In das Hotelzimmer in der Rue Chanoinesses, mit dem Fenster auf den Hof,
mit den grauen Vorhängen und den schmutzigen Würfeln, blickte mittags
ein schmutziger und grauer Tag. Das Papier auf den gelblichen Wänden,
der vernachlässigte Fußboden, die vier Möbel und der Koffer bildeten das
Heim eines Straßenmädchens, zu fünf Francs in der Woche. Der Tisch aus
weißem Holz, von Feuchtigkeit durchdrungen, die beiden aufgeschlitzten
Lehnstühle, der zweite Tisch mit dem Waschbecken schienen nicht alte
Sachen zu sein, sondern traurige und verschimmelte Sachen, die das Leben
zerfressen hat; und es war ein zerworfenes Bett da, auf dessen
verbrauchten Tüchern brauner Schweiß zwei Körper abzeichnete, dieses
Bett der Hotelzimmer, wo die Körper schmutzig sind und die Sachen auch.
Berthe stand eben im Hemd auf. Mit schmalen Schultern, das Hemd grau und
die Füße unsauber, mager und gelb, sah auch sie lichtlos aus. Mit
geschwollenen Augen und zerzaustem Haar war sie inmitten der Unordnung
des Zimmers selbst in Unordnung, und die Gedanken hockten
zusammengekauert in ihrem Kopfe. Das Erwachen um Mittag ist schwer und
pechtrüb wie das Leben des vergangenen Tags mit seiner Liebe, Alkohol
und Schlaf. Man hat ein Gefühl von Verfall im Vergleich zu dem Erwachen
von einst, als die Gedanken so klar waren, daß man gesagt hätte, der
Schlummer habe sie rein gebadet. Wenn du ausgeschlafen sein wirst, mein
Bruder, wirst du nichts vergessen. Sie verspürte noch die beengende
Last, die sie seit gestern am Atmen hinderte. Sie erinnerte sich an
alles, und das kniete auf ihre Brust wie ein wütendes Ungeheuer.
Wahrhaftig, ihre eingesunkenen Schläfen, ihre entfärbten Wangen und ihre
schlaffen Lippen ließen mitfühlen, daß sie wenig Gedanken und wenig Mut
hatte, und man fühlte noch, daß das Leben schlecht ist, weil es mit
schweren Schlägen auf die Kinder niederfährt, die Übles tun, ohne dessen
Umfang zu ermessen.
»Du weißt, Maurice, es wird das sein, was ich gemeint habe. Ich habe
gestern mit meiner Schwester Blanche darüber gesprochen. Sie hat mir
alles erklärt, wie sie's bekommen hat, und es ist dasselbe.«
Er antwortete kein Wort.
Sie stieg von Tag zu Tag bis zum Ursprung des Leidens hinab, aus
Bedürfnis, den Urheber zu erforschen. Man müsse vierzig Tage warten,
hatte man ihr gesagt. Sie ging daher Mann für Mann durch, bedachte der
Reihe nach die Umstände, und Waschbecken für Waschbecken. Der ganze
Vorbeimarsch der Liebe mit ihren Worten und Gebärden zog durch die
Hotelzimmer, aber sie hätte, in der Vergangenheit sich versenkend, mit
beiden Händen einen Mann fassen wollen, ihn erkennen und den Tag
austilgen, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Sie glaubte ihn gefunden
zu haben, dann sagte sie sich, daß es jetzt vergeblich sei und daß alles
vergeblich sei! Da ergab sie sich und ließ sich von ihren traurigen
Gefühlen treiben.
Maurice unterbrach die Stille.
»Ich möchte den kennen, der dir das hinterlassen hat, und ich würde ihm
den Schädel einschlagen.«
Rasch kleidete sie sich an, dann ging sie einen Liter Wein und
Aufschnitt einholen. Sie aßen, sich gegenüber sitzend, an dem feuchten
Tisch. Die schmutzige Flasche der Mieter, die das klebrige Wasser der
Hotels trinken. Maurice kaute, den Kopf gesenkt, mit Kraft große Bissen,
die seine Backen hervorwölbten.
Er nahm zugleich mit seiner Mütze ein Hundert-Sous-Stück vom Nachttisch
und ging fort.
* * * * *
Der Augustnachmittag breitete sich auf dem blauen Himmel aus und fiel
auf die Schultern wie ein schwerer Mantel. Maurice folgte dem Quai aux
Fleurs, wo die Blumen dürsteten und die Händler friedlich schwitzten,
indem sie die Vorübergehenden betrachteten. Die Wärme drückte auf seinen
Kopf und belud ihn mit einer ungestalten Last von Gedanken, die er nicht
formen konnte, die er aber alle durcheinander jagen fühlte. Zum
erstenmal in seinem Leben lernte er die Unentschlossenheit kennen. Er,
der gewöhnlich ohne Bedenken aufs Ziel losging, schritt den wenig
bevölkerten Quais entlang ziellos hin und hörte seine Schritte klingen.
Er schlug den Weg über den Quai de l'Horloge ein, schritt längs der
Mauer des Justizpalastes, die nach Gefängnis riecht, überquerte die
Place Dauphine, den Pont Neuf und folgte der Linie der Quais zwischen
den Bäumen und den Büchern, mit großen schweren Schritten, als wollte er
seine Gedanken niedertreten. Er beachtete nichts, nicht einmal die
Erdarbeiter und die Maurer am Orleans-Bahnhof, nicht einmal die
fliegenden Fährboote und die Schlepper. Er schritt energisch hin im
Gewoge der Gedanken, die so in seine Gliedmaßen übergingen wie bei
Menschen der Tat, bei denen Gedanken zu Gebärden werden. Er machte Kehrt
an der Concorde-Brücke, ging wieder über die Linie der Quais, dann trat
er in die Rue Bonaparte, um seine Schritte nach Plaisance zu lenken.
Das große Wort entschlüpfte ihm, als er mit großen Schritten dahinging,
und schlug ein wie der Donner, während er marschierte, und rollte dann,
ihm den Marsch trommelnd wie ein schwarzer Tambour. Die Seuche, Berthe
und die Seuche! Er fühlte sie an seiner Seite wie einen roten und
blutenden Gefährten, wie einen unglaublichen und grausamen Gast. Er
wandte sich in die Rue Bonaparte, wie man sich ins Wasser wirft, wenn
einen die Flammen verzehren, und stieg nach Plaisance hinauf. Die
Seuche, Berthe und die Seuche! Er kannte seine Feinde und blickte ihnen
ins Gesicht wie ein Mann, der keine Furcht hat. Er verstand sich zu
schlagen, und er ging durchs Leben ohne Bedauern und ohne Schande, und
er nahm den Zufall so an, wie man ihn auf den Straßen von Paris mit
Diebstahl, Verbrechen und Gefängnis trifft. Aber die Seuche, Berthe und
die Seuche! Er hätte sie nehmen und sie rütteln wollen, Auge in Auge,
bis in den Tod und bis zum Sieg.
Er dachte an Dramen, an »Roberts Schmach«, an Gebrüll und Niederlagen.
Er erinnerte sich des wissenschaftlichen Namens »Syphilis«. Die
unerbittliche und schneidende Wissenschaft, die die Krankheiten benennt
und kennt, flößte ihm Angst ein, weil sie uns in Spitäler treibt, weil
sie uns erblickt und durchschaut, weil sie ihre Worte und ihre
Instrumente in unser Leben senkt, als wären wir nichts als Leib,
Krankheit und Tod.
Aber dies Wort, die »Seuche«, war noch schrecklicher. Gewiß, Maurice
hatte keine Furcht vor Worten. Die Worte sind Ausgeburten kranker
Phantasie, über die das Leben erhaben ist, das man leben muß, ohne an
Worte zu denken. Er war ein »Zuhälter«, ein »Subjekt ohne
Beschäftigung«, und darüber mußte er oft lachen. Über »das öffentliche
Mädchen Berthe Méténier« auch. Was hatten Worte für einen Wert, wenn man
nur nach Belieben lebte! Aber die Seuche! Er erinnerte sich an eine
Geschichte seiner Kindheit. Er war vierzehn Jahre, als einer der
Nachbarn zweiundzwanzigjährig starb. Die Nachbarinnen sagten: »Er ist
als ein wahrer Düngerhaufen gestorben. Man sagt, daß er durch und durch
verfault war.« Durch und durch verfault sein . . . Ihm kamen andre
Kindheitserinnerungen und Gedanken an Reinheit. Niemals war er krank
gewesen. Seine Mutter, die aus der Provinz stammte, hatte gesagt: »Das
sind Krankheiten, die man in unsern Familien nie gesehen hat.« Durch und
durch verfault sein . . . Er stellte sich rote und feuchte Wunden vor,
Verbände und Watte, und sah sich in einem Spitalsbett ausgestreckt mit
einem grünlichen und durch und durch verfaulten Leib. Zur Zeit, da er
Kunsttischler war, sagte einer seiner Kameraden: »Wenn mich einmal die
Syphilis erwischt, jage ich mir eine Kugel in den Kopf!«
In Plaisance ging er schnurstracks zu seiner Mutter. Sie lebte in einem
Krämerladen ein bescheidenes und bedrängtes Leben. Sie verkaufte nur
Kleinigkeiten zu zwei Sous, da die »Verpflegungsmagazine« alles Geld der
Viertel verschlingen. Sie stand hinterm Ladentisch, bediente und
plauderte mit dem zutraulichen geschwätzigen Gehaben der Kleinhändlerin.