starke
Schläge gegen eine Tür. Wild zusammenfahrend, setzte er sich auf.
Niemand war bei ihm.
Was war das? Habe ich geträumt? -- Das Herz klopfte ihm dicht unterm
Halse, er fühlte sich seltsam schlaff, elend und an alles ausgeliefert.
Wüste Furcht krauste ihm die Haut des Rückens, des Kopfes und der Stirn.
Er schüttelte sich und fühlte sich sehr müde im Körper; aber der Geist
war frei. Er sah nach dem Orion, aber nachdem der einen Augenblick über
ihm aufgeblitzt war, war er völlig verschwunden, die Nacht ganz leer an
seiner Stelle.
Georg fuhr sich mit der Hand über die Augen. Das ist ja unheimlich,
murmelte er. Die Augen wieder öffnend, sah er zu seinem heftigen
Entsetzen die Umrisse eines Riesen von flammend blauer Farbe am Himmel
schweben; sie entfernten sich langsam, wurden kleiner und kleiner und
verschwanden.
Da! Wieder die drei starken Schläge an der Tür -- -- es mußte unten die
Tür der Sternwarte sein. Georg stand wankend auf, packte mit letzter
Kraft seine Furcht und stieß sie fort. Einen Augenblick stand er wütend,
konnte nichts sehn, dann lief eine große, schneeweiße Kugel auf der
Mauerbrüstung vor ihm bis zum Rand, schwebte dann und entfernte sich
nach rechts. Da peitschte das Entsetzen auf ihn ein, er stürzte zum
Treppenschacht, die eisernen Stufen dröhnten unter seinen Füßen, er
stolperte, rutschte am Geländer hinab, gewahrte dann den Lichtschein in
der getäfelten Halle. Kaum aber, daß er die sieben Flammen des
Kronleuchters und die beleuchtete Tischplatte ins Auge gefaßt hatte,
einen Pulsschlag lang beruhigt, waren sie verschwunden. Er warf den Kopf
herum, sah die Tür, die zum Gang ins Schloß führte, wollte drauf zu,
aber sie war nicht mehr da.
Vor Angst kaum noch wissend, was er tat, ging Georg mit vorgestreckten
Händen tastend auf die Pforte zu, erlangte einen Pfosten, ertastete die
Klinke, riß auf und taumelte zurück vor einer finster schwarzen Gestalt,
die darin stand, augenlos, eine spitze Gugelkappe anstatt des Kopfes auf
den Schultern. Georgs Schrei vergurgelte, da die Gestalt im selben
Augenblick spurlos verschwunden war. Statt ihrer sah er jetzt seinen
eignen Schatten riesenhaft über die wieder sichtbare Tür ins Getäfel
heraufsteigen, ein furchtbar beängstigender Anblick, so daß er beide
Fäuste in die Augen stieß. So, einen Augenblick in sich selbst
zurückgepreßt, gelang es ihm, sich zuzustammeln: du fürchtest dich
nicht, nein, das ist seine Furcht, das ist -- er fand nicht, was es war,
fühlte sich wehrlos, ergrimmte, würgte sich minutenlang herum mit der
Furcht, riß die Augen auf und sah zu seinem unermeßlichen Staunen einen
feurig roten Engel dicht vor sich stehn, leider ohne Haupt, die Fittiche
weit entfaltet, doch schrumpfte er alsbald zusammen und schwand, während
Georg, zerrissen von Wut und Entsetzen, mit geballten Fäusten auf ihn
zutaumelte.
Da stand er vor der Tür, die ins Freie führte und stieß sie auf. Gott im
Himmel, es stand wieder der Schwarze darin, ohne Haupt und Augen, nur
die Gugelkappe zwischen den Schultern.
Nein, was denn, was denn? Nichts war da, sondern ein wunderbarer Gang
von milchfarbenen Säulen, die von innen bläulich erleuchtet waren,
hunderte in einer Reihe, die ins Endlose führte. Georg starrte so lange
hin, bis sie in sich zerflossen. Da war die Nacht draußen, am Pfosten,
zur Seite getreten, stand der Schwarze, und dort, mitten auf dem weißen
Wege, in der Dämmrung, ein zweiter, still, ohne Bewegung. Georg warf
sich herum ... Es waren drei! Der dritte stand -- es war der erste -- in
der andern Tür, und Georg wich, gefühllos geworden, rückwärts bis zur
Wand, fühlte sie mit den Händen hinter sich und lehnte sich daran. Der
Schwarze in der Gangtür war schon wieder fort, aber der andre war ins
Zimmer gekommen, wo er sofort verschwand, jedoch in die Tür trat der
dritte und verschwand, aber nun war der erste wieder sichtbar, war näher
gekommen und stand dicht neben dem siebenarmigen Leuchter, der im selben
Augenblick ausgelöscht und nicht mehr da war.
Georg schloß die Augen, versuchte zu lauschen, hörte aber keinen Laut.
Als er die Augen zu öffnen versuchte, standen da drei Schwarze mit
Gugelkappen in einer Reihe, einen Augenblick, dann waren sie fort.
Alsbald jedoch erschien der linksstehende wieder, der in der Mitte
alsdann, zuletzt der rechte. Kalte Tropfen liefen über Georgs Stirn,
sein Haar knisterte, er krallte die Finger hinter sich in die Wand und
hörte jetzt eine sanfte und schöne Stimme sagen:
»Nicht fürchten ...«
Er richtete sich schlotternd auf. »Ich fürchte mich nicht,« stammelte
er, »was willst du?«
Da standen die drei Schwarzen wieder, in Abständen voneinander, es war
aber schon tröstlich genug, daß sie nicht entschwanden, sondern blieben.
Lange Zeit war kein Laut zu hören. Endlich machte die tiefe und ruhige
Stimme sich wieder auf:
»Wir sind gekommen, aber wir kommen nicht aus der Zeit. Aus Zeit ist
unser Kleid, das schwarze, fremde. In Zeiten wüst und abenteuerlich,
ging auch das Rechte und das Wahre, das im Licht verstummte, in Nacht
gekleidet und vermummte sich in schwarzes Kappenzeug und schwarzes
Hemde; zu richten über Ritterhelm und Diademe, Wirrnis zu schlichten,
Böses zu vernichten, kam bei Nacht die Feme, Tore öffnend mit dem
Zauberring, und nichts, das ihr entging.
»Fürchte dich nicht! Sei wie die sieben Lichter in unsrer Nähe nicht
voll Angst und Graun, obwohl zu schaun nicht unsre Angesichter und unsre
Namen dir verborgen sind. Dein Herz, das von Entsetzen noch gerinnt,
samml' es getrost, denn wir sind keine Schlimmen, sind Kläger nicht,
noch Henker oder Richter, sind nur Stimmen, und was mit unsrer Zunge
spricht, ist das Verborgene in deinem Herzen, sonst ists nichts.
»Denn wir sind eingedenk des Lichts wie du; obwohl wir gleichen
ausgelöschten Kerzen, leuchten wir dir zu, auf daß es helle wird in
deinem Herzen.«
Die Stimme schwieg. Georg, aus Schaudern in Schauder stürzend, fragte
angstvoll, da das Schweigen dauerte:
»Was wollt ihr?«
Eine härtere, hellere Stimme, die von rechts zu kommen schien, sagte:
»Prinz Georg Trassenberg.« Und nach einem Schweigen: »Vorgeblich.« Und
nach aber einem Schweigen: »In Wahrheit Sohn der Kaja Moscherowska.«
Georg fuhr mit dem Oberkörper nach vorn, öffnete den Mund, stammelte:
»Ka--« Aber der Sprecher zur Rechten erhob die Hand und sagte:
»Still! Wir klagen nicht an, wir urteilen nicht, wir richten nicht, wir
nennen. Wir sind nur Stimme. Anklage, Urteil und Vollstreckung übt
allein dein eigenes Herz.«
Um Georg zuckte und schwirrte der Raum. Die Drei standen unbeweglich,
hinter sich ihre die Wand emporsteigenden Schatten. Die sanfte, erste
Stimme tat sich auf:
»Das Kind Esther schläft an dem Grunde des Meeres. Ist in deinem Herzen
nichts, das sich verflochten fühlte mit dem Untergang einer ratlosen
Seele?«
Georg zitterte heftig, senkte schwer die Stirn, bewegte die Lippen ohne
Laut, zitterte nur. In weiter Ferne sagte jemand: »Sigune ...«
Sie lebte ohne mich noch, bewegte es sich in Georg, sie lebte, sie lebte
... Eine ungeheure Angst drang auf seine Seele ein, er fühlte seine
Glieder an sich hängen wie erschlagen, totmatt, schwer wie gefüllt mit
Steinen.
»Wir reden nicht von Schuld und nicht von Sünden«, scholl es sanft und
fast liebevoll nahebei. »Wir sind allein gekommen, zu verkünden, was in
der Brust dir schlummert eingelullt. Bedenke: nichts auf Erden wird
durch fremden Griff und äußres Handeln. Aus dir selber mußt du werden,
kannst dich aus dir selbst nur wandeln! Aus der Ferne kann nichts an
dich heran, nur du selbst allein kannst dich gefährden. Daß vom Dache
fällt auf dich der Stein, lenkst du selbst in jene Straße ein. Niemand
kannst auch du verletzen, aus ihm selber kommt ihm Pein, Lust erkaufst
du nicht mit Schätzen, du bist selber Rausch und Wein. Niemand stürzt
durch deine Hand, Schuld verstrickt sich nur mit Schulden, nie bedacht
und nie erkannt, -- aber du mußt es erdulden. Hiermit schweige unser
Chor. Nicht von außen, nein, von innen tönten wir zu deinen Sinnen,
stiegen aus dir selbst hervor; wandeln wir auch jetzt von hinnen, keiner
sich von uns verlor. Sieh uns schwinden ... tausendmal, über Bergen, im
Tal, du hast keine Wahl, -- immer wirst du uns wieder finden.«