25. Juni.

Die Tage verstreichen, während ich umhergehe und denke, daß ich anfangen

sollte, zu arbeiten. Aber die Schmetterlinge der Dichtung flattern nur

unruhig über etwas umher, das öde und verbrannt ist. Zuweilen will es

mich bedünken, als könnte ich ihrem Fluge folgen. Aber dann erinnert

mich die Wirklichkeit wieder an das, was ist, und alles verdunkelt sich.

Könnte ich nur stets so sein, daß meine Frau nichts merkte. Könnte ich

gleichmäßig und froh sein oder es wenigstens scheinen. Aber ich kann es

nicht, und ich weiß, daß sie nicht nur über sich selbst trauert, sondern

auch über den Schmerz, den sie mir verursacht. Es muß furchtbar sein, so

herumzugehen wie sie und nichts zu können, nichts zu vermögen, und bei

dem Geringsten zusammenzubrechen, das ihr Unruhe oder Schmerz

verursacht. Einhergehen und über den Tod grübeln, von dem sie glaubt,

daß er kommen wird, der aber nicht kommt. Dreifach entsetzensvoll muß es

sein, zu alledem dem Menschen, den man am meisten liebt, unsägliches

Leid zuzufügen und nichts thun zu können, um es zu lindern.

Sie kann zuweilen dasitzen und mich ansehen, wenn sie glaubt, daß ich es

nicht merke, und dann kommt in ihr Antlitz ein solcher Ausdruck der

Verzweiflung, daß er mir in die Seele schneidet.

Gestern kam sie und setzte sich neben mich und legte ihre Hand auf die

meine.

»Wenn Du nur mich nicht hättest,« sagte sie, »um wie viel glücklicher

würdest Du da sein!«

Ich weiß, daß sie an die Wahrheit ihrer eigenen Worte glaubte, und meine

Antwort konnte wohl für einen Augenblick ihren Glauben erschüttern und

ein Aufleuchten der Hoffnung in ihre Augen locken, aber sie konnte ihr

nicht die sichere Ueberzeugung wiedergeben, daß sie unentbehrlich sei

und daher leben müsse.

6.

Wenn ich diese Blätter lese und sehe, wie ich zwischen Hoffnung und

Furcht geschwankt habe, begreife ich nicht, daß das, was diese Zeilen

erzählen, wirklich wahr sein kann. Und doch muß es so sein. Denn

_scripta manent_. Und wie unvollständig und fragmentarisch diese

Aufzeichnungen auch sein mögen, erzählen sie mir doch mit voller

Gewißheit, daß ich damals mehr hoffte, als ich jetzt fassen kann, wo

alles seine Erklärung und sein Ende gefunden hat.

So viel begreife ich, daß in diesem Winter, zu dessen Erinnerungen ich

nicht mehr zurückkehren will und kann, mein Glück darin bestand, daß ich

schließlich etwas fand, was, wie ich glaubte, dazu beitragen konnte,

meine Frau zu retten. Welches Glück war dies nicht! Nicht mehr ein

unthätiger Zuschauer sein zu müssen, eingreifen, wirken, arbeiten zu

können, mit einem bestimmten Ziel vor Augen, einem Ziel, das man

wenigstens glaubt erreichen zu können. In der Jugend würde eine solche

Glücksquelle vielleicht arm und gering erscheinen. Aber wenn die Jahre

das Haar ein wenig grau gesprenkelt haben, begnügt man sich mit

Geringerem als früher. Man kann dann leben und leiden, wenn man glaubt,

daß es in dem Bereiche der Möglichkeit liegt, Besserung zu schaffen, und

man kann in dem bloßen Bewußtsein einer solchen Möglichkeit etwas

finden, was beinahe dem Glück gleicht.

Für mich kam diese Hilfe in demselben Moment, in dem die Ahnung, die ich

schon lange gehabt, daß das Stadtleben für den Zustand meiner Frau

verderblich sei, sich immer mehr zu wirklicher Ueberzeugung steigerte

und sich schließlich in den Entschluß umsetzte, sie daraus loszureißen

und zum Lande zurückzukehren, das wir nie hätten verlassen sollen. Der

Arzt bestärkte mich auch in diesem meinem Entschluß, und als ich das

erste Mal diesen Plan meiner Frau als eine bloße Möglichkeit vorlegte,

leuchtete ihr ganzes Gesicht auf, als hätte ich ihr die Freuden des

Paradieses versprochen, und sie sagte nur:

»Kannst Du das für mich thun? Willst Du das?«

Diese Worte regten mich zu Handlung und Leben an, und in allem Zweifel,

aller Unruhe und allem, was ich früher geschildert und erzählt habe,

allem, was mich zu Boden drückte, glänzten mir diese Worte wie Sterne

durch die Dunkelheit entgegen und feuerten mich zu der letzten großen

Anstrengung an, die, wie ich hoffte, uns allen die Freude in unserem

Heim wiederschenken sollte. Je mehr ich daran dachte, desto

wahrscheinlicher kam es mir vor, daß ich hier das »Sesam öffne dich«

gefunden hatte, das meiner Frau den Weg bahnen sollte, wieder dem Leben

anzugehören. Wie ein Mann, der glaubt, einen Talisman gefunden zu haben,

der ihm die Macht giebt, Wunder zu wirken, setzte ich meine ganze

Zuversicht auf diesen Plan, und als wir endlich in die kleine Villa

gezogen waren, die hoch oben mit der Aussicht über Fjords und Wälder lag

und wo die Blätter der Espen vor dem Fenster zitterten, an dem meine

Frau sitzen und mich sehen würde, so oft ich von meiner Arbeit heim

käme, da fühlte ich mit Gewißheit, daß nun die Lösung gefunden sei. So

wunderlich mir dies auch jetzt erscheinen mag, ich war ganz von der

Gewißheit durchdrungen. Ich glaubte, und ich war unaussprechlich

glücklich in meinem Glauben.

Nie habe ich mich auch hoffnungsfreudiger gefühlt, wie als diesen Winter

der Schnee zu fallen begann und wir dieses eigentümlich heimliche Gefühl

empfanden, von allen und allem abgeschlossen zu sein, das dem nordischen

Himmelsstrich eigen ist. Vom Dachboden bis hinab zum Keller stand unser

neues Heim fertig, und wie früher, das Ganze ordnend und die Zimmer mit

all den kleinen Erfindungen und Gegenständen schmückend, die

hervorzuzaubern das Geheimnis des Weibes ist, ging meine Frau wieder

zwischen uns umher. Die lauten Stimmen der Knaben hallten in den Zimmern

wieder, ohne daß Jemand sie zu dämpfen brauchte. Die Kanarienvögel

sangen und trillerten, ohne daß Jemand das nächtliche grüne Tuch über

ihr Bauer hing. Der Pudel bellte zu dem Spielen und Balgen der Knaben.

Und das Klavier war nicht mehr verschlossen.

Das kam eines Abends, als ich es am wenigsten ahnte. Ohne mit einem

Worte ihre Absicht zu verraten, kam Elsa hinab in das Wohnzimmer und

setzte sich an das Klavier. Sie sah mich an, als sie an mir vorbeiging,

und ich begriff, wie glücklich sie war, daß sie ihrem eigenen Wunsche

folgen konnte. Seit Sven gestorben war und sie nicht mehr seine klare

Stimme zu den Tönen des Klaviers hören konnte, hatte meine Frau nie die

Lieder singen wollen, denen so oft nur er allein gelauscht hatte. Kaum

meinen eigenen Sinnen glaubend, sah ich sie am Klavier sitzen, hörte sie

einen Ton anschlagen, und gleich darauf klangen die Töne durch das

Gemach.

Mein weißer Schwan,

Du stummer, stiller,

Nicht Schlag, nicht Triller

Zeigt Stimme an.

Und der Schluß:

Mit schmerzlicher Ode

Schloßt Du die Bahn,

Du sangst im Tode:

Du warst doch ein Schwan.

Weder früher noch später habe ich dieses Lied so gehört. Während sie

sang, kamen die Knaben sachte herein, nach einander kamen sie und

blieben stumm in der Thüre stehen. Sie sahen mich verwundert an, als

glaubten auch sie ihren Sinnen nicht, und ich nickte zur Antwort,

während meine Augen feucht wurden. Als die letzten Töne verklungen

waren, war es still im Zimmer, aber still wie zu einer Feierstunde.

Meine Frau stand auf und schloß den Flügel.

»Ich kann heute nicht mehr,« sagte sie wie zur Entschuldigung.

Aber dann sah sie uns alle an und begriff, welche Freude sie

hervorgerufen. Ihr Gesicht leuchtete auf, sie ging an mir vorbei und auf

die Knaben zu, zog sie an sich und drückte beider Köpfe an ihre

Schultern.

»Dankt dem kleinen Brüderchen,« sagte sie. »Er hat mir geholfen.«

Sie sagte das nicht krankhaft wie früher, nicht in dem beinahe

feindlichen Ton, den sie angeschlagen, wenn sie glaubte, daß wir

Lebenden sie hinderten, dem Toten anzugehören. Sie sagte es weich und

stille und beinahe glücklich, mit einem Ausdruck, als nähme sie Abschied

von etwas Vergangenem, das niemals wiederkommen sollte.

7.

Hinter dem Schlafzimmer lag ein kleiner Raum, der ursprünglich als

Toilettezimmer gedacht war, den man aber aus irgend einem Grunde nicht

eingerichtet hatte. Er war sehr unregelmäßig, die Fenster saßen hoch

oben, und das Licht war trüber als in den andren Zimmern.

Da wohnte der kleine Sven. Da war sein Gemach, und dieses Gemach war

verschlossen.

Niemand durfte meiner Frau helfen, dieses Zimmer zu ordnen oder dort

aufzuräumen. Sie allein mußte alles thun. Da hängte sie helle Gardinen

vor das kleine Fenster, und in die Fensternische hinter die Gardine

stellte sie einen Tisch. Für diesen Tisch nähte sie ein Tuch, das aus

demselben Stoff war wie die Vorhänge, und auf dem Tisch standen Svens

Spielsachen. Da war ein Pferd, das einen Wagen zog, ein paar

Zinnsoldaten und ein Zelt. Da war Svens weiße Kaffeetasse mit dem

Goldrand, seine Sparbüchse, ein kleiner Säbel und ein Czako. Da war

alles, was er zurückgelassen, seine ganze kleine Hinterlassenschaft.

Unter dem Tisch standen zwei Holzpferde, von denen das eine seine Mähne

ganz verloren hatte, und vor dem Tisch stand ein kleines, niedriges

Holzstühlchen, das Sven bekommen hatte und das er sich durch die Zimmer

zu tragen pflegte, wenn er so recht vergnügt war und Mama dazu bekommen

wollte, ihm Märchen zu erzählen.

Aber mitten unter den Spielsachen standen kleine und große Portraits in

Rahmen, und an den Wänden so nahe als möglich vom Lichte hingen andere.

Da waren Bilder von Papa und Mama, von den Brüdern und von der ganzen

Familie. Da war das Portrait von Sven in seinem langen Kittelchen und

von Sven in dem kleinen Pelz, wie er auf einer Bank stand und gegen die

Sonne blinzelte, die über den Schnee leuchtete. Aber alle Bilder waren

aus der Zeit der Jugend und des Glücks, als noch nichts geschehen war,

das an den Banden reißen konnte, die uns noch alle vereinten. Und

allein, ganz für sich, hing auf einem Vorsprung der Mauer die Abbildung

von Spangenbergs Bild vom Tode, über das der kleine Sven gegrübelt und

dessen Geschichte seine Mama ihm lange vor dem Tag erzählt hatte, an dem

er selbst mehr davon erfuhr, als die Großen je erzählen können.

Und dann stand noch etwas da. Das war eine kleine, dunkelgebeizte

Kommode, die Sven einmal bekommen hatte. Die hatte ihre kleine

Geschichte, denn in früheren Zeiten hatte sie Papa gehört. Da war sie

gelb und hell gewesen, aber seither hatte sie viel Schicksale

durchgemacht, und als sie in Svens Besitz überging, bekam sie ihre neue

Farbe. Aber in ihren drei Laden lagen all die Dinge, die Erinnerungen an

den Kleinen bargen und nicht herumliegen durften. Da wurde sein letztes

Hemdchen verwahrt und das letzte Paar Strümpfe, das er getragen hatte.

Da lagen seine kleinen Notenhefte »Sing uns was, Mama,« die nie mehr

unten auf das Notenpult im Wohnzimmer kommen sollten. Da wurde sein

letztes, schönes, weißes Sommerkostüm aufgehoben, mit der schönen,

blauen Schärpe und der Rosette in der gleichen Farbe auf der weißen

Mütze. Da lagen seine kleinen, braunen Schuhe, und die Bücher des

kleinen Sven. Da war auch Papas eigenes Buch von den großen Brüdern,

Mamas eigenes Exemplar, das Sven sich erbettelt hatte, als er Papa bat,

ein Buch nur über Nenne zu schreiben.

Das war Svens Zimmer, und hier war Elsas Heiligtum. Jeden Abend ging sie

dort hinein, und jeden Morgen saß sie da, bevor sie mit Anderen sprach.

Nie war sie glücklicher, als wenn Papa auch hineinging und drinnen

blieb.

Dort wohnte auch Sven, und was da gesprochen wurde, weiß Niemand. Auch

wenn Elsa etwas davon erzählte, war das, was sie sagte, nichts gegen die

Worte, die dort drinnen zwischen ihr und der Welt des Unbekannten

gewechselt wurden.

»Du glaubst ja nicht daran,« sagte sie eines Tages zu mir. »Aber ich

fühle es.«

»Woher weißt Du, daß ich nicht glaube?« antwortete ich.

Sie blickte mich mit großen, verwunderten Augen an.

»Du kannst nicht glauben wie ich,« sagte sie. »Denn du zweifelst

gleichzeitig, ob es möglich ist. Aber ich weiß es, und ich zweifle nicht

mehr.«

Eine Erinnerung tauchte in mir auf, die Erinnerung an die Stunde, in der

sie mir vorwarf, daß ich ihr ihren Glauben an die Wirklichkeit des

Uebersinnlichen genommen. Ich begriff, daß sie ihren gegenwärtigen

Glauben brauchte, daß sie ihn immer gebraucht hatte, daß er mit ihrem

innersten Wesen so tief und ganz zusammenhing, daß ihr vielleicht viel

Leiden erspart geblieben wäre, wenn man diesen Glauben niemals

erschüttert hätte. In gleicher Weise wußte ich bei mir selbst, daß ich

den Glauben an eine Fortdauer nach dem Tode nie ganz von mir geworfen

hatte. Ich hatte kritisiert, untersucht, ja gestrebt, diesen Gedanken in

meinen eigenen Augen unmöglich zu machen. Aber ich hatte das vielleicht

hauptsächlich in der Hoffnung gethan, daß mich gerade dieses Suchen

schließlich zu der Ueberzeugung vom Gegenteil führen würde. Diese

Ueberzeugung war nie gekommen, aber mit den Jahren hatte das, was ich

von dem Künftigen dachte, eine Veränderung durchgemacht. Der

Unsterblichkeitsgedanke war und blieb für mich allerdings nur eine

Möglichkeit, aber mehr und mehr hatte er die Form von etwas Mattem und

Mildem angenommen, dem ich mich näherte, ohne recht zu wissen, wie.

Schritt für Schritt hatte ich die Möglichkeit einer solchen Ueberzeugung

in mir wachsen gefühlt, und was ich im letzten Jahre durchlebt, hatte

mein Gefühl von dieser Möglichkeit genährt, die mein Verstand noch immer

weder annehmen noch verwerfen konnte.

Gleichzeitig schien es mir, als stünde ich allein in all diesem, und als

wollte oder könnte meine Frau nicht sehen, was hierbei in mir vorging.

Aber, als sie mir diese Worte sagte: »Du zweifelst gleichzeitig, ob es

auch möglich sei,« da wurde es mir klar, daß sie mich mißverstehen

mußte, weil ich selbst nichts gesagt hatte. Wie hatte ich über all das

schweigen können? Wie konnte ich vergessen, daß, was ich hier wirklich

zu sagen hatte, sie sicherlich mit dem höchsten Glück erfüllen mußte? In

einem Nu wollte ich gutmachen, was ich verbrochen zu haben glaubte, und

ich erinnerte sie darum an den Tag, an dem sie gesagt hatte, daß sie

glauben wollte wie ich, denken wie ich, leben wie ich.

»Ich will, daß Du es einmal erfährst,« sagte ich. »Es sind nun seither

Jahre vergangen. Aber nie habe ich etwas derartiges von Dir verlangt.

Nie habe ich gewollt, daß Du etwas in Dir um meinetwillen verändern

solltest. Deine Liebe hat Dir diesen Gedanken eingegeben, nicht ich.«

Sie sah vor sich hin, als schweiften ihre Gedanken grübelnd in ferne

Vergangenheit.

»Ich glaubte, Du wolltest, daß ich werden sollte wie Du,« sagte sie.

»Nie,« antwortete ich, »nie habe ich etwas derartiges gewünscht. Ich

wollte mit Dir über das, was ich dachte und fühlte, sprechen können.

Aber ich wünschte, daß Du es mir gegenüber ebenso machtest. Ich habe es

vermißt, daß Du es nicht gethan hast.«

Ich sah, daß in all dem etwas enthalten war, das sie quälte, mehr als

Worte es schildern können. Aber ich ahnte nicht, was es war.

»Ich habe immer gedacht, Du wollest mich Dir ähnlich haben,« sagte sie.

»Das habe ich gedacht und auch Anderen gesagt. Als ich glaubte, daß ich

nicht mit Dir sprechen könne, habe ich zu Fremden gesprochen.«

Das Letzte fügte sie mit einem Tonfall hinzu, als hätte sie etwas

unüberwindlich Abstoßendes ausgesprochen, dessen sie sich schämte.

»Wie habe ich Dich so mißverstehen können?« sagte sie.

Und indem sie ihren Arm um meine Schulter schlang, sah sie mir in die

Augen und fragte:

»Du bist nicht böse, wenn Du mich zu Sven hineingehen siehst?«

»Böse?«

Ich mußte sie mit einer Miene des Erstaunens betrachtet haben, die nicht

mißzuverstehen war. Denn sie fragte nicht mehr. Ohne ein Wort zu sagen,

wendete sie sich ab und ging in Svens kleines Zimmer. Sie verweilte

lange darin, und als sie wiederkam, sah ich, daß sie geweint hatte, aber

nicht aus Kummer.

Aber während ich allein saß und auf sie wartete, mußte ich daran denken,

daß sie nie früher in meiner Gegenwart die Thüre des kleinen Gemaches

geöffnet hatte und hereingegangen war, um ihre Andacht zu verrichten.

Und zugleich wußte ich, daß, seit Sven gestorben war, ich ihr nie so

nahe gekommen war wie jetzt.

8.

Warum konnte nicht alles so weitergehen, wie es begonnen hatte? Warum

kam das, was ich nicht gefürchtet, und wuchs zu einer gefährlicheren

Macht für mich und die Meinen heran, als irgend etwas von dem, was ich

früher gefürchtet hatte? Man könnte ebenso wohl fragen, warum geschieht

nicht alles, was der Mensch wünscht? Oder warum liegt es nicht in seiner

Macht, die Entwickelung des Lebens so zu gestalten, wie er selbst will?

Es lag zwischen meiner Frau und mir in dieser Zeit, trotz aller

Zärtlichkeit und allen Verständnisses, dennoch ein gewisses Etwas, das

uns trennte. Dies lag nicht in theoretischen Meinungsverschiedenheiten.

Auch war es nicht der Art, daß es uns hinderte, uns stets zu begegnen,

uns stets zu suchen, uns stets Einer an des Anderen Gegenwart zu freuen.

Es war ganz einfach eine Verschiedenheit in unserer Art, alles zu

nehmen, was in dieser Zeit geschah und zwischen uns vorging. Für sie war

all das ein Abschied, bei dem sie sich immer mehr dem Ueberschreiten

jener Grenze näherte, von der niemand wiederkehrt. Mir schien es wie

eitel Verheißungen, daß unser Leben aufs neue beginnen und meine Frau zu

mir, zu uns allen, zum Leben selbst zurückkehren sollte.

Aus allem, was geschah und wovon mir damals vieles dunkel und

unerklärlich schien, habe ich verstanden, daß darin der eigentliche

Erklärungsgrund für ihr Schicksal und das meine lag, die ganze Erklärung

dessen, was war und was kommen würde, und ich hätte verzweifeln müssen,

wenn ich das alles damals so klar gesehen hätte, wie ich es jetzt sehe.

Ich meinerseits begehrte, daß meine Frau ihre Todesgedanken aufgeben und

um meinetwillen den Weg durchs Leben wieder aufnehmen sollte, auf dem

sie gleichsam gelähmt stehen geblieben war, als Sven starb. Sie wieder

wünschte, daß ich einsehen möchte, daß sie unwiderruflich den Schritt

ins Jenseits gethan, als ihr Engel, wie sie ihn immer nannte, dahinging.

Sie wünschte, daß ich das so tief verstünde, daß meine Aufgabe nur die

wäre, wie ein Freund an ihrer Seite zu schreiten und ihre Hand zu halten

im Mitgefühl der Finsternis, die kommen mußte und nach der sie selbst

trachtete. So tief liebten wir uns, daß Keines von uns den Traum

aufgeben konnte, den Gedanken des Anderen mit seinem eigenen

übereinstimmen zu sehen. Darum konnte Keiner den Anderen seinen eigenen

Weg gehen lassen und resigniert das Loos des Lebens entgegennehmen, das

Einsamkeit heißt. Darum konnte auch Keiner umhin, Bitterkeit zu

empfinden, als er merkte, daß seine Hoffnung fehlschlug. Darum fühlte

sie mein Bemühen sie dahin zu führen, wohin sie nicht wollte, so wie ich

ihren Widerstand fühlte, und darum war unser ganzes Leben im

eigentlichen Sinn des Wortes ein Kampf um die Liebe und ein Kampf auf

Leben und Tod.

So lange hatte ich im Schatten des Todes gelebt, daß ich es nicht einmal

für möglich hielt, daß irgend ein anderer Zustand mir beschieden sein

könnte. Ich war damit vertraut geworden wie der chronisch Kranke mit

seinen Schmerzen. Der Schatten kam nicht nur von dem kleinen Toten, der

dahingegangen war, sondern auch von ihr, die gehen wollte. Er kam nicht

nur von dem, was wir hinter uns gelassen. Er harrte unser auch in dem,

was kommen sollte, was vor uns lag. Die beiden Schatten begegneten sich

auf dem Punkte des Lebenswegs, auf dem wir jetzt angelangt waren. Die

beiden Schatten umschlangen mein ganzes Leben, und meine Schuld war, daß

ich es nicht vermochte, die Sonne vom Himmel zu reißen, um den einen

Schatten zu vertreiben.

Dies war meine Schuld und meine Illusion. Denn mit sehenden Augen sah

ich nicht. Mit hörenden Ohren hörte ich nicht. Ich sah bloß meinen

eigenen Wunsch, hörte bloß die Laute der starken Lebenssehnsucht meines

eigenen Traumes. Und doch wußte ich, daß nur in der Sage der Wille eines

Mannes die Toten ins Leben zurückzurufen vermag. Ja, selbst die Sage

läßt ihn gegen die Götter sündigen, dadurch, daß er das Uebermenschliche

versucht; sie läßt ihn sich nach dem Reiche der Schatten umsehen, nur

damit sie, um derentwillen er das Unmögliche versucht, auf ewig in die

Nacht des Orkus zurücksinke.

9.

Der Frühling kam spät in diesem Jahr; der Frühling, auf den ich wie auf

den Glücksbringer und Befreier gehofft, machte Miene, gar nicht kommen

zu wollen. Kalt und hart lag der Boden da, nackt bogen sich die Zweige

der Bäume vor unseren Fenstern in einem eisigen Wind. Schneemassen

thürmten sich noch Ende April, und wenn die Sonne einmal schien, blies

der Nordwind, die eisige Luft vom bottnischen Meere mit sich führend.

Zu dieser Zeit kam eine Erkältung hinzu und warf meine Frau wieder auf

das Krankenlager. Wochenlang hatte sie zu Bett gelegen, und in diesen

Wochen hatten wir das Schlimmste gefürchtet. Wieder war es still

geworden in den Räumen. Wieder hatten die Knaben und ich, ohne zu

sprechen, unsere Mahlzeiten an dem Tisch eingenommen, an dem ihr Platz

leer war. Wieder waren die Laute im ganzen Hause gedämpft worden, und

wieder war die Krankheit gekommen und hatte unsere Hoffnungen verstummen

gemacht.

Aber gegen alle Erwartung erholte sich meine Frau. Langsam schritt die

Genesung vor, und gering waren die Kräfte. Ueber alle Beschreibung

seltsam erschien dieses neue Erwachen zum Leben, das Niemand hatte

erwarten können. Aber es war doch Wirklichkeit, und wenn ich jetzt

allein in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß saß und das ganze Haus zur

Ruhe gegangen war, konnte ich wieder beginnen, Träume vom Sommer zu

träumen.

Und das Wunderbarste von allem! Ich träumte sie bald nicht allein. Als

hätte die Genesung von der letzten Krankheit mehr als bloß die Rückkehr

zu physischer Gesundheit bedeutet, so erlebten wir jetzt eine Zeit, die

die Versöhnung alles dessen, was gewesen, in sich zu schließen schien.

Meine Frau begann meine Träume zu theilen, sie begann sich darnach zu

sehnen, zusammen mit mir zu leben. Sie begegnete mir so, wie sie mir

nicht begegnet war seit dem Tage, an dem wir Sven zur Ruhe betteten. Sie

war noch schwach und krank und vermochte nicht viel zu sprechen. Aber

sie konnte doch hören, was ich ihr sagte. Sie wußte, daß der Frühling

kam, und sie freute sich über die Frühlingsblumen, die auf ihrem

Nachttischchen standen.

»Wie glücklich sind wir gewesen, Georg,« sagte sie. »Wie glücklich sind

wir gewesen.«

Sie preßte diese Worte mit dem Tone des schneidendsten Wehs hervor. Sie

schloß die Augen, indem sie sie aussprach, und Thränen rieselten unter

ihren Lidern hervor.

»Wir werden noch ein Mal ebenso glücklich werden,« sagte ich.

Ich glaubte, was ich sagte, und ich nahm ihre Antwort für ein

Versprechen.

»Ja, ja,« antwortete sie hastig. »Im Sommer.«

Sie hörte mir zu, als ich von den Freuden unserer Jugend erzählte und

von den Schären, die immer unser liebstes Heim gewesen.

»Wir werden zwischen den Inseln umherfahren und in der Nachtbrise

segeln,« sagte sie.

Und als ob quälende Erinnerungen sie störten, rief sie aus:

»Du mußt das vergessen und nie daran denken, was ich Dir in diesen

letzten Jahren gesagt habe. Ich bin so wunderlich gewesen und habe mich

selbst nicht verstanden. Oft, oft war es mir, als spräche ein Anderer

durch meinen Mund, ohne daß ich es verhindern konnte. Du hast alles

geben müssen, und ich habe nur empfangen. Aber das wird anders werden.

Wenn ich nur gesund werde.«

Ich beschwichtigte sie und bat sie, nicht zu viel zu sprechen, allzu

glücklich, um mehr sagen zu können.

»Ja, ja,« sagte sie. »Ich habe zu Dir geschwiegen und zu Anderen

gesprochen. Und wer sind die Anderen? Dumme Menschen, die nichts

verstehen.«

Sie schloß die Augen und schlummerte ein. Stumm blieb ich an ihrem Bette

sitzen und betrachtete sie. Sie hatte beinahe dasselbe Gesicht

wiederbekommen, wie zu ihrer Mädchenzeit, als ich in meinem Bett

erwachte und sie zum ersten Male schlafend sah. Schwere Freudentropfen

fielen aus meinen Augen, und während der Aprilschnee sich dort draußen

auf die harte Erde hinabsenkte, fühlte ich, wie mein eigenes Herz

auftaute.

10.

Meine Frau stand auf und begann sich zu erholen, sie ging wieder unter

uns, und sie hatte keinen anderen Gedanken, als uns glücklich zu machen

und selbst zu fühlen, wie wir uns freuten, daß sie wieder dem Leben

angehörte.

Ach, diese kurzen Wochen, in denen Niemand außer uns sie sah, wie

gedenke ich ihrer nicht jetzt! Und wie gelang es ihnen nicht, alles, was

gewesen, aus meinem Gedächtnis auszulöschen! Im Vergleich zu ihrem

stummen Glück war alle Unruhe und aller Schmerz, den wir früher erlebt,

für nichts zu rechnen. Alles, was gesagt wurde, habe ich in meiner

Erinnerung eingezeichnet und geborgen. Was nicht gesagt wurde und größer

war, als was das Leben sonst giebt, das schlummert in meiner Seele, mir

den Grundton des Lebens gebend, das ich sonst nicht tragen könnte. Diese

Tage, die jetzt kamen, verwischten alles, was an Unruhe, Zweifel und

Mißtrauen in mir gewesen war. Denn ich hatte ihr mißtraut, ihrer Liebe

mißtraut, weil sie sich nicht vom Tode zum Leben führen lassen wollte,

um mit mir zu leben.

Nun war all ihr Widerstand dahin. Ich fühlte es in jedem Augenblick, den

ich an ihrer Seite saß, in jedem Worte, das sie zu mir sprach. Es war,

als hätte die Krankheit mit allem in ihr aufgeräumt und als wäre sie

durch dieselbe gereinigt und geläutert wiedergekehrt. Ihre ganze

Persönlichkeit kehrte zurück, und stundenlang konnte ich dasitzen und

mich an ihrem Gesichte freuen, weil es dasselbe war wie früher.

»Weißt Du noch, wie ich Dir sagte, daß wir uns trennen sollten?« sagte

sie eines Tages.

Ich mußte nachdenken, um mich daran erinnern zu können, daß sie es je

gesagt. Und als endlich die Erinnerung erwachte, sagte ich ihr, daß ich

ihre Worte vergessen hätte, wie man die einer Fieberkranken vergißt.

»Ich meinte, was ich sagte,« fuhr sie eifrig fort. »Ich glaubte, Du

wolltest mich zu etwas zwingen. Und dann thatest Du mir so leid. Du hast

es so schwer gehabt, viel schlimmer als ich. Aber, Du mußt auch wissen,

daß ich so krank gewesen bin, viel zu krank, als daß ich an etwas

anderes als mich selbst hätte denken können. Ach, es ist, als wäre ich

wieder aufgewacht!«

Sie griff sich an den Kopf mit einer wunderlichen, halb unruhigen halb

glücklichen Gebärde. Und sie fügte hinzu:

»Aber wenn ich einmal sterbe, dann mußt Du zu Svens Kommode gehen. Da zu

oberst liegt ein Brief von mir. Aber Du darfst ihn nicht früher lesen.

Denn ich weiß, daß ich doch bald sterbe, und wenn ich sterbe, werde ich

ganz wie Sven sterben.«

Wie oft habe ich sie nicht solche Worte sprechen hören, und wie oft

haben sie mich nicht bis ins innerste Mark erschauern lassen! Jetzt

gingen sie so spurlos an mir vorüber, als wären sie gar nicht

ausgesprochen. Ich betrachtete sie als die letzten Wellen nach dem

Sturme, als die letzten leichten Nachwellen, wenn das Meer in Aufruhr

gewesen ist. Ich lächelte in der Siegesgewißheit, daß ich sie wieder

errungen, und indem ich ihr Gesicht dem meinen zuwandte, sah ich ihr in

die Augen und sagte:

»Aber jetzt willst Du ja leben?«

»Ja,« sagte sie. »Ich will leben für Dich und für die Knaben und um Sven

niemals zu vergessen.«

An diesem Tage ging sie an meinem Arm über den Kiesweg vor der Villa.

Ihre Schritte waren müde und unsicher, und sie stützte sich schwer auf

meinen Arm, aber wir waren vergnügt wie zwei Kinder, und sie lachte über

sich selbst, weil ihr Gang so unsicher war, daß ihre Beine unter ihr

zusammenknicken wollten, wenn sie ausschritt, lachte mit einem etwas

kränklichen, aber so innig glücklichen Lachen, daß es mich froh machte,

sie stützen zu dürfen.

»Wie glücklich bin ich jetzt wieder, Georg,« sagte sie, als wir wieder

ins Haus gingen. »Und Du mußt es auch werden.«

Dann führte ich sie die Stiege hinauf. Aber bevor sie in ihre Stube

ging, wollte sie noch das Zimmer der Knaben sehen. Da stand sie lange

mit mir und sah alles an, als wäre es für sie während der Zeit, in der

sie krank gelegen war, neu geworden.

»Sie haben es wohl auch oft sehr schwer gehabt,« sagte sie. »Ich war ja

zu nichts fähig. Aber jetzt wird es besser gehen.«

Die Pflegerin half ihr ins Bett, und als die Knaben vom Spielplatz nach

Hause gekommen waren, rief sie sie mit ihrer dünnen, schwachen Stimme,

so verschieden von ihrer früheren tiefen und vollen, daß sie hereinkämen

und erzählten, was sie draußen gemacht und womit sie sich vergnügt

hätten. Das thaten sie auch so gründlich, daß ich mehr als einmal

versuchte, sie zu unterbrechen. Aber sie hinderte mich immer daran. Und

während sie durcheinander sprachen, lag sie die ganze Zeit da und sah

ihre Gesichter an und hörte ihren Worten zu, als brauchte sie Zeit, um

zu verstehen, daß das, was sie jetzt erlebte, Wirklichkeit war und kein

Trugbild. Dann ließ sie sie zu sich kommen, um ihnen den Gutenachtkuß zu

geben.

»Jetzt werde ich bald gesund,« sagte sie. »Und wenn der Sommer kommt,

dann nimmt uns Papa eine Wohnung in den Schären. Ich brauche sie nicht

zu sehen oder zu wissen, wo sie ist. Denn er richtet es immer so gut für

uns Alle ein.«

Mit einem leisen, glücklichen Lächeln schloß sie die Augen und legte

sich im Bett zurecht, um einzuschlummern. Aber als ich die Knaben

hinausbegleitet hatte, nahm ich meinen Mantel und ging allein denselben

Kiesweg auf und nieder, über den meine Frau und ich eben gewandert

waren. Es war ein ruhiger, klarer Frühlingsabend mit leichtem

Nachtfrost.

11.

In diesen Tagen mußte ich oft, ohne daß ich mir klar machen konnte, wie

oder warum, an Elsas und meine Fahrt zum Meere denken. Sie kam mit der

Erinnerung an meinen stummen Kampf, sie dahinzubringen, das zu lieben,

was mir teuer war; und die Erinnerung, wie es mir gelungen und doch

nicht gelungen war, reizte und beunruhigte mich zugleich.

Sie kam mir in den Sinn, als ich in diesen Tagen der Genesung mit der

Hand meiner Frau in der meinen dasaß und sie ihren Kopf an meine

Schulter lehnte.

»Daß ich so weit weg von Dir gewesen bin,« sagte sie eines Abends. »Daß

ich so weit weg gewesen bin. Das war nur, weil ich glaubte, Du wolltest

mich verhindern, zu Sven zu gehen.«

»Das willst Du ja jetzt nicht mehr?« sagte ich.

»Nein, nein,« sagte sie. »Jetzt will ich bei Dir bleiben. Aber ich habe

so viele häßliche und dumme Gedanken gedacht in dieser Zeit.«

Ihre Stimme wurde wie die eines Kindes, das ein Vergehen gesteht, so daß

ich lachen mußte, als ich sie hörte.

»Nein, lache nicht,« fuhr sie fort. »Denn es ist wahr, ich habe

geglaubt, Du verstündest mich nicht, und ich habe es auch gesagt. Kannst

Du mir verzeihen?«

Sie sprach so tief ernst, daß ich ganz gerührt wurde, und um sie nicht

noch mehr zu erregen, antwortete ich in einem Tone, den ich so munter

als möglich zu machen suchte:

»Ist das die einzige Sünde, die Du auf dem Gewissen hast?«

»Nein, nein,« sagte sie, »aber gegen Dich weiß ich keine andere.«

Und sie fuhr fort, indem sie sich enger an mich schmiegte.

»Aber das ist auch das Aergste, was ich sagen und denken konnte. Denn

ich weiß ja, daß Niemand außer Dir mich verstanden hat. Niemand von all

den Menschen, mit denen ich sprach, als ich mich so einsam und elend

fühlte und meinte, daß alles in mir zusammenbrechen müßte.«

Sie schaudert, als sie das sagt, und führt die Hand an die Stirne.

»Das ist jetzt vorüber,« sagt sie. »Und alles ist so ruhig und klar.

Aber jetzt mußt Du noch etwas wissen.«

Sie setzte sich auf und betrachtete mich mit einem Blick, so hell und

tief, als wollte sie mich auf dem Grunde ihrer Seele lesen lassen.

»Du mußt wissen, was das Allerschlimmste war,« sagte sie. »Als ich

umherging und daran dachte, daß ich sterben und Sven folgen würde, und

als ich an das so dachte, daß ich meinte, Du glittest von mir fort, und

alles glitte fort, und die Erde war öde und leer -- da hatte ich solche

Angst, ach, so furchtbare Angst. Denn ich glaubte, ich würde gezwungen

sein, es selbst zu thun. Das war das Allerärgste. Aber jetzt weiß ich,

daß ich es nie zu thun brauche. Das hat Gott mir gelobt.«

»Meinst Du, daß Du doch bald von mir gehen wirst?« sagte ich.

Ich schauderte bei meinen eigenen Worten, und ich fühlte, daß mir die

Stimme nahe daran war, zu versagen.

»Das weiß ich nicht,« sagte sie, indem sie wieder den Kopf an meinen Arm

lehnte. »Ich weiß nur, daß ich es nie selbst thun muß.«

Sie schwieg, und ich fand keine Worte, um ihr zu erwidern. Ich sah sie

an. Sie war wieder ganz so wie in unseren glücklichsten Jahren. Sie

erschien mir gleichsam zarter und jünger, und die Ruhe, die ihre frühere

fieberische Rastlosigkeit abgelöst hatte, gab jeder ihrer Bewegungen

eine vertrauensvolle Zärtlichkeit, die mir im selben Atemzuge Glück und

Schmerz schenkte.

Als sie zu Bett gegangen war und ich hereinkam, um ihr Gutenacht zu

sagen, sah sie mich mit demselben hellen und tiefen Blick an wie früher:

»Du darfst Dich auch nicht daran kehren, daß ich sagte, Du hättest mir

meinen Glauben genommen,« sagte sie. »Das hast Du nie gethan. Das habe

ich mir nur eingebildet. Ach, ich habe mir soviel eingebildet. Ich habe

wohl in einer einzigen Einbildung gelebt.«

Ein schmerzlicher Ausdruck trat in ihr Gesicht, und indem ich über ihre

Stirne fuhr, um ihn zu verscheuchen, antwortete ich:

»Das habe ich wohl nicht gethan. Das ist wahr. Aber ich hätte doch

verstehen sollen, daß das, was Du glaubtest, Dir kostbar war. So

kostbar, daß ich Dich nie auch nur zu der Möglichkeit anderer Gedanken

hätte führen dürfen.«

Ihr ganzes Antlitz erstrahlte wie von einem inneren Licht, und mit einem

schwachen, müden Ausruf der Freude schlang sie die Arme um mich und

sagte Gutenacht.

Ich löschte die Kerze an ihrem Bett und ging sachte aus dem Zimmer. Mein

Herz war übervoll von Dankbarkeit für alles, was sie gesagt hatte. Es

war, als hätte sie mir einen Schatz für die Erinnerung gegeben.

Im selben Augenblick, in dem ich dies dachte, wurde es mir klar, daß ich

gleichsam schon angefangen hatte, sie in der Erinnerung zu suchen. »Sie

geht von mir,« dachte ich. Und zu meinem Staunen merkte ich, daß ich

jetzt den Gedanken ohne Bitterkeit denken konnte, nur weil ich ihr so

nahe war wie nie zuvor. »Sie stirbt nicht,« dachte ich den Augenblick

darnach. »Sie wird leben.« Und ich merkte den Widerspruch in meinem

eigenen Gedankengang nicht.

Ich saß in meinem Zimmer und versuchte zu lesen. Aber ich war zu erregt,

zu glücklich über den seltsamen Reichtum, der mir zugefallen war. Und

plötzlich sah ich meine Frau in dem Sommer an der Westküste, in dem

Augenblick, als sie sich von dem Fenster der Lotsenhütte mir zuwandte

und ich fühlte, wie wir in derselben Liebe zu dem unendlichen Meere

vereint wurden, die von keiner Grenze weiß. Es war eine Aehnlichkeit

zwischen dem, was ich damals empfand und was mich jetzt mit Glück und

Hoffnung erfüllte, und zugleich kam es mir in den Sinn, wie viele lange

Jahre ich einhergegangen war und mich nach dem Meere gesehnt hatte.

Wie eine Vision tauchte eine Erinnerung vor mir auf, die ich lange

vergessen hatte. Ein Knabe steht auf einem hohen Berg und sieht hinaus

übers Meer. Die Klippe ist steil, und unter ihm tosen die Wogen in

wildem Schäumen. Der Knabe hat den Rock aufgeknöpft. Er hält ihn mit

beiden Händen ausgespannt, so daß er wie ein Segel wirkt. Es ist ihm

göttlicher Genuß, zu fühlen, wie er dem Sturme trotzt, der ihn von der

Klippe zu heben und ins Meer zu schleudern droht. In dieser Freude wird

er durch eine Stimme gestört, die seinen Namen durch den Wind ruft. Ein

paar Arme, stärker als seine eigenen, umfassen ihn und tragen ihn mit

Gewalt von der gefährlichen Stelle und vom Anblick des Meeres, das von

Gefahren und Mut rauscht.

Der Knabe bin ich selbst, und ich lächle wehmütig bei der Erinnerung,

während die Stunden der Nacht weiterschreiten, ohne daß ich es merke,

und ich einsam sitze und in das blicke, was geschehen soll. Jetzt habe

ich das erreicht, wonach das Kind sich sehnte, aber der Sturm hat mich

weiter geführt, als ich selbst wollte. Jetzt wollte ich, daß sich die

Elemente entweder zur Ruhe legten oder daß Jemand, der stärker wäre als

ich, mich von der Gefahr fortführen könnte, von der ich nie glaubte, daß

ich sie fürchten würde.

Aber ich weiß zugleich, daß das nicht geschehen kann. Und mit beschämten

und schaudernden Gefühlen denke ich an das Leiden meiner Frau, das

größer ist als das meine.

12.

Nicht lange nach diesem Tag wurde ich durch eine Telephonbotschaft

heimgerufen, die mitteilte, daß meine Frau von einem heftigen

Krampfanfall getroffen worden war. Man fügte hinzu, daß es ernst sei,

und bat mich, meine Heimkehr zu beschleunigen.

Am selben Tag hatte ich meiner Frau frühmorgens Lebewohl gesagt, bevor

ich zu meiner Arbeit fuhr. Es war der erste Mai, und wir hatten davon

gesprochen, den Kindern auf irgend eine Weise einen fröhlichen Tag zu

bereiten, so wie es früher im Hause der Brauch gewesen. Es war mir auch

zuerst unmöglich zu fassen, daß das, was ich gehört hatte, Wirklichkeit

sein könnte.

Ich benützte daher die Zeit, die mir blieb, bis der Zug abging, um ein

wenig Obst und anderes zu kaufen, was für den frohen Tag notwendig war.

Natürlich ist das etwas Vorübergehendes, sagte ich zu mir selbst, wie

ich da mit meinen Packeten im Coupé saß. Um die Zeit rascher

hinzubringen, nahm ich meine Zeitungen zur Hand und versuchte zu lesen.

Es gelang mir im Anfang, weil ich mich anstrengte, alles gleichsam so

alltäglich wie möglich zu nehmen, damit meine Angst mir nicht

übermächtig würde, wenigstens solange ich im Coupé säße. Aber je näher

ich meiner Wohnung kam, desto stärker fühlte ich, wie mich nur die

Unruhe zu allem trieb, was ich vornahm. Die Gedanken wollten den Augen

nicht folgen, die mechanisch über die Zeitungsspalten glitten, und bald

merkte ich, daß die Augen ohne Ordnung ihren Weg von der einen Spalte zu

der anderen suchten. Ich faltete die Zeitung zusammen, und wie ein Blitz

durchzuckte es mich: »Du fährst dem entgegen, was Du gefürchtet hast. Du

kannst nicht leugnen, daß Du beständig gefürchtet hast. Nie hast Du

geglaubt, daß sie leben würde. Du hast es Dir nur selbst vorspiegeln

wollen. Jetzt hat die Stunde geschlagen, und Du entgehst ihr nicht.«

Eine unnatürliche Ruhe kam über mich. Vielleicht kam dies daher, daß ich

jetzt der letzten Gewißheit entgegenfuhr, vor der ich fühlte, daß mit

ihr aller Kampf zu Ende sein mußte. »Gott, soll sie sterben,« murmelte

ich, »möchte sie doch ohne Schmerzen sterben können!« Und noch immer

wunderte ich mich, daß ich so ruhig sein konnte. Ich sah mich auf dem

Perron um, als der Zug stehen blieb. Ich hatte erwartet, daß Jemand mir

entgegenkommen würde, aber Niemand war da. »Dann lebt sie noch,« dachte

ich mit derselben eigentümlich klaren Ruhe. Und im nächsten Augenblick

dachte ich: »Vielleicht ist gerade das ein Zeichen, daß alles zu Ende

ist. Man hat eingesehen, daß ich nicht hier vor fremden Augen

erschüttert werden will.« Aber selbst vor dieser Möglichkeit behielt ich

dieselbe wunderliche Gefühllosigkeit bei. Langsam begann ich heimwärts

zu gehen, schwer stieg ich den Hügel hinan. Ich blickte zum Fenster auf,

und ich glaubte sie noch sehen zu können, als sie zum ersten Male nach

ihrer ersten Krankheit wieder angekleidet und auf war. Ueber das

schwarze Kleid, das sie jetzt immer trug, hatte sie ein helles Cape

geworfen, und das Fenster stand weit offen. Sie beugte sich hinab und

winkte, ungeduldig, weil ich nicht schon früher aufgeblickt hatte, und

sie bebte vor Eifer, mich damit erfreuen zu können, daß sie auf war und

allein gehen konnte. Diese Erinnerung durchzuckte mich, und mechanisch

sah ich zu dem Fenster auf, obgleich ich wohl wußte, daß jetzt Niemand

da stehen und mir zuwinken würde.

Da stand der Gedanke vor mir: »Durch mehr als ein und ein halbes Jahr

warst Du darauf gefaßt, daß sie sterben würde, und Du hast sie

betrauert, als wäre sie schon dahin, jetzt kannst Du nicht mehr fühlen.

Der Schmerz hat sich selbst verzehrt, er ist in einer eigenen Flamme

erloschen, und nur die Asche ist übrig.«

Kurz darauf stand ich im Schlafzimmer und sah, daß meine Frau bewußtlos

war. Ich lauschte ihren Atemzügen, nahm ihre Hand und versuchte, zu ihr

zu sprechen. Ich begriff, daß alles vergeblich war, und ging hinab, um

selbst mit dem Doktor durchs Telephon zu sprechen, nicht weil ich

glaubte, daß er nötig war, sondern weil ich meinte, ich müßte es. Er

versprach zu kommen, und leise ging ich wieder die Stiege hinauf, auf

der mich durch die geöffneten Thüren aus dem Krankenzimmer der Laut der

Atemzüge meiner Frau erreichte, die allein in dem ganz stummen Hause zu

herrschen schienen.

Da sah ich Olof, der stille auf der Treppe stand und zu horchen schien.

Ich legte meine Hand auf seine Schulter und gedachte an ihm vorbei zu

gehen. Aber der Knabe hielt mich auf.

»Warum schnarcht Mama so wunderlich?« sagte er.

Er wurde rot, als hätte er etwas Unpassendes gesagt, und versuchte zu

lächeln, ohne daß es ihm gelang.

»Das pflegt sich so anzuhören,« sagte ich, »wenn ein Mensch nahe daran

ist zu sterben.«

Der Knabe brach nicht in Thränen aus. Er nickte nur und sah weg.

»Er hat es erwartet so wie ich,« dachte ich.

Und im selben Augenblick sah ich, wie groß und wie klein er war.

Da war es, als bräche etwas in mir auf. »Hier steht das Schlimmste

bevor,« dachte ich, »das, in das Du Dich noch nicht hineingedacht hast.

Die Kinder, die Kinder!« Und während die Pflegerin allein bei der

Kranken saß, ging ich mit den Knaben hinunter, um zu Mittag zu essen und

mit ihnen von dem zu sprechen, was geschehen sollte.

Wie wir mit einander sprachen an diesem Tag und den folgenden! Wie wir

unsere Stimmen dämpften, als fürchteten wir, sie zu stören, deren Ohr

von keinem Laute mehr erreicht werden konnte! Meine Knaben erschienen

mir plötzlich wie ein paar Altersgenossen, die allein alles geteilt und

alles verstanden hatten. Für sie war nichts Wunderliches daran, daß Mama

zu Sven ging. Das hatte sie ihnen ja selbst so oft gesagt. Es lag nichts

Störendes für sie in dem Gedanken, daß Mama fortging, weil sie nicht zu

leben wünschte. Sie wurden von keinen Theorieen beunruhigt. Sie

kritisierten nicht. Sie versuchten keine Auslegungen dessen, das nur

einfach und groß war. Sie wußten bloß, daß, wenn Mama sterben und von

ihnen gehen wollte, dies nur deshalb geschah, weil sie krank und schwach

war und weil sie nicht zu leben vermochte. Wenn Jemand ihnen gesagt

hätte, daß ihre Mama dadurch zeigte, daß sie sie weniger liebte, würden

sie gelacht haben oder empört gewesen sein.

Jetzt sprachen sie zu mir von so mancherlei, das ich nicht gehört hatte.

Und wie wir sprachen, begann in mir selbst der Schmerz gleichsam aus der

Ferne zu erklingen. Ich wußte, daß er einmal kommen würde, mit Linderung

kommen. Aber noch konnte er nicht ganz die Ruhe überwinden, die mich

beherrschte und die ich selbst dann noch beibehielt, als der Doktor das

Krankenzimmer verlassen und mir all das gesagt hatte, was ich schon

wußte.

Aber bevor er kam, wurde ich durch Schreie hinauf ins Schlafzimmer

gerufen. Als ich eintrat, lag meine Frau in krampfhaften Zuckungen, die

im Gesichte anzufangen schienen und sich von da fortpflanzten, bis sie

ihren ganzen Körper erschütterten. Wir konnten nichts thun. Und von Zeit

zu Zeit kamen die entsetzlichen Anfälle wieder.

Der Doktor machte ihnen durch Injektionen ein Ende, und die frühere Ruhe

kehrte wieder, aber das Bewußtsein kam nicht zurück. Noch fast zwei Tage

lag sie in derselben Betäubung, in der ich sie zuerst gefunden.

Unaufhörlich, lange nachdem die Zuckungen aufgehört hatten, glaubte ich

ihr Antlitz verzerrt und in derselben grauenvollen Weise bebend zu

sehen. Da erinnerte ich mich an Svens Totenbett. Ich wußte, daß ich

damals dasselbe Bild gesehen, von der Verzerrung des Gesichtes und des

Mundes bis zu dem Zittern der Glieder und den krampfhaft geballten

Händen. Ich gedachte ihrer Worte: »Wenn ich sterbe, werde ich ganz so

sterben wie Sven.« Ich erinnerte mich, daß ich bei mir selbst gelächelt

hatte, als ich diese Worte hörte, ich hatte sie für einen Ausdruck der

Ueberspanntheit erklärt. Jetzt, wo sie sich verwirklicht hatten, konnte

ich sie nicht aus dem Sinne schlagen. Woher wußte sie es? Oder wie

konnte sie es so sicher sagen, wenn sie nichts wußte? War dieses

Zusammentreffen bloß ein Zufall? Und kann man überhaupt alles Zufall

nennen, was man sich nicht erklären will?

Ich saß Stunden am Bette meiner Frau und ging bloß hinaus, um Luft zu

schöpfen oder zu ruhen. Ich saß mit den Knaben am Krankenlager, und wir

flüsterten mit einander, sprachen Worte, die niemals wiederkommen

werden, und deren sich Keiner von uns mehr entsinnen kann. Ich schlief

in den Kleidern auf dem Bett neben Elsa, meiner kleinen Elsa, die

niemals mehr erwachen sollte, und ich saß allein wach, damit die

Pflegerin Ruhe fände und ich wenigstens die Erinnerung an ein paar

Stunden besitzen könnte, in denen niemand Anderer als wir Beide im

Sterbezimmer gewesen waren.

Man sagt von Sterbenden, daß ihr ganzes Leben an ihnen vorüberrauscht,

bevor das Ende eintritt, und es muß wohl so sein, daß man da alles, was

man selbst erlebt hat, vielleicht in einem neuen Lichte sieht. Für mein

eigen Teil weiß ich, daß ich in der letzten Nacht, als es so langsam Tag

wurde und die Knaben ermattet zur Ruhe gegangen waren, mein eigenes

Leben und alles, was sie und ich mit einander erlebt hatte, so sah, wie

ich es nie zuvor gesehen. Und ich sah, daß ich von allem, was sie mir

gesagt, mir das eingeprägt hatte, was ich hätte vergessen sollen, und

gerade das vergessen hatte, was ich vor allem hätte beherzigen müssen.

Ich hatte mir das gemerkt, was sie nach meinem eignen Wunsche sprach,

und alles vergessen, was sie dagegen gesprochen. Während ich glaubte,

alles für sie zu thun, hatte ich daher für mich selbst und mein eigenes

Glück gearbeitet. Alles, was ich erlebt hatte, sammelte sich in diesem

Gedanken wie in einem einzigen Brennpunkt.

Denn hinein in das Thal des Todes hatte sie mich geführt. Das sah ich

jetzt, als die graue Luft vor dem Fenster sich erhellte und ein weiter

Rand der Morgenröte sich rings um das Himmelsgewölbe abzeichnete. Von

selbst und aus eigenem freien Antrieb hatte ich niemals dorthin

getrachtet, hatte nur gestrebt, von dort fortzukommen und zu vergessen,

daß solches vorhanden war. Und wie ich nun hier saß, wollte es mich

bedünken, daß ich jetzt ebenso wenig von der Welt wußte, als da ich

zuerst zum Leben in dieser Welt voll Widersprüche erwachte, und über

alles verwundert, was mir dort begegnete, meine ersten Schritte machte.

Immer war ich mit etwas wie Verwunderung in mir umhergegangen, immer mit

einem Gefühl, daß das, was ich erlebte, nur zur Hälfte Wirklichkeit sei,

immer hatte ich mich gleichsam von dem, was war, dem Unbekannten

entgegengestreckt, das kommen sollte. Immer hatte ich vom Glücke

geträumt, und das Glück hatte sich mir nie anders gezeigt, als in

Gestalt eines Heims. Dieses Glück hatte ich errungen, es errungen, wie

nur einer unter Tausenden es erringt, aber der Tod, an den ich nie hatte

denken wollen, war unsichtbar hinter mir hergeschlichen. Er nahm meinen

kleinen Knaben mit den Engelsaugen und dem goldenen Haar. Und als er

starb, beugte er sich tiefer über mich denn zuvor, breitete seine

schwarzen Fittiche über mein Haus und ließ mich nicht früher los, als

bis er mir und den Meinen sie geraubt, die uns teurer war als alles im

Leben, weil sie uns teurer war als das Leben selbst.

Ich stand auf und sah hinaus. Ich lauschte ihren Atemzügen, und ich

konnte es nicht glauben, daß es meine Frau war, die hier lag und sterben

sollte. Ich beugte mich hinab und benetzte ihre Zunge und ihre Lippen

mit Wasser, und ich betrachtete ihre Züge, bis es vor meinen Augen

schwarz wurde und ich nichts sehen konnte. Aber ihr selbst glaubte ich

nahe zu sein, und war noch eine Erinnerung in ihr, die, unerreichbar für

mich, von allem getrennt, was wir Sterblichen Dasein nennen, sich mit

ihrem eigenen Leben beschäftigte, so wußte ich, daß ich mit darin war.

Ich war mit darin so, wie ich mich nie selbst sehen sollte und kein

Anderer als sie mich sehen konnte.

Und während meine Gedanken so um alles kreisten, was wir Beide zusammen

erlebt hatten, vergaß ich mich selbst und sah nur sie. Jung und

hingebend trat sie mir entgegen, aber in allem Glück, das um sie

strahlte und ihre Schritte leicht machte, lag eine Wehmut, die umso

stärker war, weil sie so lange schwieg. Ich glaubte mich jetzt erinnern

zu können, daß ihr ganzes Wesen früh, früh schon auf einem Plane stand,

der nicht der Anderer war. Sie war geschaffen, glücklich zu sein und

dann zu sterben, und der Tag kam, an dem es eine Grausamkeit wurde, zu

versuchen, sie zum Leben zu zwingen. Sie konnte nicht eine Zeitlang

trauern und dann vergessen. Sie konnte nur trauern und sterben. Alles

über dem Gefühl ihres Schicksals vergessend, hätte ich wissen müssen,

daß sie immer die Wahrheit sprach und am meisten dann, wenn ihre Rede

mir wunderlich und unmöglich schien. Aber am allerwahrsten war sie, wenn

der Schmerz die Worte auf ihre Lippen preßte und sie mich bat, sterben

zu dürfen.

Warum hatte ich sie nicht gewähren lassen? Warum hatte ich versucht, sie

gegen ihren Willen und über ihre Kraft zu zwingen? Begriff ich denn

nicht, daß sie nur durch eine unerhörte Kraftanstrengung durch zwei

lange Jahre in meinem Heim gekommen und gegangen war, mit uns, die wir

lächeln wollten, gelächelt, mit uns, die wir spielen wollten, gespielt

hatte?

Wie hatte ich so grausam sein können, und wie kann man so grausam sein,

nur weil man nicht recht und klar zu sehen vermag?

Und diese Fragen sammelten sich zuletzt in der neuen: Wie hat sie mich

lieben können, wenn ich sie gegen meinen Willen so gequält habe?

Denn als hätte ich ihren Gedanken folgen können, die schon von den

meinen getrennt waren, schien es mir, daß ich dies gegen meinen Willen

gethan hatte und daß sie das für mich fühlen mußte, obgleich ich es

früher nicht hatte glauben wollen. Aber nie sollte mir eine Antwort auf

diese Frage werden, nie sollte sie aus dieser Betäubung erwachen, und

mit Verzweiflung im Herzen, würde ich mich eines Tages dem neuen Leben

zuwenden, das mich ohne sie erwartete.

So suchte ich in der Ahnung dem Weg zu folgen, den ihre Gedanken nahmen,

während sie tiefer und immer tiefer in die Gewalt des Todes glitt. Es

war, als hätte ich mich selbst und mein eigenes Leben dem Tode gegeben

und als machten wir Beide zusammen, sie und ich, unsere Rechnung mit der

Welt. Alles außer und in mir wurde so schwindelnd hoch und groß, daß ich

glaubte nichts erreichen zu können. Es war kein Trost in all diesem, nur

ein verzweifelter Abschied. Träge schritten die Stunden vorwärts, und

schon kam der Augenblick unwiderstehlicher Müdigkeit, wo man die Augen

schließt und die Hände zusammenpreßt in einem einzigen Gebet, daß alles

zu Ende sein möge.

Da hörten plötzlich die regelmäßigen Atemzüge auf, und ich fühlte, wie

mein Herz gleichsam starr wurde. Ich glaubte, daß nun der Tod komme, und

ich eilte hinaus, um die Knaben zu wecken. Sie kamen herein,

schlaftrunken und ernst, und setzten sich am Bette nieder, und in diesem

Augenblicke erinnerte ich mich an das, was sie einmal gesagt hatte:

»Wenn ich sterbe, will ich, daß kein Anderer außer Dir und den Knaben um

mich ist. Nur zu Euch gehöre ich.«

So saßen wir nun auch, und während wir uns nicht erklären konnten, was

ihre erleichterten Atemzüge bedeuten sollten, und das Ende erwarteten,

merkten wir, daß ihre Augen gleichsam arbeiteten, um sich zu öffnen, und

wir sahen, wie sie sich dorthin wendete, wo Svens Porträt an der Wand

hing, und hörten sie sagen:

»Nenne.« Schwach und leise sprach sie das kleine Wörtchen aus, aber sie

hatte doch gesprochen. Krampfhaft faßten wir uns bei den Händen, und

unsere Thränen flossen, nicht aus Schmerz, sondern aus Freude, daß wir

wieder ihre Stimme gehört hatten.

Von diesem Augenblick an wußte sie, daß wir da saßen. Von diesem

Augenblick an war gleichsam ein Abschiednehmen in jeder Miene, jeder

Bewegung und jedem Worte. Wenn sie unsere Stimmen hörte, schlug sie ihr

eines Augenlid auf, ganz wie Sven es einmal gethan hatte, und wir

konnten merken, daß sie uns erkannt hatte und sich unserer Liebkosungen

bewußt war.

Noch einmal nannte sie Svens Namen, als hätte sie sagen wollen, daß sie

ihn sähe, daß sie zu ihm ginge. Aber dann sank sie zusammen, und wir

saßen atemlos da, gierig nach einem Zeichen haschend, daß sie uns noch

nicht verlassen, noch nicht von uns gegangen war.

Da schlug sie ihr linkes Auge auf, so wie Sven es einmal gethan, und ihr

Blick suchte den meinen. Ich beugte mich über sie und sah, daß sie

versuchte zu sprechen. Aber sie vermochte es nicht, und mit einem

Ausdruck unsäglichen Leidens sank sie zurück in die Betäubung, die der

Vorbote des Todes ist. Mehrere Male wiederholte sie denselben Versuch.

Bei jedem Male trat in ihr Gesicht dieser Ausdruck verzweifelter

Ohnmacht, und mit jedem Male wurde er herzzerreißender. Es war, als

gehörte sie uns nicht mehr an, aber als gäbe es doch etwas, was sie uns

sagen wollte, ehe sie für immer schied, als könnte sie nicht sterben,

ohne es den Ueberlebenden mitgeteilt zu haben. Es war entsetzlich, ihren

Kampf anzusehen, und noch entsetzlicher, vielleicht ihre letzten Worte

zu verlieren. Wieder beugte ich mich über sie hinab, und

verzweiflungsvoll flüsterte ich eine Bitte in ihr Ohr. Da schlug sie ihr

Auge zu mir auf, und ich sah, daß sie mich hörte. In einer Spannung, als

hinge mein ganzes zukünftiges Leben von ihren Worten ab, näherte ich

mein Ohr ganz ihrem Munde.

Da hörte ich ihre Stimme. Sie kam aus so weiter Ferne, wie noch keine

Stimme in meinem Ohr erklungen ist. Sie war so schwach, daß ich sie kaum

unterscheiden konnte. Es war kaum sie selbst sondern eher ihr Geist, der

sprach. Aber deutlich und klar vernahm ich die Worte, und Niemand außer

mir konnte sie hören:

»Ich ... habe ... Euch ... so lieb.«

Ich muß vor Schmerz aufgeschrieen haben. Denn ich fühlte Hände, die mich

umfaßten und stützten. Und der Ausruf, der sich mir entrungen, hatte die

Sterbende erreicht. Denn von meiner Frau kam ein verzweifelter Laut des

Schmerzes, der sagte, daß sie mich hören konnte, ohne es doch zu

vermögen, ihre leblose Hand auf mein Haupt zu legen. Diesen Laut kann

ich noch zu dieser Stunde hören.

Um diese Worte sagen zu können, war sie stundenlang ringend dagelegen.

Und als sie sie gesagt hatte, sank sie in Ruhe zurück. Es war Friede

über ihren Zügen. Sie wünschte nichts mehr, verlangte nichts mehr. Sie

hatte ihre Rechnung mit der Welt abgeschlossen, als sie, bevor sie

starb, gesagt hatte, wie sehr sie die Knaben und mich liebte.

Ein paar Stunden später hatte sie die Augen geschlossen. Es geschah ohne

Todeskampf, stille und ruhig, so wie wenn ein Licht herabgebrannt ist.

Sie lebte ihr eigenes Leben und starb ihren eigenen Tod.

Sie war so schwach, daß sie keinen Todeskampf hatte. Sie hatte vorher

lange genug gekämpft.

Aber sie war stark genug, um uns, bevor sie ging, ein Wort zu schenken,

an das wir uns erinnern und von dem wir leben konnten. Ihre Liebe war

stärker als der Tod.

Segen über sie!

13.

Ich öffnete den Brief, der zu oberst in der kleinen Kommode meiner

eigenen Kindheit dort drinnen in Svens Heiligtum lag. Da las ich dieses:

»Ich habe so oft vom Sterben gesprochen, aber einmal wird es ja doch

geschehen. Wer dieses Blatt zuerst findet, soll es Dem oder Denen

zeigen, die mein Begräbnis anordnen werden. Oh Gott, wenn ich dieses

Wort niederschreibe -- wäre ich so nahe dem Grabe, wie das Wort dem

Papier. Ich wollte ja für Geliebte leben, die mehr für mich gethan

haben, als Menschen für einen Anderen thun, und ich versuche, so gut

ich kann. Aber wenn es nicht gelingt -- und es ist mir so zu Mute --

dann möchte ich in mein weißes Kleid gekleidet werden. In meiner

untersten Kommodenlade ist all das Linnen, das Nenne, mein Engel,

benützte. Aber gebt es mir mit. Laßt so viel von dem, was sein ist

und in meinem Sarge Platz hat, mit hineinkommen. Auch auf seinen

harten, kleinen Spielsachen werde ich weich liegen. -- --

Ein letzter Wunsch noch. Sterbe ich zuhause, so versucht, wenn es

möglich ist, mich in Nennes Zimmer aufzubahren.

Dank für alles, alles. Aber ich war ein unglücklicher Mensch und

konnte nicht leben trotz aller Liebe und Zärtlichkeit -- --.

Eure

Elsa.«

Und so wurde sie in das weiße Kleid gekleidet, das sie nicht getragen,

seit sie sich an der Erde nicht mehr freute und an allem, was der Erde

war. Alles geschah, so wie sie es gewünscht, und in Svens kleinem

Zimmerchen ward ihr letztes Lager gebettet. Da lag sie, das weiche,

schwarze Haar gelöst über das weiße Gewand fallend, und rings um sie

waren alle Blumen des Frühlings. Hinter ihr erhob sich zu dem kleinen

Fenster eine purpurrothe Azalee, und auf dem Bette lag ein Regen von

gelben Rosen.

Sie sah aus, als ob sie schliefe, und ihr Gesicht hatte sich im Tod

verjüngt.

So ging sie zu Sven, wie sie selbst gesagt, und darum ist dies das »Buch

vom kleinen Brüderchen«, das kam und seiner Mutter Engel wurde, wenn

auch nicht so, wie wir gehofft hatten. Denn er nahm sie mit, als er

ging.

14.

Aber dieses Buch ist zugleich die Erzählung von einem Kampf mit dem

Tode. Es ist die Erzählung von einem Manne, der kämpfte und überwunden

ward, aber der sich seiner Niederlage nicht schämt.

Ich bin seither weit umhergezogen, und ich habe viele Menschen gesehen.

Aber alles ist mir fremd gewesen und alles tot, bis dieses Buch

geschrieben ward. Es ward geschrieben in lichten Sommertagen, da wo die

Schären aufhören und das offene Meer beginnt. Und es ward geschrieben

von einem einsamen Manne, der nicht mehr einsam ist.

In langen Wochen hat er über das Meer hinausgeblickt, das gleich dem

Menschenleben, das des Lebens wert, niemals ruhig ist. Er sah dort, daß

über tosenden Gewässern Leuchtthürme blinken, und sollten auch die

Leuchtthürme erlöschen, so funkeln doch des Himmels Sterne.

Von Gustaf af Geijerstam ist im gleichen Verlage erschienen:

Das Haupt der Medusa. Roman. Sechstes Tausend.

Die Komödie der Ehe. Roman. Achtes Tausend.

Nils Tufvesson und seine Mutter. Bauernroman. Viertes Tausend.

Frauenmacht. Roman. Achtes Tausend.

Wald und See. Novellen. Viertes Tausend.

Kampf der Seelen. Roman. Viertes Tausend.

Alte Briefe. Novellen. Viertes Tausend.

Karin Brandts Traum. Roman. Achtes Tausend.

Gefährliche Mächte. Roman. Sechstes Tausend.

Die Brüder Mörk. Roman. Viertes Tausend.

Thora. Roman. Zwanzigstes Tausend.

Das ewige Rätsel. Roman. Sechstes Tausend.

Die alte Herrenhofallee. Roman. Sechstes Tausend.

Gesammelte Romane. Sechstes Tausend.

Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe · 第 17 / 21 题