Unablässig funkelten die Gestirne.
Georg, auf dem Dache der Sternwarte, schräg auf der niedern, steinernen
Brüstung sitzend, hatte die goldübersäte Wand des südöstlichen Himmels
vor Augen; wieder und wieder jedoch zog das lebendige Gefunkel zur
Rechten seinen Blick herum, und folgte er dorthin, so brach weiter
rechts neue Funkelbewegung auf und zwang sein Auge weiter und abermal
weiter und so fort, -- er mußte sich drehen, den rechten Arm hinter sich
aufgestützt, so daß die rauhe Fläche von Stein in seinen Handballen
brannte, und bis sein Nacken sich weigerte, weiter herumzugehen. Dann
loderte über seinem Haupt andere Heerschar; ein geheimnisvoller Strom,
weißlich und nebelnd, ergoß sich die Milchstraße vom Zenit bergunter,
alle Ufer umblitzt und umglitzert vom Sterngetümmel in tausend Formen,
in schweren Klumpen gleich Waben, gefüllt mit Nacht, in reichen Trauben
und Gewinden, in seltsamen Kränzen und durchbrochenen Reigen, alle
lebendig, beweglich von Licht, zitternd, strahlend, keiner dem andern
gleich, winzige und einzelne gewaltige, nahe scheinende und unsäglich
ferne, vergehende Lichter im Hauche der Finsternis. -- Aber da war der
Schattenumriß des Schloßdaches hinter Georgs rechter Schulter in der
Nacht, der Schatten des hangenden Fahnentuches in selten fallender
Bewegung, eine bleiche Geste, welche die Sterne hin und wieder
verdeckte, unkenntlich, doch schimmerte einmal -- wie ein Antlitz -- das
bleiche Weiß ...
Kein Laut war in der Nacht. Schweigsam im Nachtblau standen die
abertausend stillen, in sich beweglichen Goldpunkte, die wachsamen
Posten, durch alle Räume der Himmel hin verteilt auf den ewigen Bergen.
Nun schienen es Gefäße, glasklare, voll von einer feurig leuchtenden
Flüssigkeit, in der geheimnisvolles Dasein sich regte, Kristalle
vielleicht, riesige, in denen gefangene Götter die Glieder bewegten,
Göttinnen oder heilige Tiere, ruhend das Einhorn, still blickend der
Widder, großhäuptig, wachsam schläfrig der Leu, scharfäugig der Greif.
Schöne Kugeln waren auch da, gefüllt mit Lebensessenz, in der liebliche
Kinderseelen atmeten mit ganzem Leib, -- denn immer atmete es dort oben
und lächelte, immer ging eine Woge von Odem, eine stürmisch sanfte Welle
von Lächeln über ganze Scharen der Goldenen hin, und sie flackerten
wehend auf wie Felder von Fackeln.
Daß auch nicht Einer dem Andern glich! So wie unten das menschliche
Gewimmel erst gleichförmig erscheinen mag und doch zehntausendfach und
mehr wandelbar und wechselvoll ist an Charakter und Art, an Seele und
Leidenschaft, an Schicksal und allen Farben der Stunden und der Jahre,
der Freude und des Schmerzes, so waren auch dort oben die Völker an
Seele mannigfalt, Alle nur einander ähnlich durch Liebe, durch Ruhe,
durch Glanz. Oh, und das waren keine kleineren und größeren Lampen,
entzündet am harten Gewölbe, an dem sie hafteten! Sondern der Himmel war
nachtblaue Tiefe, farblos fast, bräunliches Dunkel, ewig beschattete
Weltenräume, in denen die Erden schwebten. Ach, wogten sie nicht nieder
und auf in einem gewaltigen Takt? -- Nein, sie ruhten! Sie zogen wie
lautlose Schwäne jeder seine Bahn, zeitlos, spurlos in der riesigen
Flut, und sie lächelten im Entschwinden. Tauschten sie Fahrtzeichen und
Wink im Vorübergleiten? -- Da schienen scharenweise die flammenden Feuer
zu wanken und zu erlöschen, scharenweise aber loderten sie höher empor
-- Georgs Herz zog sich schaudernd zusammen --, das Firmament bewegte
sich! Heere zogen klirrend auf über ungeheure Brücken, Heere schwärmten,
Geschwader kamen triumphierend entgegen, sie teilten, sie schlossen sich
wieder, sie wanderten im Takt, unerschöpflich überstiegen neue mit
Bannern und Panzern den finstern Rand der Tiefe, ein lautlos
unbeschreiblicher Jubel wogte mit ihnen herauf, -- wie Heere der Erde in
Wolken des Staubes, in Wolken von Jubel wanderten diese, -- o es war
Seligkeit in den Sternen, rieselnde, feurige, bebende Seligkeit des
nächtlichen Daseins, Seligkeit im Übersteigen der Nachtgebirge,
Seligkeit, zu strömen in goldener Woge, Millionen Tropfen zur Woge
geschlossen, Seligkeit, einsam dahinzuziehen, Seligkeit, in luftigen
Ketten zu hangen, in Kränzen sich zu wiegen, in Bildern sich zu ordnen,
Seligkeit, sich anzutönen mit Licht, in Strahlen sich zu umfassen, in
dunkler Kraft einander schwebend zu erhalten, Seligkeit, grenzenlose
Seligkeit des unendlichen Nichtwissens von Anfang und Ende, und
millionenstimmig brach aus goldenen Lippen der Schrei ihres leuchtenden
Schweigens: Ewigkeit! Ewigkeit! Gott will es! Gott will es! -- --
Namenlos geworden, der unten lauschte, beugte die betäubte Stirn,
glühend und frierend voll Schauder. Verschleierte Augen schauten, kaum
noch die Höhe der goldgestirnten Gebirge ertragend, wie der Himmel
wankte, Massen von Sternen herunterstürzten; Goldrutsche, entfesselt,
schlugen mit lautlosem Dröhnen gegen die Wandung seines Daseins und
zerstäubten in Musik; es kreiste, in schmetternder Eile, sausend aus
Unermeßlichkeit daher, in Unendlichkeit dahin, jagten Welten über Welten
einander nach, tönend ohne Schwingen, klirrend von Licht, aufblitzend
und erlöschend im Eise der Finsternis, Sturmatem schnob ihnen nach, die
gewaltigen Tiere, auf riesigen Flößen aufrecht stehend, flogen durch die
Nacht, aufrecht in den Zenit starrte des Einhorns goldene Stirnlanze,
der Löwe hob die Pranke und brüllte goldenen Donner über die Eisfelder
der Einsamkeit, riesig ausgebreiteter Schwingen schwebte der Greif,
schlug die Fittiche knatternd und warf sich in schwingenden Bögen
gewitternden Tiefen zu, und riesigen Wuchses, auf seinem Schilde
stehend, den gewaltigen Bogen spannend, daß die bis zum Ohr gezogene
Sehne klang, stürmte der titanische Orion aus der Nacht herauf, die
Sehne klirrte, der Pfeil stürzte sich und fuhr unten in ein Herz,
aufschreiend riß es die Augen auf und sah -- den stilleren Himmel, sah
still stehn, zur großen Kuppel gewölbt, das ganze Firmament, leise
flackernd in zehntausend Leuchten, ruhig blickend mit zehntausend Augen,
eine zitternde Welle von Innigkeit überlief sie, -- sie schlossen sich
lächelnd, sie öffneten sich wieder, und -- ach, nun, nun quoll wieder
aus der Tiefe der Welt der ruhige Atemzug, der Hauch des Unsterblichen
aus seiner dunklen Ferne, von dem alles lebte, was war. --
Georg nahm das nasse Gesicht aus den Händen. Er glaubte, sie ganz
eingetaucht zu haben in den Himmel, in die unsterbliche Flut, -- ja,
entströmte ihnen nicht noch Duft, der letzte Hauch andern Lebens, wie
Leben und Frische aus schlafenden Blumen bei Nacht? Unablässig aber
funkelten die Gestirne, wogten, schwiegen. Sie schwiegen, doch kein
Gedicht und keine Musik tönte so beredt wie die Sprache ihres Schweigens
in das Herz, denn Wissen senkte sich von ihnen zur Unwissenheit
unmittelbar, mit Glanz, mit Lächeln, mit Stille, mit blickender
Gewißheit. Die Sterne wußten und schwiegen ihr Wissen in die Welt aus,
die Sterne wußten und hielten nicht an sich mit Wissen, zeigten es
unverhüllt in ihrer ruhigen Gestalt von oben, neigten sich sprachlos und
teilnahmsvoll in der Höhe, und Zuversicht strömte aus ihnen, ein milder
Regen in die keuchende, seufzende, ratlose, beklemmte Brust, -- da war
sie schon aufgetan, sicherer, leichter, atmend und wunderbar beruhigt.
Der Augenblick, wo unten das Auge und ein Auge dort oben sich begegnen
im sprachlosen Austausch des Sinnens, der Augenblick ist ohne Zeit,
nichts geschieht, nichts löst sich, bewegt sich und fällt, und nichts
steht auf. -- Nein, Herz, sagte es leise in Georgs Tiefe, von deinem
Schicksal wissen die dort oben nichts, was könnte es sie kümmern? Was
geht es sie an, ob du das Auge hier aufschlägst zu einem Blick oder ein
Andrer? Deine Handlungen und deine Träume, dein ganzer Wandel ficht sie
nicht an, sie gehören sich selber an, sie wissen nur, sie wissen! Schau
du in diesen Spiegel heut und nach einem Jahr, einmal und noch einmal
zwischen Tod und Geburt; sehen wirst du nichts, doch zitterst du wohl,
und das Schauen genügt.