Eine Nachbarin, die da war, sagte: »Da kommt ja Ihr Sohn.«

Er hatte jene betonte Höflichkeit, die in den Leuten eine bessere

Meinung erweckt und bewirkt, daß unsre Eltern uns niemals verleugnen. Er

ging in den Hinterraum. Er stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch

und sah die Gegenstände des Zimmers nach den Klängen einer Musik tanzen,

die seinen verstörten Kopf erfüllte. Gewöhnlich sah er sie an, wie man

ein kärgliches Leben ansieht, dachte an seine Freiheitsideen und kostete

ein Gefühl von Überlegenheit aus. Aber diesmal sah er, Maurice, der kein

Bedauern kannte, wie friedlich der Raum hinterm Laden und wie gut der

Frieden war, obgleich sein gänzlich aufgeregter Kopf tanzte und wie ein

Wrack endlos von Strudel zu Strudel wirbelte und tanzte.

Er schüttelte den Alpdruck ab:

»Gib mir ein Glas Wein.«

Sie fürchtete übrigens, daß er gekommen wäre, um ihr Geld abzuverlangen.

Sie sagte:

»Du siehst traurig aus.«

Er trank und antwortete:

»Ja, es geht mir dreckig heute abend.«

Dann erhob er sich und ging.

Er flüchtete sich und schritt mitten durch die schwarzen und volkreichen

Häuser, vorbei an den Läden und den Schenken seiner Jugend, während die

Wagen auf dem Pflaster schmetterten; er sah die Passanten der Vorstadt

dahingehen, angefangen bei den Arbeiterfrauen, die auf der Straße

keiften, bis zu den Kameraden in blauem Kittel, die ein Straßenmädchen,

ihr Weib, lachend begleitet. Das Leben erwachte und lebte in einer Art

Fieber, angefangen bei dem Geschrei und Rennen der einen bis zum Alkohol

und der Liebe der andern. Die Luft roch wie am Eingang eines

Gewürzladens _en gros_ oder am Eingang einer Weinhandlung. Da, im

Viertel Plaisance, dachte er an seinen Freund, den langen Jules, und

fühlte wieder die Hoffnung wachsen. Man geht eines Nachmittags im August

durch die Rue de Vanves, man erinnert sich, daß der lange Jules die

Syphilis gehabt hat, es fällt einem ein, daß Charlot, Paul und andre sie

noch haben, und man denkt, daß diesen allen die Syphilis nichts angetan

hat. Dann sagt man sich: »Aber nichts spricht dafür, daß ich selbst die

Krankheit habe.« Und man versucht, sich zu beweisen, daß man sie nicht

haben kann, weil Berthe die ersten Anzeichen bemerkt und man sich sofort

enthalten hat.

So kam er in der Avenue du Maine an, in bekannter Gegend. Es gibt hier

Bars, wo die Freunde sich aufhalten. Schon wollte Maurice sie aufsuchen,

als er auf einer Terrasse den langen Jules bemerkte.

»Ich dachte an dich. Da bist du.«

Der lange Jules trank einen Mokka auf der Barterrasse, ganz allein, und

blickte auf die Straße. Die Mütze im Nacken auf seinem festen und

geraden Kopf, blickte er auf die Dinge und die Passanten, und seine

Gedanken, sicher und ruhig wie er selbst, nahmen jeder seinen richtigen

Platz ein, sicher und ruhig, und hoben ihm den Kopf. Maurice setzte sich

neben ihn. Der lange Jules hatte ihn gern, obwohl er klein war, seines

Willens wegen, der seine Muskeln und seine Kinnbacken straffte. Die

Fußgänger zogen an ihnen vorüber, während sie sie betrachteten. Das

erinnerte an den Schöpfungstag, als Adam, der König der Welt, am Fuße

einer Eiche sitzend, die Tiere an sich vorüberziehen sah, sie prüfte und

sie benannte.

Schließlich hielt sich Maurice nicht länger zurück.

»Du hast Syphilis gehabt. Ist es wahr, daß sie einen umschmeißt?«

»Du hast Syphilis?«

»Nein, aber sie ist mir auf den Fersen.«

»Ha, ha, ha! . . .« machte der lange Jules. »Auf den Fersen ist sie

nicht. Bah! Die Syphilis tut nicht weh. Ich hatte sie vor zwei Jahren.

Sie haben mich Pillen einnehmen lassen, als ich in der Santé war. Ich

hatte nie etwas gehabt. Erst Francine, du kennst sie, hat sie mir

eingewirtschaftet. Ich hätte es vermeiden können, man hatte mich voraus

gewarnt, aber man läßt eine Frau nicht, weil sie krank ist.«

Er erklärte darauf, daß man Flecke auf der Haut und Belag im Munde hat

und daß das ganz von selbst vergeht. Auf seinem Stuhl sitzend, erklärte

er die Krankheit mit gleichmütigen Worten, dann, nachdem er gesprochen

hatte, dachte er an etwas andres. Weder das Gefängnis noch die Krankheit

hatte ihm je Pein bereitet, weil sein Wille stärker war, als alle Übel.

Er wanderte geraden Schrittes mitten durch die Gefahren und kämpfte ohne

Zorn und ohne Fieber, so bald er sich zum Kampf entschlossen hatte. Ich

sagte, daß er stärker war, als die Syphilis.

Er war übrigens erstaunt, daß Maurice sie noch nicht hatte: »Wir haben

sie alle«, wiederholte er. Maurice bestellte zwei Glas Mokka und leerte

das seine auf einen Zug. Wenn er die Krankheit nicht hatte, war es hohe

Zeit, Berthe zu verlassen. Er konnte sie nicht haben, da sie erst vom

ersten Anzeichen gesprochen hatte. Die Frauen wechseln, sie folgen

einander und sind so zahlreich, daß ein geschickter Mann nicht zu

fürchten braucht, keine zu haben. Diese heimlichen Gedanken schlichen

sich in sein Gehirn ein und schienen es zu umstricken. Aber die

Gedanken, die ihm der lange Jules mit sicherer Geste vorgeführt hatte,

lebten vor seinen Augen und er sah sie, wie sie, Seite an Seite,

aufrecht marschierten. Er leerte sein Glas auf einen Zug.

Jeder zahlte seine Runde, sie erhoben sich. Es war vier Uhr. Sie gingen

die Avenue du Maine hinab, die Hände auf dem Rücken, langsamen

Schrittes, mit dem kecken Blick der Mädchenhirten. Auf beiden Seiten der

breiten Straße schienen die Häuser niedrig, die Auslagen dürftig und die

Fußgänger spärlich zu sein. Um so mehr schienen Jules und Maurice zu

wachsen. Mit dem langsamen Schritt des Besitzers, dem kecken Blick des

Herrn, fühlten sie sich in ihrem Viertel, das sie kannten, wie man einen

Teil seiner selbst kennt, und über das sie Rechte besaßen. Maurice fand

ein wenig Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den man auch Bübü

von Montparnasse nennt. In diesem Viertel, wo er seine ersten Schritte

getan hatte, fühlte er sich angeregt und frei wie am ersten Tag,

betrachtete die Dinge und dachte, daß er sie schon früher gekannt, daß

er sie aber heute noch besser kannte, weil er mehr Erfahrung hatte.

Das Selbstbewußtsein! Wer sich selbst prüft und sich alles mögliche

Unglück einbildet, findet die alten Kräfte wieder, die ihn belebten, und

fühlt, daß sie ewig sind und das Unglück niederzwingen werden. Sie

begegneten der Dirne Cecile, die ohne Hut, in der Schürze, ebenso wie

sie selbst, gern in den Straßen des Viertels herumstrich. Sie war braun,

ein wenig dick, mit scharfen Zügen und ließ an Messerstiche denken. Sie

sagte:

»Ich habe Machin versetzt. Er will mir den Hals umdrehen. Ich habe ihm

gesagt: Oh! la, la, mein Kleiner! Du hast noch keinem Spatzen eine Feder

gebrochen.«

Der lange Jules lächelte, denn sie war eine seiner Frauen. Er wollte

keine behalten, hatte sich aber im Bereich seiner Tätigkeit gewisse

Rechte auf ihre Liebe gewahrt. Er nahm jeden Abend auf dem Heimweg eine

mit und schlief mit ihr ohne Umschweife.

Maurice lächelte, denn er war denen weit überlegen, die man versetzt.

Da kehrte ihm das ganze Selbstbewußtsein wieder: Ich bin Maurice, den

man auch Bübü von Montparnasse nennt. Er richtete sich auf, wölbte die

Brust, klappte die Hacken zusammen und fühlte vom Kopf bis zu den Zehen,

daß er Bübü von Montparnasse war.

Der lange Jules neben ihm ging seines Weges, still und seines Ruhmes

sicher wie eine vorwärtsmarschierende Armee. Maurice wußte nun, daß die

Syphilis zum männlichen Leben gehört. Schon lange wußte er's, aber es

gibt Kenntnisse, die nicht tief in unser Herz gegraben sind. Wie alle

Menschen gelangte Maurice zu vollem Wissen erst nach vielem Leiden.

Durch und durch verfault sein . . . Diese Worte belustigten ihn jetzt,

wenn er an Jules dachte und an alle, die nicht durch und durch verfault

waren. Die Syphilis und die Wissenschaft widersetzen sich unserm Willen

wie Ärzte, die man an der Straßenecke angreifen und berauben kann. Und

der Kramladen seiner Mutter war ein elendes Gewerbe, bei dem man sich

bückte und in Stücke riß, um einen Sou zu erraffen. Das nennt man Pech

haben. Das Pech der Syphilis ist ähnlich wie das Gefängnis, das man

vermeiden kann oder aus dem man unversöhnlich und gestärkt herauskommt.

Und in seiner neuen Freude bekam er Lust, zu trinken. Trinken ist

Freude, und wenn man schon ohnedies voll Freude ist, macht trinken

glückselig und berauscht uns. Sie ließen sich gegenüber dem Bahnhof

Montparnasse nieder. Zwei Absinth. Rüttelnde große Wagen, Fiaker mit

tanzenden Scheiben, Omnibusse und Tramways mit ihrem Gepolter und ihrem

Trompeten, Lokomotivpfiffe, schwitzende Passanten, die drückende Sonne

von fünf Uhr, der Staub eines Augustnachmittags, das Ankommen und

Abreisen, und dies Gehen von tausenden Menschen schufen ein höllisches

Leben zusammen mit den Dampfkranen, Waggons, Menschen, Fahrzeugen,

Tieren und Kisten, mit der Menge von Werkstätten und Bahnhöfen, mit

allem, was fährt, und allem, was vorübertollt, mit der Zeit, die

brüllend vergeht.

Man sagt sich: Das sind zwei Zuhälter, die ihren Absinth trinken, und

nimmt an, daß der Absinth das Gehirn der Zuhälter nicht beunruhigt.

Maurice hatte, während er neben dem langen Jules die Avenue du Maine

hinabgeschritten war, seinen Menschenglauben wiedergefunden und kostete

in seinem Bewußtsein alles Gute und alles Böse aus. Das Wissen um das

Böse ist gut wie eine gute Frucht auf trockener Straße und hilft uns,

zwischen Syphilis und Gefängnis ohne Heuchelei und ohne Furcht vorwärts

zu kommen wie große Reisende. Der Absinth setzte sein Gehirn in

Bewegung, trieb Fieber und Glück hinein. Ich bin Maurice, den man auch

Bübü von Montparnasse nennt! Maurice ist ein Mann, der die Frauen packt

und sie formt. Er packt Berthe, das Kunstblumenmädchen, wählt sie, weil

sie schön und jungfräulich ist, erst zu seinem Vergnügen, dann zu seinem

Lebensunterhalt. Er sieht sich um, erfaßt die Dinge auf einen Blick, und

für die Fahrräder und für die Schaufenster sind seine Finger rasch wie

ein Augenaufschlag. Er kennt die verwickelte Wissenschaft der

Umklammerung, die aus Handgriff und Muskeldruck besteht und uns die

Menschen preisgibt wie Kinder und die Panzerkassen wie Spielzeug. Er

kennt den leisen Schritt, den man Wolfsschritt heißt, und weiß die Nacht

zu durchspähen mit glühenden Augen. Er kennt den Hieb, der betäubt, und

den, der tötet, den Angriff und die Abwehr, und die Messerklinge, die

einen Weg zu bahnen vermag, wenn man in Gefahr schwebt. Er wandelt

sorglos durch die Straßen der Städte, während die einen leiden und die

andern sich rackern; was ihn umgibt, das kann er sich holen; er

schreitet dahin und ist wie ein Mensch, der sein eigenes Haus

durchschreitet. Er fühlte sich frei und vollkommen in seinen Ideen, in

seinen Organen, in seinem erträumten Leben, in seinem gelebten Leben

. . .

Der lange Jules schlug ihm auf die Schulter:

»He, Maurice, schlafe nicht!«

Er antwortete:

»Es macht mir Spaß, an meine Syphilis zu denken.«

Der lange Jules brach in Lachen aus:

»Du denkst an deine Syphilis!«

Er bestellte zwei weitere Absinths.

Der zweite Absinth erfüllte Maurice mit Gemurmel und floß wie eine Welle

und umspülte sein Herz. Er spürte im Kopfe tausend erwachte Gedanken

summen, die strömten, lachten und sangen. Das Echo des Guten antwortete

dem Echo des Bösen wie Stimmen, die sich locken, und wie Schritte, die

sich fliehen. Berthe neigte sich, um ihn zu lieben, und lachte über die

Krankheit. Die Welt ähnelte einem Menschen, der unschuldig und verseucht

Absinth trinkt auf den Terrassen. Große Gefühle wandelten schreiend auf

den Straßen, nahe den Bahnhöfen, ähnlich der Liebe, dem Glauben, dem

Wissen. Man sah Freude, die Bewegungen glichen Tänzen, die Menschen

waren klein neben dem, der träumte, und das Leben lachte wie eine Frau,

die man kennt und die man zu lenken versteht.

Plötzlich erinnerte er sich des Liedes. Deiner, das tröstet, o altes

Lied von der Seuche, das die Kranken besingt. Du stimmst uns mild und

dichterisch wie das Leiden der Verwundeten:

»Alter Kunde vom Spitale . . .«

Du birgst ein Großteil Liebe und Ergebung und du birgst noch mehr als

Ergebung. Du schlägst uns ans Kreuz auf unserm Kalvarienberg, du weisest

uns unsre Wundmale, du besingst die Arzeneien und verlachst die

Schmerzen, du tanzest um unsretwillen und du läßt uns glauben, daß unsre

Leiden glorreich sind. Oh, sei gesegnet! Altes Lied von der Seuche! Im

Hospital, wo du geboren wardst, sangst du dich von Bett zu Bett in alle

Herzen hinein, du verklärtest die Sterbenden und du senktest deine

Flügel auf die Stirn der Siechen, altes Lied von der Seuche!

»Wem mehr gegeben ist zu leiden, der ist wert, mehr zu leiden.« Du

erinnerst an dies schöne Wort. Bist du das Wissen vom Guten, bist du das

Wissen vom Bösen? Du schmiegst deinen alten Leib an den unsern, du

sprichst von Quecksilber und du sprichst von Liebe. Du sagst:

»Nein Bruder, dein Schwesterlein sitzt an des Bettes Rand

Und legt dir aufs heilende Herz die Hand.«

Als Maurice Jules verlassen hatte, wandte er sich in die Rue de Rennes

und wollte nach Hause zurückkehren. Die frischere Luft von sieben Uhr

wehte zwischen den Häusern, kühlte die Stirne und sänftigte die Gedanken

nach der Tagesarbeit. Die Fußgänger, etwas schwer, spürten ihre

Schultern von der Arbeit befreit und wanderten nach ihren Häusern und zu

ihren Frauen mit dem hellen Gefühle des Sommers. Maurice war in besserer

Laune als gewöhnlich. Berauschtes Blut rann in seinen Gliedern, munter

bald, bald gütig. Warum ist das Menschenherz so groß?

»Ich bin heute abend drollig«, sagte er sich.

Er kam an einem großen Kolonialwarenladen vorüber und sah, die Auslagen

betrachtend, Schachteln mit Mandarinen. Kleine Mandarinen, kleine

saftige Nichts, ihr seid nicht für den Mund von Mädchenhirten

geschaffen! Er kam vor einen andern Laden und sah nach, ob es auch hier

Schachteln mit Mandarinen gab. Man hält es für schwer. Zunächst muß der

Blick entschlossen sein. Niemand sieht zu. Darum muß der Griff rasch und

unbefangen sein. Maurice schob die Schachtel mit Mandarinen unter seine

Weste, ohne sich aufzuhalten. Es war, um Berthe ein Vergnügen zu

bereiten, freigebig zu sein mit einem Geschenk, ein wenig Arbeit, ein

wenig Liebe, ein paar Mandarinen für einen feinen Mund!

Dann fiel ihm die Syphilis ein. Eh, wenn er nicht die Syphilis hatte!

wenn er nicht die Syphilis hatte! Da war es ihm, als würde das seinem

Ruhm schaden. Er schritt mit solcher Leidenschaft aus, daß seine Beine

zu stiegen schienen. Wenn er nicht die Syphilis hatte, war es hohe Zeit,

sie zu haben. Er ging auf sein Ziel los, die Mandarinen unter dem Arm,

die Seele geweitet, so stark vorwärts getrieben, daß er nicht daran

dachte, sich umzublicken.

Als er in sein Zimmer trat, kochte Berthe eine Kleinigkeit zum

Abendessen. Er sagte:

»Da schau her, ich bring dir eine Schachtel Mandarinen.«

Sie lächelte zart:

»Oh! Maurice! das hat aber was zu bedeuten, daß du so lieb bist.«

»Küß mich.«

Sie näherte sich, und wie sie ihm einen herzhaften Kuß auf die Lippen

gab, legte er ihr beide Arme um die Schultern und hielt sie fest. Er

küßte sie auch auf den Mund. Dann fuhr er fort: einmal sehr kräftig,

einmal leicht, dann sehr kräftig, dann weniger leicht . . .

Währenddessen zog er sie an sich, drückte sie sich an den Leib. Sie

sagte:

»Laß mich los, sonst brennt mir das Fleisch an.«

Er lachte.

»Das ist mir egal.«

Er nahm sie in den Arm, hob sie ein wenig, bog sie rückwärts, schmiegte

sie an seine Haut. Gewöhnlich war er nicht so eilig. Er zog sie in den

Kleidern ans Bett. Berthe sah ihm mit ihrem traurigen Blick in die

Augen:

»Du darfst nicht, Maurice, du weißt . . .«

Er sagte:

»Ich pfeif drauf.«

Als er sie durchdrang, fühlte er sein Herz zergehen, wurde sehr zärtlich

und sagte:

»Tu ich dir weh, meine kleine Frau?«

V

Louis Buisson bewohnte im fünften Stock, Quai du Louvre, ein kleines

viereckiges Zimmer. Man sah darin ein Eisenbett mit vier Messingkugeln,

ein Büchergestell aus weichem Holz, einen Waschtisch, einen Tisch mit

roter Decke, einen Stuhl und zwei »armenische Fauteuils«, die im

Rathausbazar zwölf Francs gekostet hatten. Linoleum bedeckte den

Fußboden, zwei Plakate und mehrere Stiche schmückten die Wände. Das war

das wohlgeordnete Leben eines Junggesellen, der sein Zimmer selbst

aufräumt und es einfach herrichtet, ein Abbild seines Geistes. Das

Fenster ging auf einen großen Flußarm hinaus neben dem Pont Neuf und

seiner kleinen Parkanlage, wo die Luft, das Licht und das Wasser ein

bewegtes und erfrischendes Schauspiel boten. Sind wir in Paris? Wir sind

hoch in den Lüften, in einem Land am Wasser, dessen Luft aber tost wie

rollende Wagen.

Diesen Abend kochte sich Louis Buisson einen Kaffee; die einfachen

Verrichtungen, das Zimmer machen oder den Kaffee zubereiten, beruhigen

unsern Geist und ordnen unsre Gedanken wie Möbel jeden an seinen Platz

. . . Übrigens hatte er seine Grundsätze für die Zubereitung des

Kaffees. Er benützte nicht den Satz und schüttete das kochende Wasser

Tropfen für Tropfen auf den frisch gemahlenen Kaffee. Es dauert ein

wenig länger, aber um etwas Gutes zu haben, muß man sich Mühe geben.

Als Pierre Hardy an die Tür klopfte, wartete er nur auf ihn, um den

Kaffee einzugießen. Louis Buisson sagte:

»Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich hatte Dir von einer kleinen Bonne

gesprochen, mit der ich einen Briefwechsel unterhielt, und ich hoffte,

bei ihr meine Wünsche zu stillen. Die Frauen aus dem Volke sind einfach,

und alle Frauen lassen sich bilden. Ich lieh ihr ein paar Bücher, um sie

nach meinem Geschmack zu erziehen. Sie las gern. Ich sagte mir: >Sie

wird die delikaten Dinge verstehen lernen, die die Ordnung und das Glück

eines Haushaltes ausmachen. Abends werde ich zu Hause arbeiten. Sie wird

nähen und sich ausruhen, und ich werde sie an meiner Seite wie eine

kleine Flamme spüren, die brennt.< Hör, was geschehen ist: vorgestern

und gestern sind wir zusammen ausgegangen, da ihre Herrin verreist ist.

Meine kleine Bonne liebt alle Vergnügungen und leidet darunter, daß sie

sich im Cafékonzert nicht unterhalten, auf Bällen nicht tanzen und die

Lichter auf den Straßen nicht sehen kann. Ich mußte sie überall ein

wenig herumführen und dann wollte sie nach dem Bal Bullier gehen. Da

habe ich eingesehen, ich, der ein Mann des Volkes sein wollte, daß das

Volk allzusehr die schlechten Vergnügungen liebt. Ich mag wohl nicht aus

demselben Volk sein wie die andern, darum kann mich niemand verstehen

und Freude empfinden, wenn er sein Leben dem meinen anpaßt. Ich habe mit

ihr gebrochen. Ich habe geglaubt, mein Weib gefunden zu haben, und bin

jetzt ganz allein.«

Louis Buisson war ein wenig lehrhaft und redete lang. Man pflegte ihm im

Bureau zu sagen: »Oh! Sie, Sie wollen immer recht haben. Sie halten

Vorträge.«

Sie tranken ihren Kaffee, rauchten eine schlechte Zigarre, und jeder von

ihnen glich, wie er so im »armenischen Fauteuil« da saß, einem

schüchternen und ungeschickten jungen Bureaukraten. Weder den einen noch

den andern beglückten die Liebe, die zwanzigjährige Menschen bewegt, und

Paris, das gegen Arme hart ist. Pierre Hardy sagte:

»Ich habe angefangen, mich an meine kleine Freundin Berthe und ihre

hundert Sous zu gewöhnen. Jetzt liegt sie krank im Spital.«

Louis Buisson sagte:

»Ich habe Straßenmädchen gekannt, als ich im Hotel garni wohnte. Ihre

Ausgelassenheit bricht aus wie bei Kindern, die schreien, um sich nicht

zu fürchten.«

Pierre Hardy hatte bei seinem Freunde viel zu lernen. Sie lebten ein

gemeinsames Leben, zu dem Louis Buisson die Erklärungen lieferte. Er

untersuchte mächtig die Ereignisse und oft, wenn er irgend einen alten

Irrtum oder eine neue Wahrheit entdeckte, war er in Verlegenheit, wie er

seine Lebensführung mit seinen Ideen in Einklang bringen sollte. Die

Analyse ist keine kalte Wissenschaft, sie, die durch unser Herz geht und

es aufrührt. Die Erregungen Louis lösten Erregungen in Pierre aus, weil

ihr Leben gemeinsam und weil ihre Seelen aufrichtig waren. Pierre sagte

sich: »Es ist komisch, wie er immer recht hat!« Er dachte wie sein

Freund, aber er dachte viel niedriger.

Pierre Hardy fügte hinzu:

»Ich liebe sie viel mehr, seit sie krank ist. Sie schreibt mir

ungeschickte Briefe, aus denen man aber errät, daß sie leidet und daß

sie zartfühlender wird. Sie sagt: >Ich küsse dich vom ganzen Herzen

eines kranken Kindes.< Ich schicke ihr ein wenig Geld. Mir ist, als

würden wir uns nähergekommen sein, wenn sie geheilt sein wird.«

Louis Buisson legte mit seinen langen Geschichten los. Er lächelte,

indem er dachte: Ich will einen Vortrag halten. Dann sagte er:

»Man muß die Mädchen lieben, die dulden. Ich war immer davon überzeugt,

daß wir sie darum nicht retten können, weil wir sie nicht genug zu

lieben verstehen. Ich habe einmal eine Anfängerin gekannt. Sie machte

mit vierzehn Jahren bei ihrer Mutter, die wiederverheiratet war und

deren zweiter Mann einen Weinhandel hatte, die Bekanntschaft eines

Burschen mit wilden Augen. Sein Blick beherrschte sie wie eine Gewalt.

Eines Tages ging sie in ein Hotel mit ihm, wo sie, gelehrig wie sie war,

sein wurde. Sie hat mir erzählt, daß er sie, nachdem sie sich ganz nackt

ausgezogen hatte, in seine Arme nahm und mitten auf das Federbett legte.

Sie war so klein, daß sie in dem Bett versank; sie rührte sich nicht

mehr und schlief, völlig erschöpft, in ihrer verlorenen Jungfrauschaft

hier ein. Ich weiß nicht, warum ihre Eltern sie nicht suchen ließen. Die

beiden lebten vier Monate, ohne daß sie arbeitete, doch nach und nach

brachte er sie von der Ehrbarkeit ab. Er führte sie selbst auf die

großen Boulevards und suchte ihr die Kundschaft aus. Sie verdiente

fünfzehn Francs und darüber zeigte sie eine Art naiver Freude. Als ich

sie kennen lernte, war sie kaum sechzehn Jahre alt. Ich habe niemals ein

gleich mutiges Weib gesehen. Sie hatte schließlich Arbeit gefunden und

nähte Flitter. Mein lieber Freund, sie nähte bei Tage, dann nähte sie

bei Nacht. Sie war kaum sechzehn Jahre alt. Sie konnte niemals fünfzig

Sous täglich verdienen. Und der andere stand da, hinter ihr, mit seinen

zwei Fäusten und mit seinen zwei Kinnladen. Sehr oft geschah es, daß sie

auf die Straße hinabsteigen mußte, wenn sie ihr Zimmer bezahlen sollte.

Ich lernte sie kennen. Es gab Morgen, an denen sie mich um zwei Sous

bitten kam. Die Zeit verstrich für sie, indem sie ihr immer neues

Unglück brachte. Ihre Mutter wurde endlich unruhig, entdeckte sie und

ließ sie ein Jahr lang im Kloster der Nonnen vom heiligen Michael

einsperren, wo man junge Mädchen mit schlechten Anlagen unterbringt. Als

sie es verließ, hielt ihr Geliebter um ihre Hand an und ihre Mutter gab

die Einwilligung dazu. Der Irrsinn herrscht auf der Welt. Da fing die

alte Geschichte von neuem an. Er betrog sie, er belustigte sich damit,

sie zu betrügen. Eines Tages im Fasching promenierten sie zusammen in

der Menge, als ein Frauenzimmer vorüberkam. Er ging ihr nach und blieb

drei Tage fort, ohne zurückzukehren. Später trennten sie sich, doch kam

er von Zeit zu Zeit auf Besuch, er brauchte Geld. Damals hatte sie einen

jungen Mann von neunzehn Jahren zum Freund. >Wenn ich ganz alt werden

sollte<, sagte sie zu mir, >diesen Jungen werde ich niemals vergessen.

Nicht weil er reich war, sondern weil er soviel für mich getan hat.< Er

liebte sie mit einem guten Jünglingsherzen. Eines Nachts, als sie

erschöpft war, trug er sie in seinen Armen vom Bastilleplatz bis ans

Ende der Avenue Daumesnil. Er ging gern in ihre Wohnung, wenn sie

abwesend war, um irgend eine hübsche Überraschung auf den Tisch zu legen

und ihren freudigen Ausruf hören zu können, wenn sie heimkam. Mein

lieber Freund, dieser Junge, der zu Hause von Bedienten umgeben war und

dessen Mutter eine Kammerzofe hatte, besuchte seine kleine Freundin, und

räumte, wenn sie nicht da war, ihr Zimmer auf und putzte ihre Schuhe.

Ihre Geschichte nahm ein trauriges Ende, denn der Gatte verprügelte den

jungen Mann, daß er sechs Wochen das Bett hüten mußte. Es ist nicht lang

her, daß ich diese Dinge weiß, aber täglich verstehe ich sie besser. Der

junge Mann bewies so viel Liebe, daß er in das Herz eines armen Mädchens

eindrang. Und auch ich hätte in dieses Herz dringen sollen. Als der

junge Mann kam, war es viel zu spät, aber für mich wäre es die richtige

Zeit gewesen. Es ist drei Jahre her. Sie war nicht verheiratet, und ich

hätte sie aus den Armen eines Zuhälters befreien können. Ich hätte sie

nehmen und sie zu mir bringen und mich um sie schlagen sollen. Ich hätte

sie retten sollen. Versteh das: _Ich hätte sie retten können!_ Ach,

warum habe ich sie nicht genug geliebt? Ich hätte ihr das Zimmer

aufräumen sollen und ihre Schuhe putzen, ich hätte damit einverstanden

sein sollen, sechs Wochen das Bett zu hüten. In der Welt gibt es eine

Frau, die ich hätte retten können!«

Als Louis Buisson seine Geschichte beendet hatte, legte er den Kopf

zwischen die Hände, und es entstand eine Stille, während der beide

bemerkten, daß sie keinen Kaffee in der Tasse hatten. Man hörte fünf

Stockwerke tief die Wagen rollen. Louis Buisson nahm das Gespräch wieder

auf:

»Du sprachst mir von deiner Freundin Berthe, aber du hast mir nicht

gesagt, in welchem Krankenhause sie . . .«

Pierre antwortete:

»Im Brocaspital.«

Louis Buisson zuckte zusammen.

»Aber, mein lieber Freund, du kennst nicht das Brocaspital. Ich habe das

alles gesehen und ich sage dir, daß man im Brocaspital Mädchen sieht,

die sehr krank sind. Sie haben Syphilis.«

Da fühlte Pierre Hardy die Geschichte Louis Buissons wie ein Feuer in

seinem Herzen. Wahrhaftig, er fühlte die Dinge, tausend Dinge auf einmal

auf ihn einstürmen, ihre Stimme sich heben und senken wie eine Flut von

Unglück. Dann hatte er die Empfindung stillen Glücks, daß er sich aus

Liebe eines Abends auf den armseligen Tanz eingelassen hatte, der jetzt

das Aussehen der Syphilis und des Brocaspitals hatte. Er hatte diese

Empfindung stillen Glücks, sah die Fassade seines kleinen Provinzhauses

wieder und nun die Syphilis auf seiner Schwelle. Er begriff, daß ihm das

Leben bisher allzu leicht erschienen war.

Louis Buisson hielt seinen Vortrag:

»Ich pflegte ehemals in das Brocaspital zu gehen, wo einer meiner

früheren Gymnasialkameraden als Arzt assistierte. Ich habe gesehen, wie

die Mädchen alle auf ihre Krankheiten mit dem Spiegel untersucht wurden.

Ich habe die kleinen Frauen des Viertels gesehen, die Schanker hatten

und lachten, weil man ihnen sagte: >Die Syphilis ist nichts. Man nimmt

drei Jahre Pillen ein.< Ich habe Frauen gesehen, die anderthalb Jahre

Syphilis hatten und die weinten. Sie legten ihren Kopf unter die Arme,

weinten und sagten: >Ich werde nie gesund werden.< Die Ärzte trösteten

sie, indem sie in Lachen ausbrachen. Ich sah die Alten. Wie Tiere

spreizen sie die Beine. Sie sind ein armes Wild, das man verwundet hat

und das mit sich alles geschehen läßt, ohne Klage, da es gewöhnt ist,

verwundet zu sein.«

So sprach Louis Buisson, ohne an Pierre zu denken. Dann fiel es ihm ein

wie ein Blitz: aber Berthe, Pierre und Berthe! . . . Er blickte auf

seinen Freund, der, die beiden Hände auf den Knien, nicht daran dachte,

auch Vorträge zu halten. Er sah das arme verseuchte Mädchen in Tränen

gebadet, in Tränen der Verseuchten, und das war so traurig, daß er

keinen Vorwurf gegen sie erheben konnte. Den Charakter der Männer von

zwanzig Jahren bilden ebenso die Worte ihrer Freunde wie die Regungen

ihres Herzens. Pierre überdachte all die Gedanken über Liebe, die Louis

ausgesprochen hatte, und da noch sein natürlicher Edelmut hinzukam,

empfand er Mitleid mit Berthes Krankheit und zugleich Furcht vor der

seinen. Er fürchtete sich sehr. Er kannte die Krankheit nicht genug, als

daß er gewagt hätte, ihr ins Gesicht zu schauen, er wußte, daß man von

ihr spricht wie von der Schande und vom Unglück.

Da erhob sich Louis Buisson, näherte sich Pierre, ergriff seine beiden

Hände und drückte sie. Gewöhnlich war er mit seiner Zärtlichkeit

zurückhaltend. Aber ich habe, Herrgott, Unheil angerichtet mit meinen

Reden. Er revoltierte gegen sich selbst, gegen seine Worte, gegen die

Wahrheit, gegen das Brocaspital. Es kann nicht sein, denn es tut weh und

mein Herz ist gut. Er erhob sich, trat auf Pierre zu und sagte:

»Aber nein, Pierre. Aber nein, aber nein . . .«

Er schrie und er hatte Lust, es über die Dächer zu schreien:

»Aber nein, aber nein, aber nein . . .«

* * * * *

Nach Hause zurückgekehrt, schrieb Pierre an Berthe:

»Meine liebe kleine Freundin!

Es schmerzt mich, dir diesen Brief zu schreiben, weil es dich schmerzen

wird, ihn zu lesen. Du bist krank, meine kleine Berthe, ich möchte bei

dir sein, um dich zu trösten und dir zu beweisen, daß ich um deiner

Leiden willen leide. Dennoch gibt es Dinge, die ich dir sagen muß.

Bis heute abend kannte ich das Brocaspital nicht. Ich weiß jetzt, von

welcher Krankheit man dich dort kuriert. Du wirst sehr traurig sein,

aber glaube nicht, daß ich dich verlasse. Ich verlasse die Meinen nie

und du gehörst zu den Meinen, denn es sind schon drei Monate her, daß

wir uns kennen. Ich schicke dir eine Postanweisung auf drei Francs.

Das wollte ich dir sagen: unsre Beziehungen müssen sich ändern, denn ich

will nicht deine Krankheit bekommen. Ich zögere niemals ein Opfer

darzubringen, aber hier würde mir das Opfer ein Übel zuziehen, ohne dir

zu nützen. Wir werden uns weiter sehen, nicht wahr? Wir werden zusammen

spazierengehen, wenn du wollen wirst, und wir werden zwei Freunde sein,

Freund Pierre und Freundin Berthe.

Du verstehst wohl, daß ich deiner Krankheit nicht nachlaufen kann. Ich

glaube, ihr entwischt zu sein, denn ich sehe keinerlei Anzeichen, aber

ich bin noch nicht außer Gefahr. Einer meiner Freunde, der Mediziner

ist, hat es mir gesagt. Man muß vierzehn Tage abwarten.

Berthe, wenn ich krank wäre, würde ich dir verzeihen. Ich bin aus einer

Familie, in der man nie solche Krankheiten gehabt hat. Ich möchte sie

nicht auf andre übertragen. Übrigens wollen wir uns schreiben wie

früher. Ich hoffe, niemals zu bedauern, dich kennengelernt zu haben.

Ich schließe, meine liebe kleine Freundin, in Gedanken an dich. Ich

erwarte deine Antwort mit großer Ungeduld, um zu erfahren, ob du nicht

zu traurig darüber warst, was ich dir schreibe. Ich liebe dich immer,

und liebe dich noch mehr, weil du krank bist!

Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel · 第 9 / 18 题