Das Begräbnis fand am andern Mittag in Heimlichkeit und Stille statt.
Georg Mathys und Justus Richter gingen mit zum Kirchhof. Sie wunderten
sich über die unerschütterte Haltung, die der Professor am Grab zeigte.
Er sprach vorher und nachher in geschäftlich trockener Weise mit dem
Pfarrer und nahm die Beileidskundgebungen höflich entgegen. Hanna war
bei ihrer Mutter geblieben. Dietrich war während der ganzen Zeit
verschwunden.
Nach kurzem Schlaf hatte er sich erhoben und war in den Wald
hinaufgegangen, zu der Stelle, wo Cäcilie gelegen war. Dort hatte er
sich auf einen Baumstumpf gesetzt und sich der Einsamkeit und Ruhe
hingegeben. Indem er unverwandt in das zerdrückte und von vielen Füßen
zertretene Moos schaute, zog es ihn sehnsüchtig näher, er stand auf,
blickte sich scheu um wie einer, der Verbotenes zu tun sich anschickt,
und warf sich auf das Stück Erde nieder, das die Schöne zuletzt
getragen. Anfangs war es wirklich wie ein Frevel, den er verübte, dann
aber löste sich in ihm die Unrast, die er in dem kurzen Schlaf der Nacht
empfunden. Hier war noch Zeugnis ihres Seins, gestern noch war ihr Blut
über die Gräser und Farne geflossen und in die Feuchte des Bodens
gesickert: heilig-unwiederbringliches Leben. Noch stand die nämliche
Luft; noch ragten die nämlichen Bäume; ihr letzter Blick und Seufzer
hatte vielleicht den Rottannenzweig umfaßt, der so niedrig hing, daß
ihn die Hand erreichen konnte, vielleicht die Wurzel, die braun und
knochig aus der Tiefe kam. Nicht länger der Weg vom Moos zu ihrem Herzen
gestern als heute zu seinem; ihm war, als könne er noch einen
verbliebenen Rest ihres Lebens erraffen und mit fortnehmen, Gedanken
oder Wunsch oder Bild; verhauchtes namenloses Etwas, von einer
Geistermacht für ihn bewahrt, durch Geisterbeschluß ihm zugesprochen.
Als er zurückkehrte, war der Professor schon zum Aufbruch bereit. Er
dankte Dietrich für die gewährte Gastfreundschaft, drückte ihm mehrmals
die Hand und sagte, wenn ihn der Weg nach Heidelberg führe, möge er das
Landgrafsche Haus als seines betrachten; solcher Dienst bei so traurigem
Anlaß vergesse sich nicht. Ihn rufe die Pflicht; schmerzlich-untätigem
Gefühl dürfe er sich nicht überlassen; er sei nur ein geringer Soldat in
der großen Armee der Geisteskämpfer und gehöre auf seinen Posten. Es
habe ihm wohlgetan, fügte er, nicht mit der Miene eines geringen
Soldaten, sondern eines Generals, zum Schluß hinzu, in den drei jungen
Leuten so vortreffliche Menschen kennengelernt zu haben.
Mathys und Richter standen dabei, und die kleine Rede wirkte auf sie so
wenig wie auf Dietrich angenehm. Es war alles Form, gedrechselt bis auf
den Buchstaben, imponierend und überlegen, doch ohne Wärme. Man brachte
ihm die Reisetasche; Hanna kam die Treppe herunter und begleitete ihn
ans Gartentor; ein kurzes und, soviel zu hören war, scharfes
Zwiegespräch entspann sich zwischen Vater und Tochter; jener sah
hochmütig und beherrscht aus, das junge Mädchen redete leise und
bestimmt. Sie trennten sich, ohne einander die Hand zu reichen.
Frau Landgraf hatte sich entschieden geweigert, nach Hause zu reisen.
Sie wollte im Lauf des Tages ins Hotel Adler ziehen und für die
nächsten Wochen dann in einer Pension Unterkunft suchen. Sie wünschte in
der Nähe von Cäcilies Grab zu bleiben. Der Professor nicht minder als
Hanna schienen durch ihre energische Willensäußerung ziemlich erstaunt.
Dietrich bekam sie übrigens erst zu Gesicht, als sie an Hannas Seite das
Haus verließ, um in den Wagen zu steigen. Sie mochte fünfzig Jahre
zählen, sah aber jetzt wie eine Greisin aus. Mit erloschenen Augen
wankte sie durch den Flur, die Haut war entsäftet, die Arme hingen
kraftlos. Dietrich näherte sich schüchtern, beugte sich herab und küßte
ihr die Hand. Sie schaute ihn groß und fremd an, schien von einer Ahnung
erfaßt zu werden und halb entsetzt, halb ergriffen stützte sie sich eine
Sekunde lang auf seine Schulter.
Als sie im Wagen saßen, fing Hanna an, von Oberlin zu sprechen, von
seinem freien Entgegenkommen, seiner bescheidenen Freundlichkeit. Sie
habe ihm Nachricht verheißen; sie habe sich entschlossen, ihn hie und da
zu sehen, da sie nichts Besseres wisse, um sich ihm erkenntlich zu
zeigen. Nach einer Pause dann: er sei ja fast noch ein Knabe, aber wenn
man mit ihm rede, denke man daran nicht. Das Sonderbare sei passiert,
daß er Cäcilie noch von Angesicht zu Angesicht gesehen, vorher, und daß
er nun um sie trauere, als sei sie seine Braut gewesen.
»Was sagst du da, Kind, was sagst du da!« rief Frau Landgraf
beschwörend.
Hanna senkte die Augen. »Am liebsten hätte er uns bei sich im Haus
behalten,« fügte sie trocken hinzu; »als ich ihm sagte, daß wir gingen,
wollte er nichts davon wissen und dich zum Bleiben bewegen.«
»Bring ihn zu mir; er soll zu mir kommen«, murmelte Frau Landgraf.
Wie er dagestanden ist, so bleich, dachte Hanna; wie er uns
nachgeschaut hat mit den zärtlichen Augen. Ja, er hat zärtliche Augen,
fuhr sie fort zu grübeln; er ist einer, der sich zu opfern fähig ist. So
sprechen sie, so blicken sie, die Unbedingten. Sie weinen nicht, sie
verzweifeln nicht, sie handeln. Er ist anders als alle, und alle spüren
es, auch der Hübsche, Schlanke, Kluge mit den Sammetaugen, der sein
Freund ist.
Ich möchte, daß er tanzt, war plötzlich ihr bizarrer Gedanke; ich
möchte, daß er überschäumt und wie ein Leichtsinniger schwatzt; ich
möchte ihn umkehren, daß er an sich irre wird; ich möchte, daß er lügt
und stiehlt und es keinem bekennt außer mir; er müßte vor mir schuldig
sein und sich demütigen.
So konnte sie vorübergehend empfinden. Sie war so vielfach in den
Stunden wie die Stunden selbst waren. Keine Regung, mit der Blut und
Gedanke nicht stürmisch schwangen und die sich nicht verflüchtigt hätte,
angerührt von ihrem Widerspiel. Sie ging den Weg zur Flamme, bog kühn
die Hände hin; und kehrte zurück in ihr Versteck, wo sie sich weltscheu
verschanzte. Niemand konnte sie erraten; äußerlich nüchtern, gehorchte
sie den Überlieferungen ihrer Kaste.
Am dritten Tag schrieb sie an Oberlin ein Billett, und sie trafen sich
vor dem Friedhof. Damit begann die Verkettung.
Zwischen den Freunden kam es, kaum daß sie wieder unter sich waren, zu
Verstimmungen. Die Ursachen waren zuerst nichtig; eine vergessene
Verabredung genügte, ein übereiltes Wort, eingebildete Vernachlässigung.
Aus Meinungsverschiedenheit wurde Streit, aus Streit fortwuchernde
Mißlaune. Sie glichen drei Eingesperrten, die einander überdrüssig
geworden sind; jeder wurde durch Blick und Miene des anderen gereizt,
und sogar Georg Mathys ließ es dann an Wohlwollen fehlen.
Erbitterte Wechselrede und in deren Folge beinahe offenen Bruch führte
ein Brief herbei, den Justus Richter von seiner Schwester aus Heidelberg
erhielt und den er den Freunden vorlas. Er hatte über den Selbstmord
Cäcilie Landgrafs nach Hause geschrieben, und in ihrer Antwort
berichtete die Schwester, was man sich über die Landgrafsche Familie
dort erzählte und was längst stadtläufig war, Skandal über Skandal, so
daß die Katastrophe eigentlich wenig Überraschung erregte. Bürgerliche
Form als dünner Firnis; darunter Zerstörung und Zerfall.
Die Frau von ihrem Gatten unwürdig behandelt; das für den Haushalt
nötige Geld müsse sie sich von Bekannten ausleihen. Seit Jahr und Tag
habe der Professor eine Beziehung zu einer Schauspielerin in Darmstadt,
deren verschwenderische Führung, Prunksucht und Spielleidenschaft, den
Großteil seiner sehr bedeutenden Einnahmen verschlinge. Von berechnendem
Geiz gegen die Seinen, lebe er außerhalb des Hauses als Grandseigneur.
Die Töchter wider ihn im Bund und aufgebracht gegen die Mutter, die ihre
Erniedrigung duldend hinnahm. Die Schuldenlast übersteige jeden Begriff;
Lieferanten in der Stadt wie auswärts drohten mit Prozeß. In letzter
Zeit habe die Dame in Darmstadt eine Nebenbuhlerin erhalten, noch dazu
ein junges Mädchen aus adligem Haus, eine Gräfin Bettine Gottlieben zu
Gottlieben, die wegen eines Gemütsleidens von ihrem Vater zu Professor
Landgraf gebracht worden war. Zwischen ihr und Cäcilie habe sich
Freundschaft entwickelt, die einerseits Hannas Eifersucht erweckte,
andererseits dem Professor im Wege war. Eines Tages sei es zu einer
häßlichen Auseinandersetzung zwischen Cäcilie und ihrem Vater gekommen,
und der Professor habe geäußert, er werde sie in eine Anstalt sperren
lassen. Allgemein heiße es, er könne sich an der Universität wie auch in
seiner Praxis nur durch den außerordentlichen Ruf halten, den er als
Gelehrter und Arzt genieße; aus allen Weltteilen strömten die Kranken zu
ihm, und die Erfolge seiner analytischen Methode seien derart, daß sie
die Gegner zum Schweigen zwängen, obgleich selbst die Anhänger zugeben
müßten, daß er einer von denen sei, die kaltblütig über Leichen
schritten und deren Geldgier übrigens keine Grenzen hätte.
Dietrich hatte sich erhoben und ging auf und ab. Das sei alles nicht
wahr, stieß er hervor, sei alles böswilliger Klatsch und unbesonnenes
Gerede, zusammengebraut von alten Weibern und aufsässigen Fachgenossen;
jedem Wort hafte die Lüge und Übertreibung des giftigen Hörensagens an;
wie Justus sich nicht schämen könne, dergleichen zum Besten zu geben.
Justus Richter erwiderte zornig, da urteile er doch zu vorschnell; er
wundere sich über die Kühnheit, mit der Oberlin seine Schwester
verdächtige und weise den schnöden Inzicht zurück. Auch ihm seien,
während er zu Hause gewesen, üble Gerüchte über den Professor zugetragen
worden, er habe sich nur nicht gleich erinnert; dies und jenes hätten
die Spatzen von allen Dächern gepfiffen, und es sei ebenso bequem wie
einfältig, wenn einer hinter dem Schild seiner Unkenntnis in Abrede
stelle, was, leider Gottes müsse man sagen, sonnenklar am Tage liege.
Er glaube es nicht, beharrte Dietrich mit schmerzlicher Wut, er glaube
es nicht, und wenn man ihm drei Dutzend Zeugen dafür bringe. Nichts sei
glaubwürdig, was unter den Menschen von Mund zu Mund gehe, und da das
Reinste nicht rein bleibe, weshalb solle er das Schmutzige und
Niederträchtige unüberprüft für bare Münze nehmen? Er glaube es nicht,
keine einzige Silbe glaube er, und es ihm einreden zu wollen, sei eine
Schlechtigkeit.
»Hör mal, Oberlin, das ist närrisch,« mischte sich Georg Mathys in den
Zank; »du ereiferst dich sinnlos. Es handelt sich doch hier mehr oder
weniger um Tatsachen, und die Wahrheit kann ergründet werden, falls uns
darum zu tun ist. Dünkt es dich denn etwas so Unerhörtes, daß in der
bürgerlichen Gesellschaft die Schranken der Zucht brechen? Da weißt du
eben nicht, wie durchhöhlt der Boden ist, auf dem sich unsere Existenz
abspielt und wie nah wir beständig am Abgrund schreiten. Wie in einem
Raum, aus dem nach und nach die Luft ausgepumpt wird, sind die Menschen
unserer Welt zusammengepfercht, und in ihrer Erstickungsraserei
zerfleischen sie einander die Brust. Geh nur hinaus zu ihnen, du wirst
es schon erfahren.«
»Keine Gemeinplätze, ich bitte dich darum,« rief Dietrich, »es macht
mich wild. Wozu verhilft dir das Wissen? Sie leben, und keinen hast du
in dir drin. Du mußt nicht allen Verstand alleine haben wollen. Ich
glaub dir nicht, ich glaub euch nicht, ihr redet so und handelt anders.
Sei ehrlich, antworte ohne Hinterhalt: kannst du sie dir in solchem
Pfuhl denken? Ruf dir doch das Bild zurück! Und du, Richter, denk doch,
denk doch! Hat euch nicht das Herz geschlagen und seid ihr nicht vor ihr
dagestanden, als hätt euch der Erzengel mit silberner Fittich gestreift?
Nun laßt ihrs zu, daß man Unrat über sie schüttet. Das ertrag ich
nicht.«
Richter und Mathys tauschten einen vielsagenden Blick. Der von Mathys
bat um Einhalt, er begriff das Außersichsein Dietrichs, die flehentliche
Berufung plötzlich besser und tiefer als der eigensinnige Justus
Richter, der sich verbissen hatte und sich für die Schwester beleidigt
fand. Es kam auch eine Art Männerärger hinzu, den er darüber verspürte,
daß Oberlin sich so maßlos einsetzte für ein weibliches Wesen, auf das
er so wenig Anrecht besaß wie Justus selbst. Er wollte es nicht gelten
lassen, sprudelte etwas hervor von Borniertheit und Überheblichkeit und
sagte spöttisch, wenn Dietrich seine Informationen von Hanna Landgraf
beziehe, mit der er ihn gestern in der Strandallee gesehen habe, brauche
er nicht weiter stolz auf seine Wissenschaft zu sein; die werde ihm
sicherlich keinen reinen Wein einschenken. Georg Mathys, der das
Erblassen Dietrichs bemerkte, wies die Rüpelei Richters scharf zurück,
und nun gerieten die zwei einander in die Haare, während Dietrich mit
verschränkten Armen am Fenster stand und in ihre Gesichter schaute, die
ihm häßlich vorkamen wie Fratzen.
Auch als am Abend wieder versöhnlichere Stimmung eintrat, blieb in allen
der bittere Bodensatz. Es war keine freie Verständigung mehr, die
Harmlosigkeit war gewichen, der schöne Dreiklang hatte sich in Mißtöne
zersplittert, und jeder einzelne hatte das Gefühl, daß die Zeit
abgelaufen und es ratsam sei, sich zu trennen. Richter war der erste,
der den Mut hatte, es zu sagen; am andern Nachmittag schon reiste er
nach Hause. Zu seiner Überraschung teilte ihm Oberlin auf dem Bahnhof
seinen Entschluß mit, den Winter in Heidelberg zu verbringen und dort
die Prüfungen abzulegen. »Dann werden wir uns ja hoffentlich viel
sehen«, antwortete Justus Richter herzlich, und bevor er ins Coupé
stieg, umarmte er den Kameraden, nicht ohne Scheu, als wage er es nicht
ganz, ihn seiner Zuneigung zu versichern. »Trotz allem, Oberlin«, sagte
er lachend.
Am folgenden Tag nahm auch Georg Mathys Abschied. Er fuhr zu Verwandten
nach Luzern und wollte Ende Oktober in Basel sein. Sie hatten darüber
ein kurzes Gespräch, und an dessen Schluß sagte Mathys: »Zu verabreden
haben wir nichts. Ich denke, es kann dir jetzt wenig passen, dich zu
binden. Mir ist, als gingst du weit von mir weg, wenn ich dich jetzt
verlasse, auf eine weite Reise. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht, ich
spür nur deine Ungeduld und dein erregtes Herz. Ich hab Angst um dich;
ich sag es geradeheraus, dumme, gemeine Angst, und ich genier mich, daß
ich vor dir stehen und dich ermahnen soll wie eine fromme Tante. Halt
deine Sinne beisammen, kleiner Bruder; heut nacht träumte mir, eine
tolle Bestie hätte dich im Wald überfallen und in Stücke zerrissen.
Menschen wie du sind auf der Welt, um ihre Erlebnisse mit Blut zu
bezahlen. Gib wenigstens nicht alles Blut aus deinem Leibe her. Was ich
da rede, hat gar keinen Kern, ich tappe nur so in der trüben Ahnung; es
ist mir ein Gesicht erschienen, vor dem ich erschrocken bin, und
außerdem haben deine Augen jetzt was merkwürdig Geisterhaftes. Sei auf
deiner Hut, Oberlin, und wenn du mich brauchst, du weißt, dann bin ich
da.«
Dietrich nickte, bewegt und verwundert.
Was vermag denn ein Mensch?
Es klang nach vertraulicher Eröffnung, als Hanna Landgraf Oberlin von
einem Tagebuch Cäcilies erzählte, das sie bis zuletzt geführt. Er
vernahm es hochaufhorchend.
Zögernd fragte er, ob sie es kenne. Ja, Cäcilie habe ihr die eine oder
andere Stelle vorgelesen; es seit dem Tod der Schwester anzurühren, habe
sie sich gescheut. Er sagte, das begreife er. Vielleicht werde sie es
beim nächsten Mal mitbringen, fuhr sie fort; vielleicht entschließe sie
sich, ihm etwas daraus zu zeigen.
Er erwiderte hastig, ob das erlaubt sei, ob sie preisgeben dürfe, was
Cäcilie vor fremden Augen hatte verbergen wollen.
Hanna sagte zurechtweisend, Geheimnisse werde sie zu wahren wissen; es
handle sich doch vor allem darum, zu erfahren, was den Vorsatz zu
sterben in ihr bewirkt und befestigt habe, möglicherweise finde sich in
den Aufzeichnungen ein Hinweis. Pflicht der Diskretion falle nicht mehr
ins Gewicht gegen die andere, größere. Ungewißheit sei Qual; Wahrheit,
selbst die grausamste, beruhige.
Sie sprach mit ihrer fülligen rauhen Stimme und mit einem
unergründlichen Unterton von Kälte und Ironie. Wollte sie seiner
spotten? Nahm sie die Worte nicht ernst, mit denen sie ihn so
überraschend einbezog in das Gewebe von Leben und Tod der Schwester? Er
fürchtete es. War sie wirklich, wie sie sich gab, ohne Kenntnis, ohne
Fährte? Er glaubte es nicht. Doch lag alles daran, sich mit ihr zu
verbünden. Zaghaft entgegnete er, wenn sie die Wahrheit wolle, müsse sie
auch die Geheimnisse aufdecken, und an denen teilzunehmen, meine er kein
Recht zu haben.
»Wir werden ja sehen«, sagte sie kurz, und achselzuckend setzte sie
hinzu, der Mensch klarer Entscheidungen scheine er nicht zu sein. Ihr
sei jetzt einer nötig, der im kritischen Moment den Mut zum Ja oder Nein
aufbringe. Nach einer mutigen Hand sehne sie sich, nach einem Herzen,
dem Mut gewissermaßen Passion und Eingebung sei.
Verfängliche Äußerung; da er schwieg und nur einen schnellen Seitenblick
auf sie warf, lächelte sie geringschätzig und sagte, sie bezweifle, daß
das Tagebuch die gewünschten Aufschlüsse geben werde. Die ihr bekannten
Partien enthielten zumeist nicht besonders originelle Betrachtungen und
Merkdaten flüchtiger Erlebnisse. Ihr fehle für derlei sowohl Geduld wie
Neigung, die Tagebuchleute legten ihrem Tun und Denken eine
ungebührliche Wichtigkeit bei und meinten sich das Leben zu erleichtern,
wenn sie solch kleinen Extrakalender in der Kommodeschublade
aufbewahrten. Sie habe auch mit Cäcilie darüber gestritten, aber die
Folge sei gewesen, daß sie ihr dann mißtraut habe.
So hätten sie sich also nicht schwesterlich vertragen? erkundigte sich
Dietrich naiv.
»Wie einfältig sich das anhört,« rief sie aus, »wie aus dem
alemannischen Schatzkästlein.« Ob er glaube, zwei Menschen wie sie und
Cäcilie hätten aufwachsen sollen wie Turteltäubchen? »Wir waren oft eine
von der andern wund,« sagte sie mit lodernden Augen, »es ging ans Blut,
die Welt wurde eng. Freilich sie ... sie wußt es nicht wie ich; oder
wollt es nicht wissen; zog sich in ihr Schön-Sein zurück, in ihr
Vergöttert-Sein; dann ist man dagestanden, blamiert, armselig,
hilflos ...«
Sie verstummte. In Dietrich war alles zitternd angespannter Nerv des
Lauschens. Aber an der Ecke zu der Pension, wo Mutter und Tochter nun
wohnten, warf sie ein gleichgültiges »auf morgen« hin, ohne ihm die Hand
zu bieten.
Als er bei der nächsten Begegnung, zur selben Stunde und wieder am
Kirchhofstor, die Rede schüchtern auf das Tagebuch brachte, erwiderte
sie, sie habe es nicht gefunden; vielleicht habe es Cäcilie zu Hause
gelassen. Auf seine ungläubige Miene dann: sie wolle offen sein und
gestehen, daß sie vergessen habe, es zu suchen. Und als er immer noch
nichts sagte: sie habe bereut, daß sie davon gesprochen; sie habe sichs
überlegt und fürchte, es nicht verantworten zu können, wenn sie ihm
Einblick gewähre, dem völlig Fremden, von dem nicht einmal der Name zu
Cäcilie gedrungen sei.
Der Ausdruck von Traurigkeit in seinem Gesicht flößte ihr Mitleid ein.
»Wir werden sehen«, sagte sie wieder wie gestern, als er es gewesen, der
Bedenken geäußert; es sei übrigens möglich, daß es die Mutter in
Verwahrung genommen hätte. Sogleich entstand in ihm der Plan, sich an
Frau Landgraf zu wenden, da er Hannas Absicht, ihn hinzuhalten,
vermutete. Aber unter welchem Vorwand sollte er dies tun, mit welcher
Befugnis?
»Ist es ein Buch? ein Heft?« fragte er.
»Ein schmales Heft in Saffian mit silbernen Initialen.«
»Und wann hat sie zuletzt in das Heft geschrieben, wissen Sie das?«
»Wie sollt ich es wissen, Sie sonderbarer Mensch, und was würde es
besagen?«
»Ist nicht anzunehmen, daß ein Wort, eine Anspielung, ein Geständnis ...
haben Sie nicht daran gedacht? Antworten Sie doch!«
Bedrängt von dem beklommenen Ungestüm sagte sie, es sei nicht
anzunehmen, es widerspreche Cäcilies Charakter durchaus. »Und wenn es
auch geschehen wäre,« rief sie, »was soll es, was nützt es? können Sie
sie ins Leben zurückrufen damit? Was hat es für einen Sinn? Was ändert
es für Sie?«
Er sagte leise: »Es hat den Sinn, zu wissen. Es hat den Sinn, zu sehen.
Jetzt seh ich sie wie durch Schleier. Dann werd ich sie wirklich sehen.
Ich muß sie wirklich sehen. Vorher hab ich keine Ruhe.«
Sie heftete einen erwartungsvollen Blick in sein grüblerisch gesammeltes
Gesicht. Da fragte er unvermittelt, ihrem Auge begegnend, wer der junge
Mann gewesen sei, mit dem sie am Nachmittag vor dem Unglück gegangen.
Hanna, als hätte sie eben diese Frage erwartet, antwortete auffallend
bereitwillig, das wolle sie ihm gern sagen, es sei Hubert Gottlieben
gewesen, von den Grafen Gottlieben am Untersee.
Dietrich erschrak wie bei einem Steinwurf im Finstern. »Der Bruder von
Bettine Gottlieben?« flüsterte er bestürzt. Und nun war es an Hanna, zu
erschrecken. Woher er von Bettine Gottlieben wisse? Warum er so entsetzt
sei? Heftiger, gereizter dann: warum er schweige? was sie sich von
seinem Betragen denken solle?
Mysteriös erscheinen mochte er nicht. Er erzählte ihr von dem Brief, den
Justus Richter bekommen, berichtete den Inhalt, wohl mit schonenderen
Worten, doch Punkt für Punkt, ohne erhebliche Auslassungen. Er erzählte
auch von dem Zank, der sich darüber zwischen ihm und den Freunden
entsponnen und wie er die Meinung vertreten und sich nicht davon habe
abbringen lassen, daß das alles abscheuliche Verleumdungen seien. Dem
hätte namentlich Justus Richter widersprochen, und es wäre Zerwürfnis
entstanden.
Hanna Landgraf hörte gesenkten Hauptes zu. Bisweilen sah er die
eigentümlich gewölbte Oberlippe beben, und unter der bronzenen Bräune
der Wangen schimmerte wieder die Blässe, die er kannte und die ihn
ergriff.
Sie hob den Blick und nahm Dietrichs Bild auf wie ein neues. Viel von
dem, was er gesagt, hatte sie an einer Stelle ihres Innern angerührt,
die bisher verhärtet gewesen war gegen die Stimme der Welt. Die
Lauterkeit des schlanken Knaben machte tiefen Eindruck auf sie, und es
zu fassen, des letzten Argwohns ledig zu werden, dazu brauchte sie Zeit.
Es war gegen Abend, der Westen war zart bewölkt und gefärbt, vom See
zogen Oktobernebel herauf. Sie saßen auf der Rundbank unter einer
mächtigen Linde, die unfern von der Mauer des Friedhofes ihren noch
wenig entlaubten Wipfel in die feuchte Dämmerung breitete.
»So weit ists also schon,« sagte Hanna, »man schreibt sichs einander,
als wären es öffentliche Angelegenheiten. Ich wundere mich nicht, es
läuft den Weg schon lang. Sie haben unrecht gehabt, es für Lüge und
Verleumdung zu erklären; die Illusion muß ich Ihnen leider rauben. Die
schauderhaften Jahre haben ja fleißig daran gearbeitet, daß die Mauern
bei uns durchsichtig geworden sind. Was wir in unseren vier Wänden getan
und geredet haben, war Gift und Schmach, und jeder hats eingeatmet und
jeder hats erhorcht, der nur über die Schwelle schritt. Manches ist
falsch in dem Brief; natürlich, es muß doch auch für die Kombination der
Leute was übrigbleiben; aber das meiste ist wahr, leider. Daß Cäcilie
gewußt haben soll von dem, was sich zwischen Bettine Gottlieben und
meinem Vater abgespielt hat, davon ist nicht die Rede. Das war ich, die
gewußt hat, ich, die es durchgekämpft hat; nur meine Augen haben
gesehen, nur ich hab davor gezittert. An Cäcilie kam das Schreckliche
nicht heran, sie war die einzige, an die nichts herangekommen ist. Die
Menschen redeten vor ihr mit andern Zungen, die Dinge hatten vor ihr ein
anderes Gesicht. An sie ist nichts herangekommen, außer die Liebe, außer
die blinde Vergötterung. Alles hat sich vor ihr gebeugt, die Welt war
umgelogen; im Nu war das Schwarze weiß, das Häßliche schön, das
Schlechte gut. Und sie, sie nahm auch nichts an, nicht einmal die Liebe
und Vergötterung; nicht als wäre sie kalt gewesen und ohne Seele, o
nein. Es war eben alles zu wenig für sie. Wenn einer sein ganzes
Inneres vor ihr ausgeschüttet hätte, Hab und Gut geopfert hätte, wie es
ja geschehen ist, die ganze Erde für sie erobert hätte, in den Himmel
hinaufgeflogen wäre, um die Sterne für sie herunterzureißen: zu wenig.
Sie spürte vielleicht gar nicht unsern Jammer, sie wußte ihn nicht.
Niemand hätte sich getraut, ihr Unangenehmes zu sagen, ihr nur eine
Andeutung von dem zu machen, was um sie herum vorging, ich nicht, die
Mutter nicht, kein Mensch. Man hatte Angst davor wie vor etwas
Unausdenklichem. Unausdenklich war es für jeden, ihr Kummer zu bereiten
oder nur Unruhe. Dabei war sie selber voller Unruhe; wie eine, die im
Traum was Verlorenes sucht. Ein junger Schriftsteller bei uns hat von
ihr behauptet, sie lebe in einem Traumring, verzaubert, und wer den
zerbrechen wolle, der gehe daran zugrund.«
Dietrich, der mit gierigen Augen Wort um Wort aufgenommen hatte, fragte
hauchend: »Und Ihr Vater?«
»Der Vater? Auch er hatte Angst vor ihr«, gab Hanna rauh zurück. »Er
fühlte sich nie wohl, wenn sie im Hause war. Seit ihrer frühen Jugend
war er immer darauf bedacht, sie zu entfernen. Sie war monatelang bei
Verwandten oder lebte irgendwo auf dem Land, und ich mußte einfach mit.
Wenn sie kam, versteckte er sich vor ihr, oder er verreiste; in ihrer
Gegenwart redete er mit veränderter Stimme und spielte geradezu Komödie.
Es mag jetzt vier Monate her sein, zu Anfang des Sommers wars, Cäcilie
und ich waren den Tag vorher aus Erlenbad zurückgekommen, da saßen wir
mit den Eltern bei Tisch und Cäcilie sprach zum erstenmal von ihrem
Plan, hier in die Gnadsche Gartenbauschule einzutreten. Die Mutter
wollte nichts davon hören, auch der Vater schien nicht entzückt von dem
Vorhaben und erklärte ihr, daß sie sich nach seiner Meinung dadurch
gesellschaftlich entwerte. Dann kam das Gespräch auf andere Dinge,
Cäcilie verließ das Zimmer, und kaum war sie draußen, sprang der Vater
auf, streckte den Arm über den Tisch und rief meiner Mutter mit einem
Ausdruck von Frohlocken zu, den ich nie vergessen werde: Laß sie nur
fort; sie soll nur gehen; ausgezeichnet diese Idee; Gartenbauschule,
ausgezeichnet; versuch es nur nicht, sie andern Sinnes zu machen;
vortreffliche Idee! Nie werde ich das vergessen, mir graute beinahe, ich
fragte mich: was ist das zwischen ihm und Cäcilie, was geht da vor? wozu
diese Verstellung erst und dann die Freude?«
»Seltsam«, flüsterte Dietrich.
»Von ihm wäre viel zu sagen,« fuhr Hanna fort; »er ist stark und hat
keine Grenzen wie andere, bei denen man dann weiß: so, jetzt überschau
ich ihn, jetzt kann mich nichts mehr überraschen. Ich habe Bücher über
schwarze Magie gelesen, in denen von Exorzisten die Rede ist, die Gewalt
hatten über den Teufel und die Dämonen. Ich glaube, solch ein Mensch ist
er. Ach, mir ist plötzlich, als müßt ich mir alles von der Seele reden.
Sie haben etwas an sich, Dietrich Oberlin, das einen dazu verführt.
Dieser Mann, unser Vater, Sie können nicht ermessen, was er in unserm
Leben bedeutet hat, in meinem und Cäcilies. Aber lassen Sie mir Zeit. Es
geht nicht so auf einmal. Und wenn Sie mich anschauen, mit dem Blick, in
dem nichts steht als: Cäcilie, mit dem Sie mich beschwören und in die
Enge treiben, da wird mir die Lippe lahm, und ich kann nicht weiter.
Begreifen Sie nicht, daß Sie mich förmlich austilgen und zu einem
traurigen Schatten machen, wenn Sie durch mich hindurch zu ihr wollen
und nichts anderes sonst?« -
»Durch Sie hindurch ... zu ihr,« wiederholte Dietrich mit bestürztem
Erstaunen, »ja, es mag sein, Sie haben recht, doch verzeihen Sie ...
verzeihen Sie ...«
»Verzeihen,« sie lachte gekünstelt, »da ist nichts zu verzeihen.
Angenommen nun, ich mache mich freiwillig zu dem Schatten; angenommen,
ich lasse mich auslöschen, austilgen und werde ganz zum Transparent für
Cäcilie, wie Sie mit jedem Wort und Blick verlangen, was bleibt mir
dann? was bin ich dann?« Da er betroffen schwieg, setzte sie mit
schmerzlicher Koketterie hinzu: »Was wollen Sie mir dafür geben, dafür,
daß ich nicht mehr bin - ?«
»Alles,« stammelte Dietrich, »alles will ich Ihnen geben, alles will ich
Ihnen sein, was ein Mensch vermag.«
»Und was vermag denn ein Mensch?« fragte sie lauernd; »was ist das:
alles - ?«
Er ergriff ihre Hand und preßte sie zwischen seinen beiden. »Alles, das
bin ich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Sie sind ja die
Schwester, Sie sind ja ein Stück von ihr.«
»Die Schwester,« sagte sie klagend, »Zwillingsschwester sogar; Sie
wissen nicht, was das heißt. Du weißt nicht, was das war. Laß ab von
mir, armer Dietrich, es nimmt kein gutes Ende.«
Er beugte sich nieder und legte seine Stirn auf ihre kühle Hand. Sie
duldete es. Mit der andern Hand strich sie ihm langsam über das Haar.
Sie lächelte rätselhaft dabei.