Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1906 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

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Von Sonnen und Sonnenstäubchen

Von Sonnen und Sonnenstäubchen

Kosmische Wanderungen

von

Wilhelm Bölsche

Vierzehntes bis zwanzigstes Tausend

Volksausgabe

[Illustration]

Berlin

Georg Bondi

1906

Inhaltsverzeichnis

=Die Rätsel in der Milchstrasse.= Aus dem Tagebuche einer

Gebirgswanderung 1

=Die Entstehung der deutschen Landschaft.= Träumereien auf einer

Eisenbahnfahrt 47

=Der Kampf um die Haut des Riesenfaultiers.= Ein Kapitel aus

Wahrheit und Dichtung 93

=Der erste Vogel= 126

=Die Weltgeschichte des Nilpferdes= 169

=Die Wunderwelt der Radiolarien.= Ein Blick in die Tiefsee 201

=Warum die urweltlichen Tiere ausgestorben sind?= 244

=Vom Leben im Weltraum= 260

=Die Küche der Urzeit= 275

=Das Ende der Tierwelt= 282

=Die Anfänge der Kultur bei den Tieren= 300

=Die Affensprache= 311

=Das Schnabeltier.= Vom Säugetier, das Eier legt 320

=Das Tierleben der Grossstadt= 347

=Kepler’s Traum vom Mond= 356

=Vom Krebs, der vom Himmel fällt= 381

=Osterglaube= 416

Vorwort.

„Von Sonnen und Sonnenstäubchen“ nenne ich dieses Buch. Ein

Sonnenstäubchen nur ist diese ganze lustige alte Erde. Ein Stäubchen

dieses Sonnenstäubchens ist der Mensch.

Aber Sonnenstäubchen sind wir Menschen auch im Sinne, daß wir selbst

Kinder sind der großen Sonne, geboren und genährt von ihr. Sonnenblut

rinnt durch unsere Adern, Sonnenträume rauschen durch unser Gehirn.

Wie ein Sonnenstrahl durch ein dunkles Gemach fällt und die grauen

Staubteilchen schimmern plötzlich selber in ihm wie kleine Sonnen

auf -- so tanzt unser Leben in dem Ausschnitte, den Sonnenlicht und

Sonnenwärme durch den kalten Raum ziehen. Und doch sind wir alle auch

wieder, jeder für sich, ganze strahlenwerfende Sonnen. Da schleudern

unsere Gedanken ungeheure Strahlenbänder in die geheimnisvolle Nacht,

und in diesen Lichtschweifen des Denkens tauchen alle die Zauberdinge

erst auf, die wir leben. Da tanzen ganze Weltsysteme, Milchstraßen aus

Millionen Sonnen als Sonnenstäubchen dieses unseres Gedankens. Sie

tanzen und verwehen. Unendliche Jahrmillionen spinnen sich durch das

Sonnenstäubchen Zeit unseres Lebensaugenblicks, -- Urwelten, in denen

Nebelflecke zu Fixsternen zerfallen und Sonnen zu Planeten und ein

Planet zu Menschen, die das Brot brechen und sprechen: „Liebe deinen

Nächsten wie dich selbst✹...“

Einen unermeßlichen Wust Staub hat die Naturforschung unserer Tage

aufgewühlt. Manchem ist zu Mute, er solle darin ersticken mit Leib

und Seele. Mir scheint es eine ernste Aufgabe, kleine Lichtkegel

gelegentlich hindurchzuwerfen, damit dieser graue Natur-Staub

wenigstens auf Momente zu dem auferstehe, was er doch in seiner

Verkleidung tatsächlich ist und bleibt: Sonnenstaub. Was für Stäubchen

gerade vorüber flirren, darauf kommt es mir weniger an. Es mögen

Lebenskeime dabei sein und auch Mumienstaub. Wenn der Lichtkegel sie

nur faßt und vergoldet. Er ist die Einheit dieses Buches -- nicht die

Staubteilchen selbst.

Meine siebzehn Kapitel sind in ziemlich kurzer Frist hintereinander

niedergeschrieben, alle aus der gleichen Laune und Weltanschauung

heraus. Sie wurden niedergeschrieben mit der festen Absicht, daß ein

Buch daraus werde, -- nicht aber ist dieses Buch erst entstanden durch

nachträgliches loses Aneinanderreihen unzusammenhängender Feuilletons.

Wenn die Stücke zunächst da und dort in Zeitschriften einzeln

erschienen sind, so war es das zerstückelte Buch, das so erschien,

nicht erst das planlose Baumaterial. Einzelne Tatsachen-Wiederholungen

sind dabei mit Absicht in den Text gebracht, ich halte es für

aussichtsvoller, eine Sache kurz noch einmal zu sagen, wenn sie noch

einmal als Beweisstück nötig wird, als den Leser zum Zurückblättern

aufzumuntern.

+Wilhelm Bölsche.+

Die Rätsel in der Milchstraße.

Aus dem Tagebuche einer Gebirgswanderung.

Ein Oktoberabend versank in schweren grauen Nebeln.

Ich war im Laufe des Tages durch den schwarzen Fichtenwald von

Schreiberhau her auf den Kamm des Riesengebirges geklettert.

Unser höchstes, wildestes, schroffstes Grenzgebirge hinter der

norddeutschen Ebene, ist das Riesengebirge doch heute fast unser

bequemstes für den Wanderer. Der Fußweg auf dem Kamm läuft eben und

glatt dahin wie ein Parkpfad. Ohne jede Gefahr kann man ihn selbst

bei Nacht wandeln, obwohl man oft wie auf einer Mauer über Abgründen

schwebt.

Ich hatte mir mit etwas Touristentrotz eine ziemlich entfernte Baude

zum Nachtquartier angesetzt und scheute eine Stunde Dunkelheit nicht,

-- trotz Rübezahl.

Wer nicht zum „Erraffen und Jagen“ das Gebirge kreuzt, sondern in

Gedanken still für sich bei Botanik und Geologie ist, dem tun die

Naturgeister nichts.

Gespenstisch genug trat ja in diesem letzten Zwielicht das Ruinenhafte

der obersten Felsöde hervor. Wie alle unsere Hochgebirge, ist auch

dieses nur noch ein morscher Rest, zernagt von Luft und Wasser und

Wintereis wie ein hohler Zahn. Der Naturforscher nennt das Wirkung

der Erosion. Dem Abergläubischen ragen überall groteske Fratzen aus

dem Nebel: Nasen und Ohren Rübezahls. Ein solches Granitprofil schien

mir ganz und gar der alte Goethe mit dem Geheimrats-Unterkinn. Andere

glichen jenen wohl ewig unerklärten steinernen Gigantenköpfen, die als

Denkmal einer uralt verschollenen Kultur auf der einsamen Osterinsel

in der Südsee von hohem Plateau aufs blaue Korallenmeer starren -- kein

Mensch weiß, wie lange schon.

Es ist charakteristisch für diesen Riesengebirgskamm, daß man sich auch

selber wie zu Rübezahl-Größe darauf ins Riesige gestreckt vorkommt.

Stundenlang ist man unter turmhohen Fichten gewandert. Da war man

selber ein Zwerg, ein Pilz nur. Plötzlich rührt man an den Kamm und der

Forst sinkt zum winzigen, flach gebreiteten Krummholz herab. Die Stämme

scheinen verschluckt vom Stein, nur noch die Aeste kriechen wirr über

die Fläche. Und man ragt darüber, sieht darauf herab wie auf Gebüsch,

-- ein Riese.

Dann erloschen alle Formen, der Nebel spann sich einförmig darum.

Nur ein dumpfes Gefühl der nahen Abgrundtiefe blieb, die man doch nicht

sah. Weiche Luft atmete aus den schlafenden Waldhängen. Ich dachte an

die silbernen Murmelbäche, die darin abwärts stiegen, an die hohen

Stauden blauen Enzians, die darin wuchsen.

Und meine Gedanken wanderten weiter. In die Vergangenheit. Ich gedachte

der Eiszeit. Der fünf Grad Durchschnittskälte mehr, deren es nach

Rechnung der Kundigen bloß bedürfte, um hier wieder Gletscher zu Tal

sinken zu lassen, die das eiszersprengte Gestein Stück um Stück in

die Ebene tragen würden, alle diese Nasen, Götzen, Goetheprofile als

erratische Blöcke tief, tief da unten, wo die Quellen schon Flüsse

sind, absetzen würden, daß der Volksmund nachher fabelte, der Teufel

habe sie herabgekegelt✹....

Wie lange würde aber auch ohne Gletscher-Rutschbahnen die einfache

Erosion brauchen, den hohlen Zahn des Gebirges an seiner zerfressensten

Stelle, zwischen Schneegruben und Elbgrund, ganz einzuschlagen? Dann

würde hier, wo jetzt der Gebirgspfad schwindelnd über den Grat kriecht,

ein offener Paß, eine Fahrstraße nach Böhmen zu leiten. Vielleicht

würde die Eisenbahn, die eben an anderer Stelle über das Gebirge

geführt wird, dieses neue, bequemere Tor benutzen. Aber werden die

Menschen dann noch auf Eisenbahnen fahren?

Der Weg dehnte sich.

Im unsichtbaren Gelände röhrte dumpf ein Hirsch. Jetzt blinkte fern ein

Licht. Ob es die Baude war?

Es schwebte nah und doch so hoch. Ein zweites kam daneben. Also

wirklich wohl erleuchtete Fenster. Aber noch eins, schief darüber.

Und plötzlich wußte ich, daß es Sterne waren. Der Nachtwind, leise

fächelnd, daß man ihn kaum spürte, hatte doch einen Riß in den Nebel

gefegt. Er rollte das weiße Tuch von oben her auf, in achtlosen Fetzen.

Und wo das Zelt klaffte, blitzten Sterne vor, immer mehr, zuletzt ganze

Sternbilder, bloß noch durch schmale weiße Bänder voneinander getrennt.

Gebirgssterne haben ein anderes Feuer als die der Ebene, es ist wie

Brillanten zu Simili. Einen Augenblick meinte ich, am Rande eines

Nebelschweifs explodiere eine Leuchtkugel, rote, blaue, gelbe Strahlen

streuten sich umher; aber dann kam das weiße Licht einheitlich vor und

es war bloß die altvertraute Capella im Sternbild des Fuhrmanns, -- der

Fixstern, der von allen vielleicht unserer Sonne am ähnlichsten ist; er

warf hier oben wirklich Flammen wie eine kleine Sonne.

Als mein Auge von ihm weiter ging, war schon der ganze Zenith frei,

eine Kuppel von unvergleichlicher Schönheit.

Die Milchstraße floß in ganzer Pracht hindurch, mit ihrer Silberwelle

aus Myriaden von Welten. Wie Meerleuchten im Kielwasser eines Schiffes

erschien sie mir. Welches ungeheure Weltenschiff ließ diese schimmernde

Bahn hinter sich? Und wohin steuerte es? Wer war der Steuermann?

Auch die Milchstraße war hier oben ein ganz verändertes, wildes,

phantastisches Gebilde. Nicht Milch, sondern Glut. Wie ein brennendes

Auge stieg sie aus den Granitzacken neben mir herauf, das unheimliche

Auge einer fernen Feuersbrunst, das die Nacht stört und die Menschen

weckt.

Sie brannte ja wirklich, brannte von Sonnen.

Ich dachte an die alten Träume, die Märchen aus der Gemüts-Astronomie

kindlicher Völker. Here’s Milch war hier verschüttet, -- daher das Wort

„Milchstraße“.

Es liegt schon eine Welt des Gedankens zwischen diesem naiven Bildchen

und dem tiefsinnigen Pythagoräer-Mythus: es habe die Sonne einst

eine andere Bahn am Himmelsgewölbe gehabt und dieses helle Band sei

gleichsam noch das ausgefahrene Geleise, das alte Strombett des

rollenden Weltenlichts. Die Gestirne liefen auf krystallenen Schalen

um die ruhende Erde, -- warum sollte die Spur sich nicht einprägen?

Erst hinter der letzten Sphäre öffnete sich die offene Ueberwelt, sie,

die keine Sonne mehr brauchte, da das große Gotteslicht, das „Licht an

sich“, sie seit Ewigkeit durchflutete.

Einem Gedankengange, der in den Fixsternen Löcher der äußersten

Kugelschale sah, Fenster jenes Ueberhimmels, durch die ein paar

verlorene Funken jenes Gottesäthers auch in unsere kleine Heimat unter

den acht Käseglocken der Kristallsphären glimmten, konnte es aber

auch wenig Not machen, den Milchstraßenring unmittelbar mit jener

Ueberwelt zu verknüpfen. Der weise Theophrast findet als höchsten Sinn

seines Grübelns, daß dort die Nietstelle, die schwach verkittete Fuge

durchschimmere, bei der die beiden Hälften der obersten Himmelsglocke

aufeinandergepaßt wären.

Wohl erhebt sich vereinzelt die Stimme eines echten Naturdenkers

aus dem Griechentum, des Demokrit: es sei die Milchstraße nichts

anderes als ein Gewimmel von Sternen, ein Bereich des Himmels, da

die Sternlein sich so dicht drängten, daß sie als einheitliches

Licht zusammenschmölzen, wie die Sandkörner eines fernen Ufersaums

dem Seefahrer sich vereinheitlichen zu einer gelben Düne über dem

blauen Meer. Doch diese Stimme verhallte. Ahnend hatten diese viel

verschrieenen Materialisten des Altertums schon einen Blick getan

in eine Welt, die kein Oben und Unten, keinen Unter- und keinen

Ueberhimmel kannte, sondern deren Raum offen in die Ewigkeit reichte,

durchschwirrt von freischwebenden Gestirnen wie von kugelförmigen

Riesen-Atomen, durchschwirrt auch von der Erde als einem solchen

Staubkörnlein nur des Alls. Aber es war, als sei die Menschheit im

Herzen ihrer Kultur noch nicht reif für dieses schwindelnde Bild.

Als weit über ein Jahrtausend später Dante mit der Kraft des Dichters,

der Himmel und Erde beschwört mit seinem Runenstabe, die Welt malt als

Scene seiner „göttlichen Komödie“, da ragen immer noch jene Sphären.

Im Zentrum der Weltenschwere ruht immer noch die Erde, aber Satanas

ruht jetzt in ihrem Mittelpunkt. Eine Stufenleiter recht eigentlich der

moralischen Welt ist diese ganze verzwickte Himmelszwiebel mit ihren

vielen umeinandergeschachtelten Häuten geworden. Und ganz im alten

Sinne schlägt erst die letzte oben Bresche in das wahre Weltenlicht,

die Insel der Seligen, wo die „Komödie“ endlich ihre harmonische Lösung

erlebt.

Es ist ein magisches Bild, heute noch von berückender Pracht, diese

Welt des Dante, deren ganze Astronomie und Physik aufgelöst ist in

moralische Werte, die durch Sonne und Planeten und Fixsterne in

Wahrheit nur vom Bösen zum Guten, vom Teufel zu Gott führt. Was wir

heute in der Physik Schwere, Gravitation nennen, das ist bei Dante

der Weg zur Hölle. Wo wir die Eisfelder des Südpols kennen, da öffnet

sich der grause Schlund zum Fegefeuer. Wo unsere Geologie von einem

Zentralfeuer des Erdinnern träumt, da brennen die Verdammten im

Schwefelbad. Die Schwungkraft aber, die nach Newtons Formel heute uns

die Planeten und Monde in ihrer Bahn erhält, ist die ewige Liebe, --

die brennende Liebessehnsucht, die nicht in den Schlund der Hölle

hinab, sondern aufwärts will, -- jede Planetenbahn ist eine Stufe

höher empor, eine Station dieser inbrünstig ringenden Weltenliebe,

die pyramidisch das Geschaffene zu Gott heraufgipfelt durch alle

Geschehnisse, Kräfte und Körper auch der physikalischen und der

astronomischen Welt.

Weit entfernt sind wir heute von der wunderbaren Einheitlichkeit dieser

Welt, dieser Einheit von Natur und Moral. Und doch mußte sie fallen,

weil ihre Einheitsklammer eines Tages sich als zu eng erwies auch nur

für die bescheidensten Maßstäbe der wirklichen Natur.

Mein Geist folgte, während die Milchstraße immer dämonischer über

das Gebirge flammte, dem großen Schauspiel des geschichtlichen

Zusammenbruchs jener Dante’schen Welt.

Wie vorhin der erste Stern mir rötlich durch den sich lösenden Nebel

brach, so schimmert der Menschheit ein erstes Lichtlein. Es ist Nacht,

das Schiff des Kolumbus liegt vor Guanahani, noch ist das neue Land

nicht entdeckt. Aber am verschleierten Ufer hat ein Wilder eine Fackel

entzündet, wie ein Stern glüht sie, bewegt sich, -- Kolumbus fühlt die

Gewißheit, daß er dicht vor einem Lande sei. Als die Sonne steigt,

liegt es in seiner Tropenpracht vor seinem Blick. Und es ist mehr, als

bloß ein Land.

Es ist eine neue Erde für den Menschengeist. Die Rückseite der

Erde. Wenig später: und Magalhaes umsegelt die ganze Kugel. Es ist

die Rundfahrt zugleich durch eine neue Weltanschauung. An diesem

Riesenerdteil Amerika lernt die Kulturmenschheit das Größte, was sie

als Morgengabe einer jungen Zeit empfangen kann: sie lernt, wie wenig

sie bisher weiß. Von allen Geheimnissen des Himmels und der Erden und

der Menschenbrust hatte sie den Schleier schon fortgezogen geglaubt --

und sie hatte noch nicht einmal Amerika gekannt. In jener Nacht vor

Guanahani ist die innere starre Kristallsphäre des Menschengeistes von

Jahrtausenden tatsächlich zersprungen.

Der Blick, der den Kolumbus und Magalhaes um die neue Seite des

Erdglobus herum folgte, ist fast augenblicklich wie von einer alten

Verzauberung erlöst.

Warum soll diese Erdkugel, die ohne stützende Hand frei im Weltenraume

schwebt, sich nicht auch bewegen können? Was in den Tropenhainen

von Guanahani gesät worden, das zieht Kopernikus an einem grauen

ostdeutschen Nebeltag still ans Licht: zu der neuen Erde fügt er den

neuen Himmel. Im Gedanken zunächst, -- auch er ein Dichter in seiner

Weise wie Dante, aber ein Dichter, der das Geheimnis der Dinge in

vereinfachter Linie zu denken sucht. Die Erde kreist, ist ein Planet

unter anderen, sie macht durch eigene Drehung Tag und Nacht. Wie die

Moral sich mit diesen Dingen abfinden soll, muß sich eben zeigen,

zunächst geht die Astronomie jetzt weiter.

Und wieder ist es Nacht -- und ein Stern glimmt, diesmal ein echter

Himmelsstern: der Jupiter. Auf seiner Sternwarte steht Galilei und

beobachtet ihn mit dem neuerfundenen Werkzeug-Auge, das das alte

Organ-Auge ins Niegeahnte überbietet, mit dem Fernrohr. Er sieht

die Monde, die den großen Planeten umwandeln, ein Abbild unseres

Sonnensystems im Engeren. Diesmal kommt der neue Himmel greifbar nahe,

greifbar mit einem menschlich vervollkommneten Sinnesorgan, nicht bloß

mit dem logischen Gedanken.

Und nun, als sei die Schleuse gelöst, Schlag um Schlag.

Giordano Bruno steht auf dem Scheiterhaufen. Aber über den blauen

Rauch hinweg sieht sein brechendes Auge noch den Himmel offen, den

ganzen Himmel der neuen Astronomie. Es gibt keine oberste Sphäre, keine

Kristallschale, durch deren Löcher das Ueber-Licht zu uns glimmt. Auch

dort ist freier Raum und jeder Fixstern ist eine goldene Welt gleich

der Sonne hier. Myriaden Welten durchziehen das All, lauter Sonnen, um

die Planeten kreisen, und auf jedem Planeten wohnen Menschen gleich

uns. Einen Augenblick scheint es, als müsse der Blick der Menschheit

ertrinken in der verwegenen Größe dieser Perspektive, wie der Philosoph

von Nola selber untergegangen ist in den Wirrnissen seiner Zeit. Die

Sphären sind zertrümmert, der Geist fällt in die Ewigkeit. Wer soll

aus dieser bodenlosen Welt wieder einen Kosmos schmieden, wie ihn

Pythagoras und Dante geschaut✹.....?

Aber wieder steht ein Denker einsam in seinem Garten, -- vom grünen

Apfelbaum, in dem der Wind einer nochmals freieren Zeit rauscht, fällt

eine Frucht. Und sein Gehirn, geschult an dieser Weltperspektive schon

der Galilei und Bruno, sucht die Brücke zwischen dem Fall dieses

Apfels und der Schwungbahn und Schwere des riesigen Apfels da oben am

Weltenbaum, des Mondes. Newton findet ein „Naturgesetz“, das die beiden

mit mathematischer Genauigkeit zusammen umfaßt, den kleinen Apfel hier

zwischen Erde und Ast, und den Mond da oben, der 51000 Meilen von uns

entfernt hohe Gebirge trägt.

Das ist die neue Klammer: das Naturgesetz. Es wird eine neue Harmonie

durch das All knüpfen bis zum fernsten Doppelstern. Nichts fällt aus

ihm heraus. Beruhigt wandelt an seinem goldenen Seil der logische

Menschengeist wieder über alle Millionenfernen.

Noch bleibt lange ein banges Geheimnis, ob die Naturkraft, die Sterne

und Aepfel hält, sterben kann. Wenn der Hammer auf den Amboß fällt,

-- wohin geht die Bewegung? Gibt es noch eine mystische Tiefe dieser

naturgesetzlichen Natur, in die sie stürzt, ein mystisches Nichts?

Robert Mayer schürzt den letzten Knoten im vollkommenen Ring. Die

Bewegung wird Wärme. Die eine Form der Naturkraft geht über in eine

andere. Unter dem Strom der Formen aber bleibt die Ewigkeit der Kraft

wie der Granit, über den die Wasser rauschen.

Und die einfache Folge der Gedanken streift hier schon die letzte

Krönung des Gebäudes.

Kräfte entwickeln sich auseinander.

Ein Pilger, noch tief verträumt in Dante’s Welt, steigt über die

Alpen. Sein Fuß rührt an Muscheln, die mitten aus dem Gestein brechen,

fernab vom Meer. Einst war es anders als jetzt. Wo jetzt das Gebirge

in Eisschroffen sich zum Himmel reckt und der Lämmergeier kreist, war

vormals Meer, voller Seesterne und Muscheln. Schlicht kommt der Gedanke

und doch öffnet er nochmals eine Welt.

Zu der neuen Erde und dem neuen Himmel tritt die Vergangenheit.

Wie dort in unendliche Fernen des Raumes, so sinkt der Blick hier in

unendliche Folge der Zeit, der Jahre, Jahrmillionen. Und in dieser Zeit

haben die Dinge sich verwandelt. Eine Entwickelung hat stattgefunden.

Von der versteinerten Muschel pilgert der erweckte Neugedanke zum

Farrnwalde, der Steinkohle geworden ist, zum Ichthyosaurus-Grab. Eines

Tages ist er oben bei dem Menschen, der mit Steinbeilen gegen Mammut

und Höhlenlöwe kämpft; und unten bei einem Aeonentag, da die ganze

Erde als glühender Tropfen von der Sonne fällt und die Sonne aus einem

kosmischen Nebel sich verdichtet.

Was die Verwandlung der Kräfte in ihrem einfachen Spiel schon ahnen

ließ, wird nun eine ungeheure Geschichtswahrheit: ein einziges

Verwandeln lebt in allem Sein. Doch mehr als ein Verwandeln. Eine

Entwickelung vom Niederen zum Höheren. Vom Nebelfleck geht die Linie

auf den Menschengeist. Vom Höhlenmenschen der Mammutzeit auf Galilei

und Newton.

Erst hier ist das neue Weltbild seiner Höhe nahe. Erst jetzt vollzieht

sich langsam in ihm die Heimkehr zu der Größe und Einheitlichkeit

der alten Dante’schen Weltvorstellung, -- die Heimkehr und die

Ueberbietung zugleich. Abermals nähern sich Physik und Astronomie einem

moralischen Wert. Der unhemmbare Aufstieg der Dinge vom Niederen zum

Höheren, von der Nacht zum Licht erscheint jetzt in dieser ungeheuren

Kette der Vergangenheit, der zeitlichen Welt-Entwickelung. Nicht die

einzelnen Planetenbahnen ringen sich bloß auf zum Licht, -- das Ganze

steigt. Vom fernsten Nebelfleck bis zu dem höchsten Gedanken, den ein

Mensch hier in dieser Stunde denkt, ein einiges Aufwärtsringen im

gesamten Kosmos, -- eine Welt, die Gott werden will.

Riesiger ist das Gebäude jetzt, in dem sich diese göttliche Komödie

des modernen Naturforschers abspielt, eine unendliche Zeit, die

Jahrmillionen des Naturforschers sind darin verrechnet, -- was bei

Dante in künstlich enger Pyramide bloß räumlich übereinander sich

gipfelte, das steigt jetzt aus einem zeitlichen Hintereinander, dem die

ganze Ewigkeit zu Gebote steht.

Und doch erscheint auch hier zwischen allen bunten Doppelsonnen des

Alls und allen Farrnwäldern und Ungetümen der Urwelt schließlich das

große Lichtband einer moralischen Idee, mit der diese ganze Welt erst

wieder restlos eingeht in die Menschenbrust. Die ewige Liebessehnsucht

Dantes, die in den Sternen brannte, wird zur ewigen Fortentwickelung,

in der Gravitation und Menschenliebe nur zwei Stufen, zwei Glieder sind

auf der Bahn hinan.

So war der Weg -- und da schaute der Mensch wieder zur Milchstraße auf.

Auf einen Berg war er geklettert, -- ihn grüßte das alte glimmernde

Lichtband mit seinem gleichen magischen Antlitz, wie es vor

Jahrtausenden schon den ersten Himmelsschauern in der Euphratniederung

erschienen war.

Was bedeutet diese größte aller Arabesken der Welt, dieses Zeichen

aller Zeichen, dieser Ring, der den Himmel umfaßt?

Der Augenblick, da die Fixsterne nicht mehr als Löcher in einer ehernen

Himmelswölbung genommen wurden, sondern als frei schwebende Sonnen, die

bloß die unfaßbare Ferne so klein erscheinen ließ, war der erste große

Wendepunkt auch in der Deutung der Milchstraße.

Noch war das Fernrohr nicht auf sie gerichtet, da sah Kepler es

schon mit der ganzen Klarheit seiner unvergleichlichen deutschen

Geistesaugen: der alte Demokrit hatte recht. Die Milchstraße war ein

Sternenring. Zur Wolke ballten sich die Sternpunkte darin. Aber diese

Sternenwolke schwebte frei wie jeder Einzelstern im leeren Raum, einen

Ring bildend wie ein in sich selbst verlaufender Kometenschweif.

Und unsere Sonne, um die wir mit der Erde kreisten, lag nahezu im

Mittelpunkte dieses Ringes, denn die Milchstraße erschien uns annähernd

als größter Kreis.

Rund fünfzig Jahre später folgte das leibliche Auge dem Gedankenflug.

Huygens sah im Fernrohr tatsächlich eine Masse einzelner Lichtpunkte

aus dem Nebelgrunde des Ringes blicken. Noch kein halbes Jahrhundert

war das Fernrohr selber alt. Man hatte das Gefühl, daß es noch

schlecht, noch in jeder Hinsicht verbesserungsbedürftig sei. Als

Huygens sein Rohr absetzte, erschien es ihm nicht zweifelhaft, daß der

nächste, der ein noch etwas brauchbareres Glas verwerten könne, die

ganze „Milch“ in solche Sternpunkte tatsächlich auflösen werde.

Der Moment hat geschichtlich etwas ungemein Feierliches.

Die ganze Größe der neuen Welt schien symbolisch nahe gerückt. Sonnen,

die sich perspektivisch so aneinanderschoben, daß sie wie eine milchige

Masse erschienen.

Schon begann man damals zu ahnen, was für Räume unter Umständen Sonne

von Sonne trennen könnten. Uns heute ist die vage Vermutung zur

wirklichen Rechnung geworden, die mindestens klare Annäherungswerte

gibt. Ein Bild mag veranschaulichen, was den Astronomen heute in diesem

Punkt geläufig ist. Unser ausgezeichneter Potsdamer Astrophysiker

Scheiner hat es gelegentlich benutzt, es stammt also aus denkbar bester

Quelle.

Denken wir uns unsere Sonne einmal verkleinert auf das Maß der neuen

Domkuppel in Berlin, also auf etwa vierzig Meter Durchmesser. Und malen

wir uns die Entfernungen im Raum um sie her entsprechend aus.

Die Sonne als Berliner Domkuppel wirklich gesetzt, würde zunächst

von ihrem kleinen Planeten Merkur umkreist werden in einer Bahn, die

räumlich noch vollkommen innerhalb der engeren Stadt Berlin läge.

Herr Merkur sauste im Westen quer durch das Reichstagsgebäude, im

Norden durch die Zionskirche und im Süden nahezu durch die königliche

Sternwarte. Frau Venus, der nächste Planet, fühlte sich schon nicht

mehr so im eigentlichen Häusermeer wohl. Im Westen flanierte sie durch

den Tiergarten mitten zwischen dem großen und kleinen Stern, im Norden

durch den Humboldthain, und im Süden böge sie wenigstens bis in die

York- und Gneisenaustraße aus. Nun kommt die Erde. Sie will ernstlich

hinaus. Im Westen schneidet sie den Bahnhof Tiergarten als Grenze, im

Süden ist sie schon einen halben Kilometer jenseits des Kreuzberges.

Mars berührt den Zoologischen Garten gerade noch, südlich geht er durch

Tempelhof. Jupiter ist endgiltiger Vororts-Besucher, er hat Erkner und

Wannsee schon hinter sich und beglückt Spandau. Saturn ist nur mehr

Tourist in der Mark Brandenburg. Er besucht Liebenwalde und Nauen.

Uranus als märkischer Wanderer bringt es schon bis Wittenberg und

Frankfurt a. O. Endlich unseren entferntesten Planeten, den Neptun,

leidet es gar nicht mehr ganz im Königreiche Preußen. Er passiert

Stettin, Landsberg, Magdeburg und schneidet nur fünfzehn Kilometer vor

Leipzig ab. Das ist unser Sonnensystem.

Nun aber: von dieser Sonnen-Domkugel in Berlin müßte man im gleichen

Verhältnis ganz Europa, ja die Erdkugel verlassen und dann noch

nahezu doppelt so weit in den freien Raum hinausfliegen, als der Mond

wirklich von uns absteht, nämlich zweimal 51000 Meilen, -- um auf die

nächste Fixstern-Sonne zu gelangen, auf den roten Doppelstern Alpha

im Sternbild des Centauren. Die wirkliche Entfernung beträgt mehrere

Billionen von Meilen und das Licht, das in jeder Sekunde über 40000

Meilen zurücklegt, braucht mindestens vier Jahre, um von dort bis zu

uns zu kommen.

Erst mit solchem Maßstabe wird klar, was Kepler und Huygens eigentlich

wagten.

Sonnen mit der Möglichkeit solcher Abstände voneinander sollten sich

perspektivisch so zusammenschieben, daß im ganzen ein dämmernder

Lichtring -- eine Milchstraße -- entstand. Für dieses Sonnengewimmel

mußte der neue, erweiterte Weltraum Platz haben. Platz mußte auch der

Menschengeist in sich schaffen, um solche Dimensionen zu begreifen.

Und doch war selbst das nur der Anfang. Aus diesem Wolkenband von

Sonnen sollten alsbald die weiteren Rätselfragen auf diesen Geist

niederprasseln, -- hageldicht.

In der genialsten Naturgeschichte, die uns aus dem Altertum überliefert

ist, dem Epos vom Weltall des Römers Lukretius, kommt ein prachtvoll

anschauliches Bild vor. Die Unendlichkeit des Raumes soll verdeutlicht

werden. Denke dich ans Ende aller bekannten Dinge Himmels und der

Erden, sagt der Dichter. Und wirf einen Speer in die Weite vor dir,

-- er findet immer noch Raum! Man wird an dieses gigantische Bild des

Speerwerfers vor der Unendlichkeit erinnert bei einem bestimmten Moment

im Stern-Denken der Menschheit des achtzehnten Jahrhunderts.

Der Weltenraum war geöffnet, die alten Sphären waren daraus verweht wie

Nebel. In diesem Raum schwebten die Sterne. Und diese Sterne drängten

sich in der Milchstraße in solchen Massen zusammen, daß sie einen

Schein erzeugten wie auf langer Bahn verträufelte Milch. Seefahrer

waren auf die Südhalbkugel der Erde vorgedrungen, Cooks Schiff

umsegelte zuletzt in kühner Schleife den südlichen Pol. Und auch dort

umzog dieser Milchring aus Sternen den Himmel.

Kein Zweifel: die ungeheuere Sternanhäufung ging als ein nahezu größter

Kreis durch unsern gesamten Himmel, wie wir ihn von der Erde sahen, --

eine glühende Schlange mit Millionen Sternenaugen, die sich selber in

den Schwanz biß.

Oberhalb und unterhalb dieses Ringes aber flammten vereinzeltere

Sterne wie versprengte Posten der großen, geschlossen marschierenden

Armee. Düster, öde erschien dem bloßen Auge und selbst dem Fernrohr

der Raum hier zwischen den einzelnen Lichtaugen, -- er erschien

hier wirklich als solcher, als der anscheinend leere Raum. Wie

tief mochte das spähende Auge hier in ihn einsinken, -- einsinken

wie der in die gähnende Leere abstürzende Speer des römischen

Dichterphilosophen✹......?

Da jetzt mischte sich ein neues Wirklichkeitsbild ein, überwältigender

noch als alle früheren.

Jenseits aller dieser Sterne, die sich dort zur Milchstraße häuften,

hier vereinzelter, raumlassend schwebten, -- -- erschien nebelhaft

dämmernd die Küste einer ganzen neuen Welt, -- eines ganzen, selber

wieder eine Milchstraße bildenden neuen Fixsternsystems.

In der Milchstraße schwebt als geheimnisvolle Rune, einem lateinischen

_W_ vergleichbar, das zierlichste Sternbild unseres Nordhimmels:

die Kassiopeja. Von dieser Gegend der Milchstraße her bilden, aus dem

Milchdunst heraus, ein paar Prachtsterne eine schräge Brücke zu einem

riesigen Stern-Quadrat. Es ist das Quadrat des Pegasus, und die Brücke

ist die Andromeda.

In diesem Sternbild der Andromeda, zwischen der Kassiopeja und dem

zweiten großen Brückenstern, hatte in der Nacht des 15. Dezember 1612

der Astronom Simon Marius mit dem neu erfundenen Fernrohr eine blaß

dämmernde Himmelsstelle entdeckt, die weder ein Stern war noch eine

schwarze Raumstelle. Als schimmere Lampenlicht durch eine Scheibe von

Horn, -- so war ihm das rätselhafte Gebilde erschienen. Der alten

Sphärenlehre wäre das willkommen gewesen. Die abblendende Hornlaterne

war die große letzte Schildkrötenschale des Himmels selbst, und

hindurch schimmerten die Gefilde der Seligen. Das galt aber fortan ja

nicht mehr. Auch dieses Nebelflöckchen mußte im offenen Raum schwimmen,

abgrundfern von uns. Aber was konnte es sein?

Nicht lange, und es hatte Gesellschaft gefunden. Im Sternenbilde des

Orion zeigte sich eine ähnliche Wolke glimmernden Himmelsdunstes. Bis

endlich Herschel in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts die

„Nebelflecke“ nach hunderten in seine Himmelskarte eintrug. Um diese

Zeit kam der Moment, den ich meinte.

Vor diesem Dämmerschein der Andromeda dämmerte einem Menschengehirn

der ungeheuerlichste Gedanke auf, der nach der Erkenntnis, daß die

Milchstraße eine Anhäufung aus Millionen von Sonnen sei, in der

Sternkunde noch möglich war. Vom Rain der Milchstraße, mitten hindurch

zwischen den loser gestellten Fixsternen des offeneren Himmelsteils,

sank der Blick hier durch und durch und durch wie der Speer des

Lukretius bis auf ein Gebilde, so groß noch einmal wie diese unsere

ganze Fixsternwelt, aber so klein wie ein Nebelflöckchen für unser

Fernrohr wegen der unfaßbaren Strecke Raumes, die nochmals zwischen

unserem äußersten Fixstern und diesem zweiten Weltgestade lag. Der

Nebelfleck eine Milchstraße, gesehen aus solcher Perspektive, daß

diesmal der Ring (der doch unsern ganzen Himmel noch umspannte,

obwohl jede Sonne darin der Entfernung wegen nur mehr ein Pünktchen

war) überhaupt fast zu einem Punkt, zu einem einzigen kleinen, dem

bloßen Auge kaum mehr wahrnehmbaren Tröpfchen verspritzter Milch

zusammenschmolz.

Der Mann, der zuerst diesen Gedanken ausdachte, war wieder, wie

es einst Dante gewesen, der größte Seelenforscher und Kenner der

moralischen Welt in seinem Jahrhundert: Kant.

Er kannte keinen Schwindel, -- also auch nicht vor dem Gedanken einer

Milchstraße auf dem Raum eines Senfkorns. Mit der Ruhe eines Feldherrn,

der einen halben Erdteil vor sich liegen sieht wie eine Landkarte, sah

er bloß, daß der große Gedanke eine große praktische Folgerung umschloß.

In unsere eigene, nächste Milchstraße sahen wir von innen hinein,

ihr Kreis umspannte uns, als säßen wir nahezu genau im Zentrum. Das

erschwerte offenbar den Ueberblick. Wenn aber der Nebelfleck etwa in

der Andromeda eine ebensolche Milchstraße enthielt, so sahen wir dort

die Dinge unzweifelhaft von außen. Folgerung: wir konnten aus diesem

Dämmerwölkchen da drüben etwas über den Bau unseres eigenen Systems

lernen, -- so wie der Seefahrer von weitem das ganze Profil einer

Gebirgskette deutlich vor sich sieht und abzeichnen kann, während

der Alpenkletterer im Gebirge selbst den großen Umriß vor lauter

Einzelbergen, den Wald vor Bäumen verliert.

Zwei praktische Fortschritte glaubte Kant auf diesem Wege gewinnen zu

können.

Der eine ging ins geschichtliche Gebiet. Die besten Fernrohre der

Zeit hatten nicht vermocht, einen Nebelfleck wie den der Andromeda

wirklich in Einzelsterne aufzulösen. Das konnte an der unfaßbaren

Entfernung liegen. Es konnte aber auch seinen Grund darin haben, daß

diese am Welthorizont auftauchende neue Weltinsel gar nicht in Sterne

gegliedert war, -- noch nicht gegliedert war. Eine einheitliche, lose

Nebelmasse bildete sie vielleicht, nebelige Materie.

Kant träumte sich seherisch in einen Urzustand solcher Weltsysteme

hinein, da alle Sternmaterie noch einen Gasball ohne innere Ordnung

darstellte. Dort war es vielleicht noch so, -- bei uns war es vor

Jahrmillionen vielleicht einmal so gewesen. Im Ausbau dieses Gedankens

baute Kant seine berühmte Weltbildungstheorie auf, die kreisende Sterne

aus losen Gasringen sich aufrollen ließ. Unser Fixsternsystem sollte so

entstanden sein und in ihm, enger wieder, unser Planetensystem. Diese

Linie verfolge ich hier nicht, sie führt in eine andere Gedankenebene

als die, mit der wir uns beschäftigen. Unmittelbar in das heute vor

Augen gestellte Milchstraßen-Problem dagegen leitete Kants zweiter

Schluß.

Sei der Andromeda-Nebel nun wirklich noch Weltennebel, oder sei auch

er schon ein in Fixsterne aufgelöstes System genau gleich dem unseren:

auf jeden Fall zeigte er im Gesamtumriß eine ganze bestimmte, höchst

charakteristische Gestalt. Er glich einer flachen Linse. Mehr Scheibe

als Kugel. Warum sollte das nicht auch das von außen gesehene Bild

unseres eigenen Systems sein?

Auf den ersten Anblick schien hier allerdings gerade ein Widerspruch

vorzuliegen.

Durch unser System zog sich die Milchstraße als geschlossener

Sternenring. Lag es nicht viel näher, daß jener Nebelfleck, wenn er ein

von fern gesehenes ganzes System darstellte, ebenfalls als Ring und

nicht als einheitlich helle, linsenartige Scheibe erschien?

Im Gegenteil, sagt Kant.

Die Milchstraße würde uns in der Tat so als Ring am Himmel erscheinen,

wenn ihre gedrängten Sternmassen einen riesigen Sternenring in unserem

System bildeten, -- das ist richtig. Aber sie würde uns genau ebenso

erscheinen, wenn es einen solchen Ring tatsächlich nicht gäbe, dagegen

das ganze System die Form einer flachen Linse oder Scheibe hätte. Und

weil nun jene ferne zweite Welt im Andromeda-Nebel diese Linsenform

wirklich hat und nicht jene Ringform, so wird es deshalb wohl auch

bei uns so sein, -- auch unsere Sterne werden als Ganzes eine flache

Linsenscheibe bilden.

Der Witz dieses wirklich haarscharfen Gedankens steckt in folgender

Tatsache.

Hier liegt eine deutsche Reichsmark, das Ideal geradezu einer

flachen Scheibe. Das Metall dieses Geldstücks denken wir uns einmal

zusammengesetzt aus Tausenden von kleinen Körperchen, Kügelchen etwa.

Aus Molekülen, würde der Chemiker sagen. Doch auf den Ausdruck kommt

nichts an. Nun denken wir uns von einem dieser Kügelchen etwa in der

Mitte des Silberstücks, es sei von unfaßbar kleinen Bazillen bewohnt.

Diese Bazillchen sollen Aeugelchen besitzen, die mit der wunderbaren

Fähigkeit begabt sind, nach allen Seiten hin die übrigen losen

Kügelchen in der Metallmasse zu sehen. Wie würde ihnen die Anordnung

dieser Kügelchen in der Mark von ihrem Standpunkte aus erscheinen?

Zunächst würden sie in der dünnen Metallplatte etwa nach der Seite

sehen, wo sich der Reichsadler befindet. Die Metallmasse, die sie

hier zu durchdringen hätten, wäre sehr dünn, und sie würde sich

ihnen also wohl in ein ziemlich loses Netz einzelner Metallkügelchen

auflösen, zwischen denen die Poren des Metalls freien Ausblick in

die Welt außerhalb der Mark -- also vielleicht auf andere, entfernte

Markstücke eines Portemonnaies oder auch auf eine schwarze Hosenwand

-- erlaubten. Jetzt würden sie den Blick wenden und umgekehrt nach der

Seite schauen, wo die Schrift in ihrem Eichenkranze steht. Abermals

dasselbe Schauspiel, -- denn auch hier bohrt sich der Blick durch die

geringe Dicke der Silberscheibe und ist fast unmittelbar zwischen

wenigen Kügelchen ganz aus dem Silber heraus im Portemonnaie oder in

der Hosentasche. Wie aber, wenn der Blick jetzt eine dritte Richtung

wählte?

Er versenkte sich spähend nach irgend einer Seite auf den gekerbten

Rand der Mark zu. Aber vergebens suchte er auch hier so leicht durch

die Kügelchen zu dringen. Sähe er doch jetzt von innen gegen die ganze

Hälfte der Fläche des Markstücks an, also in ein sehr viel tieferes

Stück Silber als vorhin. Wohl löste das Silber sich auch hier vorne in

Kügelchen auf. Aber hinter diesen ersten Kügelchen käme jetzt nicht

sofort die Portemonnaie- oder Hosenwand, sondern es stellte sich

dahinter eine zweite Reihe glänzender Metallteilchen, dahinter noch

eine und so eine ganze lange, lange Kette. Und da die Hintermänner

sich in die Lücken der vorderen Kolonnen drängten, so hörte schon

nach kurzem Wege jede Durchsicht in Lücken überhaupt auf: die ganze

Armee der Kügelchen erschiene schließlich als einheitliche Mauer, als

Silberwand, die jeder Auflösung durch den Blick trotzte. Dieses letzte

Schauspiel nun wiederholte sich aber, wo immer das Bazillenäuglein

in der Richtung auf den gekerbten Rand sich einstellte. Der gekerbte

Rand läuft bekanntlich als Ring um die ganze Markscheibe. Entsprechend

stellte sich dem herumirrenden Blick in bestimmter Ebene ein ganz

fester Ring solcher einheitlichen Silbermasse ohne Portemonnaie- oder

Hosen-Ausblicke dar.

Dieses Bild, trivial wie es ist, malt doch genau die angenommene

Sachlage am Himmel.

Unser ganzes engeres Sternensystem soll die Gestalt einer flachen

Scheibe gleich einem Markstück haben. Wie das Markstück aus winzigen

Silberkügelchen, so besteht die Riesenscheibe des Sternhimmels aus

einer Unmasse einzelner Sterne in ziemlich gleichmäßiger Verteilung.

Das Kügelchen ungefähr in der Mitte ist unsere Erde, und die Bazillen

mit lichtfrohen Aeugelchen sind wir Menschen. Wir schauen gegen die

Fläche der Sternscheibe -- und rasch durchdringt unser Auge die paar

Einzelsterne dieses kurzen Stücks, -- schon taucht in den Lücken der

leere, schwarze, kalte Weltraum -- die Hosenwand oder Portemonnaiewand

unseres Bildes -- auf. Nach beiden Seiten ist es so, wenn wir die

Fläche treffen. Hier wie dort einzelne Sternbilder auf dunklem Grunde.

Aber wir wollen gegen den Rand der Sternscheibe vordringen -- und die

Welt vernagelt sich. Sternreihe schiebt sich auf dieser langen Bahn

hinter Sternreihe, die eine füllt die Zwischenräume der vorhergehenden,

-- die leuchtenden Punkte werden zur einheitlichen Leuchtmasse wegen

ihres Hintereinanders in die Tiefe hinein, ohne daß sie in jeder

einzelnen Reihe darum dichter ständen. Und diese kompakte Leuchtmasse

begegnet uns, wo immer der Blick in die Ebene gegen den Rand der

Sternscheibe eindringen will, -- genau wie das Markstück seinen

gekerbten Rand als Ring um sich trägt, so bildet auch der Rand der

Sternscheibe einen Ring für den, der im Mittelpunkte steht, -- --

und in diesem Ring glänzt dem Auge folgerichtig jene einheitliche

Leuchtmasse, in der das Gewimmel der Sterne die Einzelformen löscht und

die Durchblicke in den schwarzen Raum überdeckt.

Wir stehen bei der Milchstraße.

Sie ist kein wirklicher Sternenring, sondern nur eine zufällige

Projektionserscheinung für das Auge von Beobachtern, die fast genau

in den Mittelpunkt einer flachen Scheibe aus gleichmäßig verteilten

Sternen gesetzt sind und diese zwangsweise Lage ihrer Sternwarte nicht

verschieben können.

Nicht umsonst kam dieser Gedankengang von einem König unter den

Logikern. Kein Kärrner hat ihn in den hundertfünfzig Jahren seither

auf seinem eigenen Felde besiegen können. Sollte er je wieder ins

Wanken gebracht werden, so konnte es nur geschehen, indem gewisse

Voraussetzungen aus dem Tatsachen-Material heraus hinfällig wurden.

Zwei ganz scharf umrissene Angriffe konnten ihn nur mehr fällen.

Entweder die ganze Deutung des Andromeda-Nebels als der unsern ähnliche

Fixstern-Insel war schließlich doch noch falsch. Dann fiel die Analogie

von dort. Oder eine genauere Betrachtung der Milchstraße selbst machte

doch aus greifbaren Beobachtungs-Gründen jene „optische“ Erklärung

Kants unmöglich. Dann fiel von hier die Analogie.

In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, als Kant schrieb,

mußte ein ehrlicher Sinn zugeben, daß beides denkbar war. Denn die

Ausnutzung des Fernrohrs stand tatsächlich noch immer in ihren

Anfängen. Wilhelm Herschel enthüllte ja eben mit seinem Rohr einen

ganzen neuen Himmel. Aber da gerade wurde offenbar, wie wenig wir noch

wußten. Als Herschel in der Nacht des 13. März 1781 nach Doppelsternen

gesucht und dabei die uralt heilige Zahl der Planeten, auf der ganze

Religionen, die tiefsinnigsten philosophischen Betrachtungen und

Hunderttausende von persönlichen Horoskopen aufgebaut worden waren,

durch Entdeckung des Planeten Uranus zertrümmert hatte, -- da beschlich

auch den Kühnsten ein Ahnen, was jetzt erst alles folgen werde.

Und wieder, wie so oft, begann in der Tat hier eine jener wunderbar

verzweigten Arabesken der Forschung, die auf den Beschauer später

einen so köstlichen Reiz ausüben. Meint er doch, ein Pflänzlein dem

ungestalten Keim sich entringen zu sehen, es reckt sich, spaltet

Hüllen, biegt und kringelt sich empor, setzt erst fremdartige Blättchen

an, als sollte etwas ganz anderes werden -- bis endlich jäh der Typus,

die Art, die wirklich entstehen sollte, sieghaft vorbricht. So erlebt

auch er das Keimen und Reifwerden einer Wahrheit, einer Erkenntnis im

Menschengeiste, und er erlebt sie in einer unendlich feineren, geistig

anregenderen Form, als wenn die neue Weisheit plötzlich blitzeblank vom

blauen Himmel fiele.

Wenn der Andromeda-Nebel ein ganzes Fixsternsystem in Linsenform

umschloß, das seinen Zentralbewohnern ebenso als Milchstraße erschien

wie uns unser milchiges Himmelsband: dann mußte dieser Nebel enorm weit

von uns entfernt sein. Denn er hatte ja wirklich beinahe nur noch die

Größe einer echten Linse für uns.

Gab es solche Entfernungen?

Gab es eine Rechnung, die da nachkam?

Es ist der erste verzwickte Arm der Arabeske, der sich hier aufreckt.

Der nächste Fixstern unseres Systems jenseits der Sonne steht, wie

gesagt, so weit von uns ab, daß das Licht rund vier Jahre braucht,

um zu uns zu gelangen. Das bedeutet mehrere Billionen Meilen. Es

läßt sich mit Sicherheit behaupten, daß diese Ziffer keineswegs zu

groß, dagegen eher noch um ein beträchtliches zu klein ist. Das ist

der nächste Stern! Bei anderen Sternen gerät man auf einige dreißig

solcher Lichtjahre. Was wir heute von ihnen sehen, ist ihr Bild, wie

es vor dreißig Jahren von ihnen durch Lichtpost herübergeworfen wurde.

Für die entferntesten Sternpünktchen, die aber immer noch in unsere

Fixsterninsel hineingehören, gibt es einen Annäherungswert von 22000

Lichtjahren. Da wir uns fast im Mittelpunkte der Insel befinden und

solche äußersten Pünktchen nach zwei Seiten auftauchen, so gibt das

einen ungefähren Längendurchmesser des Systems -- sagen wir in Kants

Sinn, der Scheibe oder Linse -- von 44000 Lichtjahren. Unsere ganze aus

unmittelbarer Ueberlieferung stammende Kultur auf Erden hatte also noch

nicht begonnen, als jene äußersten Systemecken das ausstrahlten, was

heute als ihr Licht in unser Fernrohr rinnt. Und dabei ist die Ziffer

sicherlich noch nicht das volle Maß.

Als man anfing, zuerst einmal ganz im Umriß und noch ohne feinere

Nachweise, mit ähnlichen Ziffern für unsere Milchstraße zu spielen,

erfolgte sofort der Schluß: das alles jetzt muß, als innerhalb unseres

eigenen Systems gelegen, doch nur erst eine Bagatelle sein gegen den

Abstand der nächsten ganzen Fixstern-Insel von uns, -- also gegen

die Entfernung des Andromeda-Nebels. Wie wenn ich einem sage: dieser

Hausgiebel hier steht von dem dort zehn Meter weit ab, -- was du dort

im Ausschnitt der Straße aber wie zwerghafte Zuckerhütchen ragen

siehst, das ist die ganze Alpenkette, -- wie weit muß die entfernt

sein! 44000, -- das ist schon fast halb Hunderttausend. Bloß zehnmal

Hunderttausend gibt eine Million. Eine Million Lichtjahre also. Aber

das ist in Anbetracht der Sache noch immer nicht viel, im Gegenteil.

Riskieren wir ein paar, eine Anzahl Millionen.

Es war wieder ein Riesendenker, jetzt schon im neunzehnten Jahrhundert,

der hier den Kopf auf die Hand stützte und in Gedanken eine gewisse

Bilanz zog vom überschauenden Standpunkte aus.

Zehn, oder zwanzig, oder gar hundert Millionen Lichtjahre, -- das

berührte eine andere Ziffer der Naturforschung.

So viel Millionen einfache Jahre erreichten oder überschritten gar

schon unsere gesamte Kenntnis von der geschichtlichen Entwickelung

der Welt. Sie datierten zurück hinter den Menschen auf Erden, hinter

die Ichthyosaurier, die Steinkohlenwälder, die Bildungszeit der

kristallinischen Schiefer, die Entstehung der ersten Erkaltungsrinde

unseres Planeten, -- ja schließlich gar noch hinter jene wilde Genesis

des ganzen Sonnensystems, wie sie Kant träumte, und zuletzt noch hinter

die der Milchstraßeninsel selber.

In diesem Falle, sagte sich Humboldt, ist ein solcher Nebel wie der in

der Andromeda mit seiner vor Hunderten von Jahrmillionen abgegangenen

und jetzt erst bei uns ankommenden Lichtpost einfach das älteste

sinnfällige Zeugnis vom Dasein der ganzen Materie, das wir überhaupt

noch besitzen!

War dieser Nebel heute für unseren Anblick noch glühender Urstoff ohne

innere Gliederung in Einzel-Sonnen, so war das wirklich kein Wunder.

Vor so viel Millionen Jahren war unser Milchstraßensystem das ja in

Kants Sinne auch gewesen. Wir sahen aber tatsächlich dort, was damals

war. Kam die Lichtpost von uns selber umgekehrt dorthin, so langte auch

sie ja mit derselben Verspätung an und dort erschien unsere Sterninsel

entsprechend ebenfalls erst in ihrem chaotischen Urzustande.

Das war nun ein pompöses Wort, und der alte Humboldt war der nötige

pompöse Redner, um es aller Welt als kosmisches Bonmot einzuprägen.

Die Anhänger der Kant’schen Milchstraßen-Theorie aber freuten sich

doppelt dabei, denn es gab nur Wasser auf ihre Mühle, -- erhöhte

nämlich nur die Wahrscheinlichkeit, daß der Andromeda-Nebel unser

Lehrmeister in Kants Sinne bleiben dürfe.

Indessen die Arabeske begann ihre Krümmung.

Mit dem Jahre 1880 setzt für unsere Kenntnis der Nebelflecke eine ganz

neue Epoche ein. Draper photographiert den Orion-Nebel.

Die Photographie eroberte auch hier den Himmel -- ein unvergleichlicher

Fortschritt.

Von Sonnen und Sonnenstäubchen · 第 1 / 37 段