Eine Stunde später saßen sie auf der geräumigen Terrasse im Obergeschoß,
von welcher See und Landschaft weit zu überschauen waren. Der Himmel
hatte sich mit eintönig grauer Nebelschicht bedeckt, die die unbewegte
Wasserfläche farblos machte und Wiesen, Wald und die zerstreuten
Baumstände herbstlich gealtert zeigte. Schwermütige Stille war in der
Natur; sie dämpfte die Geräusche des vergehenden Tags. Zu Dietrichs
Füßen kauerte Rust, der Neufundländer, hob bisweilen den riesigen Kopf
mit der gelblich gefleckten Schnauze und den triefenden Lefzen, rückte
sich mit den Pfoten anderswie zurecht und versank wieder in seine
wuchtige und wachsame Schläfrigkeit, seufzend.
Auf dem Tische stand, zwischen zwei Vasen mit Astern und Purpur-Laub,
eine längliche Schale, in der große reife Birnen in einem Kranz schwerer
Trauben lagen. Justus Richter zupfte von Zeit zu Zeit eine Beere ab,
schob sie in den Mund und gab durch Emporziehen der Brauen zu
verstehen, daß sie ihm schmeckten.
»Wenn ich euch jetzt sagen würde, woran ihr denkt,« begann er listig
zwinkernd, »wärt ihr sicherlich nicht erstaunt darüber, daß ichs weiß.
Aber es ist überflüssig, davon zu reden.«
Georg Mathys erwiderte: »Als ich im vorigen Jahr in Frankfurt die Athene
des Myron sah, war mir, wie wenn ich gegen alles Schlechte und Häßliche
für lange gefeit sei, und Unglück und Niedrigkeit nicht mehr an mich
heran könnten. Die Wirkung war mir neu. Schönheit einer Statue war mir
ästhetischer Wert, geistiger. Daß sie so ins Zentrale dringen, so
erschütternd sein konnte, so, daß man hätte weinen mögen wie von einem
Fluch erlöst, das hatte ich nicht gewußt. Und bis heute wieder hab ich
nicht gewußt, daß es einem vor einem lebendigen Geschöpf ähnlich ergehen
könne.«
Dietrich, dessen Blick in der Ferne weilte, wurde blaß. Die Worte
betasteten Unbetastbares. Sie erzürnten und schmerzten ihn, nur weil sie
ausdrückten, was er empfand.
»Man darf es nicht egoistisch umgrenzen«, murmelte Justus Richter.
»Nein, das darf man nicht«, stimmte Mathys zu.
»Und doch,« fuhr Justus in seiner eindringlichen Art fort, »wenn man
sich mit allen Sinnen eine abwesende Person vorstellt, von der man ahnt
oder wünscht oder fürchtet, daß sie in unser Schicksal greifen wird,
dann ist sie auch da, dann ist die egoistische Grenze schon gezogen. Ist
euch nicht zumut, als säße das fremde Wesen unter uns, fremd, weil es
die Welt so will, als schlüge sie die Augen auf, um etwas zu erzählen,
etwas zu klagen? Ich weiß auf einmal so viel von ihr, das heißt, ein
anderes Ich in mir weiß es; ich habe Unruhe um sie. Warum?«
Da keiner antwortete und er die erregte Miene Dietrichs nicht sah oder
sie mißdeutete, sprach er weiter: »Es gibt Menschen, die gewinnen einen
Einfluß auf Seelen wie magnetische Ströme in der Luft; plötzlich. In uns
selber haben wir wohl den Appell dafür, aber es fehlen die
Mitteilungsformen. Die Zusammenhänge zwischen den Kreaturen
untereinander und zwischen ihnen und dem, was wir als toten Stoff
betrachten, sind viel geheimnisvoller als wir annehmen und gehen tiefer
als alle Wissenschaft und Spekulation. Wir sind sehr unvollkommen und
durch rohe Widerstände gehemmt. Was Erkenntnis sein könnte, ist bloß
Träumerei. In seltenen Augenblicken triffts einen wie ein Strahl aus
einer Ritze in den schwarzen Felswänden, die uns auf allen Seiten
umragen. Das ist dann ein Gefühl, wie soll ichs nennen, ein Gefühl wie
nach dem Tod oder vor der Geburt. Wenn ich mich ungemessen, unwollend,
undenkend hingebe, kann ich mich auslöschen und neue Gestalt erlangen.
Da rauscht mir der ganze Schicksalsozean in den Adern, und ich bin doch
nur ein Tropfen davon, hineingemischt, hindurchgewirbelt. Dann bin ich
Medium, nämlich Geist unter Geistern.«
»Das sind gefährliche Wege,« sagte Georg Mathys stirnrunzelnd; »wir
müssen uns hüten, daß das Unbegreifliche zu billig wird für die Zunge
und zu straflos für die Gedanken. Alles das steht unter einem strengen
Gesetz; es hängt vom ehrlichen Wissen und Schauen ab. Verzichtest du zu
früh auf Wissen und Schauen, so wirst du der Hanswurst eines Wahns oder
das Opfer scheinpriesterlicher Gaukelei. Es ist da ein Punkt, wo sich
der wirkende Mensch vom vegetierenden scheidet. Man wird leicht zum
Parasiten, wenn man sich in die Dämmerregionen begibt, und dünkelhaft
und zelotisch wie alle Parasiten. Erst Adept, dann Pfaffe, wir sehens
jeden Tag. Du sollst jetzt nicht heftig antworten,« beschwichtigte er
den zu ungeduldiger Erwiderung Gerüsteten, »ich möchte ungern streiten,
das läuft ja schließlich bloß auf metaphysisches Kannegießern hinaus.
Heute hast du recht mit deinem aufgestörten Gefühl, es ist uns allen
gleich wunderlich ums Herz, und eben deshalb wünscht ich nicht daran
erinnert zu werden, daß es für dergleichen bereits gestempelte Formeln
und flüssige Meinungen gibt. Wir wollens für uns haben.«
»Immer der nämliche Despot«, murrte Justus Richter gutmütig-unzufrieden.
Aber er machte keine Einwendung mehr und überließ sich der lastenden
Stille wie die andern. Weit vorgebeugt, hatte er sein dickes rundes Kinn
auf den Tischrand gestützt, so daß es in der beginnenden Dunkelheit
aussah, als läge der Kopf abgeschnitten neben der Obstschale, mit
glänzenden Augen freilich in dem jugendlich belebten Gesicht. Da
erschraken alle drei; ganz nahe, von der Richtung des Waldes her, war
ein Schuß gefallen. Rust schlug an, erhob sich, trabte unruhig herum.
Sie lauschten. Nun ertönte ein durchdringender Schrei. Zu zaudern war
nicht mehr. Von der Terrasse führte die Steintreppe unmittelbar in den
Park, die eilten sie hinunter, dann zu der kleinen Gartenpforte oben.
Der Wiesenstreifen war ungefähr zweihundert Meter breit, und trotzdem es
ziemlich steil bergan ging und der lehmige Boden vom Regen aufgeweicht
war, hatten sie das Gelände in wenigen Minuten überquert. Am Waldrand,
unter den vordersten Stämmen, erblickten sie eine weiße Gestalt. Rust
stand schon vor ihr und verbellte sie.
Mit dem Rücken an einen Baum gelehnt, das Gesicht mit den Händen
bedeckt, verharrte sie unbeweglich. Der Anruf Richters, die hastige
Frage Georg Mathys' riß sie nicht aus der Starrheit. Da deutete
Dietrich mit gurgelndem Laut auf eine zweite weiße Gestalt, die
ausgestreckt im Moos lag, fünf Schritte entfernt und leblos, soviel man
im unsicheren Zwielicht zu erkennen vermochte. Daß es die Schwestern
waren, die sie vor anderthalb Stunden am Seeufer gesehen, war den jungen
Leuten sofort klar. Georg Mathys stürzte zu der auf der Erde Liegenden
hin; als er sich niederließ, berührte sein Knie einen harten Gegenstand;
mechanisch schob er ihn weg, griff dann darnach; es war ein Revolver,
der Lauf noch warm. Jetzt sah er deutlich das Gesicht; ein Blutfaden, in
der Halbdunkelheit schwärzlich, rann von der Schläfe zum Ohr und ins
Moos.
Die Schöne war es, die da verblutete; die Schöne, die entseelt vor ihm
lag. Es als unabänderlich erfahren zu müssen war ein herabstürzender
Block; Schultern und Schenkel zitterten ihm; er stützte sich mit den
Armen auf den Boden, seine Hand streifte die schauerlich kalte Hand, die
rechte; die linke ruhte auf der Brust. Rasch einen Arzt, holt Laternen,
hörte er sich heiser rufen. Justus Richter gestikulierte, schaute sich
hilfesuchend um, dann war er verschwunden, und man hörte seine den
Abhang hinunterstürmenden Schritte.
Rust, mit auffallend erbittertem Laut, verbellte immer noch die
regungslos Stehende. Lange erinnerte sich Dietrich des bösen,
eigensinnigen Tons im Gebell des Hundes, das ihn endlich aufschreckte
aus der Vergeisterung. Von der Straße schallten Stimmen empor; der
Schuß, der Schrei hatten Passanten und Leute in der Nachbarschaft
alarmiert. Einige näherten sich, riefen durch die hohle Hand, kehrten
unschlüssig wieder um. Dietrichs jagende Gedanken hielten nichts fest
außer einem: wie er an jenem andern Abend, in jenem vergangenen
befleckten Leben unweit von hier um die Kapelle geirrt war. Er suchte
die Beziehung zwischen hier und dort, den Sinn der Doppelheit und der
Folge. Was dort geendet hatte; was hier begann. Und es war ein Beginn,
wie immer es wurde, er spürte es schicksalsgetroffen. Als sägte ein
Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben, so ein Gefühl hatte er.
Sich hinbetten neben die Weiße war seine inbrünstige Begierde diese
ewige brennende Spanne hindurch, die nur nach Minuten zählte. Der Leib
war gegenwärtig, also war sie selber gegenwärtig, und Leblosigkeit war
Grimasse. Er fand sich nicht damit ab; er würde sich niemals damit
abfinden, dessen war er gewiß; der Weg, der ihm heute aufgetan worden,
konnte nicht von einem Grab versperrt werden, dessen war er gewiß.
Inzwischen hatte sich Georg Mathys erhoben und schritt zu der
Regungslosen am Baum. Hastiges Fragen, die Antworten mit dunkler rauher
Stimme, besinnend und abwesend erst wie von einer, die schwer aufwacht,
dann erregt, anklägerisch, verworren. Dietrich vernahm ungefähr dies:
sie seien in Streit geraten; sie habe der Schwester im Zorn harte Worte
gesagt, habe die Herrschaft über sich verloren; sei von ihr weggegangen,
sei vorausgeeilt; auf einmal der Schuß. Daß sie den Revolver bei sich
gehabt, wer hätte daran denken sollen; daß sie es so aufgenommen, den
ersten Zank in ihrer beider Leben, unfaßbar; sie sei zurückgerannt;
Cäcilie, um Gottes willen, Cäcilie! Da sei es schon zu spät gewesen.
Sie hatte die Hände verflochten und hob sie zur Stirn. Was nun werden
solle; die Eltern, man möge ihr helfen; sie könne so den Eltern nicht
gegenübertreten; um acht Uhr kämen Vater und Mutter mit dem Dampfschiff
von Meersburg, sie hätten sie und die Schwester am Vormittag hergebracht
und mit der Vorsteherin gesprochen, Frau Doktor Gnad von der
Gartenbauschule, dann seien sie nach Meersburg gefahren, um Freunde zu
besuchen; Cäcilie sollte bei Frau Doktor Gnad eintreten, sie habe sich
darauf gefreut, alles sei vereinbart worden, ihr Gepäck sei schon dort,
die heutige Nacht habe sie noch mit ihr und den Eltern im Hotel
verbringen wollen. Wer es den Eltern sagen würde; der Mutter; die
überlebe es nicht.
Georg Mathys beteuerte, er und seine Freunde stünden ihr zur Verfügung,
sie möge bestimmen, was zu geschehen habe. Es sei halb acht jetzt, bis
zur Ankunft des Schiffes bleibe noch eine halbe Stunde. Er mache sich
erbötig, die Eltern vorzubereiten, er sei selbst der Meinung, daß sie
sich zunächst fernhalte. Eine Frage noch möge sie verzeihen: sie und die
Schwester seien in Begleitung eines Herrn gewesen; ob es ein Verwandter
oder sonst nahestehender Mensch gewesen sei? ob man ihn benachrichtigen
solle?
Das junge Mädchen stutzte. Widerwillig und fremd wies sie es ab. Die
verflochtenen Hände ans Kinn gedrückt, die Blicke am Boden, sagte sie,
es sei kein Nahestehender gewesen; sie und Cäcilie hätten sich um halb
sieben Uhr von ihm verabschiedet; um sieben sei er nach Zürich gefahren.
Das Hin und Her der Rede war schnell gegangen. Lichterschein kroch den
Hang aufwärts. Justus kam mit dem Gärtner und dessen Gehilfen aus der
Oberlinschen Villa. Andere Leute folgten. Ein Gendarm tauchte auf,
gleich nach ihm Doktor Seifert aus Ermatingen, den Justus Richter
telephonisch gerufen hatte. Über die Hingestreckte gebeugt, indes der
Gendarm die Laterne hielt, sagte er laut, er sei hier leider
überflüssig. Hanna Landgraf warf sich schluchzend über die Leiche. Zwei
Polizeibeamte, ebenfalls mit Laternen versehen, drängten sich durch die
Zuschauer. Die jäh ausgestreute Helligkeit schuf den Wald zur Höhle um.
Georg Mathys rührte Hanna an der Schulter an. Sie möge sich fassen,
sagte er, die Herren wünschten einige Fragen an sie zu richten. Ihr
düsterer Blick ging im Kreis, sie erhob sich; mit wenigen Sätzen und in
ruhigem Ton erzählte sie noch einmal den Hergang. Auf die Frage, wie
groß schätzungsweise die Entfernung zwischen ihr und der Schwester
gewesen sei, als der Schuß gefallen, besann sie sich und erwiderte, es
seien fünfzig, vielleicht auch hundert Schritte gewesen. Plötzlich
wandte sie sich zu Georg Mathys und sagte, wenn sie seine Freundlichkeit
wirklich in Anspruch nehmen dürfe, möchte sie ihn bitten, daß er jetzt
zum Landungsplatz gehe. Vielleicht könne er es veranstalten, daß er
ihrem Vater die Mitteilung allein mache. Die Mutter müsse geschont,
müsse vorbereitet werden; er möge dies ihrem Vater noch besonders ans
Herz legen. Professor Landgraf sei ein mittelgroßer Mann mit goldener
Brille, glattrasiert, trüge grauen Mantel und grauen Hut.
Alles das klang, als seien ihre Gedanken weit weg und in irgendwelcher
Weise feindselig beschäftigt. Sie dankte ihm, er schob seinen Arm in den
des erschrocken auffahrenden Dietrich und sagte: »Komm, Oberlin.«
Dietrich ließ sich fortziehen; den Hund, der ihm folgte, wies er heim.
Auf dem Weg zum See murmelte er: »Ich würde auch lieber nach Hause
gehen, Georg. Was sich jetzt abspielen wird, ist so gräßlich und ... so
gewöhnlich.«
»Nicht auskneifen, Oberlin,« erwiderte Georg Mathys; »wie meinst du das:
gewöhnlich? Ja, ich verstehe, aber das Gewöhnliche ist ja ein Trost.
Schon ist Zeit verflossen, Menschen haben geredet, Tatsachen sind
festgestellt, und das Ungeheure wird ans Alltägliche angehängt. Das ist
gut; wie sollte man sonst damit fertig werden?«
»Mir scheint, damit kann man nicht fertig werden«, gab Dietrich zurück.
Während sie an der Landungsbrücke warteten und die roten Lichter des
Dampfers sich lautlos näherten, sagte Mathys: »Diese Hanna Landgraf gibt
mir zu denken. Hast du bemerkt, mit welcher Gezwungenheit und Kälte sie
dem Beamten antwortete? Der Mann hat sie ein paar Mal ganz verwundert
fixiert. Als sei sie bei einem unangenehmen Ereignis nur die zufällige
Zeugin gewesen. Schon vorher, als ich mit ihr redete, wars oft wie
bloßer Schall in der Stimme. Und dann doch wieder das Sichhinwerfen, die
Verzweiflung ...«
»Ich weiß nichts, ich habe nichts gehört,« sagte Dietrich; »was soll man
auch da noch nachdenken oder schauen; es hat ja keinen Zweck mehr. Die
oder andere; mein Gott, Menschen ...« Er schwieg. Plötzlich entrang sich
ihm ein Schluchzen, ein einziges nur, hart, trotzig, gewaltsam. Dann
warf er den Kopf zurück und sah aufs Wasser. Georg Mathys ergriff seine
Hand, drückte sie fest und sagte zärtlich: »Mut, Brüderchen, Mut.«
Nichts weiter, aber es war viel.
Das Schiff legte an, sie traten zum Laufsteg. Da nur wenige Passagiere
ausstiegen, hatten sie die bald entdeckt, die sie suchten. Georg Mathys
sprach den Professor höflich-bescheiden an, fragte um den Namen, stellte
sich selbst vor und bat ihm eine Eröffnung unter vier Augen machen zu
dürfen. Jener erblaßte, ging ein paar Schritte mit ihm, und als er die
ersten Worte vernommen, noch ein paar Schritte; die hagere, kränklich
aussehende Frau schaute ihnen betroffen nach. Es dauerte lange, das
Schiff rauschte schon wieder in den See hinaus, Dietrich, an die
Holzbrüstung gelehnt, wartete bedrückt; nun schallten die rückkehrenden
Schritte des Professors, er sagte etwas mit verpreßter Stimme zu der
Frau; sie schien aus seinen Mienen zu erraten, was er ihr noch
verhehlte, schrill kreischend tönte der Name Cäcilie in die Nacht.