1. Vortrag.

Meine Herren!

Die Wirkungen, die sich an die fortschreitende Verkürzung der

Arbeitszeit knüpfen, sind zweifellos Gegenstand eines großen und

allgemeinen Interesses vom volkswirtschaftlichen, volkshygienischen und

auch nationalpolitischen Gesichtspunkt aus. Man braucht nur auf eine

Tatsache hinzuweisen, die allbekannt ist -- auf den Unterschied zwischen

Deutschland und England in bezug auf die Regelung der Arbeitszeit in der

Industrie. In England ist schon seit langer Zeit die Maximal-Arbeitszeit

mit wenigen Ausnahmen 10 Stunden, die weitaus größte Zahl aller Arbeiter

braucht nur 9 Stunden täglich zu arbeiten, und eine recht beträchtliche

Zahl -- nach den Mitteilungen des englischen Statistikers JOHN RAE,

schon über 1 Million -- ist bei der achtstündigen Arbeitszeit angelangt.

Durch das kühne Vorgehen der englischen Regierung, die vor 10 Jahren, im

Jahre 1891, die sämtlichen Arbeiter in den Werkstätten der englischen

Heeresverwaltung und der englischen Admiralität, im ganzen 29000 Mann,

von der früher neunstündigen auf die achtstündige Arbeitszeit setzte,

ist die Propaganda für die Verkürzung der Arbeitszeit in England so

kräftig geworden, daß man annehmen kann, in wenigen Jahren werden dort

wohl ein paar Millionen Arbeiter, nämlich alle Arbeiter der besser

situierten Industrien, keine längere als achtstündige Arbeitszeit mehr

haben. In Deutschland dagegen haben wir im Durchschnitt noch eine _mehr_

als zehnstündige Arbeitsdauer; viele Industrien haben noch 11 Stunden

oder mehr, nur wenige sind bei 9 Stunden angelangt und nur ein kleiner

Bruchteil aller Industriearbeiter hat den Achtstundentag erreicht. Die

Zahl der letzteren ist sicher im ganzen Deutschen Reich noch weniger als

15000.

An die Betrachtung dieses Unterschiedes knüpft sich sofort eine Frage

von großer Tragweite: Welche Bedeutung hat dieser Unterschied für den

Wettbewerb der volkswirtschaftlichen Tätigkeit zwischen England und

Deutschland? Ist diese Verschiedenheit ein Vorteil zugunsten von England

oder zugunsten von Deutschland, und die zu erwartende bedeutende

Vergrößerung der Konkurrenz -- welchem von beiden Ländern wird sie

zugute kommen?

Aber weiter, wenn, wie man jetzt als sicher annehmen kann, die

Verkürzung der Arbeitszeit keine Verminderung der Arbeitsproduktion

bewirkt, so kann das doch nur dadurch geschehen, daß die Arbeiter den

Ausfall in der Länge der Arbeitszeit auszugleichen vermögen durch

entsprechend intensivere Arbeit, und dann ist die Vermutung nicht zum

voraus abzuweisen, daß eine solche intensivere Tätigkeit -- sei es auch

durch besondere Gewöhnung -- einen stärkeren Kräfteverbrauch, eine

stärkere Anspannung des einzelnen involviert, daß sie die Arbeit

aufreibender macht. Wenn aber die Arbeitskraft des Menschen rascher

verbraucht wird, so ist das eine Sache von großer sozialer und

volkswirtschaftlicher Tragweite.

Es genügt, auf diese beiden Punkte nur hingewiesen zu haben, um

erkennbar zu machen, daß es in der Tat von gewiß großem, allgemeinem

Wert sein wird, Material zu haben, welches geeignet ist, die

Stellungnahme zu dieser Frage: was ist der Vorteil und Nachteil der

verkürzten Arbeitszeit, zu klären, und Unterlagen für ein präzise

Beantwortung zu schaffen.

Ich glaube nun in der Lage zu sein, etwas beitragen zu können zur

Beschaffung derartigen Materials. Obwohl der Gegenstand meiner

eigentlichen Berufstätigkeit etwas fern liegt, habe ich Gelegenheit zu

selbständigen Beobachtungen gehabt infolge des Umstandes, daß die

Optische Werkstätte, deren Vorstand ich angehöre, vor etwa 1-1/2 Jahren

die bis dahin neunstündige Arbeitszeit plötzlich auf 8 Stunden

herabsetzte und zwar in einer Zeit des stärksten Geschäftsganges.

Die Beobachtungen, die meine Freunde und ich bei diesem Versuch gemacht

haben, nachdem derselbe ein ganzes Jahr fortgesetzt worden war, und

nachdem dann diese versuchsweise eingeführte Einrichtung zu einer

endgültigen erklärt worden ist, bieten eine sehr wertvolle Ergänzung des

Beobachtungsmaterials, welches bisher in England gewonnen ist. Man

findet dieses zusammengestellt in dem Buch von JOHN RAE von 1894,

welches 1897 in Weimar in deutscher Übersetzung erschienen ist[36].

Unsere Beobachtungen bestätigen in der Hauptsache und im wichtigsten

Punkt: welche Wirkungen die Verkürzung der Arbeitszeit auf die

_Arbeitsleistung_ hat -- vollständig das, was in England {aus Versuchen}

in viel größerem Maßstabe abgeleitet worden ist. Sie führen zu der

Feststellung, daß diese Verkürzung von neun auf acht Stunden, also um

mehr als 10 Proz. in einem Sprung, keine Minderung der Tagesleistung

herbeigeführt hat, sondern in unserem Falle eine nachweisbare

_Erhöhung_, wenn auch nur um einen kleinen Betrag.

Soweit unsere Erfahrungen nichts anderes ergeben als die schon früher

gemachten, würde es sich eigentlich nicht lohnen, davon zu reden; es

wäre damit nur zum hundertsten Male bewiesen, was schon 99 mal bewiesen

worden ist. Unsere Beobachtungen nehmen aber ein gewisses selbständiges

Interesse in Anspruch, weil sie eine wirklich ziffernmäßige Begründung

möglich machen. Die Resultate aller Beobachtungen in England sind nur

schätzungsweise, in Bausch und Bogen gewonnen; man hat niemals

ziffernmäßige Beweise vor sich. Die große Zahl der in England

ausgeführten Experimente, die Übereinstimmung der Schätzungen sehr

vieler Fälle ersetzen zwar die mangelnde Sicherheit des einzelnen

Falles, aber immerhin ist es wertvoll, daß nun auch eine Beobachtung

vorliegt, die diesen Mangel des Ziffernmäßigen ausschließt, die genaue

Beweise gestattet.

In Deutschland liegen Erfahrungen eigentlich gar nicht vor, mit

Ausnahme einiger weniger, die sich auf kleinere Betriebe beziehen.

Darunter ist allerdings eine Feststellung -- vor mehreren Jahren in

BRAUNs Archiv mitgeteilt -- , die sich auf die Jalousiefabrik von

FREESE in Berlin und Hamburg bezieht und auch Ziffern gibt; doch

ist das Beobachtungsmaterial, welches zugrunde liegt, so gering,

daß diese Ziffern eine Beweiskraft kaum beanspruchen können.

Abgesehen hiervon haben unsere Beobachtungen noch den Vorteil, daß sie

eine Frage zur endgültigen Beantwortung bringen, die bisher überhaupt

noch nicht angeschnitten wurde, nämlich die Frage: welche Wirkung hat

die Verkürzung der Arbeitszeit, wenn dabei der Effekt der Verkürzung

ausgeglichen wird durch Intensität der Arbeit, auf die _Person_?

Bedeutet sie einen größeren Kräfteverbrauch; bedeutet sie, daß die

Arbeit aufreibender geworden ist, oder bedeutet sie das nicht? Unsere

Beobachtungen gestatten mit Sicherheit festzustellen, daß das _nicht_

eintritt, daß die Leute, die in 8 Stunden dasselbe gemacht haben, was

sie früher in 9 Stunden machten, _keiner_ größeren Anstrengung sich zu

unterziehen gebraucht haben, obwohl sie zweifellos während dieser 8

Stunden intensiver arbeiten mußten. Diese Beobachtungen geben nun noch

weiter einen Einblick nach der rein tatsächlichen Seite in die

Triebfedern, welche es herbeiführen, daß bei Verkürzung der Arbeitszeit

die Intensität der Arbeit sich steigert, und zwar sich so steigert, daß

im allgemeinen der Effekt der kürzeren Arbeitsdauer ausgeglichen wird.

Eine andere Frage ist, ob dabei ein besonderer Antrieb, ein besonders

guter Wille einiger, oder die Kaptivierung ihres materiellen Interesses

bei Stücklohn, wo die Tendenz {auf Mehrverdienst} einen natürlichen

Sporn bedeutet -- ob derartige Motive wirksam sind oder nicht. Unsere

Antwort ist: _Sie sind nicht wirksam_. Mögen die Leute guten Willen

haben, mögen sie angetrieben werden durch ihr materielles Interesse oder

nicht -- der Erfolg tritt immer ein. Ich sehe dies als einen der

wichtigsten Punkte an, der sich durch Kombination der von uns und der

anderwärts gemachten Erfahrungen ergeben hat.

Endlich haben unsere Beobachtungen Gelegenheit geboten, den Zusammenhang

der Vorgänge zu erklären, wie es denn komme, daß bei Verkürzung der

Arbeitszeit das Arbeitstempo sich der verkürzten Arbeitszeit anpaßt, daß

es die Tendenz auf gleiche Leistung hat; es ist meines Wissens noch

niemals versucht worden, das zu erklären.

Unsere Beobachtungen haben uns einen Leitfaden gegeben, diesen

Zusammenhang, diese auf den ersten Blick paradoxe Tatsache nachzuweisen,

daß eine Verkürzung der Arbeitszeit unter gewissen Umständen eine

_Steigerung des Tagwerks_ herbeiführt.

Es wird nicht ohne Interesse sein, den Weg näher zu beleuchten, auf

welchem ich meine Beobachtungen gesammelt habe, {und daran zu erinnern}

wie in der hiesigen Optischen Werkstätte die allmähliche Verkürzung der

täglichen Arbeitszeit im Laufe der letzten 30 oder 35 Jahre schrittweise

zustande gekommen ist.

In der Zeit, als ich zuerst meinem verstorbenen Freund CARL ZEISS näher

trat, als ich in der Werkstätte zu verkehren anfing, war dort noch eine

beinahe zwölfstündige Arbeitszeit; Sommer und Winter von morgens 6 bis

abends 7 Uhr mit einer Stunde Mittagsruhe und einer viertelstündigen

Frühstückspause, also 11-3/4 Stunden effektive Arbeitszeit. Im Laufe der

Jahre ist diese infolge meiner persönlichen Anregungen allmählich

verkürzt worden, immer um je eine halbe Stunde, bis wir im Jahre 1891

bei der neunstündigen Arbeitszeit angekommen waren; diese hat bis zum

Frühjahr 1900 bestanden. Da haben wir nach längeren Diskussionen mit

unserer Arbeiterschaft, entgegen dem Antrag, den der Arbeiterausschuß

selbst vertrat im Sinne eines Vermittlungsvorschlages -- daß wir auch

wieder eine halbe Stunde aufgeben sollten, um dann zu sehen, wie sich

die Erfahrung stellt -- entgegen diesem Antrage erklärt: entweder es

bleibt bei 9 Stunden, wie bisher, oder wir gehen sofort zur

achtstündigen Arbeitszeit über, und zwar mit der Maßgabe, daß bei allen

Zeitlohnarbeiten in Zukunft für 8 Stunden dasselbe bezahlt wird, wie

bisher für 9 Stunden, daß alle Akkordlöhne aber unverändert bleiben, in

der ausgesprochenen Erwartung, es werden alle es fertig bringen, in

diesen 8 Stunden nun noch dasselbe zu leisten, wie bisher in 9 Stunden.

Denn wir wären »blamierte Europäer« gewesen, wenn wir in einer Zeit des

stärksten Geschäftsganges es fertig gebracht hätten, durch ein törichtes

Experiment die Leistungsfähigkeit der Werkstätte herunterzusetzen, wenn

auch nur um 5 oder 10%, und damit obendrein die Lebenshaltung unserer

Leute herunterzudrücken.

Ich will mich jedoch dabei nicht weiter aufhalten und will lieber

sogleich von dem Beobachtungsmaterial, welches wir im letzten Jahr

gewonnen haben, zunächst das darlegen, was eine doppelte Bestimmung der

_ökonomischen Wirkung_ enthält.

Sie finden auf dem einen der beiden Blätter[37] die Zusammenstellung der

Ziffern:

Gesammelte Abhandlungen III Vorträge, Reden und Schriften sozialpolitischen und verwandten Inhalts · 第 32 / 54 题