Die Freunde, ihrem Versprechen treu, kamen um den zwanzigsten September,
Georg Mathys von Basel herüber, Justus Richter aus Tirol, wo er mit
seinen Eltern gewesen war, beide an demselben Tag.
Eine Woche zuvor war Dorine nach Leuckerbad gereist. Dietrich allein zu
lassen, war ihr von einer Stunde zur nächsten wichtig geworden;
plötzlich erkannte sie, daß Sammlung und Reifung für ihn auf dem Spiel
stand und leidenschaftlich Aufgenommenes eine Zeitspanne zu ruhiger
Läuterung brauchte. Das Beisammensein nach den gewaltsamen Geschehnissen
hatte diese Wirkung nicht gehabt; fast zu spät begriff sie die Gefahr,
die darin liegt, von der Umwandlung eines Herzens Augenschein zu fordern
im nüchtern-alltäglichen Ablauf.
Als sie einmal so weit war, ging sie nach ihrer Art folgerichtig ans
Ende. Der Plan war, überhaupt nicht zurückzukehren, Herbst und Winter
bei den Geschwistern in Süddeutschland zu verbringen und für Dietrich
alles so zu ordnen und im schriftlichen Verkehr fernerhin zu bestimmen,
daß ihre persönliche Anwesenheit entbehrlich wurde. Brauchte er sie,
rief er sie ausdrücklich, dann wollte sie kommen, sonst mochte er,
uneingestandener Neigung gehorchend, das Leben zunächst auf eigene
Verantwortung führen.
Einen solchen Entschluß zu fassen und demgemäß zu handeln, verlangte
ihre ganze Willenskraft und Selbststrenge, Bereitschaft zu einem
Verzicht überdies, den zu leisten einen Monat vorher sie nicht fähig
gewesen wäre. Dietrich wußte es nicht, sollte es auch erst erfahren,
wenn er in freier Verfügung die Anstalten getroffen, die er für
förderlich hielt. Beim Abschied hatte sie ihm die heitere Gelassenheit
gezeigt, die ihn so oft entzückte, ohne daß er ahnte, wie sehr sie
erzogen und errungen war.
Die Tage dann, in denen er sich völlig gehörte, kein Zwang zu
vorgesetztem Wort und gefesselter Miene verpflichtete, hatten eine Fülle
und Überfülle, die er freudig verausgabte bis zum Abend und die am
Morgen wunderbar erneuert war, als seien Schlaf und Traum
unerschöpfliche Behältnisse dafür. Man durfte verschwenden und wurde
nicht vermahnt; eben das maßlose Sichentäußern war ja der Besitz. Regel
war ausgelöscht, Gebieten verstummt; er liebte sich mit jedem Atemzug
ins Innerste der Dinge hinein und ins Kleinste, in den Grashalm und ins
Sandkorn, in die verspritzende Welle, in den Schlag der Uhr. Das Bild
von ihm selber war auch nur ein Ding, beinahe wie gemalt oder gewebt,
erstaunlich, weil es war, in einem Augenblick ein Inwendig-Inniges, ein
Ich; wie seltsam, zu sagen: ich; im nächsten ein Zeichen von gestern
oder für morgen. Bisweilen, wenn er in anscheinender Zerstreutheit
Gleichgültiges tat oder sprach, hatte er die versponnene Empfindung:
Gruß von dir; als stehe einer drüben in der Ecke, draußen am Zaun und
nicke ihm zu. Oberlin läßt dich grüßen! Doch Oberlin war ja hier, tuend,
sagend, fragend, in einer bebenden unzerstückten Erwartung.
Als die Freunde eingetroffen waren und er für ihre behagliche
Unterbringung gesorgt hatte, entstanden häufig Momente der Verlegenheit.
War er durch Erschütterungen mehr als durch mitteilbares Erlebnis von
ihnen abgerückt, so waren sie es nicht minder von ihm durch sein
scheues Entschlüpfen, das schweigende Bedeuten, daß früheres nicht mehr
galt, seine veränderte sichrere Haltung, und nicht zuletzt dadurch, daß
sie Gäste waren, die sich trotz gewährter Freiheit in die neue Ordnung
und Umgebung erst einzuleben hatten. Der Gastgeber hat anfangs immer
etwas vom Tyrannen, und die Beziehung zwischen Jünglingen ist die
empfindsamste und wachsamste, die es gibt.
So war es ein vorsichtiges Einandersuchen und -behorchen, das die ersten
Tage ungemütlich machte. Justus Richter, der sich nicht verstellen
konnte, fand es langweilig; Georg Mathys bedauerte Dietrichs
Zugeknöpftheit und Kühle; es lag ihm daran, diese von allen Beteiligten
herbeigewünschte Zeit angenehm zu gestalten, und von seinem Instinkt
richtig geleitet, vermied er ein ausschließlich auf Rede und
Meinungstausch gerichtetes Zusammensein; er bevorzugte Spiele im Freien,
Wasserpartien und gemeinsame Wanderungen. Wie sein Meister Lucian
verstand er sich auf Ablenkung und die geistigen Umwege, und wenn er ein
Ziel vor Augen hatte, erreichte er es auch mit List und Geduld. Daß Kurt
Fink in der Gegend gewesen war, wußte er, von den Ereignissen im
einzelnen war ihm nichts bekannt, obwohl er entscheidende Vorgänge
witterte. Und bald gelang es ihm, Dietrich in zögerndes Erzählen und
Bekennen zu verlocken; er mußte nur achthaben, daß Richters zufahrende
Derbheit nicht verdarb, was an neuem Vertrauen keimte.
Die Aufrichtigkeit in allem gefiel ihm. Verstrickung und Lösung,
wennschon nur angedeutet, gewann etwas Ursprüngliches. Das
Unrein-Umschleierte war abgetan; Georg Mathys glaubte es. Er war hierin
nicht gefährdet; mit klarem Blick sein eigener Wächter, wurde er der
Trübnisse handelnd Herr, und keinem Verdämmern der Sinne und süßem
Bildertrug sich hinzugeben war entschlossener Vorsatz bei ihm. Er wollte
dienen, erforschter Not wirkend begegnen, nicht unterliegen, auch im
Menschlichsten, Natürlichsten nicht; er hatte seine leuchtenden Muster,
denen er nachzufolgen gesonnen war; »nicht lyrisch, sondern episch soll
unsere Existenz sein«, war sein etwas weitgreifendes Wort. Justus
Richter bekämpfte dies, wo er konnte, aber nicht immer mit schlagenden
Argumenten. Während der in Heidelberg verbrachten Wochen hatte er in
einem Kreis von Okkultisten und Theosophen verkehrt, und die dadurch in
ihm aufgewühlten Fragen und Gedanken beschäftigten ihn dauernd. »Er hat
den guten Geist verraten,« sagte Georg Mathys manchmal nachsichtig,
»beim ersten Hahnenschrei schon.«
Aber beide, der Gehaltene und der Ungestüme, verfielen im Umgang mit
Oberlin einem Zauber; was ihnen das schwächere Element zu sein dünkte,
erwies sich als das stärkere. Es war eine Gespanntheit in ihm, die
mitspannte; er glich dem Bogen einer Armbrust vor dem Abschnellen des
Bolzens; Nerv und Blick vibrierten spürbar, das ganze Wesen war
eigentümlich lückenlos. Dazu die Weichheit; ein fast mädchenhaftes
Schmachten zuweilen, das nicht zum Spott reizte, nichts Verschwommenes
hatte, weil es so quellend war, Überschuß von reicherem. Da empfanden
auch die Freunde ihre Jugend: das noch Unerfüllte; die Verheißung; die
Flamme; die Sehnsucht; die glückliche Last.
An einem Nachmittag, der mit blauem Himmel begann und sich dann umzog,
gingen sie zu dritt auf den Höhen, lagerten am Waldrand, stiegen
schließlich zum See herab. Ein lebhaftes Gespräch über Lucian von der
Leyen hatte sich entsponnen, nach welchem Dietrich sich heute zum
erstenmal offen erkundigt, als hätte ihn bis jetzt eifersüchtiges
Widerstreben verhindert, auch nur den Namen auszusprechen. Georg Mathys
erzählte, daß er noch immer nicht nach Hochlinden zurückgekehrt, daß der
Prozeß gegen ihn anhängig gemacht sei, daß er in menschenmeidender
Einsamkeit von Ort zu Ort reise und Briefe voll bitterer Anklagen
schreibe. Er, Mathys, besitze eine Anzahl solcher Episteln und habe jede
ausführlich beantwortet. Oft sei er sich vorgekommen wie ein Präzeptor,
der seinem außer Rand und Band geratenen Zögling Vernunft und Mäßigung
predigen müsse; der Rollentausch habe ihm keineswegs behagt; er fürchte,
daß Lucian, einer Tätigkeit entrissen, die ihn gezwungen habe, das
Praktische und das Ideenhafte beständig und täglich gegeneinander
abzuwägen und mit seiner trotzigsten Forderung sich vor dem souveränen
Leben zu beugen, dem kleinen einfachen Leben nämlich, nun innerlich
zerfalle und erstarre.
Justus Richter bemerkte, was ihn betreffe, habe er seine Zweifel und
Bedenken längst. Man könne eben mit dem Gedanken allein die Welt nicht
regieren; es gehe nicht an, hundert oder tausend Menschenkinder von
hundert- oder tausendfältiger Beschaffenheit auf ein und dieselbe Weide
zu treiben wie eine Herde Ziegen. Das Neue entstehe nicht, weil man es
ins Programm gesetzt, da stecke ein verhängnisvoller Kommandogeist drin,
der Blüten und Wunder zerschlage zur alleinigen Ehre des Prinzips. In
all dem höre er immer die unsichtbare Peitsche sausen, und wenn es
einerseits hieße: du brauchst nicht zu sollen, so bedeute es
andererseits ein desto herrischeres: sei, was ich dir befehle.
Georg Mathys schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte: »Wer die Welt
vorwärtsbringen will, muß sich gegen sie stemmen. Und das hat er getan.«
»Ja, das hat er getan,« pflichtete Dietrich bei; »du, Justus, vergißt,
was er war und was er ist. Erinnere dich, wie er vor einem stand, wie er
mit einem ging, wie er einen bei der Hand packte, wie er einem die Natur
und die Menschheit aufschloß. War das nicht Blüte und Wunder genug? für
mich wars genug. Ich habe sehen und fühlen gelernt.«
»Mir hats nicht so gedient wie dir,« antwortete Justus, »ich hab immer
ein wenig an der Bergkrankheit gelitten in seiner Nähe, das gesteh ich
frei, und daß ers jetzt selber mit der Atemnot zu tun kriegt, könnt ihr
nicht leugnen. Wir lieben ihn alle, das ist wahr; sind ihm Dank
schuldig, ist wahr. Und doch, prüft euch ehrlich, in uns allen ist was
wie unaufgezehrter heimlicher Haß gegen ihn, und einmal wirds noch an
den Tag kommen. Denkt an mich.«
»Und wie soll er an dich denken?« rief Dietrich empört, »er, der vor
nichts solche Angst hat wie vor Untreue? Nimmst du das auf dich?«
»Ich nehms auf mich,« versetzte Justus Richter, »und ich weiß, was ich
damit sage.«
Am Ufer entlanggehend hatten sie lebhaft und laut gesprochen. Nun
schwiegen sie plötzlich und richteten die Blicke auf eine ihnen
entgegenkommende Gruppe. Zwei junge Mädchen und ein junger Mann waren
es. Dieser, von geschmeidiger Figur und sympathischer Gesichtsbildung,
ging mit dem einen Mädchen voraus, das andere folgte im Abstand von zehn
oder zwölf Schritten. Beide Mädchen waren in Haltung, Gebärde und Typus
einander ähnlich, auch waren sie gleich gekleidet, in Weiß, mit weißem
Ledergürtel, weißen Strümpfen und Schuhen, breitrandigem Strohhut, von
dem ein violettes Band auf die Schulter hing.
Die eine aber, die still an der Seite des jungen Mannes ging, war von
so strahlender, so außergewöhnlicher Schönheit, daß Mathys, Richter und
Oberlin, während sie auf dem schmalen Weg auswichen, wie angewurzelt
stehen blieben und ihr lächerlich bestürzt, mit unverwandten Augen ins
Gesicht starrten.
Es war ihr lästig, und das Lästige war ein Gewohntes; in den fruchthaft
ebenmäßigen Zügen zuckte es schmerzlich, dann ein wenig spöttisch, denn
das Bild des regungslos gaffenden Trios war von hinlänglicher Komik. Ein
einziger, unmeßbar flüchtiger Blick streifte Oberlin, der in der Mitte
stand; vergegenwärtigte er sich späterhin diesen Blick, so wollte es ihn
dünken, eine Frage sei darin enthalten gewesen, blitzschnelle Frage im
nicht zu hemmenden Vorübergehen, Mitteilung zugleich wie von einem die
Atmosphäre durcheilenden, aufflammenden, fallenden, schwindenden Stern.
In den fünf Sekunden war er entblutet. Bäume, Wasser, Himmel drehten
sich in wütenden Kreisen. Oben war unten; der sandige Pfad gelber
Streifen am Firmament, die Wolken zerfetzter Teppich zu seinen Füßen. In
den fünf Sekunden lebte er ein brausend ungeheures Leben durch, Empor
und Hinab, Flug und Verkrampfung, Möglichkeit und letzte Schranke,
Wunsch und Finsternis des Herzens.
Dann aber sah er die großen ruhenden Augen; das zartgerötete Weiß einer
Haut, der eine organische Fluoreszenz eigen schien; die Stirn, gebogen
wie eine antike Schale, gleichsam aus edlerem Stoff noch als das übrige
Gesicht; in Linie und Wölbung verborgen sinnvoll; damit übereinstimmend
der Mund: gefäßhaft, Zusammenfassendes der Seele, in die die seine
hinüberströmte, als wären ihre Wände geborsten; das kastanienbraune
Haar, kurz geschnitten, doch in üppiger Dichte zum Halsansatz fließend
und wie auf Gemälden Luinis oder Parmeggianinos dunkler Hintergrund für
das farbig Wechselnde von Wangen, Brauen, Lippen, Augen. Wie sich ihm
alles eingrub, einpflügte, einglühte; wie er es umfing und in sich
trank, als hätte es ihm zeitlebens gefehlt und nun wisse er es: die
Gestalt, den Rhythmus, das Weiß und Dunkle, die Luft drum herum, das ein
für allemal Geprägte des Menschenwesens.
Rauhe Berührung weckte ihn: Georg Mathys hatte ihn an der Schulter
gepackt und raunte ihm zu: »Was tust du, Oberlin! führst dich auf wie
ein Narr. Vorwärts.« Mit irrem Ausdruck war er bemüht, den Boden unter
sich wieder zu finden. Er stotterte unartikuliert; ihm war, als müsse er
ihr nacheilen; er wagte es nicht; jeder Schritt, mit dem er sich
entfernte, schien Verbrechen; er preßte die Fingerspitzen an die
Schläfen; was er am Leibe trug, war ihm steinern schwer. Schwarz und
Rosenrot floß in seinem Innern durcheinander.
Inzwischen war auch das andere junge Mädchen vorbeigegangen, stolz,
grüblerisch, den Blick erst abgekehrt, dann ihn verwundert, ja bis zum
Erblassen verwundert auf Dietrich heftend, als errate sie seinen Zustand
und die Ursache davon. Justus Richter, knapp hinter ihr, riß den Hut vom
Kopf; sie wandte lässig das Gesicht und dankte im Schreiten ein wenig
überrascht. »Kennst du sie denn?« fragte Mathys neugierig, als sie außer
Hörweite waren. »Freilich kenn ich sie,« war die aufgeregte Antwort;
»allerdings nur vom Sehen, aber da wird ein Gruß in der Fremde schon
erlaubt sein. Die Landgrafschen Schwestern sinds, Zwillingsschwestern,
Töchter von Professor Landgraf in Heidelberg, dem Psychiater. Die
alleine ging, heißt Hanna; die andere, Cäcilie, war schon als Kind so
schön, daß die Leute auf der Gasse stehen blieben, #bouche béante,#
genau so einfältig wie wir vorhin, und daß die Großherzogin in Karlsruhe
sie ins Schloß bitten ließ, nur um sie anschauen und bewundern zu
können. Und jetzt ists so mit ihr, ich hör es oft, daß sie Männer und
Frauen um den Verstand bringt, wenn sie sich nur zeigt. Es soll ihr aber
keine Freude machen, im Gegenteil; es heißt, daß sie ganz einsiedlerisch
geworden ist.«
Sie verstummten dann. Das Oberlinsche Haus leuchtete hell durch die
Büsche, und sie gingen schweigend durch den Garten.