Er antwortete: »Oh, ich weiß, du willst alles nach deinem Kopf machen.«

Im Hotelzimmer saß er, trank das Wasser aus der Flasche und wartete auf

sie. Manchmal aß er nur Käse. Für drei Francs verkaufte er seinen

Regenschirm und wartete mit einem gewissen Vertrauen zwei Tage. Dann

tauchte ein Kamerad mit fünf Francs auf, der ihm das Zimmer bezahlte. Er

aß etwas bei der Mutter, aber Geld verweigerte sie ihm. Er sagte: »Du

könntest mich krepieren sehen!« Sie erwiderte: »Arbeite!«

Berthe konnte ihm ein paar Zehnsousstücke geben: im Krankenhaus braucht

man nichts. Es fanden sich zwei oder drei Frauen, die ihm ein Frühstück

anboten und ihm den Tabak bezahlten, aber keine von ihnen konnte das

Leben mit ihm teilen, denn er hatte gewählt, wie Männer wählen -- für

immer. Er saß und wartete, die Fäuste an den Kinnbacken, trockenes Brot

kauend.

Er wartete ganze Nachmittage in den Straßen, wo er zwecklos herumging.

Manchmal wurde ihm die Zeit trüb und blieb unbeweglich ihm zu Häupten

schweben wie ein Schleier der Öde, wie etwas Gleichgültiges und Totes.

Die Tage, an denen er mit den Kameraden zusammen gearbeitet hatte, und

die Abenteuer schienen ihm vergangene Tage zu sein, Tage alter Zeiten,

da man noch unter Menschen gelebt. Er hegte zwei oder drei Erinnerungen:

Berthe schleppte sich gähnend durch das Zimmer und rekelte sich. »Mir

ist es fad!« sagte sie. Er antwortete: »Wenn es dir fad ist, hau ich dir

eine übers Maul.« Er begriff nicht, wie man einen ganzen Abend lang

mutlos bleiben kann, während das Leben fiebert und die Welt voll Taten

ist.

Jetzt begriff er dies besser. Ein wenig Leid klärt uns auf und weist uns

die Schmerzen, die wir zu sehen nicht verstanden haben als ewige und

bessere Brüder. Er fühlte noch, daß das Glück unzuverlässig ist und

unser Herz ein schwankendes schwarzes Wrack. Er verlor seine Zuversicht

und schrieb an Berthe: »Ich sehne mich nach dir. Es ist das erstemal,

daß wir getrennt sind, und mir ist, als wären wir für immer getrennt.«

Ihm zogen nicht Gedichte durchs Herz, weil er keine kannte, aber eins

nach dem andern fielen ihm all die Liebeslieder wieder ein, die er

gehört hatte. Die schönsten und die lautersten waren die besten. Er

fühlte mehr als jemals, was Schönheit ist. Vor allem das Lied Lakmés

fällt uns ein und legt sich auf die Wunde, die uns schmerzt. Es kam von

seinen Lippen wie ein Schrei, wie ein Hauch und wie ein guter Duft:

»Ja, ich finde dein Lächeln wieder

Und will in deinem Aug' den Himmel schau'n.«

Aber es kam ein Tag, an dem Maurice des Wartens noch müder wurde. Seit

vierzehn Tagen war Berthe im Spital, das Elend schien ihm schon lang.

Die ersten Tage haben Freunde und Hilfsquellen, aber bald, wenn die

Schuhe durchgetreten sind und die Kleider zerfransen, wird das Elend des

trockenen Brotes zum Elend in Lumpen, gegen das die Freunde nicht mehr

aufkommen. Einst glaubte man an die Möglichkeit der Abenteuer. Stehlen

ist schön, solang man es zu seinem Vergnügen macht, wer aber aus

Bedürfnis stiehlt, wird zu erregt für seine Abenteuer, um sie sicher zu

bestehen. Dann macht trockenes Brot kraftlos. Er spürte einen

Nachgeschmack von alledem im Magen, einen lächerlichen Druck vom Käse,

die Schwere von schlechter Nahrung und Hunger. Der Aufruhr durchstürmte

seinen Körper, der Käsegeruch verursachte ihm Übelkeiten, der starke

Mann blickte mit durchdringenden Augen um sich.

Da suchte er seine Freunde wieder auf. Er suchte sie nicht auf wie

einst, da seine Seele an lustigen Nachmittagen unter ihnen sorgenfrei

war. Sie gingen damals in den Hinterraum der Weinstuben, ließen sich

nieder, die Ellbogen auf den Tisch, die Faust unters Kinn, plauderten

und tranken Rotwein. Er litt unter einer empfindlichen Melancholie, die

ihn an der täglichen Arbeit hinderte, und so bedurfte er eines Kampfes,

um entzündet zu werden, eines großen Abenteuers, das ihn aufrüttelte und

überwältigte, damit er eines Tages all die Energie Bübüs wiederfinden

und auf einmal wieder seine tägliche Arbeit verrichten konnte. Er

bedurfte eines großen Diebstahls, der ihm die Taschen hinlänglich mit

Gold füllte, daß er warten konnte wie ein Rentner der Liebe, wie ein

Dichter der Melancholie, der an nichts andres denkt, als wie seine

Schöne eines herrlichen Morgens zurückkehrt, und an neue

Hochzeitsfreuden.

* * * * *

Es war eine einfache und traurige Geschichte. Sie ereignete sich in

einem Tabakladen um drei Uhr morgens, mitten in verlassenen Straßen, wo

die Stille die Menschen ermutigt und so gut zu sein scheint wie ein

letzter Rat. Sie gingen dahin, die Kehle trocken und Blut in den

Fäusten. Los endlich, alle drei, meine Brüder, dämpft das Herz und paßt

auf beim Stehlen, wenn man zittert, wenn man sucht und wenn man findet.

Alles ging gut bis zur Kasse: die Tür und die Schubfächer widerstanden

nicht. Sie hatten kein Glück, weder er noch die andern! Maurice hatte es

sich immer gedacht. Die Kasse enthielt sechzehn Francs, nur sechzehn

Francs! So nahmen sie alles mit: die Briefmarken, die Stempelbogen, die

Zigarren, die Zigaretten und den Tabak. Sie stopften damit die Taschen

voll, dann das Hemd, dann packten sie in die Taschentücher. Als sie sich

entfernten, war die Straße noch leer, und sie trennten sich alle drei,

den Himmel zu Häupten und die Gedanken schwer.

Nach zwei Tagen hatten sie nicht viele Briefmarken verkauft und konnten

den Tabak nicht an den Mann bringen. Das Losschlagen gestohlener Sachen

ist unsicher wie der Diebstahl selbst, und die Tage sind schrecklich,

sobald die Nerven beim Anblick des Schatzes zu tanzen beginnen. Maurice

ging umher, die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der

Brust. Er hatte vielleicht Freunde. Am Morgen des dritten Tages, als er

auf dem Quai de l'Horloge dahinschritt, traten an einer Ecke zwei Männer

hervor. Er hatte sie schon am Tage vorher getroffen und ihre breiten

Schultern und ihr Maul bemerkt. Ein Blick rückwärts, die beiden Männer

folgten ihm. Er hörte ihre Schuhe wie einen Überfall, fühlte sie dröhnen

wie Fäuste und gewichtig wie die Polizei, die alles weiß. Er versuchte

rascher und unbefangener auszuschreiten. Dann erstarrt einem das Blut im

Leibe, es war vorauszusehen, zwei furchtbare Fäuste packen einen, zwei

Schultern stoßen mit namenloser Brutalität vorwärts und auf zwei Stimmen

ist keine Antwort möglich: »Marsch! Keinen Laut!«

Er hatte die Taschen voll Briefmarken und Zigarettenpakete an der Brust.

* * * * *

Berthe erfuhr dies durch ihre Schwester Blanche an einem Donnerstagabend

im Sprechzimmer des Brocaspitals. Blanche wußte es von Charlot, der es

vom langen Jules hatte, und man wußte ferner trotz den Gefängnismauern,

daß Maurice mit Syphilis angesteckt war. Blanche redete als Bringerin

einer großen Neuigkeit sehr wichtigtuerisch, mit Mienen und Gesten und

einer Art von Großartigkeit, wie eine Zeitung eine Nachricht in die Welt

setzt. Da trat in der schwarzen Spitalsluft, zwischen den vier Wänden

des Sprechzimmers, tiefe Stille ein, während die Kranken rings um Berthe

lebhaft waren und Berthe sich einsam fühlte. Dunkel sank auf die Häupter

und verschleierte die Augen. Das Spital wurde noch mehr Spital, das

Leben schien noch mehr das Leben zu sein, um das man ringt und das

verwundet. Berthe begriff, daß ihr das Leben bis hierher allzu leicht

erschienen war.

Aber Blanche sagte:

»Ach, was! Er hat dich lang genug geprügelt!«

* * * * *

In den folgenden Tagen richtete sich Berthe ihr Leben neu ein. Die

Gewohnheiten Maurices waren ihr in Fleisch und Blut übergegangen und

formten ihren Leib und ihre Gedanken. Sie war zunächst Berthe, aber sie

war auch die Frau, die ein Mann vier Jahre befruchtet hatte, wie der Nil

die Erde Ägyptens überflutet. Sie hatte große Angst gehabt. Mit ihren

siebzehn Jahren hatte er sie bei der Hand genommen und sie in die Welt

geführt. Dann hatte er gesagt: »Hier mußt du hingehen!« Und er hatte sie

bewacht auf ihrem Wege. Die Tage im Spital waren noch die Tage Maurices,

denn jeden Donnerstag und Sonntag besuchte er sie im Sprechzimmer. Und

dann wußte sie, daß sie ihn jeden Augenblick wiedersehen konnte. Nun

drehte sich alles um sie: Paris, das Spital, die Gegenwart, die Zukunft,

und die wirrsten Gefühle:

Ein Wesen schwand dir hin,

Und alles ist verödet.

In den folgenden Tagen versuchte Berthe, ihr Leben neu einzurichten. Sie

richtete es mit ihrer Schwester Blanche ein, mit einer kleinen Freundin

namens Adele, dann mit irgendwem, gleichgiltig wem, denn eine Frau soll

nicht allein sein. Sie suchte Männer in ihren Erinnerungen. Sie dachte

an Pierre, an ihn, den sie in ihrem Unglück angeklagt und der ihr

beschwörend geschrieben hatte, daß er nicht der Schuldige sei. Er hatte

geschworen, wie sie es gern hörte -- beim Haupte seiner Mutter --, denn

dann ist es die Wahrheit. Sie gedachte auch andrer Männer und ließ sie

in Gedanken vorüberziehen, um sich zu betäuben und Hoffnungen zu

schöpfen. Aber nichts vermochte die Erinnerung an Maurice auszulöschen,

und hätte ein Gott sich an der Tür niedergelassen, hätte er sie zu

seiner Gefährtin gemacht und sie zu höchster Herrlichkeit geleitet,

hätte er sie sogar beschenkt und sie geliebt, nie -- nie hätte sie den

einen vergessen können, der sie zur seinen gemacht hatte und der mehr

war als ein Gott, weil er ein Mann und sie eine Jungfrau gewesen war.

Sein Leib war dem ihren viel tiefer eingeprägt als alle Gefühle und alle

Wünsche. Sie wußte nicht, wie man die Leute im Gefängnis richtet, doch

alles Leid, das sie erlebt hatte, flößte ihr ein großes Mißtrauen gegen

die Zukunft ein und lehrte ihr, daß ein Unglück das andre nach sich

zieht. Sie war krank geworden, weil sie kein Glück hatte, und aus

demselben Grunde, glaubte sie, würde ihr Maurice jahrelang fernbleiben.

Da fühlte sie sich verloren, ihre Gedanken schweiften all die kommenden

Tage entlang, um ein kleines Glück zu entdecken, das sie mit gierigen

Händen ergriffen hätte, sie blieben vor allen möglichen Winkeln stehen,

aber nichts genügte ihrem Herzen, denn sie kam aus einem schönen Lande,

und das war sein Land.

Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel · 第 13 / 18 题