IV

In das Hotelzimmer in der Rue Chanoinesses, mit dem Fenster auf den Hof,

mit den grauen Vorhängen und den schmutzigen Würfeln, blickte mittags

ein schmutziger und grauer Tag. Das Papier auf den gelblichen Wänden,

der vernachlässigte Fußboden, die vier Möbel und der Koffer bildeten das

Heim eines Straßenmädchens, zu fünf Francs in der Woche. Der Tisch aus

weißem Holz, von Feuchtigkeit durchdrungen, die beiden aufgeschlitzten

Lehnstühle, der zweite Tisch mit dem Waschbecken schienen nicht alte

Sachen zu sein, sondern traurige und verschimmelte Sachen, die das Leben

zerfressen hat; und es war ein zerworfenes Bett da, auf dessen

verbrauchten Tüchern brauner Schweiß zwei Körper abzeichnete, dieses

Bett der Hotelzimmer, wo die Körper schmutzig sind und die Sachen auch.

Berthe stand eben im Hemd auf. Mit schmalen Schultern, das Hemd grau und

die Füße unsauber, mager und gelb, sah auch sie lichtlos aus. Mit

geschwollenen Augen und zerzaustem Haar war sie inmitten der Unordnung

des Zimmers selbst in Unordnung, und die Gedanken hockten

zusammengekauert in ihrem Kopfe. Das Erwachen um Mittag ist schwer und

pechtrüb wie das Leben des vergangenen Tags mit seiner Liebe, Alkohol

und Schlaf. Man hat ein Gefühl von Verfall im Vergleich zu dem Erwachen

von einst, als die Gedanken so klar waren, daß man gesagt hätte, der

Schlummer habe sie rein gebadet. Wenn du ausgeschlafen sein wirst, mein

Bruder, wirst du nichts vergessen. Sie verspürte noch die beengende

Last, die sie seit gestern am Atmen hinderte. Sie erinnerte sich an

alles, und das kniete auf ihre Brust wie ein wütendes Ungeheuer.

Wahrhaftig, ihre eingesunkenen Schläfen, ihre entfärbten Wangen und ihre

schlaffen Lippen ließen mitfühlen, daß sie wenig Gedanken und wenig Mut

hatte, und man fühlte noch, daß das Leben schlecht ist, weil es mit

schweren Schlägen auf die Kinder niederfährt, die Übles tun, ohne dessen

Umfang zu ermessen.

»Du weißt, Maurice, es wird das sein, was ich gemeint habe. Ich habe

gestern mit meiner Schwester Blanche darüber gesprochen. Sie hat mir

alles erklärt, wie sie's bekommen hat, und es ist dasselbe.«

Er antwortete kein Wort.

Sie stieg von Tag zu Tag bis zum Ursprung des Leidens hinab, aus

Bedürfnis, den Urheber zu erforschen. Man müsse vierzig Tage warten,

hatte man ihr gesagt. Sie ging daher Mann für Mann durch, bedachte der

Reihe nach die Umstände, und Waschbecken für Waschbecken. Der ganze

Vorbeimarsch der Liebe mit ihren Worten und Gebärden zog durch die

Hotelzimmer, aber sie hätte, in der Vergangenheit sich versenkend, mit

beiden Händen einen Mann fassen wollen, ihn erkennen und den Tag

austilgen, an dem sie ihn kennengelernt hatte. Sie glaubte ihn gefunden

zu haben, dann sagte sie sich, daß es jetzt vergeblich sei und daß alles

vergeblich sei! Da ergab sie sich und ließ sich von ihren traurigen

Gefühlen treiben.

Maurice unterbrach die Stille.

»Ich möchte den kennen, der dir das hinterlassen hat, und ich würde ihm

den Schädel einschlagen.«

Rasch kleidete sie sich an, dann ging sie einen Liter Wein und

Aufschnitt einholen. Sie aßen, sich gegenüber sitzend, an dem feuchten

Tisch. Die schmutzige Flasche der Mieter, die das klebrige Wasser der

Hotels trinken. Maurice kaute, den Kopf gesenkt, mit Kraft große Bissen,

die seine Backen hervorwölbten.

Er nahm zugleich mit seiner Mütze ein Hundert-Sous-Stück vom Nachttisch

und ging fort.

* * * * *

Der Augustnachmittag breitete sich auf dem blauen Himmel aus und fiel

auf die Schultern wie ein schwerer Mantel. Maurice folgte dem Quai aux

Fleurs, wo die Blumen dürsteten und die Händler friedlich schwitzten,

indem sie die Vorübergehenden betrachteten. Die Wärme drückte auf seinen

Kopf und belud ihn mit einer ungestalten Last von Gedanken, die er nicht

formen konnte, die er aber alle durcheinander jagen fühlte. Zum

erstenmal in seinem Leben lernte er die Unentschlossenheit kennen. Er,

der gewöhnlich ohne Bedenken aufs Ziel losging, schritt den wenig

bevölkerten Quais entlang ziellos hin und hörte seine Schritte klingen.

Er schlug den Weg über den Quai de l'Horloge ein, schritt längs der

Mauer des Justizpalastes, die nach Gefängnis riecht, überquerte die

Place Dauphine, den Pont Neuf und folgte der Linie der Quais zwischen

den Bäumen und den Büchern, mit großen schweren Schritten, als wollte er

seine Gedanken niedertreten. Er beachtete nichts, nicht einmal die

Erdarbeiter und die Maurer am Orleans-Bahnhof, nicht einmal die

fliegenden Fährboote und die Schlepper. Er schritt energisch hin im

Gewoge der Gedanken, die so in seine Gliedmaßen übergingen wie bei

Menschen der Tat, bei denen Gedanken zu Gebärden werden. Er machte Kehrt

an der Concorde-Brücke, ging wieder über die Linie der Quais, dann trat

er in die Rue Bonaparte, um seine Schritte nach Plaisance zu lenken.

Das große Wort entschlüpfte ihm, als er mit großen Schritten dahinging,

und schlug ein wie der Donner, während er marschierte, und rollte dann,

ihm den Marsch trommelnd wie ein schwarzer Tambour. Die Seuche, Berthe

und die Seuche! Er fühlte sie an seiner Seite wie einen roten und

blutenden Gefährten, wie einen unglaublichen und grausamen Gast. Er

wandte sich in die Rue Bonaparte, wie man sich ins Wasser wirft, wenn

einen die Flammen verzehren, und stieg nach Plaisance hinauf. Die

Seuche, Berthe und die Seuche! Er kannte seine Feinde und blickte ihnen

ins Gesicht wie ein Mann, der keine Furcht hat. Er verstand sich zu

schlagen, und er ging durchs Leben ohne Bedauern und ohne Schande, und

er nahm den Zufall so an, wie man ihn auf den Straßen von Paris mit

Diebstahl, Verbrechen und Gefängnis trifft. Aber die Seuche, Berthe und

die Seuche! Er hätte sie nehmen und sie rütteln wollen, Auge in Auge,

bis in den Tod und bis zum Sieg.

Er dachte an Dramen, an »Roberts Schmach«, an Gebrüll und Niederlagen.

Er erinnerte sich des wissenschaftlichen Namens »Syphilis«. Die

unerbittliche und schneidende Wissenschaft, die die Krankheiten benennt

und kennt, flößte ihm Angst ein, weil sie uns in Spitäler treibt, weil

sie uns erblickt und durchschaut, weil sie ihre Worte und ihre

Instrumente in unser Leben senkt, als wären wir nichts als Leib,

Krankheit und Tod.

Aber dies Wort, die »Seuche«, war noch schrecklicher. Gewiß, Maurice

hatte keine Furcht vor Worten. Die Worte sind Ausgeburten kranker

Phantasie, über die das Leben erhaben ist, das man leben muß, ohne an

Worte zu denken. Er war ein »Zuhälter«, ein »Subjekt ohne

Beschäftigung«, und darüber mußte er oft lachen. Über »das öffentliche

Mädchen Berthe Méténier« auch. Was hatten Worte für einen Wert, wenn man

nur nach Belieben lebte! Aber die Seuche! Er erinnerte sich an eine

Geschichte seiner Kindheit. Er war vierzehn Jahre, als einer der

Nachbarn zweiundzwanzigjährig starb. Die Nachbarinnen sagten: »Er ist

als ein wahrer Düngerhaufen gestorben. Man sagt, daß er durch und durch

verfault war.« Durch und durch verfault sein . . . Ihm kamen andre

Kindheitserinnerungen und Gedanken an Reinheit. Niemals war er krank

gewesen. Seine Mutter, die aus der Provinz stammte, hatte gesagt: »Das

sind Krankheiten, die man in unsern Familien nie gesehen hat.« Durch und

durch verfault sein . . . Er stellte sich rote und feuchte Wunden vor,

Verbände und Watte, und sah sich in einem Spitalsbett ausgestreckt mit

einem grünlichen und durch und durch verfaulten Leib. Zur Zeit, da er

Kunsttischler war, sagte einer seiner Kameraden: »Wenn mich einmal die

Syphilis erwischt, jage ich mir eine Kugel in den Kopf!«

In Plaisance ging er schnurstracks zu seiner Mutter. Sie lebte in einem

Krämerladen ein bescheidenes und bedrängtes Leben. Sie verkaufte nur

Kleinigkeiten zu zwei Sous, da die »Verpflegungsmagazine« alles Geld der

Viertel verschlingen. Sie stand hinterm Ladentisch, bediente und

plauderte mit dem zutraulichen geschwätzigen Gehaben der Kleinhändlerin.

Bübü vom Montparnasse Ein Roman mit zwanzig Holzschnitten von Frans Masereel · 第 8 / 18 题