Es war, als sei dem Menschenauge eine neue Netzhaut geschenkt, weit

empfindlicher als die alte organische des Wirbeltierauges, die wir von

der Natur mitbekommen haben.

Auf dieser Netzhaut der photographischen Platte erschien auf einmal

der ganze Fixsternhimmel wie durchsetzt, durchsponnen von lauter

nebelhaften Gebilden, die kein Mensch hatte ahnen können. Was Herschel

und Lord Rosse, die größten Nebelforscher bisher, für einzelne

Nebelflecke gehalten, das verknüpfte sich vielfach, Lichtbänder

liefen als Brücken herüber und hinüber, die scharfen Umrisse, die man

gezeichnet und nach allerlei Aehnlichkeiten benannt hatte, lösten sich.

Ueber ganze Sternbilder war glimmender Dunst ausgegossen, allerorten

badeten Fixsterne geradezu in Nebelwellen.

Was sollte das?

Die Sache wurde noch komplizierter. An gewissen Stellen wurde

geradezu ein Zusammenhang deutlich zwischen großen, längst bekannten

Fixsternen, die jeder zu unserem System rechnete, und dieser

Nebelmaterie. Diese Sterne standen nicht perspektivisch bloß zufällig

vor dem Nebel. Sie glühten aus ihm heraus, bildeten Verdichtungen in

ihm. Nebelstrahlen und Schweife flossen unmittelbar von ihnen aus wie

ungeheure Kometenschwänze.

Es war ein absolutes Stück der Unmöglichkeit, vor diesen neuen

Karten an dem alten Humboldt’schen Gedanken in seinem ganzen Umfange

festzuhalten. Waren auch diese neuen Nebelgebilde ferne Weltsysteme, so

mußten unbedingt auch einzelne echte Sterne, beispielsweise im Orion,

aus unserem Milchstraßensystem ganz herausfallen. Wie unfaßbar groß

sollten sie aber dann sein, daß man sie doch noch einzeln im Nebel sah?

Aber es standen ja Nebel über Nebel in der Milchstraße selbst? Mitten

also in der angeblichen Flächenachse unseres eigenen Systems, wo die

gehäuften Sterne uns die Aussicht gerade in den weiteren Raum sperren

sollten!

Eine große Reaktion trat ein.

Die Nebelflecke sind überhaupt keine Welteninseln außerhalb unseres

Systems, wurde Parole. Inmitten unserer eigenen Sterninsel schwimmen

Nebelwolken allenthalben herum. Alle jene Rechnungen über Entfernungen

von Millionen Lichtjahren sind eitel. Schon in ein paar Lichtjahren

Entfernung können Nebel liegen.

Weit fort vom alten Ziel bog sich die Arabeske.

Wenn nun auch der alte Baustein der ganzen Theorie, der

Andromeda-Nebel, schließlich nur einige zwanzig oder dreißig Lichtjahre

von uns abstand, wenn er ganz friedlich innerhalb unseres Systems,

diesseits am Ende gar noch von Plejaden oder Orion, schwebte✹......?

Stimmen wurden laut, die schlechterdings jede Möglichkeit eines

Hindurchsehens zwischen unseren Systemsternen bis auf andere Systeme

leugneten. Mochte es immerhin solche Systeme in der Unendlichkeit

des Raumes noch geben, -- mit nichts schien auf einmal bewiesen,

daß wir sie überhaupt sehen müßten. Der Zwischenraum konnte so groß

sein, daß die Lichtwelle darin starb, daß das Licht von den feinsten

Materieteilchen, die den Weltraum unsichtbar doch noch überall

erfüllten, einfach aufgezehrt, absorbiert wurde.

Und es gab eine Betrachtungsweise, die dem sogar scheinbar noch zu

Hilfe kam.

Sie ging aus von der inneren stofflichen Beschaffenheit der Nebelflecke.

Die Arabeske hatte hier ihren Sonderarm getrieben seit Kants und

Herschels Zeit. Dreimal hatten die Lehrbücher an diesem Punkte in

hundert Jahren umgeschrieben werden müssen, -- jetzt eben nahte das

vierte Mal.

Als ein Eroberer großen Stils war Herschel im achtzehnten Jahrhundert

durch die Sternenwelt gezogen. Welten hatte er vergeben dürfen, uralte

Traditionen brechen und neue Bande schlingen. Aber auch für ihn gab es

einen Punkt, wo sein Rohr versagte. Eine Anzahl jener Nebelgebilde,

die Kants Interesse so lebhaft geweckt, vermochte er noch in Sterne

aufzulösen. Andere nicht mehr. Und es war in der Tat gerade der

Andromeda-Nebel einer der zähen gewesen, der seine Milchstraße aus

Fixsternen, wenn er sie besaß, doch dem Weltbezwinger nicht mehr öffnen

wollte.

Woran lag das?

Im Sinne der späteren Humboldt’schen Betrachtungsweise konnte es keine

einfachere Erklärung geben, als daß diese Sterneninsel eben wirklich

so unfaßbar weit von uns ab im offenen Raumozean schwebe, daß wir mit

stärksten Fernrohren doch kein einzelnes Sternflämmchen mehr darin

unterscheiden könnten.

Herschel war selbst aber schon vorsichtiger. Der unlösbare Nebel konnte

auch deshalb unlösbar scheinen, weil nichts zu lösen in ihm war: er

konnte ein Chaos glühender Nebelmaterie wirklich sein. Und dafür war

Herschel, obwohl es im Grunde ja Meinungssache blieb.

Im neunzehnten Jahrhundert stellte Lord Rosse jedoch in England ein

noch viel größeres Rohr auf und setzte den Feldzug an dieser Ecke des

Herschel-Reiches noch nachhaltiger fort. Diesmal fiel wieder eine Reihe

angeblich unlösbarer Nebel in Sternstaub auseinander. Und die Erfolge

kamen so Schlag auf Schlag, daß die Schale zu Herschels Ungunsten zu

sinken begann. Das Problem kam nun doch, schien es, aus der reinen

„Meinung“ heraus. Wer die Dinge verfolgte, erwartete eines Tages zu

lesen, daß der nebelerpichte Lord auch den Andromeda-Nebel atomisiert

und damit diese ganze Sachlage endgiltig geklärt habe.

Auch die äußersten Nebel, wäre dann sicher gewesen, waren

Milchstraßen-Systeme im Sinne Kants, -- aber ihre Lösbarkeit gab auf

der anderen Seite aus sich keinerlei Beweis für übermäßig große Ziffern

der Entfernung.

Statt dieser wahrscheinlichen Entscheidung durchzitterte aber plötzlich

wie ein Alarmsignal die Kunde von einer ganz anderen Entdeckung die

astronomische Welt.

Kirchhoff und Bunsen hatten abermals -- nicht einen neuen Stern oder

Nebelfleck, sondern ein neues Auge entdeckt. Ein Werkzeug-Auge, gleich

den Linsen des Fernrohrs, aber noch viel wunderbarer. Ein chemisches

Auge durfte man es nennen.

Zwischen Stern und echtes Menschenauge wurde diesmal nicht eine Linse,

sondern ein geschliffenes Glas, das man Prisma nennt, eingeschoben.

Dieses Glas wirkte auf das Licht wie die Sieböffnung einer Gießkanne

auf den Wasserstrahl des Gießkannen-Rohres: es zerlegte seinen Strahl

in ein Bündel Einzelstrahlen. Dabei kam je nach der Art des Lichtes

ein besonderes Geflecht gewissermaßen dieser Einzelstrahlen zu Tage,

das sich in allerhand Lücken, dicken und dünnen Fäden, dieser und

jener Anordnung, größerer oder geringerer Vollzähligkeit und so weiter

offenbarte. Indem man irdische Lichtstrahlen, deren Quelle bekannt

war, durch dieselbe Gießkanne laufen ließ und die Verschiedenheiten

ihres inneren Aufbaues dabei studierte, glückte es, das Licht gleichsam

zu einer Aussage zu zwingen, ihm eine uns verständliche Sprache

aufzunötigen. Das Licht, das von einem weißglühenden Körper ausging,

spritzte anders aus der Gießkanne des Prismas als das, das von einem

glühenden Metalldampf kam. Die Metalldämpfe unter sich gaben wieder

verschiedene Bündel, und vollends noch wieder anders wirkte Weißglut,

die quer durch einen solchen Metalldampf hindurch strahlte. Hatte

man das einmal in so und so viel Fällen unter Kenntnis der Quelle

festgestellt und aufgezeichnet, so konnte man jetzt umgekehrt bei

Lichtstrahlen, deren Quelle man zunächst nicht kannte, einen Schluß

aus dem Gießkannen-Ergebnis auf diese Quelle nach Analogie jener

anderen Proben machen. Und das traf auch die Sterne.

Sofort war klar, daß die Sonne ein weißglühender Körper hinter einer

Schicht glühender Metalldämpfe sein müsse, denn genau dem entsprach das

Strahlenbündel, das das Sieb des Prismas aus ihrem Licht ergoß. Ein

sinnreicher Schluß erlaubte sogar, die Einzeldämpfe dabei noch wieder

besonders herauszusieben und so ein Bild der chemischen Zusammensetzung

wenigstens dieser Sonnenhülle zu erzielen, als hätten wir ihre

Bestandteile handgreiflich in unserem irdischen Laboratorium beisammen

und könnten sagen: hier dampft Eisen, hier Nickel, hier Natrium,

hier dieses oder jenes andere Metall, von ungeheurer Glut zu Wolken

verflüchtigt.

Der nächste Schachzug war dann eine wundervolle Bestätigung des alten

welterschütternden Gedankens des Giordano Bruno. Die Fixsterne waren

ihrem Licht nach ebenfalls solche Sonnen. Einige glichen unserer Sonne

geradezu in jedem Zuge. Andere waren etwas verschieden, aber doch nur

so viel, daß man sah: es glühte hier eine noch etwas heißere Sonne oder

dort eine, die umgekehrt schon ein wenig mehr abgekühlt war als unser

treuer Helios.

Der dritte Streich aber sprang auf die Nebelflecke über. Und im

gleichen Moment lag Lord Rosse trotz seines Riesenfernrohrs wieder

unten und der alte Herschel mit dem kleineren Rohr war glänzend

rehabilitiert.

Wenn die Nebelflecke sämtlich echte Schwärme schon vollständig

ausgebildeter Fixsterne waren, so mußte die neue Untersuchungsart mit

dem Prisma (die Spektral-Analyse, wie man es wissenschaftlich nannte)

notwendig ebenfalls ein sonnenähnliches Lichtbündel bei ihnen liefern.

Denn ob nun eine Sonne oder hunderttausend, -- diese Lichtprobe läßt

sich nicht auf Verschwimmen zu Nebelmassen ein: sie liefert in der

Summe einfach nur wieder den gleichen Ausweis, den jedes einzelne

Sternflämmchen darin aushändigen müßte.

Nun denn: einer ganzen Anzahl der längst bekannten Nebelflecke fiel es

tatsächlich nicht ein, den bewußten Sonnen-Ausweis zu liefern. Statt

der Weißglut hinter Metalldämpfen zeigten sie schlechterdings bloß

das Bild, das auf Erden von einem einzigen glühenden Gase ausging:

nämlich von Wasserstoff. Sie lieferten es kompliziert noch durch

einige Anzeichen einer Mischung dieses Gases mit anderen Gasarten, die

zunächst niemand aus irdischer Aehnlichkeit deuten konnte. Seither

haben wir entdeckt, daß mindestens ein solcher Mischungsbestandteil das

ungemein merkwürdige Helium ist, -- ein Stoff, den man zuerst nur eben

mit Hilfe der Spektral-Analyse auf der Sonne nachgewiesen und danach

Helium (von Helios) benannt hat, der aber zu guter Letzt doch auch noch

auf unserer braven Erde selber gefunden worden ist, auf daß das kleine

kosmische Museum, das uns in dieser Erde gegeben ist, auch in diesem

Punkte sich als vollständig erweise.

Diese Nebel waren also, was das Wort sagte: wirklich Nebel, -- frei

im Raum schwebende Wolken glühenden Stoffs im Zustande des Gases, --

vornehmlich leuchtende Nebelwolken aus Wasserstoff.

Gegen diese Deutung des neuen Werkzeug-Auges Prisma gab es keine

Instanz mehr, -- die Natur hatte gesprochen.

Die Anhänger jener Kant’schen Weltbildungstheorie, nach der

Milchstraßensysteme sich erst allmählich aus losem Weltennebel zu

Fixstern-Haufen entwickelt hatten, waren zufrieden. Mit Rosse war ihre

Sache bedenklich geworden. Jetzt stand sie wieder. Diese Nebelflecke

waren eben noch keine Milchstraßen-Welten in unserem Sinne, aber

Welt-Embryonen, werdende Keime, bei denen alles noch im Nebel lag.

Vielleicht war der Wasserstoff das Ur-Element, aus dem sich die andern

erst durch Abkühlung bildeten.

Noch einmal wurde an dieser Wende das Humboldt-Bonmot mit besonderem

Nachdruck vorgebracht. Diese Nebelflecke erschienen uns deshalb noch

im Werdezustand, als wahre Ur-Nebel, weil sie so unausdenkbar weit

von uns abstanden, daß jetzt erst die Lichtpost ihrer millionenalten

Vergangenheit, ihrer Ur-Zeit, das Lichtsieb unseres Prismas erreichte.

Nicht lange aber -- und auch die Skeptiker fanden vor der gleichen

Sachlage Mut.

Echter Nebel blieb Nebel -- ob nah, ob fern. Ein Nebel, der bloß

perspektivisch aus unzähligen Sternpunkten zusammenfloß, war

sicherlich recht fern. Konnte gar das beste Fernrohr ihn nicht mehr

auflösen, so war er ganz gewiß sehr, sehr fern. Ein Nebel aber, der

auch auf zehn Schritt Entfernung eben Nebel geblieben wäre, da er eine

Wolke glühender Luft ohne Sternpunkte darin war, -- er „konnte“ eben

auch, wenn man’s sonst wollte, dicht vor unserer Nase stehen. Dieses

„Sonst wollen“ wurde nun lebhaft bestärkt, seit die Photographie

jenen allgemeinen Umschlag in der Nebel-Deutung angebahnt hatte. Alle

möglichen ketzerischen Ansichten wollten sich nicht mehr beruhigen

lassen.

Also die Nebelflecke bestanden in der Mehrzahl aus leuchtendem Gas. Wie

hatte man sich das eigentlich zu denken?

Die Vorstellung einer frei über ungeheure Räume verteilt schwebenden

Gaswolke im eisig kalten Raum ist rein physikalisch eine überaus

schwierige. Das Gas muß in einer Weise verdünnt sein, daß ein Chemiker,

der mitten hinein geriete, es zunächst gar nicht als solches fassen

könnte. Wir denken uns seit Kant so gern unser Sonnensystem, wie

es heute dasteht, als ein Verdichtungsprodukt aus einem ähnlichen

Gasnebel. Nun: alle heute vorhandenen Massen der Sonne, der Planeten

und Monde dieses Systems bis zur Neptunbahn als Gaskugel nebelhaft

gleichartig über diesen Raum, den jetzt die Neptunbahn als Aequator

umgürtet, verteilt, ergäben einen Nebel, der von unserer gewöhnlichen

irdischen Luft um mehr als das 240000millionenfache an Dichtigkeit

übertroffen wird. Wo sind die Instrumente der Chemie, die diesen

Nebelstoff noch nachweisen sollten! Nun soll man sich aber Nebel

vorstellen, die ganze Sternbilder durchqueren, also um ein vielfaches

mindestens die Abstände von Fixsternen untereinander übertreffen und

in sich schließen, -- Abstände, die nach Billionen von Meilen, nach

Lichtjahren, nach dreißig und mehr solcher Lichtjahre zählen✹.....

Es lag ungemein nahe, sich zu sagen, daß ein Nebel im Zustande solcher

feinsten Verflüchtigung keine eigene Wärme gegenüber seiner Umgebung

mehr besitzen könne, -- und es wurde nachdrücklich gesagt.

Der Weltraum ist kalt, ein Eiskeller. Viele Astronomen wollen geradezu,

daß er die Temperatur des sogenannten absoluten Nullpunktes besitze,

nämlich minus 273 Grad. So eisig müßte der Nebel auch sein. Ein ganz

neues Bild taucht hier auf. Nicht ein glühender Urnebel, sondern eine

kalte Wolke Wasserstoff.

Aber die Wolke leuchtet ja?

Leuchten gilt im allgemeinen doch als ein Zeichen der Hitze. Metall

leuchtet im Moment, da es in Glut gerät. Indessen es gibt auch ein

Leuchten kalter Körper: die sogenannte Phosphoreszenz. Und gerade

sie scheint zuzunehmen beim Sinken der Temperatur. Wenn nun mit der

Annäherung an den absoluten Nullpunkt viele oder alle Körper anfingen,

ein geheimnisvolles Phosphorlicht, -- ein Kälte-Licht, auszustrahlen?

Und wenn also auch die losen, unglaublich verdünnten Gase des Weltraums

bei diesem äußersten Nullstand aufglimmten? Es gibt vielleicht noch

andere Glüherscheinungen dieser Art, bisher unerklärlich: die Schweife

der Kometen, das Nordlicht.

Aber, so kommt der Gegeneinwurf wieder von der Physik selbst: wenn nun

die Nebelfleck-Gase die volle Weltraumkälte in sich tragen, -- wie

können überhaupt bei solcher Kälte Gase bestehen? Diese Kälte bannt

jedes Geschehen in absolute Starre, sie ist der wahre Bewegungstod. Was

aber ist ein Gas in absoluter Starre?

Doch diese Nebelgase in ihrer tollen Verdünnung wären ja so wie so

jenseits jeder Vorstellung, die wir mit Gasen verknüpfen. Näherten sie

sich nicht schon dem geheimnisvollsten aller Stoffe, dem berühmten

Weltenäther, der den kalten Raum in seiner Ganzheit erfüllen soll und

in dem nach unserer Licht-Theorie die Lichtwellen laufen? Waren sie

nicht am Ende nur Verdichtungen dieses wundersamsten Geheimstoffs

der modernen Physik, etwas festere Inseln im Aetherozean, die doch

als solche, als Aetherinseln, noch immer allen groben Gesetzen der

gangbaren Körperlichkeit ein Schnippchen schlugen?

Ich breche die Linie hierher ab. Sie führt, wie man sieht, an

schwindelerregende Ränder. Wo der absolute Nullpunkt, wo der Aether,

wo diese und verwandte Begriffe in wissenschaftlichen Hypothesen

heute auftauchen, da schwebt der Geist noch über dem Abgrund und --

trotz Licht-Aethers über der Finsternis. Aber man begreift, in welche

Verwickelung die Sachlage geriet, wenn solche Vermutungen überhaupt

schon bei den ernsthaftesten Köpfen, denen jedes Spiel fern stand,

auftauchen konnten.

Der Aether wogte ja nicht bloß zwischen unserer Milchstraße und

fernen anderen Systemen. Er war um uns, in uns, war überall. War ein

„Nebelfleck“ nichts anderes als eine vor Kälte phosphoreszierende

Aether-Verdickung, eine leuchtende Wolke der Weltluft zwischen Stern

und Stern, -- -- so war wirklich von hier aus ganz und gar nicht

einzusehen, warum solche Wolken nicht tausendfach sich mitten durch

unsere eigene Fixsterninsel, warum sie nicht mitten durch unsere

Milchstraße sich ziehen sollten.

Ja, es wurde, von allem Tatsächlichen abgesehen, theoretisch sogar

unwahrscheinlicher, daß sie gerade aus der Ferne von Millionen von

Lichtjahren überhaupt noch sollten gesehen werden können, -- sie mit

ihrer bloß glimmenden Phosphoreszenz, die schwerlich der Leuchtkraft

wirklich glühender Kolosse wie einzelner echter Fixstern-Sonnen auch

nur gleichkommen konnte.

Mochten sie immerhin, wie vielleicht der ganze Aether, der

unaufgebrauchte Rest eines Kant’schen Ur-Nebels sein, aus dem alle

Sonnen unseres Systems sich im Zeitenlaufe bereits herauskristallisiert

hatten wie aus einer Mutterlauge.

Jedenfalls blieb es auch mit ihnen bei dem einen einzigen Ur-Nebel für

unsere Kenntnis, -- eben dem, aus dem unsere Milchstraße sich geformt

hatte. Nirgendwo, auch in keinem Nebelfleck, sahen wir aus unserem

Milchstraßengeheimnis hinaus auf ein zweites.

Vielleicht gehörte der ganze Lichtäther als solcher wirklich noch zu

uns, war mit umschlossen in unserem System.

Jenseits gähnte dann der absolut leere oder wenigstens auch ätherleere

Raum.

Keine Lichtwelle konnte durch ihn mehr zu uns fließen.

Nie würde ein Menschenauge innerhalb unserer Sternenlinse von außen

eine Lichtpost erhalten, da der Träger fehlte.

Mochten Welten sein, unzählige, wie Philosophen träumten. Nie kamen sie

zusammen, auch in Form einer dämmernden Nebelinsel nicht. Hinter dem

letzten Fixstern begann für uns -- das Nichts, -- -- das Nichts des

ewig Blinden.

An dieser Stelle, wo der Speerwurf des alten Lukretius wirklich vor

der schaudervollen Leere scheint, ist es nun doch der alte freundliche

Andromeda-Nebel gewesen, der uns gezwungen hat, etwas weniger straffe

Saiten aufzuziehen.

Die Arabeske wächst sich wieder ein. Allerdings, um nun endlich gerade

das doch noch umzuwerfen, was von Anfang an das allersicherste Ergebnis

schien.

Die Beweiskraft der ganzen Nebelfleck-Forschung für das

Milchstraßenrätsel ist zu dieser Stunde -- so viel bleibt fest --

hinfällig, so weit es sich um wirklich gasförmige Nebel handelt.

Ihre Entfernung ist mindestens in einer Anzahl kontrollierbarer Fälle

nicht so groß, wie man geglaubt hatte.

Und ihre Beweiskraft überhaupt hinkt angesichts der Tatsache, daß

ihre ganze Beschaffenheit sie einstweilen selbst den schlechterdings

rätselhaften Naturgebilden einreiht, die zwar selber immerzu in

Vermutungen locken, die aber als feste Stütze anderer Vermutungsketten

(wie des Milchstraßen-Problems) ehrlicherweise vorerst noch nicht

benutzt werden dürfen.

Nun ist es aber auch der vollkommensten Spektral-Analyse unserer

Zeit +keineswegs+ eingefallen, +sämtliche+ Nebel, die von

Herschel, Rosse und den Späteren mit dem Fernrohr nicht aufgelöst

werden konnten, als solche echten Gas-Nebel anzusprechen.

Als die Sache zuerst so hübsch losging mit der Licht-Zerlegung und

dem Gas-Nachweis vor Nebelflecken überhaupt, da wurde diese Tatsache

ja wohl so etwas obenhin behandelt. Alle, die durchaus aus den

Nebelflecken Embryonen oder Nebel-Keime werdender Milchstraßen-Systeme

machen wollten, sahen die Fälle, wo der Nebel laut dem Prisma einmal

entschieden nicht aus losem Gas bestehen wollte, als minderwertig über

die Schultern an. Und die Arabeske mußte erst beim wahren Bankrott der

ganzen Gasnebel-Theorie im alten Sinne angekommen sein, damit diese

scheinbar belanglosen Ausnahmen selber wieder Theorie-Wert bekamen.

Es ist so: eine gewisse Reihe von Nebeln bleibt trotz ihrer

Unauflöslichkeit durch das Fernrohr unter der Licht-Gießkanne des

Prismas ein Fixstern-Haufen.

Es kommt ein Strahlenbündel aus dem Sieb, das nicht die leiseste

Aehnlichkeit mit jenem Wasserstoff-Bilde oder überhaupt einem reinen

Gas-Bilde besitzt. Es kommt vielmehr das vor, was vorkommen müßte, wenn

dieser Nebelfleck tatsächlich eine einzelne Fixsternsonne wäre. Das

kann er aber seiner Größe und Erscheinung nach nicht sein. Es bleibt

also kein Schluß übrig, als daß er (im oben besprochenen Sinne) das

Produkt aus dem Lichte einer Masse solcher Fixsterne sei. Warum können

wir aber diese Einzelsterne gleichwohl mit dem besten Fernrohr nicht

erkennen?

Es gibt nur eine Antwort auf diese Frage, die Sinn und sogar sehr

viel Sinn hat: dieser Haufen Fixsterne steht diesmal wirklich so weit

von uns ab, daß wir auch im vorzüglichsten Fernrohr seine Milchstraße

als „Milch“ sehen ohne Einzelpunkte. Und das muß ganz gewaltig weit

sein✹.....

Gerade in diesem Falle befindet sich aber der Andromeda-Nebel.

Der Andromeda-Nebel trotzt noch heute seiner Auflösung.

Wohl erscheinen im starken Rohr auf seiner Nebelfläche viele kleine

Sternchen. Aber sie machen den Eindruck, als seien sie selbst

perspektivisch davor geschoben. Die eigentliche Nebelmasse schwimmt

dahinter in mildem Licht als echte „Milch“. Diese Milch hat im ganzen

noch wieder ihre Struktur, Andeutungen eines geheimnisvollen Baues,

-- wir reden noch davon. Aber das ist offenbar Grundriß: Zimmer,

Stockwerke, -- nicht Ziegelsteine. Und doch löst der Zauberstab des

Prismas auf seinem Umwege unzweideutig die Existenz auch dieses

„Ziegelsteins“ heraus. Fixstern-Sonnen sind die Ziegelsteine.

Auch die Spektral-Analyse hat lange werben müssen um diesen Schleier

der schönen Andromeda.

Bei dem überaus schwachen Lichte dieser Nebelflecke ist jede

Prismauntersuchung ja überhaupt eine schwere, eine langwierige,

gedulderprobende Arbeit.

Zuerst ergab der Andromeda-Nebel ein einfaches Farbenbündel, wie es

dem simpelsten Beispiel aller Lichtquellen: einem Körper in Weißglut

entspricht. Mit solchem Licht strahlt uns der eigentliche innere

Hauptkörper unserer eigenen Sonne an. Oberflächlich konnte das also

schon genügen, um wahrscheinlich zu machen, daß dieser Nebel aus

sonnenhaften Fixsternen bestehe. Indessen gibt es hier noch einen

Einwurf. Auch Gase zeigen tatsächlich dieses Licht, wenn sie durch

einen furchtbaren Druck irgend welcher Art gepreßt werden. War ein

solcher Druck aus irgend einer unbekannten Ursache dort vorhanden, so

konnte der Nebel also doch aus einheitlicher Gasmasse bestehen.

Man hat dieses Argument freilich auch bei unserer Sonne selbst schon

vorgebracht. Während die nächstliegende Anschauung den eigentlichen

lichtstrahlenden Körper unserer Sonne für eine weißglühende Masse hält,

glauben andere Forscher auch ihn als Gaskugel ansprechen zu müssen, die

nur eben unter so kolossalem Druck steht, daß das Gas dasselbe Licht

strahlt, wie ein viel festerer Körper in Weißglut. Einerlei, wie es nun

damit bei der Sonne sei, -- sicher ist, daß diese Sonne gleich allen

echten Sonnensternen ein zweites Merkmal in ihrem Lichte zeigt, das

erst recht eigentlich charakteristisch für sie ist.

Das Licht des Sonnenkörpers passiert, ehe es zur Erde hinüberstrahlt,

noch eine Art Decke oder Hülle dieser Sonne selbst. Diese Decke besteht

aus glühenden Metalldämpfen. Indem das Licht nun diese Dampfschicht

zunächst noch vor seinem Austritt passiert, erleidet es eine höchst

eigentümliche Veränderung: es erscheint jenseits, wenn es im Prisma

ausgesiebt wird, durchsetzt mit einer Masse feiner dunkler Striche. Man

nennt diese Striche die Fraunhofer’schen Linien, und man folgert aus

ihnen die merkwürdigsten Dinge über jene Dampfschicht der Sonne selbst,

die uns aber hier weiter nichts angehen.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 2 / 37 段