Und eines Abends verließ Berthe das Spital. Eines Sommerabends, eines
Herbstabends? . . . Die schönen Tage waren nicht mehr. Es war ein Abend,
an dem Berthe keinen Sou in der Tasche hatte . . . Sie suchte Pierre
auf, wie man hundert Sous holen geht. Er studierte in seinem Zimmer mit
der Willenskraft des Lothringers, der seinen Weg machen will, doch ohne
Begeisterung, denn das Studium der einsamen jungen Leute ist freudlos.
Er hatte ihren Brief beantwortet und ihre Kränkungen vergessen, sie
hatte ihm geantwortet, daß sie ihm glaube.
Sie kam, ohne daß er sie erwartet hätte. Etwas lag zwischen ihnen und
jeder fühlte rings um sich, was es war. Aber man soll sich überwinden
und das Ehrgefühl ausschalten, wenn man arm ist. Noch etwas lag zwischen
ihnen, was Mann und Frau scheidet: sie dachte daran, daß sie keinen Sou
besaß, er dachte daran, daß ihn der Besuch fünf Francs kosten werde.
Zunächst muß man leben, dann kann man Gefühle haben. Erst am nächsten
Morgen verließ Berthe Pierre, um sich bei Maurices Mutter, die sie
flüchtig kannte, Nachrichten zu holen.
Sie kam in dem kleinen Laden in Plaisance gegen zehn Uhr an.
Die andre sagte:
»Ah! Da sind Sie! Sie!«
Sie ließ sie in den Hinterraum treten, und ohne sich zu setzen, legte
sie schon los.
»Ihretwegen hat mein Sohn das getan! Ich weiß alles, daß Sie ihn mit
Ihrer Krankheit angesteckt haben, mit dieser Fäulnis, und ich weiß auch,
wo Sie herkommen. Mädchen wie Sie sind ein Unglück!«
Sie fuhr lange fort und redete dicke und unterstrichene Phrasen. In dem
Hinterraum des Ladens schienen die polierten Möbel die Worte
widerzuspiegeln und ihnen Kraft zu verleihen, so daß sie wie ein
Beispiel von Tugend sich der Verkommenheit entgegenzurecken schienen.
Sie sprach, sehr sauber und wohlgekämmt, mit der Entrüstung der ehrsamen
Frau und am Ende der Abrechnung drückte sie, da ihr Sohn Berthe nicht
vergesse, die Hoffnung aus, auch Berthe würde ihren Sohn nicht vergessen
und ihm von Zeit zu Zeit ein Fünffrancsstück schicken.
Berthe betrachtete gesenkten Hauptes ihre Hände, errötete, hörte der
alten Frau zu, wobei ihr die Gedanken ganz wirr durcheinandergingen,
wußte nicht mehr, was werden sollte, beugte ihre sanftmütige Seele und
fühlte sich schuldig. An manchen Tagen war sie so gütig, daß sie kein
Empfinden für das Unrecht hatte, das man ihr antat.
Sie ging zu ihrer Schwester Blanche.
Um nichts in der Welt hätte man geglaubt, daß Blanche die Schwester
Berthes sei. Sie war ein Mädchen von siebzehn Jahren, rosig und blond,
doch wenn ihre Haut jung und straff war, so ließen ihre Kleider und ihre
Haltung keinen Gedanken an Jugend zu, und auf der Straße galt sie in den
Augen der Zuhälter als der Inbegriff dessen, was man einen »Schweinigel«
nennt. Ihre über der Stirn kurz geschnittenen Haare waren an den
Schläfen gelockt und in Ringel gedreht, nach der Sitte der
Freudenmädchen in den Vorstädten, nach der ewigen Regel, daß Menschen
desselben Berufes sich gleich tragen und von gleichem Stolz erfüllt
sind. Sie ging ohne Hut, die Hände in den Schürzentaschen, den Leib
vorgewölbt und die Füße nachschleifend, wie man Pantoffeln schleift.
Seit ihrer Kinderzeit, in der sie ihrer Herrin hundert Sous gestohlen
hatte, war ein Tag gekommen, an dem sie in einem Hotel ihre
Jungfernschaft in den Händen eines Zuhälters gelassen hatte, und andre
Tage, an denen alle Gaben ihres Leibes und ihres Geistes sie der
Laufbahn entgegenstießen, die sie später freiwillig wählte. Sie lebte
zufrieden in ihrer Welt, nahm unwillkürlich deren Benehmen und Sprache
an, ganz jung noch wurde sie öffentliches Mädchen, wie Musset Dichter
wurde, ganz jung noch. Syphilitisch von Beruf, ohne einen Blick des
Bedauerns zurückzuwerfen, hatte sie den Kopf voll Läuse, ohne daß ihr
der Wunsch nach Sauberkeit kam, und ihre Röcke verbreiteten einen Geruch
von Laster und Schmutz um sich, der die Männer anzog. Sie lebte vergnügt
und skrupellos, und da das Geld ein Ziel auf dieser Erde ist, hatte sie
keine Vorstellung vom Guten oder von Ehrsamkeit und fühlte sich
glücklich wie ein Mensch am Ziele in dem Augenblick, wo sie die Taschen
voll Geld hatte.
Unter den Zuhältern der Rue de la Gaîté wählte sie einen Mann nach ihrem
Herzen -- einem unabhängigen und gleich dem Leben sich wandelnden Herzen
--, lockte ihn an sich und warf ihn, wenn sie seiner satt war, fort, um
einen andern zu wählen, wie ihre Begierde es bestimmte. Sie war ihre
eigne Herrin, und sie beschützte sich selbst mit einem großen Messer,
das sie stets in der Tasche trug und danach sie tastete, um sich seiner
zu versichern wie ein Reisender, den seine Waffen furchtlos machen, da
er weiß, daß es ihm an Mut nicht fehlen wird.
Berthe erzählte ihr die Szene, die sich soeben abgespielt hatte.
Blanche sagte:
»Wie! Du hast nicht gewußt, was ihr antworten? Ich hätte ihr alles
gesagt. Ich hätte ihr gesagt: Alte Heuchlerin, Sie sind ja froh, daß ich
ihn aushalte! Sie machen Geschichten, weil Sie wissen, wie dumm ich bin.
Er hat keinen Fetzen am Hintern, den er selber verdient hätte. Er soll
nur kommen, Sie werden sehen, wie ich den Zuhälter jagen werde!«
Berthe erwiderte:
»Gewiß, aber ich kann mich nicht wehren.«
* * * * *
Bei ihrer Schwester lebte Berthe, nachdem sie das Spital verlassen
hatte. Bei ihrer Schwester, denn das Familiengefühl ist stärker als
jedes andre, und Schwester bleibt man, was auch geschieht. . . So blieb
Berthe bei Blanche, die stark war und sie ein wenig stärkte. Blanche
ging wie ein Vorbild, ohne sich um die Welt zu kümmern, ihren Weg, und
Berthe, die abgeirrt war, brauchte nur ihren Schritten zu folgen. Sie
empfand in der ersten Zeit infolge der alten Gewohnheiten einen Rest von
Trauer und dachte in ihrer schlichten Seele: »Ich sehne mich nach
Maurice.« Sie dachte es sehr heftig und betrachtete die Dinge rings um
sich mit einer großen Unruhe, wie man einen Kameraden betrachtet, der
sein Äußeres verändert hat. Sie lebte bei Blanche, die ihr Gewissen
beschwichtigte und sagte: »Recht hast du.« Es war ihr gleichgültig, ob
sie recht hatte oder unrecht, aber wir suchen überall die Bestätigung
unsrer selbst, die einen Teil unsres Glücks ausmacht.
* * * * *
Abends zwischen neun und zehn Uhr gingen sie auf den Boulevard
Sebastopol hinunter. Von der Place du Châtelet dehnte er sich vor ihnen
mit seinen Trottoirs, seinen zwei Lichterzeilen und war ihnen wie ein
Werkzeug, dessen Handhabung sie kannten und das sie unermüdlich
gebrauchten, während ihr Körper dabei zerbrochen wurde. Alle
Straßenecken sprachen zu ihnen gleich Erinnerungen, bei jedem Schritt
wanderte ihr Zweck mit, sie dienten ihm ohne Lächeln und ohne Aufregung
wie ein Geschäftsmann, der sein Geschäft ausübt. Blanche machte sich den
Beruf leichter, indem sie die Männer direkt ansprach. Berthe warf ihnen,
ein wenig tänzelnd, Blicke zu. Da wimmelten junge Leute, die wie
Fragezeichen aussahen, Männer von vierzig Jahren, deren Erscheinung
ernst ist und deren Gespräche klar und klingend sind wie ein
Fünffrancsstück, Betrunkene, die nicht mehr rechnen können, die von
Liebe schwätzen und einschlafen und die man im Stich läßt . . . Zuhälter
mit schwarzer Schnauze stießen sie im Vorübergehen an mit Worten, mit
Blicken und Schlägen ihrer Rabenflügel. Die Mädchen betrachteten sie
flüchtig, wie man Menschen ansieht, die nicht zu uns gehören, und
zuckten die Schultern, als säßen sie darauf und sollten abgeschüttelt
werden. Blanche ging ohne Hut, mit festen großen Schritten wie
Wäscherinnen mit dem Korb, Berthe mit kleinen Schritten, mit dem
Aussehen der Blumenarbeiterinnen. Die öffentlichen Mädchen kamen
vorüber: solche, die jung und blendend sind wie ein Vergnügen von
siebzehn Jahren und die es nicht verstehen, sich der ersten Glücksfälle
und reichen Launen zu bemächtigen, -- solche, die nicht auf dem
Boulevard Sebastopol bleiben und mit ihren gestärkten Unterröcken
rauschend weitergehen, um rings um sich die Begierde auszustreuen, --
solche, die schon mehrere Jahre des Pflasters hinter sich haben, die es
kennen und bis auf den Grund ausnützen, -- und dann gab es Alte mit dem
schweren Gang von Kühen, die an den Straßenecken Halt machen und mutig
alle Passanten stellen, da es sich um das tägliche Brot handelt. Die
Lichter dienen dazu, die Gesichter der Straße zu studieren, die
Kaffeehausterrassen waren Lockplätze, wo sie die Blicke ausstreuten, um
dann zurückzukehren und nachzusehen, ob zu ernten sei, was man gesät
hat.
Etwas später verließ Blanche ihre Schwester und ging in der Richtung der
Markthallen und der Rue Montmartre. Sie arbeitete am liebsten allein,
denn ernste Arbeit braucht Einsamkeit, in der man seine Fähigkeiten
sammelt wie ein Mensch, der vorwärtskommen will. Es genügte, sie
anzusehen, und sie hängte sich an; und dem Verlangen gleich, das in
unserm Herzen schlummert, kam sie, war da, mit ihren Gebärden und ihren
Beschwichtigungen. Sie verkaufte billig, um häufiger zu verkaufen. Im
Stadtviertel der Zeitungen und der Bars, und zumal wenn es dunkelte,
waren die Männer leichter zu haben. Sie stärkte sich mehrmals, indem sie
einen Kaffee mit einem Gläschen zu fünfzehn Centimes trank, und kehrte
um vier Uhr morgens nach Montrouge zurück, die Börse gefüllt und das
Herz zufrieden.
Berthe machte auf dem Boulevard Sebastopol und den großen Boulevards die
Gefühlvolle. Angefangen von ihrem schwarzen gescheitelten Haar und ihrem
weißen Antlitz bis zu ihren Beinen, die an die Röcke schlugen, empfand
man ihren Gang als ein hübsches Geschehen in einem besondern Dasein,
empfand ihr Herz als das einer süßen und lieben kleinen Frau. Viele
Vögel ließen sich fangen. Die jungen Leute dachten: Das ist ein
zuverlässiges Vergnügen, denn außerdem macht sie den Eindruck, als
könnte man mit ihr verständig reden. Man sagte zu ihr: »Fräulein, ich
geh Ihnen nach und Sie lassen mich tüchtig rennen.« Sie antwortete
manchmal: »Ach, mein Herr, das erkläre ich Ihnen. Ich bin klein, und
wenn ich schnell gehe, merkt man's viel weniger.« Ein andermal gingen
sie neben ihr her und sagten nichts, weil sie so war und ihre Herzen
gerührt wurden. Sie lächelte dann und war anziehend, wie die Sanftmut
anziehend ist. Sie machte die Gefühlvolle bei den jungen Leuten und den
Männern, denn es gibt viel Liebe auf Erden, und die Liebe flutet heran
und trägt uns wie Kinder von hinnen, den Frauen entgegen, wo
Kindlichkeit und Güte sind.
Sie hatte Syphilis. Um diese Zeit litt sie viel Schmerzen im Munde, und
ich glaube, alle ihre Küsse hatten Syphilis. Viele Vögel ließen sich
fangen. Im Spital hatte sie sich gesagt: »Ich weiß nicht, wie ich es
machen soll, denn andere will ich nicht anstecken.« Sie war entlassen
worden. In den ersten Tagen dachte sie: »Ich werde ihm sagen: Wasch dich
gut.« Dann mußte sie essen: das Mitleid ist nichts für den täglichen
Gebrauch. Wenn sie lange gegangen war, begannen die Steine hart zu
werden und hingen sich ihr an die Füße wie Quadern und wie steinerne
Herzen. Sie dachte: »Das hat mich tüchtig gepackt.«
Das ist nichts, Herr Gott. Da ist ein Weib auf dem Straßenpflaster, das
dahingeht und ihren Lebensunterhalt verdient, weil es schwer anders
kann. Ein Mann bleibt stehen und spricht mit ihr, da Du uns das Weib
gegeben hast, auf daß wir uns daran erfreuen. Und dieses Weib ist
Berthe, und den Rest weißt Du schon. Das ist nichts. Da ist ein Tiger,
der Hunger hat. Der Hunger eines Tigers gleicht dem Hunger eines Lammes.
Du hast uns Nahrung gegeben. Ich glaube, dieser Tiger ist gut, denn er
liebt sein Weibchen und seine Jungen und er liebt das Leben. Aber warum
muß der Hunger eines Tigers Blut haben, während der Hunger eines Lammes
so sanft ist?
Da waren ganz junge junge Leute, die unwissend, mit vollem Herzen und
all ihrem Gelde mit den Frauen gingen. Da waren Männer von
fünfundzwanzig Jahren, die ihrer bedurften, sie suchten und lachten,
sobald sie sie gefunden hatten. Da waren verheiratete Männer, die
dachten: »Ein kleines Abenteuer, ein Lächeln, eine Laune für das Mädchen
da, weil sie etwas andres ist, als was mir beschieden war.« Da waren
Männer von vierzig Jahren, die Gesundheitsgründe vorschützten. Da waren
Passanten, gleichgültig was für Menschen, deren Schicksal sich
entschied.
Ein Mann von fünfzig Jahren kam aus der Bretagne, um in Geschäften eine
Woche in Paris zu verbringen. Er begegnete Berthe am Abend seiner
Ankunft. Jeden Abend bezahlte er ihr die Mahlzeit, führte sie ins
Café-Konzert und gar ein wenig in die Nachtrestaurants. So lernte er das
Leben von Paris kennen, das er als junger Mensch nicht hatte kennen
lernen können, weil er damals kein Geld hatte. Dann kehrte er in seine
Bretagne zu Frau und Töchtern zurück, das Herz leuchtend und die Lippen
feucht.
Ein andermal sprach sie ein Mann von fünfunddreißig Jahren an, und er
hatte eine Weile gebraucht, bevor er sie ansprach. Sie verbrachten die
Nacht in einem Hotel der Rue Saint Sauveur und er schenkte ihr fünfzehn
Francs. Er sagte zu ihr: »Vor dem Schlafengehen mach deine Haare
zurecht.« Er legte sich neben ihr nieder und küßte sie auf die Augen:
»So bist du einer Frau ähnlich, die ich sehr geliebt und die ich
verloren habe.« Er tat sonst nichts, stützte sich auf dem Kissen auf,
sie schlief ein, und die ganze Nacht strich er mit der Hand über ihr
Haar. Es gibt schöne Herzen, die heil bleiben.
Gewöhnlich kehrte Berthe um zwei Uhr früh nach Hause zurück, denn die
Straßen bieten dann nur mehr zufällig vierzig Sous und die Gefühle sind
matt.
Oft griff Blanche bei den Hallen gerade »ihren Mann« auf, der nicht
immer wußte, wo er schlafen sollte oder die Nacht durchwachen wollte.
Alle drei, er, Blanche und Berthe, schliefen nebeneinander, doch Blanche
behielt den Platz in der Mitte, um ihn an Übergriffen zu hindern und
weil sie sehr eifersüchtig war. Es waren schwüle Nächte mit den Seufzern
Blanches, den Belästigungen des andern und dem unruhigen Schlafe
Berthes. Am Morgen reckten sie sich dann, der unsaubere Mann und die
beiden Frauen, in ihrem Dunste, wälzten sich herum und sprangen gegen
Mittag aus dem Bett. Sobald Blanche hinunterging, um etwas zum Essen zu
holen, benützte der mit Berthe allein gebliebene Mann den Augenblick und
begann den Angriff, denn Berthe war hübsch und man hat nie Gelegenheiten
genug. Sie wehrte sich, ließ sich gehen, ängstigte sich und spaßte.
Berthe war eben Freudenmädchen. Das ist kein Beruf, den man am Morgen
verläßt und außerhalb dessen man das ist, was man sein soll, wie ein
Beamter außerhalb seiner Kanzlei. Kennst du den Hauch des Lasters, den
man einmal eingeatmet? Die Faustschläge der Zuhälter formen die Mädchen
und hinterlassen im weißen Fleische ihre Spur neben dem Verlangen, das
Gott hineingelegt hat. Sie leben miteinander, eine große Herde, Blanche,
Berthe und die andern, jede gleichsam ein Beispiel und eine Lehre für
die Nachbarin. Die Welt der Prostituierten verheißt zu Beginn ein Leben
in Freiheit, sinkt dann hinab und stinkt nach tausend Geschlechtern
durch den ganzen Tag. Und die Krankheit dringt unter die Röcke mit
fressenden Küssen. Das Trottoir, die Hotelzimmer und die Geldstücke sind
ein einziger Handel, bei dem man seine Seele verkauft, während man sein
Fleisch verkauft.
Man sucht das Glück. Das Glück der Freudenmädchen gleicht dem Rachen der
Straßen, der stark ist und das Leben zwischen den Kinnladen zermalmt.
Sie bedürfen eines Glücks, bei dem die Männer herrisch sind und sie mit
ihren Fäusten packen wie die Wut, unter der man sich duckt. Man sucht
die Liebe. Die Liebe der Passanten kommt und geht, ohne etwas von ihrer
Flüchtigkeit zu hinterlassen, aber es gibt für das Frauenherz eine
andere Liebe, die sie gefangen nimmt und sie niederbeugt und zu Fall
bringt. So war es einst mit Maurice.
Berthe suchte denn das Glück in der Liebe. Sie lernte zunächst Blondin,
den Radfahrer, kennen. Blondin, der Radfahrer, war groß, breit, rot,
hatte feste Hände und gediegene Füße, und schritt auf der Straße mit
einer Gewichtigkeit hin, daß schon seine Augen schwer auf unserer Brust
zu ruhen schienen. Er betrieb, wer weiß was für einen Fahrradhandel und
besaß zwei- oder dreimal ein Automobil, das ihm das Aussehen eines
geschickten Mechanikers und eines geschäftigen Kaufmanns lieh, der über
den üblichen Handel hinaus ist. Er führte Berthe aufs Land hinaus, und
auch das unterschied ihn von den gewöhnlichen Männern. Manchmal hatte er
die Taschen voll Geld, ein andermal mußte ihm, wie Berthe sagte,
»ausgeholfen« werden. Seine rohe und handfeste Liebe gewährte entweder
Üppigkeit oder forderte die vierzig Sous von dem Weib, das er liebte.
Und man liebte ihn, weil er einen umfing, daß die Knochen knackten, und
man gab ihm alles, weil er nicht für einen Dummkopf gehalten werden
wollte.
Sie lernte eines Nachts, als sie nach Hause ging, den Azteken vom
Grand-Montrouge kennen. Er stand an einer Straßenecke, blaß und hager,
mit feinem vorgeschobenen Mund und seinem angespannten Willen. Als er
sie ansprach, fühlte sie, daß es da keine Widerrede gab und daß ein Mann
alles vermag, wenn er der Welt in die Augen sieht.
Sie lernte eines Abends in einer Bar den »Kegel« kennen, der hinkte und
ein verpfuschter Zuhälter zu sein schien. Holterdipolter, die Lahmen
sind komisch, es war eine Liebe zum Lachen.
Sie lernte noch andre kennen: die Burschen vom Montrouge, vom
Montparnasse und aus dem Latin, die Liebe am Nachmittag, bei der man
herumbummelt, die Liebe bei Nacht, bei der man heimgeht; sie lernte auf
dem Boulevard Sebastopol sogar die Liebe flink wie der Wind, zwischen
zwei Kundschaften, kennen. Sie kugelte rundum durch die Bars und trank,
was man wollte, und lachte, wie man eine Kugel anlacht, die das rollende
Glück ist. Sie ward eine Hündin, die die Hunde beschnüffelten, einer den
andern drängend, das Ding aufgerichtet und das Maul toll wie brünstige
Hunde. Sie lernte sie alle kennen und wandelte durch die Straßen als
schwaches Fleisch, das unterliegt, ohne Widerstand, ohne einen Nerv, der
sich strafft, ohne irgendwas, dessen Herrin sie wäre. Sie warf ihr
Portemonnaie in die Luft, aus dem die Geldstücke rollten,
auseinanderstiebend im Wirbel eines zügellosen Lasters.
Sie lernte Kiki kennen. Kiki war sechzehn Jahre alt, mit spitzer Stimme,
und flitzte herum wie die Kinder um unsre Beine. Er verkaufte
gelegentlich Gemüse und kannte seine Straße, wie man sie kennt, wenn man
Handel treibt, am Gewicht betrügt und mit den Bestohlenen herumstreitet.
Die Männer nahmen ihn nicht ernst: deshalb wehrte sich Kiki mit Zähnen
und Krallen, heulte in den Straßen, stürzte sich auf alles und mußte
sich mehr als ein andrer Mühe geben, zur Geltung zu kommen. Einmal
begegnete er einem Kindermädchen mit einem Kinde. Das Kind hatte eine
Peitsche:
»Gib mir die Peitsche, ich knall mit ihr.«
Kiki unterhielt sich damit gute fünf Minuten, dann wollte das Mädchen
weitergehen und die Peitsche wiederhaben.
»Nichts da«, sagte Kiki.
Als sie sie ihm wegnehmen wollte, wich Kiki zurück und knallte vor dem
Gesicht des Mädchens, indem er sagte: »Nicht näherkommen!«
Der Junge weinte. Kiki entfernte sich, mit der Peitsche knallend, und
drehte sich von Zeit zu Zeit um, um sie auszulachen. Als er sie nicht
mehr sah, wurde ihm die Peitsche lästig und er schmiß sie hinter einen
Zaun.
Er war ein Gassenbub für Gassenbübinnen, einer der Bengel, deren
Geschichten unterhaltend sind. Berthe gab sich ihm aus Spaß hin, und das
ist schlimm, denn eine Frau, die sich achtet, soll einen Mann wählen,
der zu etwas taugt.
Berthe traf mitunter den langen Jules, der in der ersten Zeit mit ihr
stehen blieb und mit ihr plauderte wie mit der Frau eines Freundes. Er
nannte sie »Madame«. Aber als er von ihrer Lebensweise erfuhr, sprach er
nicht mehr mit ihr und ließ sie vorübergehen, den Kopf hoch, wie ein
Soldat in Waffen hinabsieht auf diejenigen, die Zucht und Gesetz
verletzen.