Hanna forderte ihn auf, ihre Mutter zu besuchen; sie habe sich des
öftern nach ihm erkundigt, setzte sie hinzu. An dem Nachmittag, an dem
er sich dazu entschloß, war eben eine Depesche des Professors
eingetroffen, kategorischer Befehl an Frau und Tochter, nach Hause zu
reisen. Sie hatten das Logis bereits gekündigt. Frau Landgraf begrüßte
Dietrich wie einen alten Freund, und als er Platz genommen hatte, fragte
sie ihn nach seinem Leben und nach seiner Mutter. Im Laufe der
Unterhaltung sagte sie: »Wenn ich einen Sohn hätte haben dürfen, wäre
alles anders geworden. Frauen, die keine Söhne haben, stehen im zweiten
Rang; so scheints mir manchmal; sie wurzeln nicht kräftig und sie
wachsen nicht hoch. Ich kannte eine Mutter von sechs Söhnen, sie war
eine Furie, aber wenn die sechs um sie herumstanden, das hatte was
Grandioses.«
Hanna warf achselzuckend ein, wenn man die Welt von dem Standpunkt aus
beurteilen wolle, dürfe man sie nicht auf ihr Gut und Böse hin ansehen.
Darum ginge es auch nicht, erwiderte Frau Landgraf, nicht um gut und
böse, sondern um ärmer oder reicher, um stärker oder schwächer. Sich
nach göttlichem Gefallen auf der Erde einzurichten, sei ohnehin nicht
Menschensache; jeder lebe sein unvollendetes Stück, sein Hinauf oder
Hinab, und wisse um kein Ziel.
Dietrich erzählte von seiner Mutter; er gebrauchte vorsichtig verhaltene
Worte, desungeachtet formte sich eine Gestalt aus reinstem Stoff, und
gerade die jünglinghafte Kargheit der Schilderung verlieh dem Bilde
Schmuck. Im Klang seiner Stimme lag bereitwillige Ehrerbietung; wie
eigen, da sah er sie hoch über sich, in einer dünneren Luft, mit ernster
Frage und Sorge ihn betrachtend, und er senkte furchtsam den Blick.
Hanna ließ ihn nicht aus dem Auge, in ihren Mienen war neidvoller
Unglaube, forschende Verwunderung. Es kam Dietrich übrigens vor, als sei
sie in den letzten Tagen schöner geworden; schien es deshalb, weil ein
gemeinsamer Traum ihn mit ihr verflocht? Gehorchte sie so seinem Wesen,
seinem in der Stummheit wirkenden Gefühl? Es war leicht um ihn und in
ihm; eine leichte süße musikalische Spannung.
Als er von der beschlossenen Abreise vernahm, sagte er ruhig, er gehe
gleichfalls nach Heidelberg, es sei sein Vorsatz längst, das
Arbeitspensum des Winters dort zu erledigen; der Einwilligung der Mutter
sei er sicher. Hanna zeigte sich keineswegs überrascht; sie verlor in
Gegenwart der Mutter nicht die stolze Gemessenheit, und in
beschützerischem Ton fragte sie, ob er denn ohne langwierige
Vorbereitungen übersiedeln könne. Er bejahte. Dann könne er ja mit ihr
und der Mutter fahren, meinte Hanna; auch dies bejahte er, und Frau
Landgraf fügte hinzu, sich an ihre Tochter wendend, da könne man ihm ja
vielleicht die beiden Zimmer verschaffen, die Bettine Gottlieben bewohnt
habe, oben im Kestnerschen Haus.
Hanna schwieg. »Wunderlich,« sagte sie, als sie Dietrich in den Flur
begleitete, »wie immer alle Fäden in denselben Knoten laufen, auch wenn
man es nicht will und denkt. Ich werde an Kestners sofort schreiben; daß
die Zimmer noch frei sind, weiß ich. Bettine ist die letzten drei Tage
dort in einem krampfähnlichen Schlaf gelegen; Tag und Nacht war Cäcilie
bei ihr. Darnach wollten die Leute eigentlich keine Mieter mehr haben.
Daß du dort hausen sollst!«
Am andern Nachmittag reisten sie, am Abend kamen sie in Heidelberg an.
Die erste Nacht wohnte Dietrich im Hotel, am Morgen führte ihn Hanna zu
Kestners, einem alten Ehepaar. Nach etwas umständlichen Verhandlungen
wurden ihm die beiden Zimmer überlassen und eine Stunde später zog er
ein. Es waren Räume von angenehmen Verhältnissen, die Decke niedrig, die
Wände mit blaugemustertem Stoff bekleidet; ein farbiger alter Stich da
und dort; die hellen alten Möbel, bauchig geschwungen, bildeten ein
behaglich Organisches; in der Wohn- und Arbeitsstube stand ein mit
Figuren geschmückter weißer Kachelofen; das breite französische Bett im
Schlafzimmer war in einen Alkoven gerückt und mit blauem Kattun
verhängt. Durch die niedrigen breiten Fenster sah man auf den Neckar,
drüben auf rotes uraltes Dächerwerk, dann kamen Gärten, schließlich der
Schloßberg und herbstbrauner Wald, beladen mit Sonne.
Er ging gleich aus und kaufte Blumen, und zwar in solcher Menge, daß
seine Wirtin nicht wußte, wo sie Vasen und Gläser dafür herschaffen
sollte. Als Hanna kam, um ihn zum Abendessen abzuholen, er war bei
Landgrafs zu Tisch gebeten, blieb sie erstaunt an der Tür stehen; all
das Gelb und Violett und Rot kämpfte jubelnd gegen die Dämmerung. Er war
beschäftigt, seine Bücher aufzustellen; Hanna war ihm behilflich. Sie
plauderten dabei, jeder vor sich hin; als sie auf die Uhr sah, erschrak
sie; es war acht vorüber, der Professor hielt auf Pünktlichkeit. Doch
hatte man nur wenige Minuten zu gehen.
Professor Landgraf begrüßte Dietrich und sagte, er sei erfreut, ihn so
unerwartet bald bei sich zu sehen. Es hatte etwas Beunruhigendes, daß
man hinter den starken Brillengläsern seine Augen nur als schwarze
Scheiben gewahrte. Dadurch wurde das Gefühl erweckt, als habe man es
noch mit einem andern Menschen zu tun als dem, mit dem man redete, einem
im Hinterhalt verborgenen. »Sie haben sich mit Hanna angefreundet,«
sagte er mit hoher Kehlstimme; »das ist schön; haltet nur gute
Kameradschaft; auch Margarete,« er deutete auf seine Frau, »äußert sich
wohlgefällig über Sie. Schön, sehr schön; ist ohnehin selten geworden,
daß junge Leute sich die Herzen älterer Damen erobern. Sie haltens alle
mit der Zweckdienlichkeit. Der Teufel hole ihre Zweckdienlichkeit.« Er
lachte, nahm die Brille ab und putzte sie mit dem Taschentuch. Nun
glichen die lichtlosen Augenscheiben vollends zwei ausgelöschten Lampen.
Es war noch ein schweigsamer junger Mann zugegen, Doktor Kelling, einer
der Assistenzärzte des Professors. Er verbeugte sich, als Dietrich ihm
vorgestellt wurde und verzog keine Miene. Frau Landgraf rief zu Tisch.
Der Professor wies die Plätze an. »Mein Tisch ist rund,« sagte er, »an
ihm gibt es kein oben und kein unten und folglich auch keinen Rang.« Er
wandte sich seltsamerweise zumeist an Dietrich, lächelte ihn freundlich
an, reichte ihm die Platten, schenkte ihm Wein ins Glas, aber in seinen
Bewegungen und Worten war nervöse Hast, auch war er es fast allein, der
redete.
Dietrich aß wenig und hörte unaufmerksam zu. Als er einmal den Blick auf
Hanna richtete, machte ihn der gequälte Ausdruck in ihrem Gesicht
betroffen. Er war froh, als man aufstehen durfte; der Professor, seine
Frau und Doktor Kelling gingen ins Rauchzimmer nebenan, Hanna winkte
Dietrich zurück. Sie zog ihn ans Fenster; sie hielt seine Hand fest, sie
flüsterte: »Ich muß es dir sagen, es ist unerträglich; vielleicht ists
Einbildung, vielleicht Hirngespinst, aber er spricht mit dir genau so,
in genau demselben Ton, mit derselben falschen Freundlichkeit wie mit
ihr.«
»Mit ihr? mit ...?«
»Genau so wie er mit Cäcilie gesprochen hat. Mit keinem andern Menschen
auf der Welt hat er so gesprochen. Das täuscht nicht. Mutter hat es auch
gemerkt; sie war ganz verstört.«
»Und was will er damit?«
»Ich weiß es nicht. Er ist scharfsinnig bis zum Hellsehen. Er errät die
Menschen aus dem Zucken ihrer Wimpern. Er ist wie ein Jagdhund, der
einer Spur so lange folgt, bis er das Wild aufgescheucht hat. Es ist
unmöglich, ihn zu durchschauen. Man kann noch so sehr auf der Hut sein,
plötzlich packt er einen, und man ist verloren.«
»Verloren? wie denn verloren, Hanna? Warum denn verloren?«
»Nichts, nichts«, wehrte sie schaudernd ab und schlug die Hände vors
Gesicht. »Wir sind allesamt in seiner Gewalt. Wir sind alle nur seine
Opfer.«
Das rasch geraunte Zwiegespräch hinterließ in Dietrich Furcht. Er
empfahl sich bald. Hanna hatte versprochen, ihm am andern Tag Briefe zu
bringen, die Cäcilie an sie und an die Mutter geschrieben. Diejenigen an
sie seien jahralt; damals seien sie drei Wochen getrennt gewesen, sie in
Genf, Cäcilie in Dresden, wo sie Kunstgeschichte studieren gewollt. Sie
habe es aber aufgegeben, da sie sich vor den Menschen keine Ruhe habe
verschaffen können. Davon handelten die Briefe hauptsächlich.
In Erwartung, sie zu lesen, konnte Dietrich die ganze Nacht keinen
Schlaf finden. Außerdem redeten aus allen Ecken des Raums Stimmen zu
ihm. Sein Ohr vernahm das Längstgesprochene, sein Auge sah das
Längstvergangene. Zwei junge Mädchen, die ihre Seele aufblätterten,
Geheimes vertrauend äußerten: die eine war tot, die andere in
Geistesdunkelheit, verstummt also beide. Doch die Tote kam langsam auf
ihn zu, langsam näher; noch unbestimmt die Figur, ohne Umriß noch der
Leib, wieviel Glut und Wille auch immer aufzubieten war, um ihr Gestalt
zu geben, er mußte sichs abringen und ihr zurufen: sei! sei wieder!
erscheine wieder! Denn geschah es nicht, hatte er sie, hatte sie ihn
versäumt, endgültig und unabänderlich, dann war die Welt ein schwarzer
Wust von Sinnlosigkeit.
Er biß in das Kopfkissen, um das Weinen zu ersticken. Nicht bloß diese
eine Nacht, sondern in vielen Nächten.
Es ging mit den Briefen, wie es mit dem Tagebuch gegangen war. Hanna
vertröstete ihn. Jedesmal wußte sie andere Ausrede, andere Verhinderung.
»Was willst du,« sagte sie gelangweilt, »ich sage dir ja ohnehin, was
drin steht. Wozu das Bild verderben.« Bisweilen peinigte ihn der jähe
Wechsel von Wildheit zu Apathie an ihr, von Gesprächigkeit zu
verächtlichem Schweigen, von junger herber Frische zu freudloser
Versunkenheit. »Was ist denn für ein schlimmer Geist in dir, Hanna?«
fragte er einmal. Und sie antwortete, mit einem Aufschrei fast: »Wirst
du mich noch lange zwingen, Botin und Zwischenträgerin zu sein? Es macht
mich mürb, es macht mich krank.«
Da nahm er ihre beiden Hände und küßte sie eine nach der andern, sanft
und bittend.
Sie kam zu allen Stunden des Tages und Abends, und sobald sie eintrat,
legte er Bücher und Schreibhefte beiseite. Ließ sie ihn wissen, daß sie
zu der und der Zeit kommen würde, so sagte er bei den Lehrern ab, die er
inzwischen aufgenommen und suchte durch Arbeit in der Nacht das mahnende
Gewissen zu beschwichtigen. Was ihn vorwärts trieb auf einer Bahn, die
ihm nur durch Gedankengewöhnung und eingeborene Lebensform gewiesen war,
weit weg von dem zerrüttenden und alle Höhen und Abgründe durchwühlenden
Blut- und Herzenssturm, hätte er nicht zu sagen vermocht; es war nicht
Beharren, nicht Betäubung, nicht das dumpfe Pflichtgefühl der
subalternen Naturen. Es gibt Menschen, die erst, wenn sie sich vom
Schicksal umklammert fühlen, ihrem Schicksal und dessen Drohung und
Gefahr, erst in der steigenden Flut der Bedrängnis eine einfache
bescheidene Kraft in sich finden und sie in ruhiger Tätigkeit auf ein
erreichbares Ziel zu lenken bemüht sind. Darin ist etwas von Gnade und
von Demut; dies allein kann sie vielleicht retten; in der Nebelwirrnis
glüht ihnen ein Gnadenlicht auf.
Schritt für Schritt gewann er Boden in Hannas Bezirk, in Cäcilies
Bezirk. Oft mußte er Hanna schlau und zart überreden, damit sie von
Cäcilie sprach. Wenn er so warb, kam ein weicher Glanz in ihre Augen, es
war, als suche sie mit Anstrengung zu vergessen, wem das Werben galt.
Wie Cäcilie den Tag verbracht? Sie schilderte es. Wofür sie Vorliebe,
für wen sie Sympathie gehabt; ihre Gewohnheiten, was für Bücher sie
gelesen, welche Farben sie geliebt; ob sie gern Musik gehört habe; ob
sie sich zumeist heiter gegeben oder nachdenklich oder traurig, ob sie
oft gelächelt habe und in welcher Art; wie der Klang ihrer Stimme
gewesen sei, welche charakteristischen Gebärden sie gehabt; wie sie sich
gegen Menschen im allgemeinen verhalten habe; ob sie im Reden besondere
Worte und Wendungen gebraucht habe und welche.
Hanna bemühte sich, die Fragen zu beantworten. Sie bemühte sich auch,
ihnen das Gewicht zu rauben, die leidenschaftliche Bedeutung, indem sie
einen Ton von Munterkeit annahm oder aus der Erinnerung Gespräche,
kleine Begebenheiten, alltägliche Szenen berichtete, die auf das
gemeinsame Leben der Schwestern Bezug hatten. Von dem Wortwechsel über
ein Kleidungsstück etwa, und wie Cäcilie darauf gehalten habe, daß sie
immer in den nämlichen Kostümen und in gleichen Farben ausgingen;
stundenlange nächtliche Erörterung darüber, ob ein Mensch, Doktor
Kelling zum Beispiel, der Achtung, der Freundschaft, des Vertrauens
würdig sei. Was sie hierbei von Cäcilie sagte, war geeignet, die
Schwester als die Gewissenhaftere und Urteilsfähigere hinzustellen. Sie
selber trat zurück, gab nach, ordnete sich unter. Cäcilie war höflichen
Gemütes, machte aber niemals Konzessionen. Sie hielt unweigerlich am
einmal gegebenen Wort, auch an dem, das sie sich selbst gegeben. Ihre
innerste Angst war die vor der Lüge. Physische Furcht kannte sie nicht.
Schrecknis war ihr, das arbeitslose Dasein einer verwöhnten
Honoratiorentochter führen zu sollen, verhaßt falscher Anspruch, Pochen
auf gesellschaftlichen Vorrang, Loskauf mit falscher Münze, alle
Halbheit, aller Dünkel, alles Sich-bequem-machen. Sie hatte unbeirrbaren
Blick für das Echte, und mit dem Surrogat sich dafür zu begnügen,
weigerte sie sich standhaft. Es war schwer, sie zu erkennen; sie
täuschte durch freudige Lernbegier, durch Unvoreingenommenheit und
Teilnahme, vor allem aber durch ihre Schönheit, die in den sich ihr
Nähernden jeden andern Gedanken als eben den an ihre Schönheit
erstickte, und die sie wie eine märchenhafte Flamme umstrahlte.
Einst hätten sie zusammen den Turm des Straßburger Münsters bestiegen,
erzählte Hanna; oben habe Cäcilie Schwindel gefühlt und gebeten, daß man
sie beim Hinabgehen an der Hand führe; dann aber, am selben Tage noch,
sei sie allein auf den Turm gestiegen, am andern Tag abermals, denn sie
wollte die Schwäche bekämpfen und ihrer Herr werden, und das sei ihr
auch gelungen.
Ferner erzählte Hanna, sie hätten beide im letzten Jahr Reitstunden
genommen; Cäcilie sei der allzu zahmen Tiere überdrüssig geworden, und
man habe ihr endlich ein junges, ziemlich wildes Pferd gegeben, noch
dazu im ersten Stallfeuer. Zum Entsetzen der Zuschauer sei das Tier
scheu geworden und in wenigen Augenblicken mit ihr verschwunden. Aber
sie habe es mit erstaunlicher Kraft und Ausdauer gebändigt und es sei
ihr, ihr allein, folgsam gewesen wie ein Hund.
Auch einen andern Vorfall, der wie die Geschichte aus einer alten
Chronik anmutete, erzählte Hanna. Ein millionenreicher junger
Amerikaner, der an der Universität studierte, hatte sich Hals über Kopf
in Cäcilie verliebt. Eines Tages ging er zu Professor Landgraf und hielt
um ihre Hand an. Der Professor erwiderte, der Antrag ehre ihn und
fragte, ob er sich der Einwilligung Cäcilies versichert habe. Da er dies
verneinen mußte, sagte ihm der Professor kalt, er möge sich zuvor an sie
wenden. Der junge Mensch schrieb einen überschwenglichen Brief an
Cäcilie; die warf ihn aber lachend in den Ofen. Nun veranstaltete er ein
großes Gartenfest auf seinem Landsitz, wozu die erste Gesellschaft der
Stadt und natürlich auch die beiden Schwestern eingeladen waren. Nur
weil Hanna sichs herzlich wünschte, ging Cäcilie mit. Besonderer Prunk
und Luxus wurde bei dem Fest entfaltet. Als es Abend geworden war, ließ
der Amerikaner sämtliche Gäste durch eine Fanfare auf einer
illuminierten Parkwiese zusammenrufen, in deren Mitte ein
rosengeschmückter Sessel stand. Er selbst erschien in ärmlichen, ja
bettlerhaften Kleidern, sah sich im Kreis um, bis er Cäcilie entdeckt
hatte, ging auf sie zu und führte sie, die der Meinung war, es handle
sich um einen Scherz und daher nicht widerstrebte, zu dem bekränzten
Sitz. Dann kniete er vor ihr nieder und sagte allen vernehmlich, sie
müsse entweder sein Weib werden, oder er entäußere sich von der Stunde
ab seiner Güter und Reichtümer, verzichte auf das Leben unter
seinesgleichen und gehe als Matrose auf ein Schiff, um nie mehr in die
Region zurückzukehren, in die ihn Geburt und Bestimmung versetzt.
Cäcilie erhob sich errötend und erblassend und entgegnete, sie sehe
keinen Grund, für seine Verirrung öffentlich bloßgestellt zu werden, und
zu spät bedauere sie, von einem Manne Gastfreundschaft angenommen zu
haben, der sich damit nur den Vorwand zu einer häßlichen Erpressung
verschaffen gewollt. Mit einem Blick rief sie Hanna zu sich, nahm, vor
Unwillen zitternd, ihren Arm und sie gingen durch ein Spalier von
Verwunderten weg. Ein paar Tage darauf verließ der junge Mensch die
Stadt; es hieß, er habe in der Tat all seinen Besitz an Freunde
verschenkt; dann hatte man nie wieder von ihm gehört.
Dietrich lauschte, lauschte.
Es war aber in Hannas Erzählungen ein geheimes Frohlocken; undeutbar.
Sie bewies Anmut und Geist dabei, eine französische Art von Esprit oft,
Schelmerei und anschauliche Beobachtung; doch zu gleicher Zeit und in
allem das Frohlocken, als wolle sie sagen: du greifst vergeblich hin; es
ist zerronnen; es ist nichts Wirkliches mehr, es sind Worte, und ich
halte dir das Bild nur vor, um dich zu fangen, um dich zu blenden, um
dich desto grausamer empfinden zu lassen, daß du vor dem Wesenlosen
stehst, daß deine Sehnsucht und Begier eitel Torheit ist. Was streckst
du die Arme ins Leere? schien sie ihm zuzurufen; sind nicht lebendige
Gestalten auf der Erde? Kannst du nicht sehen und fühlen? Willst du
nicht sehen und fühlen? Bin ich zur Kupplerin verdammt zwischen dir und
einem Schemen, dann sollst dus büßen.
Ja, es war in dem Blick und Lächeln Drohung: du weißt noch nicht, wer
ich bin; du kennst die Wege nicht, die ich gegangen bin; schau in meine
Augen hinein, tiefer, bis auf den Grund schau und sag mir, was du dort
siehst, du Träumer, denn ich spiele ja einstweilen nur mit dir.
Doch dankte ihr Dietrich für jeden Zug aus Cäcilies Leben, für jede
Erinnerung und überlieferte Besonderheit. Er saß wie ein aufmerksamer
Schüler vor ihr, hing an ihren Lippen, wie er einst nur an den Lippen
Lucians gehangen, und ihre geleitende Nähe wurde ihm unentbehrlich. Er
geriet in Erregung, wenn er nur ihren Schritt im Flur vernahm; er liebte
den Schritt. Er errötete freudig, wenn sie den Kopf zur Tür
hereinsteckte, wie sie zu tun pflegte, um zuerst einen prüfenden Blick
ins Zimmer zu werfen. Er liebte die damenhafte Gebärde, die
herrinnenhafte Haltung, das unerwartete Nachgeben dann, und wie sie
gelassener wurde, fragiler. Er liebte es, wie sie Hut und Schleier
abnahm, wie sie aus dem Mantel schlüpfte, wie sie sich an den Tisch
setzte, den Kopf in die Hand stützte und in die Lampe schaute. Er hätte
ohne das alles nicht mehr sein können, es war etwas ihm Verbundenes, das
Eigentliche und Wahrhaftige des Tages, mit Ungeduld herbeigewünscht,
kostbar und wichtig.
Eines Abends, der erste Schnee war gefallen, brachte sie Bilder Cäcilies
mit, mehrere Photographien und eine von Doktor Kelling angefertigte
Bleistiftzeichnung. Unter den Photographien war eine aus ihrem
fünfzehnten Jahr, eine vom vergangenen Winter und eine, ebenfalls aus
den letzten Monaten, die beide Schwestern wiedergab, mit einander um die
Hüften geschlungenen Armen. Das frühe Mädchenbild hatte einen
hinreißenden Ausdruck von Unschuld und Adel. Die Augen, im
Dreiviertelprofil, blickten nach oben; um den Mund schwebte ein
kindlich-süßes Lächeln; die Züge hatten etwas Schwärmerisches und
Kräftiges. Dietrich betrachtete es, ohne sich zu rühren. Hanna hielt
derweil die Zeichnung in der Hand, und indem sie sie mit
musternd-verkniffenen Lidern anschaute, sprach sie von Doktor Kelling;
der gehöre auch zu denen, die Cäcilies Tod nicht verwinden könnten; er
sehe aus wie ein Gebrochener und von Wahnvorstellungen Geplagter, nehme
nach seinem eigenen Geständnis in großen Dosen Veronal, um Schlaf zu
finden; früher einer der hoffnungsvollsten Schüler des Professors, zeige
er jetzt weder Lust noch Anteil an seinem Beruf; der Vater äußere sich
bisweilen zornig darüber und habe ihn schon halb und halb fallen lassen.
Durch ihren beziehungsvollen Ton wurde Dietrich aufmerksam. Er blickte
empor, schaute sie ebenso selbstvergessen an, wie er das Bild
angeschaut, und begriff. »Soll das mich treffen?« fragte er;
»vergleichst du mich, willst mich beschämen vielleicht? Hat es denn
zwischen ihr und einem von ihnen eine Verbindung gegeben, etwas
Gemeinsames, oder nur die Möglichkeit dazu? Sie hat sie ja gekannt; sie
hätte wählen, sie hätte entscheiden können. Sie hat es nicht getan. Sie
hat gewartet. Als wir uns begegnet sind, durfte sie mich nur stumm
grüßen, von Weg zu Weg. Glaube mir, Hanna, auch sie hat in dem
Augenblick gewußt, daß jeder von uns beiden das Schicksal des andern
ist.«
Hanna erblaßte, aber sie lächelte. »Phantastischer Bub, du,« antwortete
sie und berührte mit der Hand seine Schulter; »und wenn ich es glaube,
was soll dann ich, was bin dann ich vor dir?«
»Du? du bist ...«
»Still, sprich nicht«, unterbrach sie ihn und legte die rechte Hand auf
seinen Mund. »Schau einmal dieses Bild an, auf dem wir so innig
nebeneinander stehen, sie und ich. Genau entsinne ich mich noch des
Tages, wo wir lachend und scherzend die Pose vor dem Spiegel probiert
haben. Sie lehnte den Kopf an meine Wange; steh auf, ich will dirs
zeigen: so, siehst du.« Sie schmiegte sich an ihn, wie auf dem Bild an
Cäcilie, drückte mit sonderbarer Zärtlichkeit die kühle Schläfe an sein
Gesicht, und er atmete den honigartigen Duft des Haares ein.
»Aber das fanden wir ein wenig albern,« fuhr sie fort, »für
Schaufenster und Geburtstagstisch, und sie sagte, wir sollten beide
geradeaus sehen, als ob uns einer entgegenkäme, den wir beide liebten.
Ich weiß noch, wie ich verwundert war, denn ich hatte das Wort in dem
Sinne nie von ihr gehört, und als wir am andern Tag vorm Apparat
standen, Arm in Arm, Körper an Körper, da dachte ich: wär es so, wie sie
gesagt, dann müßte eine von uns zweien sterben. Ja, das war mein
Gedanke, und wie wir nach Hause gekommen sind, hab ich mich in meinem
Zimmer eingeschlossen und mir fast das Herz aus dem Leib geweint. Seit
dem Tag hab ich nicht mehr geweint, auch nicht als sie tot vor mir im
Wald gelegen ist. Es waren Tränen, aber von wo andersher. Nun, du
schweigst? Du siehst mich an?«
Er sah sie an. Ihre Augen waren nicht handbreit von den seinen entfernt.
Sie lächelte noch immer mit der sonderbaren schauspielerinnenhaften
Zärtlichkeit, der sonderbaren bitteren Koketterie; aber er spürte, daß
sie zitterte. Er schwieg, es überlief ihn kühl, und plötzlich dachte er
erschauernd an das anklägerische Knurren seines Hundes, an den
sprachlosen und unerklärlichen Vorwurf in den Augen des Tieres.